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[ROMAN] Der steinerne Garten von Jayden V. Reeves

Autor: Jayden V. Reeves
Taschenbuch:  612 Seiten
ISBN: 978-3961030477
Preis: 9,99 EUR (eBook) / 22,95 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Riley Buchanans Leben ist dank seiner Karriere als Drogensüchtiger und Kleinkrimineller ziemlich verkorkst, dennoch versucht er seine Schulden bei einem kleineren Unterweltboss zu begleichen, mit seinen Geschwistern klarzukommen, die in ihm das schwarze Schaf der Familie sehen, und seiner Freundin Maesie einen Antrag zu machen, um endlich Stabilität im Leben zu bekommen. Das ändert sich radikal, als er den Auftrag bekommt, Nathanyel Pritchard aus einer psychiatrischen Privatklinik abzuholen und nach Brighton zu bringen, denn dieser macht Riley ein unwiderstehliches Angebot: für eine fünfstellige Summe soll der junge Mann der neue Mitbewohner eines Sonderlings werden, der in einer Welt lebt, die von Routinen, Zwang und Kontrolle dominiert wird. Dementsprechend oft rasseln Nathanyel und Riley aneinander, doch mit der Zeit kommen sich die beiden unweigerlich auch näher und Riley muss sich mit einigen persönlichen Dingen auseinandersetzen, die er bis dahin kontinuierlich verdrängt hat …

Eigene Meinung:
Mit dem sehr umfangreichen Drama „Der steinerne Garten“ legt Jayden V. Reeves sein Debüt vor. Der Roman erschien im Rediroma-Verlag und umfasst über 600 sehr eng bedruckte Seiten, so dass man eine Menge Zeit einplanen sollte, wenn man die Geschichte von Riley und Nathanyel lesen möchte. Ebenso sollte man sich darauf einstellen, ein sehr intensives Buch in der Hand zu haben, das einen auch nach Beendigung nicht loslässt und viel Potenzial zum Nachdenken bietet.

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[COMIC] Die Favoritin von Matthias Lehmann

9783551728166
Autor: Matthias Lehmann
Hardcover: 160 Seiten
ISBN: 978-3551728166
Preis: 17,99 EUR
Bestellen: Amazon

Story:
Constances Leben wird durch ihre strenge Großmutter bestimmt, die jeden ihrer Schritte überwacht. Spielen mit Gleichaltrigen ist ebenso verboten, wie das alte Herrenhaus zu verlassen, das sich abseits einer französischen Kleinstadt befindet. Für Constanze bleibt lediglich ihre Fantasie um die öden Tage zu überstehen und ihre Umwelt auf ihre Art für sich zu entdecken. Als das alte Ehepaar eine neue Verwalterfamilie anstellt, die sich fortan um das Anwesen kümmern soll, lernt Constance erstmals Kinder in ihrem Alter kennen und beginnt sich mehr und mehr gegen die Regeln ihrer Großmutter zu stellen. Doch ihre stille Rebellion und ihre steigende Aggressivität gegen die herrische Frau haben ungeahnte Folgen und sorgen dafür, dass ein schreckliches Geheimnis ans Licht kommt …

Eigene Meinung:
Mit der Graphic Novel „Die Favoritin“ legt der Carlsen Verlag das Debüt des französischen Zeichners Matthias Lehmann vor, der mehrere Jahre an der Umsetzung der Geschichte arbeitete. Der Comic wurde u.a. 2016 für den Comicpreis Angoulême nominiert, einer der wichtigsten europäischen Comicpreise.

Matthias Lehmann erzählt die Geschichte der jungen Constance, die wahrlich kein leichtes Leben hat. Sie steht unter der herrischen Fuchtel ihrer Großmutter, die den Haushalt wie ein General führt und auch vor drakonischen Strafen nicht zurückschreckt. Das wahre Ausmaß wird erst nach und nach ersichtlich, denn der Autor versteht es zunächst dezent darauf hinzuweisen und erst im Laufe der Zeit zu zeigen, wie schwer Constances Leben eigentlich ist. Auch die Tatsache, dass es sich bei der jungen Heldin in Wahrheit um einen Jungen handelt, der von dem alten Ehepaar als Mädchen aufgezogen wird, kommt erst relativ spät ans Licht. Den Leser erwartet eine tieftraurige Geschichte, in der es um Geschlechtsidentität, Kindesmissbrauch und psychischen Krankheiten geht, um Angst und Trauer, aber auch um Fantasie und Hoffnung. Dabei spielt natürlich auch die Zeit, in der die Geschichte spielt, eine große Rolle, denn nicht nur Constances Leben ist davon geprägt (Frankreich der 70er Jahre), auch die Persönlichkeiten ihrer Großeltern sind durch die Vorkriegsjahre geprägt, in denen man alles getan hat, um „geistige“ Krankheiten zu verschweigen oder ganz zu ignorieren. Nahezu alle Figuren sind Opfer ihrer Zeit und nur wenige gehen am Ende des Buches als Gewinner hervor – selbst Constance nicht.

Die Figuren hinterlassen einen tiefen Eindruck beim Leser. Gerade der kleine Junge, der so lange als Mädchen leben musste und nicht einmal seinen richtigen Namen kannte, bleibt im Gedächtnis. Man fragt sich, wie es mit ihm weitergeht, denn Matthias Lehmann lässt sein Werk recht offen enden und regt zum Nachdenken an. Auch stellt man sich zwangsläufig die Frage, wie die Sache ausgegangen wäre, wenn Constances Großvater eher den Mut gefunden hat, die Wahrheit ans Licht zu bringen oder die Familie der alten Frau auf ihre psychischen Probleme anders reagiert hätte, anstatt sie einfach zu verheiraten.

Die Zeichnungen sind gewöhnungsbedürftig, da Matthias Lehmann einen sehr groben Strich hat, der ein wenig an alte Holzschnitte erinnert. Man braucht ein wenig, um sich mit den manchmal etwas starren schwarz/weiß-Zeichnungen anzufreunden. Die dicken Linien und die groben Schraffuren strahlen eine gewisse Düsterheit aus, die sehr gut zum Inhalt des Buches passt und die gedrückte Atmosphäre passend widerspiegelt. Sie vermitteln die richtige Stimmung und sorgen dafür, dass man auch bei den fantasievolleren Szenen, in denen Constance einfach nur Kind sein kann, nicht vergisst, wie schrecklich und deprimierend die Hintergrundgeschichte ist und welch furchtbare Dinge in dem alten Herrenhaus passieren.

Fazit:
„Die Favoritin“ ist ein ungewöhnlicher Comic, der durch eine sehr traurige Geschichte und einen recht eigenwilligen Zeichenstil besticht. Matthias Lehmann legt ein sehr düsteres Debüt vor, das zum Nachdenken anregt und Kindesmissbrauch und Geschlechtsidentität thematisiert. Wer schwere Kost mag und kein Problem mit einigen verstörenden Szenen hat, sollte der Graphic Novel eine Chance geben und einen Blick in „Die Favoritin“ werfen. Allein aufgrund des Endes und der Aufdeckung der Geheimnisse lohnt sich die Geschichte um den kleinen Jungen, der fast sein gesamtes Leben als Mädchen gelebt hat.

