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[LIKE A DREAM] Gewinnspiel Auswertung

Hallo ihr Lieben,

lange musstet ihr auf die Auswertung des Gewinnspiel warten, was an meinem Osterurlaub und QUEER gelesen 2017 lag. Jetzt kann ich aber endlich die Gewinnerin der komplett signierten Ausgabe verkünden, die ich mit meinem „Dice-of-Doom“ ausgewürfelt habe. Insgesamt haben (leider) nur 5 Teilnehmer mitgemacht, weswegen ich jedem ab Platz 2 ein eBook im Wunschformat zukommen lassen möchte. Bitte meldet euch via Mail bei mir (Koriko@gmx.de).

Nun aber zur Gewinnerin der begehrten, seltenen Anthologie:

Herzlichen Glückwunsch, Melanie. Bitte melde dich mit Angabe deiner Adresse bei mir 🙂

Alle anderen haben die Möglichkeit eine signierte Ausgabe inklusive verschiedener Gimmicks (u.a. von 20 Autoren signierter Stoffbeutel von Samenature) bei eBay für einen guten Zweck zu ersteigern. Sämtliche Einnahmen kommen der Spendenaktion „Tschetschenien“ zugute, um Homosexuellen bei ihrer Flucht vor Folter, Verfolgung und Ermordung zu unterstützen.

Liebe Grüße,
Juliane

[MANGA] Sternensammler von Anna Backhausen und Sophie Schönhammer

Zeichner: Anna Backhausen und Sophie Schönhammer
Taschenbuch: 200 Seiten
ISBN: 978-3842020665
Preis: 3,99 EUR (eBook) / 6,95 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Fynns Leben besteht aus Schuleschwänzen, Rauchen und Faulsein – zu fast nichts hat er den passenden Antrieb. Als seine Freundin auch noch mit ihm Schluss macht, weil sie nicht das Gefühl hat, dass Fynn sie wirklich liebt, ist dieser nur mäßig geschockt. Schnell droht er in seinen gewohnten Trott zu verfallen, da trifft er auf einem Hügel, den er zum Rauchen und Nachdenken aufsucht, den nerdigen Niko, der mit einem Teleskop Sterne beobachtet und auf Sternschnuppen wartet. Zwischen den beiden ungleichen Teenagern entwickelt sich langsam mehr, denn Fynns Interesse ist geweckt und auch Niko scheint mit der Zeit mehr für seinen Mitschüler zu empfinden …

Eigene Meinung:
„Sternensammler“ stammt von Anna Backhausen und Sophie Schönhammer, die in der deutschen Mangaszene keine Unbekannten sind und schon mehrere Doujinshis veröffentlich haben. Der Manga erschien bei Tokyopop zunächst in großformatiger Heftform kapitelweise mit kleinen Extras und schließlich auch als Sammelband.

Die Geschichte dreht sich um die beiden ungleichen Teenager Fynn und Niko, die sich zufällig nachts auf einem Hügel treffen. Während Fynn einfach nur rauchen und abhängen will, ist es Nikos Ziel die Perseiden zu beobachten, da er von klein auf einen Faible für Sterne hat. Mit seiner Neugier steckt er schließlich auch Fynn an, der sich im häufiger mit seinem nerdigen Mitschüler trifft. Schnell entwickelt sich zwischen den beiden mehr und damit beginnen auch die ersten Probleme – für Fynn ist es das erste Mal, dass er sich für einen Jungen interessiert, für Niko ist es ein Wagnis, denn Fynn ist nicht leicht zu nehmen, insbesondere wegen dessen Exfreundin.
Anna Backhausen und Sophie Schönhammer erzählen gefühlvoll eine zarte Liebesgeschichte, die sich langsam entwickelt und den beiden Teenagern genügend Zeit gibt sich kennen zu lernen und einander näher zu kommen. Es wirkt weder übereilt, noch hat man den Eindruck dass Fynn und Niko möglichst schnell miteinander im Bett landen müssen, wie es bei viele Boys Love Mangas leider der Fall ist. Nichtsdestotrotz ist die Geschichte ein wenig stereotyp, denn im Grunde weiß man schon was passiert und welche Probleme für die beiden auftauchen. Vielleicht überraschen die Autorinnen ja im zweiten Band, denn der Manga ist noch nicht abgeschlossen und wird fortgesetzt.

