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[ANTHOLOGIE] Die andere Seite des Regenbogens von Svea Lundberg (Hrsg)

Autor*innen: Josephine Awgustow, Clover Beck, Nora Bendzko, Lena M. Brand, Elea Brand, J. L. Carlton, Màili Cavanagh, Ray Celar, Carmilla DeWinter, Charlotte Florack, Anna-Katharina Höpflinger, Annette Juretzki, Svea Lundberg, Elian Mayes, Suka Noitchi, Leann Porter, Elisa Schwarz, Fini Vav, Dima von Seelenburg, Ellis Weiss
eBook:  206 Seiten
ASIN: B076Z33JGW
Preis: 4,99 EUR (eBook)
Bestellen: Amazon

Inhalt:
Ob ein Topf voll Gold, die Liebe des Lebens, die Brücke ins nächste Leben oder das queere Symbol schlechthin – jeder sieht in einem Regenbogen etwas anderes. Zwanzig Autor*innen haben sich im Rahmen einer Ausschreibung an unterschiedliche Interpretationen gewagt und eine bunte Anthologie hervorgebracht, die das Thema von allen möglichen Facetten beleuchtet. Dabei kommen schwule, lesbische und transgender Charaktere zu ihrem Recht, ebenso findet man Fantasy und Sci-Fi Geschichten neben alltäglichen Dramen und lockerleichten Liebesgeschichten.

Folgende Geschichten sind dabei:
Coming Home von Leann Porter
Arcobaleno von Elea Brandt
Ein Bruchstück Himmel von Annette Juretzki
I’ll be in Scotland afore Ye von Elian Mayes
Inbetween – Und zwischen uns der Regenbogen von Svea Lundberg
Lichtweber von Ellis Weiss
Zehn Jahre siebzehnter September von Dima von Seelenburg
Meaningless von Fini Vav
Leprechaun von J. L. Carlton
Farbtupfer von Ray Celar
Abendlicht von Josephine Awgustow
Freunde fürs Leben von Elisa Schwarz
Flo, seine Männergeschichten, Hugo und ich von Carmilla DeWinter
Nächtliche Begierde von Màili Cavanagh
Mensch in der Maschine von Nora Benzko
Der nördlichste aller Regenbögen von Suka Noitchi
In den Fängen eines Konzertflügels von Anna-Katharina Höpflinger
Farbperspektiven von Charlotte Florack
Vom Suchen und Finden von Clover Beck
Alle Farben des Regenbogens von Lena M. Brand
Vergiss mein nicht von Carmilla DeWinter

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[ZITATE-FREITAG] Haus aus Kupfer

Hallo ihr Lieben,

heute möchte ich ein Buch präsentieren, das mich auf eine Art und Weise beeindruckt hat, wie es nur sehr wenigen Büchern gelingt. Ich habe Jobst Mahrenholz‘ Werke mit „Der linke Fuß des Gondoliere“ lieben und schätzen gelernt – „Haus aus Kupfer“ hat mich jedoch so tief berührt, dass das Buch inzwischen zu meinem absoluten Favouriten (neben „Adrian Mayfield“, „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“, „Bruder“ und „Die Bücherdiebin“) gehört. Wie schon bei „Tänzer & Schatten“ hätte ich am liebsten das gesamte Buch zitiert – doch man muss sich ja beschränken 😉


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meine Rezension

»Okay! Versuch dir vorzustellen, du trägst eine Zahnspange, ja?«

Ich nickte, während ich an der Zigarette zog. »Felia war meine Zahnspange«, erklärte Felice. »Sie hat mein ganzes Leben lang versucht, mich in Form zu pressen. Damit ich perfekt bin. So, wie die Gesellschaft mich haben will. Ebenmäßig. Sie mein Leben lang zu tragen hat geschmerzt, gedrückt, mich eingeschränkt. Ich habe mich hässlich und fremd mit ihr gefühlt. Nun bin ich sie los, und die Schmerzen hören auf. Da ist kein Fremdkörper mehr, nichts, was versucht, mich in eine Form zu pressen. Da bin nur noch ich. Vielleicht etwas schief gewachsen, nicht ganz so perfekt. Doch ich bin es.«

„Haus aus Kupfer“, S. 53 (c) Jobst Mahrenholz / deadsoft Verlag

»Und Lu?«, fragte ich betroffen.

»Ich hab mich doch verabschiedet.«

»Was ist mit dem Mut?«, bohrte ich weiter. »Wäre das nicht eine ganz gute Übung, mal etwas Mut zu zeigen?«

»Ich bin eine Belastung«, erwiderte er mit gesenktem Blick.

»Du bist eine Bereicherung, Felice!«

»Das ist Quatsch, Giaco, und das weißt du auch.« Er lächelte traurig, schwang sich zur Seite und erhob sich. »Ich denke drüber nach, okay?«

„Haus aus Kupfer“, S. 88 (c) Jobst Mahrenholz / deadsoft Verlag

»Felia hat er immer sehr gemocht«, versicherte er mir mit unstetem Blick.