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[ROMAN] Und der Himmel ist doch bunt von Stephanie Mangliers

Und der Himmel ist doch bunt_klein

Autor: Stephanie Mangliers
Taschenbuch: 399 Seiten
ASIN: B01HP2WN32
Preis: 6,99 EUR (eBook) | 14,90 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Ein schrecklicher Autounfall ändert Jasons Leben für immer. Nicht nur sterben seine Eltern dabei, ein Schlag auf den Hinterkopf raubt ihm auch die Fähigkeit zu sehen. Fortan muss er mit seiner Blindheit zurechtkommen und kurz darauf auch bei einer neuen Familie einrichten, denn seine Paten nehmen Jason kurzerhand bei sich auf. Dort bekommt er nicht nur einen Blindenhund, er kann auch auf eine normale Schule gehen. Allerdings läuft es in seiner neuen Klasse zu Beginn weniger gut, was vor allem an Patrick und dessen Freunden liegt, die es sich zum Zielgemacht haben Jason zu mobben. Unterstützung erfährt er schließlich von Nick und dessen Clique. Jason findet Freunde und kommt immer besser in seiner neuen Umgebung klar, woran Nick nicht ganz unschuldig ist. Schon bald wird aus der Freundschaft der beiden Jungen mehr und Jason muss sich mit dem Gedanken anfreunden nicht nur blind, sondern auch schwul zu sein …

Eigene Meinung:
„Und der Himmel ist doch bunt“ ist das Debüt von Stephanie Mangliers und erschien 2016 bei der Polygon Noir Edition, dem Jugendbuch/All Age Label des Main Verlags. Das Buch ist nach „Eisprinz und Herzbube“ die zweite Veröffentlichung, die sich an jugendliche Leser richtet.

Inhaltlich wartet Stephanie Mangliers mit einer spannenden Grundidee auf – eine Geschichte aus Sicht eines Blinden zu erzählen, ist etwas erfrischend Neues und weckt auf andere Art Spannung und Neugierde. Man merkt, dass sich die Autorin mit dem Thema beschäftigt hat, denn Jasons Blindheit, sein alltägliches Leben und die Probleme, mit denen er zurechtkommen muss, sind nachvollziehbar gestaltet. Allerdings zieht sich die Geschichte am Anfang stark, da man das Gefühl hat, nahezu jeder Tag wird einzeln beleuchtet und ausführlich beschrieben. Das macht die erste Hälfte von „Und der Himmel ist doch bunt“ unheimlich langatmig und sorgt dafür, dass man das Buch am liebsten beiseitelegen will. So angenehm es ist, dass sich die Beziehung zwischen Jason und Nick nur langsam entwickelt, in einigen Punkten hätte man kürzen können – und die Seiten eher für die letzten zwei Kapitel aufgewendet. Dort scheint die Geschichte plötzlich zu rasen und man hat das Problem, dass man plötzlich nicht mehr hinterherkommt. Die Sache mit Patrick wird definitiv zu schnell abgehandelt und so ganz nachvollziehbar ist sein Stimmungsumschwung nicht, ebenso geht werden Jasons Probleme einfach zu schnell gelöst. Happy End schön und gut, aber auf diese Art kann Stephanie Mangliers leider nicht überzeugen.
Unschön fallen im Laufe der Zeit auch die Logiklücken auf, denn einige Dinge, die beschrieben wurden, sind einfach nicht möglich. Dazu gehört auch, ob ein ehemals Sehender sich wirklich so schnell an die Blindheit gewöhnen kann und einfach so auf eine normale Schule gehen kann – Schulbücher in Blindenschrift hin oder her.

Die Figuren sind recht stereotyp – den meisten fehlen die Ecken und Kanten, was dafür sorgt, dass sie nicht lebendig sind. Das fällt ganz besonders bei Jasons Zieheltern, die so fürsorglich und lieb sind, dass man sie nur schwer als Erwachsene sehen kann, den Lehrern an Jasons neuer Schule und Nicks Freunden auf, die alle recht blass bleiben und wie Statisten wirken. Es mangelt ihnen an Tiefgang, um sie greifbar zu machen. Lediglich Jason, aus dessen Sicht der Roman erzählt ist, ist etwas lebendiger, da man von ihm logischerweise mehr erfährt. Dadurch, dass er nicht sehen kann, nimmt man seine Umgebung auf eine andere Art und Weise war, was man allerdings abwechslungsreicher hätte gestalten können. IN einigen Szenen wirkt er sehr unreif, aber da er erst 16 ist, kann man darüber hinwegsehen. Nick ist der typische Goodguy, Patrick mit seiner aggressiven Art das genaue Gegenteil. Stephanie Mangliers bedient bei den Figuren die gängigen Klischees, was man gut oder schlecht finden kann.

Stilistisch ist „Und der Himmel ist doch bunt“ Geschmackssache und definitiv nicht mit den gängigen Jugendbüchern gleichzusetzen. Stephanie Mangliers hat einen sehr einfachen, teilweise monotonen Schreibstil. Das Hauptproblem sind die gleichförmigen Sätze und die beständigen Wiederholungen, da die Varianz und die Abwechslung fehlt. Dadurch ermüdet das Buch mit der Zeit, was gerade am Anfang wo auch inhaltlich wenig passiert, ein Problem ist. Die Autorin erinnert ein wenig an Fanfiktion-Schreiberlinge, ganz besonders bei den Dialogen, die man wesentlich spannender hätte aufbauen können. Auch fehlen des Öfteren Beschreibungen zu Jasons Gefühlswelt – gerade weil er nichts sieht, hätte man als Leser gerne mehr über seine inneren Kämpfe erfahren. Darüber hinaus kompensiert ein Mensch seine Blindheit nicht nur mit Hören – es gibt weitere Sinne, die man in die Beschreibungen hätte einfließen lassen können.

Fazit:
„Und der Himmel ist doch bunt“ bietet eine schöne Grundidee, die jedoch nur teilweise überzeugend dargestellt wurde. Während die Hintergründe hinsichtlich Jasons Blindheit gut ausgearbeitet wurden, dämpfen Logiklücken, stereotype Charaktere und ein sehr langatmiger Schreibstil das Lesevergnügen. Auch die Tatsache, dass es zu lange dauert, bis mehr passiert, als der übliche Alltag sorgt dafür, dass sich Stephanie Mangliers‘ in die Länge zieht. Schade – man hätte aus der Grundidee mehr machen können.

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[ZITATE-FREITAG] Im Zimmer wird es still

Hallo ihr Lieben,

meine Wahl fiel dieses Mal auf ein ernsteres Buch, da ich gerne auch die Werke von Jana Walther im Rahmen des Zitate-Freitags vorstellen möchte. Ich liebe ihre sommerlich-leichten und eindringlichen Romane rund um Benjamin, Phillip, Seth und Christoph, dennoch ist es das Buch „Im Zimmer wird es still“ das mich ganz besonders berührt hat und noch lange in mir nachgeklungen ist. Man braucht, um den Roman zu verarbeiten und sollte sich genügend Zeit nehmen, um über Andreas und Peter nachzudenken. Deswegen habe ich mir dieses Buch rausgepickt, um es hier vorzustellen.

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meine Rezension

Als sie fertig sind, räumt er ab, und obwohl es noch gar nicht richtig dunkel ist, zieht er die Vorhänge zu. Er tritt an Peters Bett, wischt einige Krümel von der Tischdecke. Peters Hand streicht über seinen Unterarm, sucht seine Hand. Er zieht die Decke gerade.

„Ich geh dann mal rüber, ich will mich hinlegen.“

„Ich bin auch müde“, meint Peter leise.

„Brauchst du noch was?“

„Nein.“

Er küsst ihn auf die Wange. Schließt die Tür leise hinter sich, lässt Peter allein. Er geht durch den dunklen Flur hinüber in sein Zimmer, schließt auch hier die Vorhänge, zieht sich um und legt sich auf die Schlafcouch. Er nimmt die Fernbedienung, dreht sie ein paar Mal in der Hand. Das rote Licht an dem kleinen Fernseher leuchtet nicht. Eigentlich müsste er jetzt aufstehen und ihn anschalten, aber er hat keine Lust mehr fernzusehen, löscht das Licht und schließt die Augen.