Sehr angenehm und sympathisch gestalten sich auch die beiden Hauptfiguren des Mangas. Sowohl Niko als auch Fynn schließt man schnell ins Herz, da sie nicht ganz dem üblichen Klischee von Uke und Seme entsprechen, sondern weitestgehend authentisch sind. In Fynn findet man den typisch gelangweilten, antriebslosen Jugendlichen, der nicht weiß wohin er in seinem Leben will, in Niko den etwas nerdigen Jungen, der von den Sternen träumt und glücklicherweise nicht der stereotype Außenseiter ist. Auch Zoe, Fynns Ex, ist nicht uninteressant – sie könnte durchaus mehr Raum innerhalb der Geschichte einnehmen. Man mag sie und ihre offene, lockere Art.

Zeichnerisch legen die beiden Mangaka ein sehr schönes Werk vor. „Sternensammler“ besticht durch luftige, lockerleichte Zeichnungen und einen angenehmen Stil. Gerade die Aquarelleillustrationen sind sehr schön und passen gut zum verträumten Thema des Mangas, aber auch die einzelnen Panels und die Seitenaufteilung innerhalb des Mangas kann überzeugen – es wirkt weder zu vollgestopft noch zu leer. Man merkt, dass Anna Backhausen und Sophie Schönhammer bereits mehrere Mangas gezeichnet und eine gewisse Routine entwickelt haben. Wer ihr Doujinshis mochte und angenehm gestaltete, zuckersüße Boys Love Mangas mag, wird mit „Sternensammler“ garantiert nichts falsch machen.

Fazit:
„Sternensammler“ ist ein gelungener deutscher Boys Love Manga, der durch tolle Zeichnungen, sympathische Charaktere und eine ruhige, leise Liebesgeschichte besticht. Anna Backhausen und Sophie Schönhammer haben ein wundervoll stimmiges Werk geschaffen, das zwar nicht tiefgründig ist und eine altbekannte Geschichte neu erzählt, jedoch zu unterhalten weiß und sich nicht hinter japanischen Mangas verstecken muss. Man darf gespannt sein, wie die beiden die Geschichte fortführen, denn „Sternensammler“ macht Lust auf mehr.

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[ROMAN] Die Welt übt den Untergang und ich grinse zurück von S.J. Goslee

Autor: S.J. Goslee
Hardcover: 320 Seiten
ISBN: 978-3791500300
Preis: 12,99 EUR (eBook) / 16,99 EUR (Hardcover)
Bestellen: Amazon

Story:
Mikes Leben ist gechillt, einfach und überschaubar – er hat eine Freundin, eine grottenschlechte Band, mit deren Mitgliedern er eher kiffend abhängt, als wirklich zu proben und in Wallace einen selbsterklärten Erzfeind, der ihm bereits als Zwölfjähriger das Leben zur Hölle machte. All das ändert sich, als Lisa mit ihm schlussmacht, ihn aber dazu zwingt, sich als stellvertretender Schülersprecher zu bewerben. Anstatt mit seinen Freunden herumzugammeln, darf er sich im Planungskomitees des Abschlussballs herumdrücken und mit wildgewordenen Cheerleadern plagen. Zu allem Überfluss ist auch Wallace Teil des Planungsteams und in letzter Zeit komplett anders zu ihm – sein beständiges Grinsen bringt Mike vollkommen aus dem Konzept, zumal er nach und nach feststellt, dass Mädchen gar nicht sein Ding sind und er eher auf Kerle abfährt …

Eigene Meinung:
Das Jugendbuch „Die Welt übt den Untergang und ich grinse zurück“ erschien im Dressler Verlag und ist das Debüt von S.J. Goslee, die bisher vorwiegend Fanfiction geschrieben hat. In den USA kam es unter dem Titel „Whatever“ heraus und erzählt die chaotische Geschichte von Mike, der mit seiner eigenen Sexualität und den damit einhergehenden Problemen zu kämpfen hat.