»Ja? Und?«

»Aber Felice findet er richtig klasse.«

»Wie meinst du das?«

»Genau so, wie ich’s sage.«

»Wie kommst du darauf?«

»Weil ich ihn … kenne … verdammt. Und weil ich das mitbekomme.« Er strich sich durchs Haar und sah mich direkt an, betroffen dabei. »Weil ich nicht blind bin, darum.«

Und in dem Moment begriff ich, was er mir da eigentlich offenbart hatte, über Giacomo.

„Haus aus Kupfer“, S. 111-112 (c) Jobst Mahrenholz / deadsoft Verlag

Also erzählte ich sie ihm, meine Version. Und während ich das tat, betrachtete er mich wieder, mit diesem unergründlichen Giaco-Blick seiner tiefgrünen Augen. Er versank in den meinen, verharrte dort und stürzte mich in eine kleine Verwirrung.

Als ich endete, hob er leicht den Kopf. Vorsichtig strichen seine Finger über meine Lippen.

»Vergiss das alles«, sagte er leise. Er seufzte.

Und dann küsste er mich. Kühle, feuchte Lippen legten sich sanft auf die meinen. Zart und sinnlich.

„Haus aus Kupfer“, S. 131 (c) Jobst Mahrenholz / deadsoft Verlag

Felices erstes Mal.

Tatsächlich war es das: Felices erstes Mal.

Zum ersten Mal als – ich.

Sanft strichen meine Hände über Giacos Brust, entdeckten ihn behutsam. Er sehnte sich nach mehr, spürte ich.

Noch vor Stunden war da vor allem Angst gewesen. Es gab so vieles, was ich ihm nicht geben konnte. Nicht mit diesem Körper. Ich war – unvollkommen. Doch nun …

„Haus aus Kupfer“, S. 170 (c) Jobst Mahrenholz / deadsoft Verlag

»Na, beim Blondieren gegen die Tür gelaufen?«, wollte er wissen. Sein humorloses Lachen zeigte, was er von mir hielt, mittlerweile. Klar, ich hatte ihm in die Suppe gespuckt.

»Oberflächlich, wie gehabt«, erwiderte ich lächelnd, nachdem wir uns gesetzt hatten. »Aber das mit den Haaren, Aldo, das ist tatsächlich extra für dich.«

Nun schaute er sichtlich irritiert in die Runde.

»Ich dachte mir«, erklärte ich so, dass es alle hören konnten, »… mit dieser simplen Äußerlichkeit einfach mal von Felice abzulenken. Damit er wenigstens für einen Moment das Gefühl hat, hier nicht die Dauerrolle des Aussätzigen übernehmen zu müssen.«

„Haus aus Kupfer“, S. 195 (c) Jobst Mahrenholz / deadsoft Verlag

Dann betrachtete ich mich im Spiegel. Das Make-up hatte etwas gelitten. Da musste ich nachbessern. Die blonden Haare, sie gefielen mir. Ich fand das erotisch. Meine Zunge fuhr lüstern über die Lippen, meine Augen halb geschlossen. Plötzlich musste ich loslachen.

Mein Äußeres stand für einen neuen Abschnitt in meinem Leben. Kein Lu mehr. Dafür viel Felice. Nicht Giaco – Jack! Wow, nicht übel. Das Lachen ging in ein Grinsen über. Es gefiel mir wirklich.

„Haus aus Kupfer“, S. 214 (c) Jobst Mahrenholz / deadsoft Verlag

Mit diesen Zitaten mache ich euch hoffentlich neugierig auf dieses tolle Werk, bei dem es um Transexualität, Akzeptanz und Toleranz geht. Ich kann es auf jeden Fall jedem ans Herz legen ❤

Liebe Grüße,
Juliane

[ROMAN] Haus aus Kupfer von Jobst Mahrenholz


Autor: Jobst Mahrenholz
Taschenbuch:  244 Seiten
ISBN: 978-3-945934-78-4
Preis: 4,99 EUR (eBook) |11,99 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Nach dem Tod des großen Lu trifft die Großfamilie Pedetti im Stammsitz des italienischen Clans ein, um sich gebührend vom ehemaligen Familienoberhaupt zu verabschieden. Giacomo trifft der Verlust seines Großvaters am meisten, stand er Lu doch näher als manch anderer. Dennoch freut er sich auf das Wiedersehen mit seiner Cousine Felia, mit der ihn eine Menge verbindet. Zu aller Überraschung taucht jedoch (gegen den Willen seiner Eltern) Felice auf, denn Felia hat sich dazu entschieden fortan als Mann zu leben und sich einer entsprechenden Hormonbehandlung zu unterziehen. Während in der konservativen Familie Chaos ausbricht und Felices Entscheidung diskutiert wird, ist Giacomo neben den Hausangestellten der Pedettis der Einzige, der Felice so akzeptiert wie er ist. Schnell kommen sich die beiden näher und nicht nur Felice entwickelt sich während der Beerdigung weiter, auch Giacomo wird im Laufe der Zeit erwachsener, insbesondere als er sich seiner Gefühle gegenüber Felice im Klaren wird.