‚Du schläfst doch manchmal mit Mark?‘ – Peter hatte das schon vor einiger Zeit vorgeschlagen, aber noch nie danach gefragt, wie es darum steht.

„Im Zimmer wird es still“, Seite 22-23 (c) J. Walther

Der Arzt wollte Andreas sprechen. Erst im Krankenhaus hatte er eine Patientenverfügung ausgefüllt. An der Nervosität des jungen Arztes konnte er erahnen, dass dieser keine guten Nachrichten für ihn hatte. Er sah es in Andreas‘ Gesicht, als er zurückkam. Die Behandlungen hörten auf. Er redete sich ein, die Ärzte wollten die Wirkung abwarten. Glaubte, jenes Medikament könne etwas verbessern. Sie würden eine neue Behandlungsmethode, eine ganz neue Medizin finden.

Dann konnte er sich nicht mehr belügen. Er bat den Arzt um Ehrlichkeit. Scheute sich aber, mit Andreas darüber zu sprechen. Was sollte er sagen. Er wusste, dass er selbst Schuld war, hätte viel früher zum Arzt gehen müssen. Er war wütend auf sich. Es blieb ihm nur, seine Krankheit zu akzeptieren, stark zu sein.

„Im Zimmer wird es still“, Seite 47-48 (c) J. Walther

Er nimmt Peters Züge in sich auf. Seine Haut, die blasser geworden ist. Die Linien neben seinem Mund, tiefer jetzt. Seine Lippen, die Genuss und Sinnlichkeit oder Unwillen mit dem Grad ihrer Weichheit ausdrücken können. Peters Gesicht hat sich kaum verändert, bleibt sein Ankerpunkt im langsamen Verfall seines Körpers. Er will nicht, dass sich auch in Peters Gesicht die Zeichen der Krankheit einschleichen.

Die Stimme singt von Verlust, melancholisch, aber mit der Gewissheit, nicht ohne Halt zu sein. Sie flattert um einen Punkt, nur von einem zurückhaltenden Piano begleitet. Sie steigt auf, verhält, schafft Freiräume für Stille, in denen sie weiter schwingt. Die Musik kriecht in sein Ohr, dann weiter in seinen Körper. Er summt leise mit. Peters Hand berührt seine Wange, sein Daumen streicht über seine Lippen.

Er kann die Traurigkeit zulassen, die in ihm ist. Spürt sie in diesem Moment, als einen Teil von sich. Sie nicht wegzuwischen durch tröstende Worte.

„Im Zimmer wird es still“, Seite 69-70 (c) J. Walther

Er dreht sich auf die andere Seite. Hat schon geschlafen, aber jetzt liegt er wach. Es ist noch vor Mitternacht. Er steht im Dunkeln auf, um zur Toilette zu gehen. Im Flur macht er das Licht an, zuckt vor der plötzlichen Helligkeit zurück. Da hört er einen Schrei aus dem Wohnzimmer. Er reißt die Tür auf, stürzt zu Peter.

Peter schreit wieder, macht die Augen auf. Klammert sich an ihn, als er sich hinunterbeugt. Schluchzt und schreit leise. Er versteht ‚Hilfe‘ und ‚Bitte, bitte‘, verzweifeltes Stammeln. Weiß nicht, was er tun soll.

„Was hast du?“, er merkt, dass er selbst fast schreit. Peters Gesicht ist schweißnass und er ist zu weit weg, um zu antworten. Versucht, sich loszumachen, um den Notarzt zu rufen. Aber Peter lässt ihn nicht los: „Bitte, es tut so weh!“

„Wo? Wo tut es weh?“, fragt er ängstlich.

„Überall.“ Tränen laufen über Peters Gesicht.

„Im Zimmer wird es still“, Seite 86-87 (c) J. Walther

Er geht rüber in die Küche und beginnt, das Abendessen vorzubereiten. Drüben erläutert Mark Peter, wie er in den nächsten zwei Wochen Dienst haben wird, zählt Nachtdienst, Bereitschaft und Doppelschichten auf. Er hört nur mit einem Ohr zu, findet sich auch nicht richtig hinein, bekommt aber trotzdem mit, dass der Dienstplan anstrengend klingt. Nimmt Wurst und Käse aus dem Kühlschrank, verteilt sie auf Teller.

Dann wirft er einen Blick auf die beiden. Mark hat die Decke wieder zurückgeschlagen. Er sitzt jetzt neben Peter auf der Bettkante und flüstert mit ihm. Sie wirken vertraut, fast als hätten sie ein Geheimnis vor ihm. Er fühlt sich ausgeschlossen, als er die beiden so sieht. So wie ihn die Selbstverständlichkeit ausschließt, mit der Mark Peters Decke zurückschlägt, seine Beine massiert. Ihm wird die Kleinlichkeit dieser Gefühle bewusst. Als ob er irgendeinen Grund hätte, sich zu beschweren.

„Im Zimmer wird es still“, Seite 115 (c) J. Walther

„Der Tod wird kommen und deine Augen haben“, flüstert er in Andreas‘ Haar. Andreas legt die Hand an seine Wange. Er genießt Andreas‘ Nähe, ihn ganz bei sich zu haben. Trotzdem kann er den stechenden Schmerz nicht unterdrücken, der ihm plötzlich die Luft nimmt. Er keucht auf, muss husten, aber das Husten tut weh. Andreas hält seinen Kopf. Als der Hustenreiz sich beruhigt hat, sinkt er zurück ins Kissen. Andreas wischt ihm den Speichel vom Mundwinkel. Er versucht, ruhig zu atmen. Andreas streicht über seine Brust.

„Geht schon.“ Der Schmerz ist etwas erträglicher geworden und er versucht, ihn nicht zu beachten. Andreas legt den Kopf auf seine Schulter, sagt nichts.

„Wenn es unerträglich wird, würdest du mir dann helfen?“, fragt er Andreas leise.

„Andreas holt Luft, zögert, drückt dann seine Hand. „Ja.“

„Im Zimmer wird es still“, Seite 157 (c) J. Walther

Ich hoffe sehr, dass ich euch ein wenig neugierig machen konnte und ihr Lust bekommt, dieses ungewöhnliche Büchlein zu lesen – es lohnt sich auf jeden Fall, insbesondere da es gerade erst neu aufgelegt wurde.

Kommenden Freitag setzt der „Zitate-Freitag“ leider aus – stattdessen gibt es ab Donnerstag ein kleinen Special rund um Xenia Melzers „Gods of War“-Reihe, die bei Ullstein Forever erscheint. Freut auf auf drei kleine Specials und natürlich eine Rezension zum ersten Teil der Fantasy-Reihe „Casto – Gefährte des Feuers“. Die Woche drauf gibt es natürlich wieder eine neue Ausgabe des Zitate-Freitags.