Die Geschichte des jungen Mike wirkt sehr authentisch und ist nah an der heutigen Jugend mit ihrer Null-Bock-Einstellung, den Partys und dem Herumexperimentieren. So lernt man Mike zunächst als ziemlichen Macho kennen, der gerne auf den Putz haut, insgeheim jedoch nur selten seinen Mann steht. Er ist nicht der typische Held, denn zu Beginn fällt es schwer, zu ihm Sympathie aufzubauen und sich auf ihn einzulassen. Auch die Geschichte holpert an einigen Stellen, da sie nicht genug in die Tiefe geht. Wichtige Ereignisse aus Mikes Leben (wie z.B. der Abschlussball oder sein etappenhaftes Outing) werden viel zu kurz beleuchtet. Man fühlt sich fast um einige Kapitel betrogen, da etliche Reaktionen und Ereignisse einfach nur kurz zusammenfasst werden. Klar – Mike ist teilweise betrunken (oder bekifft), dennoch fehlt dem Leser an einigen Stellen eine tiefergehende Aufarbeitung der Geschehnisse. Zum Ende hin gibt sich das ein wenig, und gerade die Szenen mit Wallace sind sehr gut umgesetzt. Schön ist dabei, dass die Autorin kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Charaktere sind 16 und verhalten sich mit ihren verrücktspielenden Hormonen auch so. Es darf herumgemacht werden und etwas expliziter zur Sache gehen!

Die Charaktere sind spritzig und lebendig, wenngleich man lange braucht um die vielen Figuren auseinander zu halten – Mikes Freundeskreis ist recht groß und jeder hat einen besonderen Platz in der Geschichte. Mike wird dabei stellenweise von anderen Figuren in den Schatten gestellt, denn letztendlich ist er bei weitem nicht so stark und bedeutend, wie er sich gerne hinstellt. Seine machohafte Art sorgt dafür, dass man ein wenig braucht, bis man sich auf ihn einlässt. Er ist nur bedingt ein Sympathieträger, wenngleich seine eigene Unsicherheit und sein Ungeschicktsein dafür sorgt, dass man ihn nach und nach besser versteht.
Seine Freunde werden sehr ausführlich beschrieben und lebhaft in Szene gesetzt. Seien es sein Kindergartenfreund Cam oder die forsche Lisa – sie sind Teil einer ziemlich coolen Truppe, die man schnell ins Herz schließt. Wallace auf der anderen Seite bleibt leider ein wenig blass, was daran liegt, dass Mike ihn die ersten beiden Drittel des Buches nicht ausstehen kann. Man erfährt nur wenig über ihn, was schade ist. Ein bisschen mehr hätte es schon sein können.

Stilistisch ist „Die Welt übt den Untergang und ich grinse zurück“ Geschmackssache – entweder man mag den rotzig frechen Stil und die Sprache des Protagonisten oder nicht. Dabei bereits S.J. Goslees Wahl, die Geschichte in dritter Person Präsens zu erzählen, die meisten Probleme. Es fällt nämlich wahnsinnig schwer, die Geschichte in einem Rutsch zu lesen, da man immer wieder mit den Figuren durcheinanderkommt. Gerade am Anfang hat man Schwierigkeiten, in die Geschichte einzusteigen, da die Vielzahl an Figuren in Kombination mit dem ungewöhnlichen Schreibstil nur schwer in Einklang zu bringen ist. Da sind Verwechslungen und Irritationen vorprogrammiert.
Dennoch dürfte S.J. Goslee die Sprache der heutigen Jugend gut treffen, denn Mikes Slang und seine lockere Art ist erfrischend neu und mit der Zeit durchaus spannend zu lesen. So dürften sich Jugendliche im Alter von Mike durchaus mit ihm und seiner Art identifizieren können.