Eigene Meinung:
Der Roman „Haus aus Kupfer“ stammt aus der Feder von Jobst Mahrenholz und erschien 2016 im deadsoft Verlag. Erstmals wagt sich der Autor an ein Trans-Thema heran und bietet dem Leser einen sehr eindringlichen, tiefgründigen Einblick in das Thema Transsexualität. Leser der Reihe „Il Gusto di Lauro“ werden in Giacomo den Nebencharakter Jack wiedererkennen – „Haus aus Kupfer“ spielt jedoch einige Jahre vor den Büchern um Luca Lauro.

Einmal mehr präsentiert Jobst Mahrenholz einen sehr eindringlichen, tiefgängigen Roman, der ein sensibles, nur selten beachtetes Thema aufgreift – Transsexualität. Sehr eindrucksvoll und in sich stimmig erzählt er von Felices Problemen, sowohl innerhalb seiner Familie, als auch mit sich selbst. Giacomo, als zweiter Erzähler, sorgt auf seine Art für passenden Ausgleich, denn er akzeptiert Felice nicht nur, er verliebt sich auch in ihn. Dadurch gibt es zusätzliche Spannungen zwischen die Figuren, wenngleich die beiden mit ihrer Beziehung nicht an die Öffentlichkeit gehen.
Neben den Problemen, die mit Felices Entscheidung einhergehen, sorgt auch Lus Tod für Zündstoff innerhalb der Familie – die Frage nach dem Nachfolger der Kupfer-Dynastie, mit denen die Pedettis reich geworden sind, die verschiedenen Machtkämpfe und Streitigkeiten, um sich einen möglichst guten Platz innerhalb des Unternehmens zu sichern. Dazu kommen die unterschiedlichen Persönlichkeiten, die für fünf Tage aufeinandertreffen – denn mehr Zeit beleuchtet Jobst Mahrenholz in seinem Roman „Haus aus Kupfer“ nicht. Das ist auch nicht notwendig, denn in dieser kurzen Zeit gelingt es ihm ein klassisches Familiendrama aufs Papier zu bringen und jeder Figur gerecht zu werden.

Die Charaktere sind, wie bei Jobst Mahrenholz nicht anders zu erwarten, tiefgründig, authentisch und liebevoll ausgearbeitet. Das ist auch notwendig, da die Geschichte vollkommen von den Figuren getragen wird, allen voran Giacomo und Felice, aus deren Sicht „Haus aus Kupfer“ erzählt wird. Man merkt, dass sich der Autor ausführlich mit der Thematik Transsexualität beschäftigt hat, denn gerade Felice ist sehr gut in Szene gesetzt. Man kann seine Sorgen, Ängste und Probleme nachvollziehen und sich leicht mit ihm identifizieren. Auch Giacomo gewinnt mit seiner offenen, unvoreingenommenen und direkten Art schnell die Herzen der Leser. Es macht Spaß ihn zu beobachten und die Familie durch seine Augen kennenzulernen.
Auch die Nebenfiguren wirken lebendig und handeln in sich schlüssig. Jeder Charakter hat seine eigenen Sorgen und Probleme, Ecken und Kanten. Sie sind nicht nur bloße Staffage um Giacomo und Felice, sondern reale Persönlichkeiten, die ihre Meinung haben und diese vertreten – seien es Felices Eltern, die um ihr Ansehen bangen, Ettore, der seinem Bruder Giacomo vor allem Hass entgegenbringt oder die schroffe Zita, die ihr eigenes Päckchen zu tragen hat. Jobst Mahrenholz beleuchtet auch die übrigen Pedettis, gibt ihnen Platz sich zu entwickeln und ihre Meinung zu äußern. Der Leser lernt den Familienclan, nebst interner Probleme sehr gut kennen und begleitet nicht nur Felice und Giacomo dabei, wie sie über sich hinauswachsen.

Stilistisch gibt es nichts zu bemängeln – Jobst Mahrenholz hat einen fesselnden, eindringlichen Stil, der den Leser zu Herzen geht. Man kann sich gut mit den Charakteren identifizieren, erlebt an Giacomos Seite die Beerdigung des großen Lus und die großen und kleinen Familiendramen. Zu Beginn mag das Springen in Giacomos Kindheit ein wenig verwirren, ebenso die vielen Figuren, die im ersten Kapitel auftauchen, doch daran gewöhnt man sich schnell. Alles in allem ist Jobst Mahrenholz einmal mehr über sich hinausgewachsen und legt ein ungemein berührendes Buch vor, das zum Nachdenken anregt und noch lange nachhängt.

Fazit:
„Haus aus Kupfer“ ist ein wundervoller, authentischer und sehr eindringlicher Coming-of-Age- Roman über das Thema Transsexualität und die damit einhergehenden Familienprobleme, erste Liebe und das Sich-Selbst-Finden. Mit beeindruckenden Worten präsentiert Jobst Mahrenholz seine Figuren und lässt die Familie Pedetti lebendig werden. Wer realistische Romane liebt sollte sich „Haus aus Kupfer“ nicht entgehen lassen, ebenso sollten Fans von Jack aus „Il gusto di Lauro“ zugreifen – es macht einfach Spaß Jacks Vergangenheit kennenzulernen. Sehr zu empfehlen.

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