Liebe Grüße,
Juliane

[ROMAN] Sutphin Boulevard von Santino Hassell

Autor: Santino Hassell
Taschenbuch: 291 Seiten
ISBN:  978-1-63477-775-9
Preis: 6,99 EUR (eBook)
Bestellen: Amazon

Story:
Seit über 20 Jahren sind Michael und Nunzio beste Freunde, zusammengeschweißt durch eine ähnlich schwere Kindheit und etliche Probleme, die sie stets gemeinsam bewältigt haben. Eine Reise nach Italien soll die beiden New Yorker Lehrer auf andere Gedanken bringen, doch ausgerechnet kurz vor dem Abflug taucht Michaels alkoholkranker Vater wieder auf und nistet sich bei dessen jüngerem Bruder Raymond im Haus ihrer verstorbenen Mutter ein. Kurzerhand kippt Micheal die Reise und zieht zurück nach Hause, um den Burgfrieden zwischen seinem Vater und Raymond irgendwie zu wahren. Zudem will er in Ruhe über den heißen Dreier nachdenken, den er kurz zuvor mit Nunzio und dem jungen David genossen hat, denn der intensive Sex mit seinem besten Freund richtet ein gewaltiges Chaos in Michaels Gefühlswelt an. Zu allem Überfluss wird David als neue Lehrkraft an seiner Schule eingestellt und zu Hause droht die Situation mit Micheals Vater endgültig zu eskalieren. Als der alte Mann stirbt, bricht Michael endgültig zusammen und greift selbst zur Flasche, ohne darauf zu achten, in welchen Teufelskreis er sich begibt …

Eigene Meinung:
„Sutphin Boulevard“ ist der erste Teil der „Five Boroughs“-Reihe von Santino Hassell und erschien im Juni 2016 in deutscher Übersetzung bei Dreamspinner Press. Der Roman markiert den ersten Teil der „Five Borough“-Reihe, deren Bücher in New York spielen. Vom Autor liegen etliche weitere Romane und Reihen in englischer Sprache vor.

Die Geschichte dreht sich um den jungen Lehrer Michael, der mit alltäglichen Problemen zu kämpfen hat. Der Krebstod seiner Mutter ist noch nicht allzu lange her, als sein alkoholkranker Vater plötzlich wieder auftaucht und sich bei seinem arbeitslosen Bruder Raymond breitmacht. Hinzu kommt, dass er mit von der Tatsache überrumpelt wird, dass er nach zwanzig Jahren plötzlich Interesse an seinem besten Freund Nunzio entwickelt und Angst davor hat diesen durch eine überstürzte Beziehung zu verlieren. All das mündet in einer halben Katastrophe, die Michaels Leben zunehmend auf den Kopf stellt und dafür sorgt, dass Michael den Problemen mit Alkohol entkommen will. Dementsprechend geht es in Santino Hassells Roman nur am Rande um die Liebesgeschichte zwischen Michael und Nunzio – wobei diese weder kitschig, noch romantisch dargestellt ist, sondern eher sehr authentisch und realistisch – sondern vorwiegend um das Thema Familie, Alkoholismus, die Probleme, die damit einhergehen. Dem Autor gelingt es sehr eindrucksvoll den Weg zu beschreiten, den Michael geht und zu zeigen, wie schnell der junge Mann in einen wahren Teufelskreislauf gerät. Auch die Folgen seiner Suchterkrankung werden sehr eindrucksvoll dargestellt, so dass sich der Leser sehr gut mit dieser Problematik auseinandersetzen kann. Hin und wieder hätte er noch mehr in die Tiefe gehen können, doch das ist eher nebensächlich, da alle wichtigen Eckpunkte entsprechend umrissen werden. Insgesamt ist die Geschichte sehr authentisch und tiefgründig. Man ist nah bei Michael und den Figuren und kann ihre Beweggründe sehr gut nachvollziehen.
Ein weiterer Pluspunkt ist die Atmosphäre, die Santino Hassell erschafft – es gelingt ihm New York, Queens und deren Bewohner ebenso greifbar darzustellen, wie die Schule, in der Michael und Nunzio unterrichten und Michaels Beweggründe zur Flasche zu greifen.

Die Charaktere sind sehr authentisch und handeln in sich schlüssig. Man merkt, dass der Autor weiß wovon er schreibt und wie er seine Figuren in Szene setzen muss, um seine Geschichte zu transportieren. Es gibt keinen Charakter der aufgesetzt oder unrealistisch wirkt – im Gegenteil. Nahezu alle Protagonisten handeln vollkommen logisch und sind für den Leser greifbar. Sehr schön ist auch, dass die Herkunft der Figuren in die Geschichte Einzug findet und nicht nur auf dem Papier existiert. Seien es Nunzios und Michaels Sprache oder ihre gemeinsame Vergangenheit – Santino Hassell verwebt beides mit der Geschichte und gibt den Figuren auf diesem Weg mehr Tiefgang.

Stilistisch legt der Autor ein beeindruckendes, gut geschriebenes Buch vor. Auch die Übersetzung von „Sutphin Boulevard“ ist sehr gut gelungen, da die Atmosphäre des Romans beibehalten wird und man sowohl Nunzios italienische Wurzeln, als auch Michaels spanischen im Text wiederfindet. Das zeigt sich ganz besonders in einigen Begriffen und Dialogen, die immer wieder vorkommen. In dem Zusammenhang wäre ein Wörterbuch am Ende nicht verkehrt gewesen, wenngleich man sich das meiste herleiten kann. Dennoch wäre es schön gewesen mehr von dem Streitgespräch zwischen Michael und dessen Familie zu verstehen, denn gerade hier wird oftmals ins Spanische gewechselt, so dass man die Diskussionen nur teilweise nachvollziehen kann.
Neben den stimmigen Dialogen hat Santino Hassell auch ein Händchen für tolle, stimmungsvolle Beschreibungen und sehr erotische Sexszenen, bei denen er kein Blatt vor den Mund nimmt. Wer heiße Lektüre mag, wird bei „Sutphin Boulevard“ auf jeden Fall nicht zu kurz kommen.

Fazit:
„Sutphin Boulevard“ ist ein gelungener, gesellschaftskritischer Roman, der mehr zu bieten hat als die typische Gay Romance Lovestory. Santino Hussell spricht mehrere ernste Themen an, regt zum Nachdenken an und gibt einen sehr schönen Einblick in das alltägliche Leben und die Probleme einer Familie aus Queens. Die Charaktere sind authentisch und handeln logisch, der Schreibstil ist packend und sehr atmosphärisch. Wer realistische, erwachsene Werke mag und nicht unbedingt Wert auf eine kitschige Liebesgeschichte legt, sollte sich „Sutphin Boulevard“ holen. Es lohnt sich und macht Lust auf mehr.

 

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[ROMAN] Ein letztes Mal wir von Lovis Cassaris


Autor: Lovis Cassaris
Taschenbuch: 192 Seiten
ISBN: 978-3896562395
Preis: 7,99 EUR (eBook) | 14,90 EUR (Taschenbuch)
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Story:
Die Berlinerin Alexandra Roth ist eine Stadtpflanze durch und durch. Dennoch nimmt sie an einer 180km langen Wandertour durch Lappland teil, um ein Versprechen einzulösen, dass sie ihrer todkranken Frau Maike kurz vor deren Tod gab. Nur mühsam bewältigt Alex die ersten Kilometer und bekommt unerwartet Unterstützung von der jungen Fotografin Emma Holmqvist, die ihr nicht nur bei den mühevollen Tagesmärschen hilft, sondern ihr auch ein offenen Ohr leiht. So erzählt Alex in der abgeschiedenen Idylle Lapplands von ihrer Frau und ihrer Entscheidung, ihrem Leben selbstbestimmt ein Ende zu setzen, als es gegen den Krebs keine Chance mehr gibt …

Eigene Meinung:
Mit „Ein letztes Mal wir“ erschien 2016 das Debüt der Autorin Lovis Cassaris im Querverlag. Auf knapp 200 Seiten entführt die Autorin zum einen nach in das raue, wilde Lappland, zum anderen in die Schweiz, wo Alexandra und Maike leben.