Fazit:
„Die Welt übt den Untergang und ich grinse zurück“ ist ein ungewöhnlich erzähltes, gleichzeitig aber auch rotzig-freches Jugendbuch, das gut die Stimme der heutigen Jugend trifft. Leider schöpft S.J. Goslee nicht das Potenzial aus und bleibt bei vielen Problemen und Ereignissen zu oberflächlich. Auch der ungewohnte Stil der Autorin in Kombination mit einem Hauptcharakter, der gerade zu Beginn nur wenig Sympathien gewinnen kann, erschwert den Einstieg in die Geschichte. Wer jedoch auf der Suche nach etwas Anderem ist, dem dürfte das Debüt der amerikanischen Autorin durchaus gefallen – es ist etwas Anderes, sowohl hinsichtlich des Protagonisten und seiner Freunde, als auch in Hinblick auf die sprachliche Umsetzung. Am besten reinlesen und selbst entscheiden.

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[ROMAN] Kristallscherben von Svea Lundberg

Autor: Svea Lundberg
Taschenbuch: 252 Seiten
ISBN: 978-3960890577
Preis: 4,99 EUR (eBook) / 11,99 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Seite zwei Jahren sind Jannis und Felix ein Paar – Grund genug endlich zusammenzuziehen und ihr Leben gemeinsam zu bestreiten. Just in diesem Moment bekommt Felix, der als Sachbearbeiter beim Jugendamt tätig ist, den Fall des aggressiven Lukas auf den Tisch. Der junge Mann schleppt nicht nur etliche Probleme mit sich herum, er ist auch so unausgeglichen und gewaltbereit, dass r sich nur schwer in dem Heim anpassen kann. Seine aufkeimende Homosexualität setzt dem ganzen nur die Krone auf. Felix stürzt sich in den Fall, da er Lukas unbedingt helfen will, während Jannis das Ganze skeptisch beobachtet – als Polizist hat er oft genug mit Jugendlichen wie Lukas zu tun. Als es immer häufiger Prügeleien zwischen Jugendgruppen kommt, bei denen Lukas ebenfalls involviert ist, überschlagen sich die Ereignisse und bringen Jannis in Lebensgefahr …

Eigene Meinung:
Mit „Kristallscherben“ liegt die Fortsetzung von Svea Lundbergs Debüt „Kristallschnee“ vor, der Anfang 2016 im deadsoft Verlag erschien. Zwischen den beiden Büchern ist die Kurzgeschichte „Kristallträume“ angesiedelt, die ebenfalls bei deadsoft erhältlich ist. Inzwischen ist die Autorin mit ihren Romanen „Zwischen Bühne und Bordell“ und „Die stille Seite der Musik“ keine unbekannte Größe im Gay Romance Genre mehr und begeistert die Leser mit „Elfendiener“ auch im nicht-queeren Fantasy-Bereich.

Die Geschichte spielt zwei Jahre nach den Ereignissen des ersten Bandes und entführt den Leser in ein neues Abenteuer von Jannis und Felix. Mit Lukas kommt ein weiterer interessanter Charakter hinzu, der einen Teil der Handlung erzählt und Potenzial für weitere Spin-Offs und Fortsetzungen bietet. „Kristallscherben“ ist in sich schlüssiger und spannender, als der Vorgänger, da er flüssiger ist und besser ineinandergreift. Zwar weiß man auch bei diesem Band recht schnell, in welche Richtung die Geschichte laufen wird, doch Svea Lundberg erzählt die Ereignisse packend und spannend, so dass man das Buch nur schwer aus der Hand legen kann. Zum Ende hin geht zwar alles ein wenig schnell und die Auflösung wirkt ein wenig zu gehetzt runtererzählt, doch das kann man durchaus verschmerzen, da die wichtigsten Aspekte geklärt sind. Auch die Figuren wachsen dem Leser stärker ans Herz und man erfährt ein bisschen mehr über Felix und Jannis. Zudem bietet sich eine Fortsetzung geradezu an, denn wie es mit Lukas weitergeht bleibt offen – hier ist auf jeden Fall Platz für ein Spin-Off.

Die Charaktere sind nachvollziehbar und handeln logisch. Man kann sich sehr gut in sie hineinversetzen und verstehen. Gerade Lukas, der mit seinen Taten extrem aus der Reihe tanzt, ist dem Leser dennoch nicht fremd, denn seine Hintergründe werden ausführlich erklärt und man kann seine Aktionen durchaus nachvollziehen. Auch die übrigen Nebenfiguren können überzeugen und runden das Geschehen um die drei Protagonisten passend ab. Diese lernt man deutlich besser kennen. Da sie sich dieses Mal nicht kennenlernen müssen, liegen die Schwerpunkte ihrer Beziehung an anderer Stelle, nämlich darauf, wie die beiden als Paar funktionieren und ihr Zusammenleben arrangieren wollen.

Svea Lundberg hat einen sehr schönen, flüssigen Stil, der sowohl bei den Actionszenen, als auch bei den erotischen Passagen gut funktioniert. Es wird nie langweilig, da es Knall auf Fall geht und die Spannungskurve kontinuierlich gehalten wird. Die Handlung ist dieses Mal aus drei Perspektiven geschrieben: Felix, Jannis und Lucas. Für alle drei Handlungsträger findet Svea Lundberg eine eigene Sprache, so dass Lukas Beschreibungen und seine Wortwahl durchaus zu einem Jugendlichen passen, ebenso seine chaotische Gedanken- und Gefühlswelt.

Fazit:
„Kristallscherben“ gelingt es den Vorgängen spürbar in den Schatten zu stellen und bietet spannende Unterhaltung, gut nachvollziehbare Charaktere und knisternde Erotik. Svea Lundberg legt einen soliden Krimi vor, dessen Schwerpunkte trotz allem im Drama und Romance Bereich liegen. Wer „Kristallschnee“ bereits mochte, dem wird auch die Fortsetzung gefallen, Neueinsteiger können durchaus mit diesem Band anfangen, da er eigenständig lesbar ist. Zu empfehlen.

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[ROMAN] Beach Café von Jeremy Reed

Autor: Jeremy Reed
Hardcover: 124 Seiten
ISBN: 978-3037620571
Preis: 19,80 EUR (Hardcover)
Bestellen: Amazon

Story:
Vier Jugendliche genießen ihren letzten „freien“ Sommer an einem Strand der Atlantikküste der 80er Jahre und zelebrieren den Einstieg in die Welt der Erwachsenen auf ihre Art und Weise. Während ihr selbsternannter Anführer Dione Drogen nimmt, Frauenkleider trägt und sich seine Eskapaden von reichen Herren bezahlen lässt, schwelgen die anderen in den Gedichten und Texten von Rimbaud und Cocteau, hören Musik und versuchen sich auf ihre jeweilige Zukunft vorzubereiten, in der es gilt sich Konventionen und Regeln zu unterwerfen. Alles ändert sich schlagartig, als der bodenständige Nicholas im Meer ertrinkt und die Jungen aus ihrer Blase aus Hoffnungen, Träumen und Lebensflucht reißt …

Eigene Meinung:
„Beach Café“ ist der erste Roman von Jeremy Reed, der den Weg nach Deutschland gefunden hat. Da der Autor nicht nur über 40 Veröffentlichungen vorzuweisen hat, sondern seit den 70er Jahren als Englands dekadentester, kontroversester und ungewöhnlichster Autor gilt, ist es erfreulich, dass sich der bilgerverlag entschieden hat, in den kommenden Jahren seine wichtigsten Bücher in Deutschland herauszubringen. „Beach Café“ macht dabei den Anfang.