Inhaltlich erwartet den Leser die Geschichte einer jungen Frau, die mit dem Verlust ihrer Ehefrau Maike zu kämpfen hat und sich ihr zu Ehren zu einer Wandertour durch Lappland anmeldet. Vor der rauen Natur und der eigenwilligen Schönheit des Landes, kommt Alexandra nicht nur zur Ruhe, sie lässt ihr Leben und ihre Liebe zu ihrer Partnerin noch einmal Revue passieren, um auf diesem Weg damit abzuschließen. Auf ihrem Weg lernt sie die offenherzige Emma kennen, die sich Alexandra nicht nur anschließt und sie die vielen Kilometer bis zum Ziel motiviert, sondern sich auch Alex‘ Erzählung anhört. Dementsprechend springen die Kapitel zwischen der Gegenwart – der Wanderung – und der Vergangenheit – Alex und Maikes Kennenlernen und gemeinsames Leben – hin und her. Erst nach und nach erfährt man, was geschehen ist und mit welchen Problemen Alex und Maike zu kämpfen hatten.
Lovis Cassaris schafft ein sehr emotionales, direktes Werk, das einen schnell in den Bann zieht und nicht mehr loslässt. Man fühlt sich Alex verbunden, wenngleich es zu Beginn schwer fällt sich auf sie einzulassen. Doch je weiter die junge Frau auftaut, desto näher ist man an der Geschichte und erlebt, was Alexandra erlebt. Aus diesem Grund trifft es einen, als es um Maikes Krankheit geht und ihren Wunsch ihrem Leben auf würdevolle Art und Weise ein Ende zu setzen. In diesem Punkt lädt die Autorin zum Nachdenken und Diskutieren ein, denn aktive Sterbehilfe ist ein Thema, bei dem die Meinungen auseinander gehen.

Die Charaktere sind sehr authentisch und einfühlsam beschrieben. Wie bereits erwähnt braucht der Leser eine Weile, um mit Alexandra warm zu werden, da diese am Anfang sehr spröde und unnahbar daherkommt. Erst im Laufe der Zeit taut sie auf und man versteht, warum die junge Frau so verbittert ist. Emma wirkt leider ein wenig blass, was daran liegt, dass man kaum etwas über sie erfährt, außer der Tatsache, dass sie gerne wandert und fotografiert. Das ist ein bisschen schade, aber da es in „Ein letztes Mal wir“ vorwiegend um Alexandra und ihre Frau Maike geht, kann man damit leben. Maike selbst ist ebenfalls gut charakterisiert, da man sie in den Rücklenden kennenlernt und sie dank ihrer liebenswerten Art schnell ins Herz schließt.

Stilistisch legt Lovis Cassaris ein beeindruckendes, intensives Debüt vor, dass durch eine klare Sprache, sehr schöne Beschreibungen (gerade die landschaftlichen Details von Lappland sind sehr bildlich umgesetzt) und gut ausgearbeitete Charaktere besticht. Die Autorin weiß, wie man mit Worten umgeht und welche Szenen sie vertiefen muss, um passende Bilder und Emotionen zu vermitteln. Auch erotische Szenen wirken sehr sensibel in Szene gesetzt, ohne plump zu wirken. Man darf gespannt sein, welche Bücher als nächstes erscheinen, denn „Ein letztes Mal wir“ macht definitiv Lust auf mehr.

Fazit:
Lovis Cassaris‘ Dabür „Ein letztes Mal wir“ ist ein wundervolles, stilles und emotionales Buch, das sowohl durch eine gute, tiefgründige Geschichte, als auch authentische Charaktere besticht. Auch stilistisch kann der Roman überzeugen und bietet neben wundervollen Landschaftsbeschreibungen, sehr intensive Dialoge und Gespräche. Wer realistische, lesbische Literatur mag und wen das ernste Thema und der Umgang mit Krankheit und Tod nicht stören, sollte auf jeden Fall einen Blick riskieren. Es lohnt sich.

 

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[ROMAN] Granatapfelrot von Ines Schmidt

Autor: Ines Schmidt
Taschenbuch: 220 Seiten
ISBN: 978-3957710550
Preis: 17,99 EUR (eBook) | 21,90 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Der Tod der demenzkranken Jakobine, kurz Jake, reißt ein tiefes Loch in Davids Leben. Schon immer war es seine Aufgabe sich um seine kleine Schwester zu kümmern, insbesondere da sie Glasknochen besaß und in jungen Jahren an einer Frühform der Demenz erkrankte. An ihrer Beerdigung nimmt auch Jakes fester Freund Josh teil, seines Zeichens Weltenbummler und Dokumentarfilmer, der von David in die Staaten zurückgeschickte wurde, als sich der Zustand seiner Schwester verschlechterte. Bereits auf dem Friedhof entwickelt sich eine seltsame Spannung zwischen ihnen, die in einem unbedachten Kuss seitens David gipfelt und beide Männer in ein Chaos der Gefühle stürzt. Während David seinen Ausrutscher vergessen will und jegliche Aussprache abbiegt, ist Josh nicht bereit alles zu vergessen. Um David auf andere Gedanken zu bringen und Antworten zu finden, schlägt er eine Biketour durch die Dolomiten vor.
Als David den Vorschlag akzeptiert und mit Josh aufbricht, ahnt keiner der beiden, was ihn am Ende der Reise erwartet und wie sehr sich ihr Leben verändern wird …

Eigene Meinung:
Der Roman „Granatapfelrot“ erschien im Größenwahn Verlag und ist das Debüt der Autorin Ines Schmidt, die bereits einige Kurzgeschichten in den Größenwahn-Anthologien „Gleich Liebes, gleich ist das Essen fertig“ und „Heartbeatclub“ herausgebracht hat. Das Buch erschien im Hardcoverformat und als eBook im Oktober 2015.

Inhaltlich erwartet den Leser eine schön geschriebene, romantische Geschichte über zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten, und die einen schweren Verlust zu verarbeiten haben: den Tod der geliebten Schwester beziehungsweise verständigen Freundin. Wobei die Beziehung zwischen Josh und Jake nur teilweise nachvollziehbar ist, denn es mutet ein wenig seltsam an, dass sich Josh in die Staaten zurückzieht und sich mitunter neue Sexpartner sucht, während seine Freundin in Deutschland im Sterben liegt. Von diesem Punkt abgesehen ist „Granatapfelrot“ in sich stimmig und sehr gefühlvoll in Szene gesetzt. Ines Schmidt lässt sich und ihren Figuren Zeit sich zu entwickeln und einander neu kennenzulernen. Teilweise zieht sich dadurch die Handlung ein wenig, da David und Josh lange brauchen, bis sie die angespannte Situation zwischen sich klären, doch da die Autorin immer wieder Rückblenden und Erinnerungen an die Vergangenheit einwebt, fällt das kaum störend ins Gewicht. Auf diese Art lernt man die beiden Protagonisten sehr gut kennen und fühlt mit ihnen.
Lediglich die Rahmenhandlung, die im ersten und letzten Kapitel des Buches Einblicke in das gemeinsame Leben der beiden Männer gibt, wirkt ein wenig fehl am Platz. Zwar klärt Ines Schmidt damit einige offene Punkte, doch gleichzeitig wirft sie neue Fragen auf. Auch wirkt Jakobs Rolle als „Chronist“ der beiden ein wenig seltsam, da gerade die Abschnitte aus Davids Sicht zu intim sind, um vom Ziehsohn der beiden niedergeschrieben worden zu sein.