Die Geschichte spielt im Laufe eines Sommers und setzt vier Jugendliche ins Zentrum, die auf dem Weg sind, sich selbst zu finden und ihren Sprung in die Erwachsenenwelt zu wagen. Jeden treibt es in eine andere Richtung – Dione verkauft sich an reiche Herren, die seine Drogensucht finanzieren und der sich erwachsener und reifer als die anderen sieht; Paul ist Sohn eines Bauern, der sich zu Männern hingezogen fühlt, seine Sexualität jedoch innerhalb seiner konservativen Familie nie wirklich zeigen kann; und Nicholas ist der einzige Sohn eines Immobilienmakler und damit weitestgehend frei, was seine Vorlieben und Entscheidungen angeht. Der Ich-Erzähler wiederum lässt sich treiben, schreibt Lieder und Gedichte und beobachtet seine Freunde, bis er auf Diana trifft, die ihn vollkommen verzaubert und auf ihre Art fesselt.
Das erste Drittel des Buches wendet Jeremy Reed für ausufernde und sehr exzessive Beschreibungen der Protagonisten auf – gespickt mit vielen Adjektiven und Schachtelsätzen werden dem Leser die grundverschiedenen Jungen näher gebracht, ebenso der Strand mit seinem verborgenen Treffpunkt für Schwule. Hinzu kommen Gedichte, Liedtexte und Textauszüge bekannter Schriftsteller und Musiker, denen der Autor auf diese Weise ein Denkmal setzt. Ab der Hälfte nimmt die Handlung dann ein wenig mehr Fahrt auf, da die Jungs sich erstmals größeren Problemen entgegenstellen und sich teilweise für den Tod eines Freundes rechtfertigen müssen. Dabei werden alle auf ihre Art erwachsen, wobei das Hauptaugenmerk auf dem Ich-Erzähler liegt, der sich letztendlich abkapselt und seinen eigenen Weg geht.

Die Figuren sind authentisch und gut greifbar, wirken allerdings teilweise nicht ganz wie 18-jährige Jugendliche. Gerade der Ich-Erzähler ist manchmal zu poetisch, seine Verweise auf historische Ereignisse, Dichter und Künstler wirken etwas zu hochgestochen und stünden eher einem gestandenen Mann Mitte vierzig zu, der entsprechende Erfahrungen und passendes Wissen gesammelt hat. Er wirkt bei einigen Monologen einfach nicht wie ein Jugendlicher, der seinen letzten Sommer genießt, sondern wie ein verkappter Musik-/Literaturprofessor. Nichtsdestotrotz sind seine Handlungen und Gedanken von jugendlichem Charakter, gerade wenn es um das Mädchen geht, das er kennenlernt oder seine Eltern.

Sprachlich bewegt sich der Roman auf hohem Niveau – man merkt, dass Jeremy Reed bereits etliche Veröffentlichungen hat und sich im hoch-belletristischen Bereich bewegt. Er schreibt sehr ausführlich, fast schon überschwänglich und hat eine Vorliebe für Adjektive, die seine Texte fast schon inflationär heimsuchen. Mitunter wirkt die Geschichte ein wenig weltfremd, was auch daran liegt, dass es fast keine Dialoge gibt und die Handlung durch innere Monologe des Ich-Erzählers vorangetrieben wird. Auch können die eingeworfenen Songtexte und Gedichte einige Leser stören, da sie einen aus dem Lesefluss herausreißen, doch wer sich daran nicht stört und keinen Wert auf platte Gespräche legt, bekommt einen sehr eindringlichen Roman, der durch eine brillante, verschnörkelte Sprache besticht.

Fazit:
„Beach Café“ ist ein gelungenes, sehr eindringliches Buch über das Erwachsenwerden und das Finden der eigenen Persönlichkeit. Dabei stehen die vier Protagonisten, ihre Herkunft und ihre Gedanken stark im Vordergrund, ebenso die Beschreibungen des Sommers und der schrillen Figuren, die die Geschichte mitbestimmen. Jeremy Reed lässt Raum zum Nachdenken, da er viele Punkte offen enden und Platz für eigene Gedanken lässt. Wer literarisch komplexere Romane sucht, die nichts mit den gängigen Publikationen im queeren Bereich zu tun haben, sollte einen Blick riskieren – insbesondere wenn man anspruchsvolle und tiefgängige Lektüre sucht.

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[ZITATE-FREITAG] Anamarnas Prophezeiung

Hallo ihr Lieben,

die Special Week neigt sich leider schon dem Ende entgegen, doch bevor es mit dem Autoreninterview weitergeht, habe ich euch einige Zitate aus „Anamarnas Prophezeiung“ rausgepickt. Ich hoffe sehr, dass euch die Textstellen gefallen und ihr Lust auf dieses gelungene Fantasy-Epos bekommt 🙂

Bestellen: Amazon
meine Rezension

Aryon und Gaven liebten sich im Ufergras, neckten sich und genossen die Sonne auf ihrer Haut. Denn sie waren nicht nur Freunde – sie waren auch ein heimliches Liebespaar.

Aryon, der allen Frauen und Mädchen in Kelmaran freundlich und mit Respekt gegenübertrat, stand nicht der geringste Sinn nach weitergehender Tuchfühlung. Er hatte es schon sehr früh bemerkt, sich aber, wie es seine Art war, nichts dabei gedacht und es hingenommen wie ein weiteres Geschenk, das ihm vom Leben angeboten wurde. Später war er wenigstens so schlau gewesen, seine Neigung zu verbergen und Liebesspiele mit dem eigenen Geschlecht im Verborgenen auszutragen. Natürlich würde die Sache irgendwann zu einem Problem werden, aber es gehörte nicht zu seinem unbekümmerten Wesen, sich darüber jetzt schon Sorgen zu machen. Er fand, so wie es war, hatte es das Geschick wunderbar eingerichtet. Die Sache war so unkompliziert. Wenn er hingegen in eine von Lybarns Töchtern verliebt wäre, dann hätte er mit ihr bestimmt nicht allein zum Fluss reiten dürfen. Und auch sonst nirgendwo hin. Aber auf zwei junge Burschen, die zum Angeln wollten, achtete niemand. Und am Abend konnten sie in der Dorfschenke noch ganz unbeschwert ein Bier zusammen trinken. Das war ein Leben, wie es ihm gefiel.

„Anamarnas Prophezeiung – Sammelband“, S. 89 (c) Jutta Ahrens

Aryon lehnte sich kurz an seinen Freund. »Das, was ich vorhatte, muss ich immer noch tun. Ich muss jemanden finden, es ist lebenswichtig für mich. Aber ich hätte dich gern dabei.«

»Aber ja, du brauchst doch einen Leibwächter.« Rymor grinste glücklich und klopfte auf sein Schwert, das er neben sich auf das Bett gelegt hatte. »Wohin geht denn die Reise und wie lange wird sie dauern? Chiharun wird mir schon ein paar Tage freigeben.«

»Rymor.« Aryon sah ihn ernst an. »Wenn du mich begleitest, muss ich dir alles über mich erzählen. Es kann dann kein Geheimnis mehr zwischen uns geben. Ich hoffe, du bist stark genug, es zu ertragen. Und wenn nicht, dann sag es mir aufrichtig, dann werde ich dich und auch Jabhardan für immer verlassen.«

»Sag nicht so schreckliche Dinge. Ich bin doch keine Memme. Ich bleibe dein Freund, selbst wenn du dich zur Nacht in ein Seeungeheuer verwandelst.«

»Nun, beinah hast du es getroffen. Ich bin dazu verdammt, in der Nacht zu leben und mich von Menschenblut zu ernähren …«

„Anamarnas Prophezeiung – Sammelband“, S. 151 (c) Jutta Ahrens

»Das ist ein sehr gutes Angebot, will ich meinen.«

»Wenn du lügst, stirbst du einen so qualvollen Tod …«

Lukir winkte ab. »Drohe mir nicht. Sonst bleibst du der armselige Sterbliche, der du bist.«

»Was müsste ich denn tun?«, fragte Taswinder hastig. »Kommt es vom Bluttrinken?«

»Beruhige dich. Ich werde dir zu der Unsterblichkeit verhelfen, über die ich verfüge. Allerdings stelle ich zwei Bedingungen. Nein, eigentlich drei. Aber zuerst zur wichtigsten: Du besitzt das Wissen der Acht. Du musst den Bann aufheben, den sie vor siebzig Jahren über mich verhängt haben.«

»Vor siebzig Jahren? Einen Bann?«, wiederholte Taswinder verwirrt. Er begriff gar nichts mehr, und Lukir berichtete ihm wahrheitsgemäß, was sich damals im blauen Turm zugetragen hatte.