Die Charaktere sind sehr schön umgesetzt, wirken authentisch und realistisch. Ines Schmidt hat ein Händchen für glaubhafte Figuren, die nicht dem gängigen Klischee entsprechen. Das betrifft sowohl die beiden Hauptfiguren, als auch Nebencharaktere wie Jake (die eine sehr große Role einnimmt und überraschend lebendig gezeichnet ist, obwohl sie tot ist), Davids Eltern und Joshs Familie. Sie sind alle in sich schlüssig und nachvollziehbar. Natürlich stehen David und Josh im Zentrum, die sich über ihre Zukunft Gedanken machen, und dafür mit der Vergangenheit abschließen müssen. Dabei stehen natürlich Fragen nach Konvention, Sitte und Anstand im Zentrum, aber auch danach, ob man sich als Mann mittlerer Jahre überhaupt noch auf solch eine Liebe einlassen sollte. Gerade Davids Kampf mit sich selbst ist sehr schön umrissen, ebenso Joshs Sorge, wie ein Verräter zu wirken, wenn er sich auf den Bruder seiner verstorbenen Freundin einlässt. Mitunter hätte Ines Schmidt diesen Konflikt noch vertiefen können, denn schlussendlich finden David und Josh doch recht schnell zueinander, wenn man die äußeren Umstände bedenkt (wenige Wochen nach der Beerdigung). Dieser Punkt macht „Granatapfelrot“ dann doch ein wenig klischeehaft, da er recht vorhersehbar ist und die Geschichte (wenn man sie herunterbricht) nur vom Zusammenfinden und der Liebe zweier Männer erzählt, die sich nach Jakes Tod näherkommen.

Stilistisch legt Ines Schmidt ein gut geschriebenes, solides Debüt vor, das gut zur Geschichte und den Figuren passt. Der puzzleartige Erzählstil, der nicht chronologisch läuft, ist einmal etwas anderes und sorgt dafür, dass trotz einiger Längen keine Langeweile aufkommt. Die Idee Yoshs Perspektive im Briefformat zu erzählen, ist gut und stimmig umgesetzt. Diese Passagen zählen zu den Highlights des Buches, denn sie sind wesentlich schöner, als Davids Erinnerungen und Erzählungen. Letztere sind deswegen nicht schlecht, nur schleichen sich gerade hierbei einige stilistische Mängel ein. Gerade die Dialoge wirken teilweise ein wenig aufgesetzt und lassen sich schwer nachvollziehen. Hier hätte man mehr rausholen können, denn gerade bei den Gesprächen zwischen David und Josh kommt die Geschichte ins Stocken, da sie die beiden nicht voranbringen. Zu oft weicht David aus oder die Aussprache wird anderweitig unterbrochen. Das ist schade, da man als Leser das Gefühl hat, absichtlich hingehalten zu werden.

„Granatapfelrot“ kommt in einem sehr schönen, edel aufgemachten Hardcover daher wie die meisten Romane des Größenwahn Verlags. Die hohe Qualität hat ihren Preis – stolze 21,90€ kostet das Printbuch; das eBook ist mit 17,99€ ebenfalls recht hochpreisig.

Fazit:
Trotz der genannten Kritikpunkte ist „Granatapfelrot“ ein gelungenes Debüt, das mit authentischen Charakteren, einer ruhigen, romantischen Geschichte und einem schönen Schreibstil aufwarten kann. Hin und wieder hätte Ines Schmidt mehr in die Tiefe gehen können, denn viele Dinge werden recht oberflächlich behandelt. Letztendlich handelt es sich bei „Granatapfelrot“ um eine ruhige Liebesgeschichte zwischen zwei Männern, die zwar nicht verboten, aber unangebracht ist. Wen der recht hohe Preis nicht abschreckt, sollte einen Blick riskieren – es lohnt sich.

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[MANGA] Ten Count von Rihito Takarai

Ten Count

Autor: Rihito Takarai
Taschenbuch: 196 Seiten
ISBN: 978-3-8420-1289-9
Preis: 6,95 EUR

Story:
Das Leben des Sekretärs Shirotani könnte wesentlich einfacher sein, wenn er nicht unter Mysophobie leiden würde, der krankhaften Angst vor Schmutz und Bakterien. Als sein Chef beinah von einem LKW angefahren wird und in letzter Sekunde von dem jungen Kurose gerettet wird, ändert sich das Leben des Sekretärs schlagartig. Denn Kurose durchschaut ihn auf den ersten Blick, behandelt er doch in einer speziellen Klinik Kinder, die unter psychischen Störungen und Mysophobie leiden. Er bietet Shirotani seine Hilfe und Unterstützung an, um das Problem in den Griff zu bekommen, und Shirotani willigt schließlich ein. Während der Behandlung, in der Shirotani 10 selbstgewählte Punkte erfüllen soll, die ihn in Panik versetzen, kommt er Kurose näher und schon bald entwickelt sich ein ungewöhnliches Verhältnis zwischen den beiden …

Eigene Meinung:
Mit dem Manga „Ten Count“ bringt Tokyopop das neuste Werk der beliebten Mangaka Rihito Takarai auf den Markt, die durch ihre Werke „Seven Days“ (das 2015 eine zweiteilige Realverfilmung erhalten hat), „Only the Flower knows“ und „Bride oft he Fox Spirit“ bekannt geworden ist. Dieses Mal verlässt die Mangaka die gewohnten, romantischen Pfade und porträtiert einen psychisch kranken, jungen Mann. Die Geschichte ist daher ernster und wartet mit einigen verstörenden Elementen auf, was den Manga aus der breiten Masse der Veröffentlichungen hervorhebt.

Inhaltlich ist „Ten Count“ gut gelungen und weiß zu fesseln. Der Leser steigt problemfrei in die Geschichte ein und lernt mit Shirotani einen ungewöhnlichen Hauptcharakter kennen, der von seinen Ängsten beherrscht wird. Glücklicherweise lässt sie die Zeichnerin Zeit, die Handlung und die Figuren zu entwickeln. Im ersten Band gibt es deswegen weder Erotik, noch irgendwelche weiterführenden Andeutungen, da dies nicht zum Grundthema der Geschichte gepasst hätte. Zudem achtet sie auf kleine Details, die zum Krankheitsbild Shirotanis passen und behandelt das Thema Mysophobie mit der notwendigen Sensibilität. Ob die von Kurose angewandte Therapie wirklich realistisch ist, lässt sich für den Laien zwar nur schwer einschätzen, doch sie wirkt sinnvoll und man ist gespannt, wie es mit den beiden weitergeht.

Neben der interessanten Handlung die Charaktere können überzeugen. Sie entsprechen nur bedingt die typischen Klischees des Genres und bleiben daher auch im Gedächtnis. Gerade Shirotani lernt der Leser sehr intensiv kennen, wenngleich man seine zwanghaften Ängste nur bedingt nachvollziehen kann. Er wirkt verloren, ist mit sich selbst und der Umwelt nicht im Reinen und beginnt erst durch Kurose ein wenig aus sich herauszugehen. Welche Geheimnisse er hat oder was die Mysophobie ausgelöst hat, wird noch nicht geklärt. Auch Kurose ist ein Buch mit sieben Siegeln – man erfährt im ersten Band nur wenig von ihm und seinen Beweggründen dem jungen Sekretär zu helfen. Dennoch ist er eine interessante Figur, die neugierig macht und reizvoll ist.

Wie nicht anders zu erwarten, bewegen sich Rihito Takarais Zeichnungen auf gewohnt hohem Niveau und passen sehr gut zum Manga. Die Mangaka hat sich im Vergleich zu „Only the Flower knows“ und „Bride oft he Fox Spirit“ noch einmal gesteigert und präsentiert ein gelungenes Werk. Ihr feiner, sicherer Stil harmoniert sehr gut mit der Geschichte und den Figuren. Auch sind die Zeichnungen dynamisch und abwechslungsreich, bestechen durch gut ausgearbeitete Hintergründe und ausdrucksstarke Figuren.

Fazit:
„Ten Count“ ist ein gelungener, inhaltlich ungewöhnlicher Boys Love Manga, der durch interessante Figuren und tolle Zeichnungen besticht. Rihito Takarai wagt sich an ein schwieriges Thema heran und behandelt es mit der notwendigen Sensibilität, wenngleich Fans von romantischer und erotischer Lektüre dieses Mal nur bedingt zum Zuge kommen. Allerdings versprechen die Folgebände mehr Spannung zwischen Shirotani und Kurose, so dass man die Fortsetzung kaum erwarten kann. Zu empfehlen …

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[ROMAN] Fairy-Tale von Rona Cole

Autor: Rona Cole
Taschenbuch:  700 Seiten
ASIN: B00HAZNG2C
Preis: 7,98 EUR (eBook), 18,95 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Es ist Liebe auf den ersten Blick, als sich der Medizinstudent und ehemaliger Balletttänzer Phillip und der Schwede Per in Berlin kennenlernen und einander näherkommen. Doch Per muss zurück in die Staaten, wo er lebt und arbeitet, und Phil bleibt nichts anderes übrig, als einem großartigen One Night Stand hinterher zu trauern. Als sich Monate später für Phil die Möglichkeit eröffnet, Weihnachten bei Pers Schwester Malin zu feiern, nimmt er nach einigem Zögern das Angebot an. Sein Wiedersehen mit Per stürzt die beiden Männer nicht nur in ein Chaos der Gefühle und eine rosarot-verliebte Welt , sondern stellt sie auch vor ein unlösbares Problem: Per ist aktiver Eishockeyspieler der NHL, verdient ein Vermögen und ist bekannter als so mancher Schauspieler – und darf unter keinen Umständen offiziell geoutet werden. Aus diesem Grund hat er in der Öffentlichkeit nicht nur wechselnde Freundinnen, es ist ihm auch unmöglich, sich in absehbarer Zeit zu Phil zu bekennen.

Dennoch starten die beiden den Versuch sich eine, wenn auch heimliche, Fernbeziehung aufzubauen. Allerdings hat Phil seine Probleme damit, Per mit einer Frau zu sehen, hat er doch bereits einen bisexuellen Mann an eine Frau verloren. Und auch Per muss sich immer häufiger die Frage stellen, ob sein Kindheitstraum ein Leben voller Lügen und Verleugnung wirklich rechtfertigt …

Eigene Meinung:
„Fairy-Tale“ ist ein Roman der deutschen Autorin  Rona Cole und erschien ursprünglich komplett auf der Plattform Fanfiktion.de. Aufgrund der großen Popularität und der Bitten der Fans erschien die Geschichte von Phil und Per Ende 2014 als eBook und Taschenbuch im Selbstverlag, zudem arbeitet Rona Cole an der Fortsetzung „More than just a cup“, die ebenfalls online zu finden ist. Neben „Fairy-Tale“ schrieb die Autorin die Romane „Aus gutem Hause“ (ursprünglich auch auf Fanfiktion.de erschienen), „Zwischen den Zeilen“ und „Koch zum Frühstück“, die im Cursed Verlag erschienen sind.

Die Grundidee von „Fairy-Tale“ ist durchaus nicht uninteressant und bietet eine Menge Potenzial, da es in erster Linie um Homosexualität im Profisport geht und die Probleme, die sich daraus für die Sportler und deren Beziehungen entwickeln. Dabei hat sich Rona Cole mit Eishockey eine populäre Sportart in den USA ausgesucht, die sich grob mit Hype um die männlichen Spieler im deutschen Fußball vergleichen lässt. Es geht um Liebe und Ängste, Hoffnung und Vertrauen, den Wunsch nach Offenheit und Verständnis. Die Autorin lässt den Leser sehr tief hinter die Fassaden blicken, erzählt sowohl aus Phils, als auch aus Pers Sicht und schafft es dabei beiden Charakteren gerecht zu werden. Man versteht sowohl Phils Gedanken und Gefühle, als auch Pers Beweggründe, sich nicht zu outen und seinem Traum nach Ruhm und Erfolg nachzujagen. Die daraus resultierenden Probleme machen das Buch ab der Hälfte durchaus spannend, allerdings wird der Leser auf eine wahre Geduldsprobe gestellt, bis man an dieser Stelle ist. Rona Cole hat das Talent die Geschichte extrem in die Länge zu ziehen und sich mit unendlich vielen, kleinen Details aufzuhalten. Ganz besonders fällt dies in der Woche in New York auf, in der sich Per und Phil ineinander verlieben. Beinah minutiös werden ihre gemeinsamen Tage (und Nächte) beschrieben und ihre Gefühle füreinander offengelegt. Das mag Romantik-Fans gefallen, Leser realistischer Bücher fühlen sich irgendwann genervt, da die Handlung nicht voranschreitet. Gut die Hälfte der Geschichte ist dem Kennenlernen und der Liebe der beiden Protagonisten gewidmet, was natürlich schön und stimmungsvoll ist, der Geschichte aber unheimlich viel Schwung nimmt.

Im Gegensatz dazu werden die heimlichen Jahre, die Per und Phil verbringen, nachdem sie sich zusammengerauft haben und ein Paar werden, binnen eines (!) Kapitels gezählt. Sicherlich ist dies nach knapp 650 Seiten durchaus legitim, doch irgendwie fühlt man sich ein wenig um die wirklichen Probleme und die interessanten Aspekte der Geschichte betrogen. Wer glaubt, dass Phils und Pers Versteckspiel und das Leben der beiden während Pers aktiver Zeit als Eishockeyspieler beleuchtet werden, der irrt sich – Rona Cole konzentriert sich vollkommen auf ihr Zusammenkommen und die ersten Hürden ihrer Beziehung. Alles andere wird in den letzten Kapiteln lediglich angeschnitten und angedeutet.

Aufgrund des Umfangs von 700 Seiten sind die Charaktere sehr gut und überzeugend in Szene gesetzt. Man lernt sowohl Per, als auch Phil sehr intensiv und hautnah kennen, wenngleich letzterer ein bisschen das Nachsehen hat, wenn es um sein Leben und seine Karriere geht. Doch vielleicht erfährt man ja mehr in der Fortsetzung der Geschichte, denn da bleiben durchaus Fragen offen (z.B. ob Phil sein Studium schafft und Arzt wird, wie seine Eltern mit der Situation umgehen, etc.). Hin und wieder verhalten sich die beiden Männer arg kitschig und sentimental, aber daran gewöhnt man sich, da diese Charakterzüge gut erklärt werden. In „Fairy-Tale“ geht es eben um Beziehungsdramen, Liebe, Romantik und Erotik – dementsprechend kitschig sind die Charaktere umgesetzt.

Die Nebenfiguren können ebenfalls überzeugen, bleiben jedoch manchmal ein wenig auf der Strecke. Sei es Malin und ihre Familie, die Mädchen, mit denen Per ausgeht oder die anderen Teamspieler der Rangers – sie kommen mitunter ein wenig zu kurz. Das ist schade, insbesondere dass die anderen Hockeyspieler kaum zum Tragen kommen, obwohl sie so viel Zeit mit Per verbringen.

Stilistisch ist „Fairy-Tale“ Geschmackssache. Rona Coles Stil besticht durch unendlich lange Schachtelsätze, ein inflationäres Vorkommen von Kommata und jeder Menge  Auslassungspunkte. Mitunter fällt es daher schwer die Geschichte zu lesen, da einige Sätze fast zwar eine halbe Seite lang sind, aber dennoch mehr Punkte haben, als so mancher Autor binnen fünf Seiten verwendet. Zudem ist der Stil sehr alltäglich und einfach – gehobene Formulierungen darf man hier nicht erwarten. Das passt zwar durchaus zu Per und Phil, da diese sehr realistisch und natürlich wirken, aber es erschwert das Lesen. Auch die eingefügten Erklärungen, das Springen in den Zeiten, wenn eine Rückblende eingebaut wird und die vielen Infodumps fallen störend ins Gewicht. Rona Coles Stil birgt etliche grammatikalische und stilistische Fehler, die man nur schwer als persönlichen Stil abtun kann.

Dafür baut sie sowohl schwedische, als auch englische Dialoge ein, die die Geschichte und die Figuren lebendig machen und hat sich sehr eingängig über die relevanten Themen informiert. Sei es Ballett oder Eishockey, New York, Automobile oder Modelabels – man merkt, dass die Autorin recherchiert hat.

Fazit:
„Fairy-Tale“ ist ein Buch für Romantikfans, die kein Problem mit Kitsch, Beziehungskisten, Drama und jeder Menge Erotik haben. Zudem sollte man Rona Coles Stil trotz aller Fehle mögen, ganz gleich wie schwer es fällt, durch die Schachtelsätze zu kommen. Trotz der interessanten Grundthematik gelingt es der Autorin nur bedingt zu fesseln, da sie die Schwerpunkte falsch setzt und sich die Geschichte gerade am Anfang extrem in die Länge zieht. Wer rosaglitzerndes Gay Romance mag, sollte „Fairy-Tale“ eine Chance geben, wer nach realistischen Texten Ausschau hält, die Wert auf die Handlung legen, ist hier definitiv an der falschen Adresse.

 

 

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[ROMAN] Der linke Fuß des Gondoliere von Jobst Mahrenholz

Autor: Jobst Mahrenholz
Taschenbuch:  264 Seiten
ISBN: 978-3-944737-99-7
Preis: 12,95 EUR

Story:
Cece, Sohn eines Gondelbauers und Leo, dessen Vater einer der angesehensten Gondoliere ist, sind schon von Kindesbeinen an miteinander befreundet. Ihre eingeschworene Gemeinschaft wird durch Pirro komplettiert, der sich die beiden ganz gezielt als Freunde aussucht, als er in ihre Klasse kommt. Die drei wachsen gemeinsam auf und während Cece tatsächlich das Handwerk eines Bootsbauers erlernt und Leo Gondoliere wird, ist Pirro ein Träumer, der sich schließlich in einem Gewürzladen verdingt. Zudem entwickelt Pirro starke Gefühle für Cece, die dieser auch erwidert – sehr zum Verdruss von Leo, der mit der Beziehung seiner besten Freunde scheinbar nichts anfangen kann. Erst nach und nach wird klar, dass sich hinter Leos Verhalten mehr verbirgt und auch Pirro das ein oder andere Geheimnis hat …

Eigene Meinung:
„Der linke Fuß des Gondoliere“ ist der dritte Roman von Jobst Mahrenholz, dessen Duologie „Il gusto di Lauro“ sein Debüt markierte. Alle Romane erschienen im deadsoft Verlag und spielen in Italien, da der Autor einen engen Bezug zu diesem Land hat. So ist es nicht verwunderlich, dass Figuren und Handlungsorte aus „Lucas Rezepte“ und „Herzberührer“ im vorliegenden Roman einen kurzen Gastauftritt bekommen.

Wie schon in der „Il gusto di Lauro“-Reihe legt Jobst Mahrenholz einen Entwicklungsroman vor, in dem es um die Hauptfiguren, deren Schicksale und Lebenswege geht. Eine wirklich allumfassende Rahmengeschichte gibt es daher nicht, da sich „Der linke Fuß des Gondoliere“ vollkommen auf die Freundschaft und die Liebe der drei Protagonisten konzentriert. Intensiv und authentisch berichtet Jobst Mahrenholz von drei grundverschiedenen Männern, ihren Träumen, ihrem Erwachsenwerden und der Weiterentwicklung ihrer Freundschaft zu Liebe. Dass er dabei auch heiklere Themen wie Asexualität und Bigamie anschneidet, verleiht dem Roman einen unerwarteten Tiefgang, doch der Autor widmet sich diesen Aspekten mit dem nötigen Respekt und der passenden Sensibilität. In diesem Zusammenhang sei erwähnt, dass der Autor auf ausufernde erotische Szenen verzichtet und entsprechende Sequenzen abblendet, was überhaupt nicht negativ ins Gewicht fällt – im Gegenteil. Sexszenen hätten dem Roman durchaus geschadet, da sie nicht zu  „Der linke Fuß des Gondoliere“ gepasst hätten.

Die Charaktere sind wunderbar gezeichnet, wirken lebendig und authentisch. Der Leser lernt Cece, Leo und Pirro sehr intensiv kennen, wird mit ihnen erwachsen und erlebt den ein oder anderen Schicksalsschlag. Dabei werden die Ereignisse in zwei Zeitebenen komplett aus Ceces Sicht erzählt, weswegen der Leser zu ihm eine besondere Beziehung aufbaut. Man lernt den jungen Italiener im Laufe der Geschichte sehr intensiv kennen und kann sich problemfrei mit ihm identifizieren. Das bedeutet nicht, dass man sich den anderen beiden Männern weniger stark verbunden fühlt – im Gegenteil: auch Leo und Pirro wachsen einem mit der Zeit ans Herz und bestechen durch eine Lebendigkeit und Individualität, die man in vielen Gay Romanen vermisst. Man fragt sich automatisch, ob Jobst Mahrenholz reale Vorbilder für seine Protagonisten hat, oder ob nicht einige der Ereignisse auf wahren Begebenheiten beruhen.

Stilistisch lässt „Der linke Fuß des Gondoliere“ nichts zu wünschen übrig. Jobst Mahrenholz hat einen sehr angenehmen, lockeren Schreibstil, der wunderbar zur Geschichte passt. Nicht nur seine Charaktere wirken lebendig – auch Venedig mit seinen Kanälen und Brücken ist plastisch und sehr realistisch beschrieben. Man spürt auf jeder Seite das italienische Flair und merkt, wie sehr dem Autor Land und Leute am Herzen liegen. Sei es das Handwerk der Bootsbauer oder der Gondoliere, Jobst Mahrenholz gelingt es beides sehr ausführlich und glaubwürdig darzustellen. Hinzu kommt auch, dass er Gefühle und Gedanken perfekt beschreiben und mühelos die Ängste und Sorgen seiner Charaktere offenlegen kann. Sein intensiver Schreibstil fesselt von Anfang an und obwohl man bereits nach dem Prolog weiß, wie das Buch endet, kann man es nur schwer aus der Hand legen.

Fazit:
„Der linke Fuß des Gondoliere“ ist ein wundervolles, intensives Meisterwerk, das sich angenehm aus der breiten Masse der Gay Literatur heraussticht und mit authentischen Charakteren und einem stimmungsvollen Schreibstil punkten kann. Wer stille, authentische Gay Romane sucht und sich nicht vor heikleren Themen scheut, die Jobst Mahrenholz anspricht, dem sei der Entwicklungsroman „Der linke Fuß des Gondoliere“ wärmstens empfohlen.

 

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