»Du bist also ein Verbannter und besitzt die fünfte Stufe? Ich ahnte gleich, dass du etwas Besonderes bist. Und das ist tatsächlich vor siebzig Jahren passiert? Wenn du die Wahrheit sagst, dann hast du nicht nur die Unsterblichkeit, sondern auch die ewige Jugend erreicht.«

„Anamarnas Prophezeiung – Sammelband“, S. 214-215 (c) Jutta Ahrens

Die Lichter im Brunnen

In einem Dorf gab es einen Brunnen, auf dessen Grund viele bunte Lichter flackerten. Aber niemand wusste, woher sie kamen. Alle Bemühungen, ihre Ursache zu ergründen, blieben vergeblich.

Eines Tages kletterte der kleine Sohn einer Magd auf den Brunnenrand. Als er die vielen bunten Lichter sah, haschte er nach ihnen und stürzte hinab. Die Mutter des Knaben lief schreiend herbei, aber von ihrem Kind war nichts mehr zu sehen. Kurz darauf begann das Wasser zu brausen und zu zischen, und es stieg ein gewaltiger Drache daraus empor, dessen Leib mit bunten Schuppen bedeckt war. Er entfaltete seine riesigen Flügel, erhob sich in die Lüfte und rauschte davon. Als er über die Stadt Ruadhan flog, verlor er eine dunkelblaue Schuppe, so groß wie eine Männerfaust. Sie fiel auf den Marktplatz, und ein kleiner Junge las sie auf.

Die bunten Lichter im Brunnen aber waren für immer erloschen.

„Anamarnas Prophezeiung – Sammelband“, S. 277-278 (c) Jutta Ahrens

Als er den Deckel hochklappte, starrte er den blauen Stein ungläubig an. Er brachte kein Wort hervor.

»Bist du nicht zufrieden mit dem Geschenk?«, fragte Demaran besorgt.

»Es – es ist nicht das, was ich erwartet habe«, stotterte Lukir.

»Und was hast du erwartet?«, fragte Morphor.

»Das Oktogon! Das echte Oktogon!«

»Das ist ein Oktogon«, bemerkte Morphor nachsichtig.

»Das hier ist nur ein nachgemachter achteckiger Kristall. Wäre es das wahre Oktogon, würde es zu mir sprechen.« Er fuhr mit den Fingerspitzen über seine Oberfläche. »Da! Es passiert nichts. Es ist wertlos! Man hat mich betrogen.«

»Du sprichst von dem Oktogon, das den acht Weisen in Lyngorien gehört?«, fragte Demaran. »Befindet es sich denn nicht im blauen Turm?«

»Nein! Taswinder hat es ihnen geraubt und sich damit geschmückt. Es ist ein magischer Stein, der in den Händen des Falschen großes Unheil anrichten kann. Deshalb habe ich Rymor beauftragt, es zu stehlen. Was hier passiert ist, verstehe ich nicht.«

»Ich glaube, Lukir, du schuldest uns eine Geschichte«, sagte Morphor sanft.

„Anamarnas Prophezeiung – Sammelband“, S. 317 (c) Jutta Ahrens

Taswinder strebte allumfassende Macht an, und doch würde er niemals eine Liebe erleben, wie sie Rymor und Aryon verband. Was hätte er nicht alles für eine solche Liebe gegeben! Sofort schüttelte er diesen Gedanken ab.

»Ja. Ich hoffe, du hast Merodan gut vorbereitet?«

»Nun, er ist nicht gerade versessen auf seine Braut, und die graue Ratte Jahangir ist auch nicht sein bester Freund. Aber er weiß, was auf dem Spiel steht und hat sich darauf eingelassen. Wenn nichts Unvorhergesehenes geschieht, dürfte das vertrauliche Treffen zur allseitigen Zufriedenheit ausgehen. Ich vertraue da auch deinem Einfluss auf Jahangir.«

Aryon schloss die Tür zu Merodans Zimmer auf. Er öffnete sie weit und ließ Taswinder den Vortritt. Merodan stand in der Mitte des Raums und sah ihnen entgegen. Wie stets war seinen Gesichtszügen keine Bewegung anzumerken.

»Bist du bereit, dem Fürsten Jahangir und seiner Tochter Malaika gegenüberzutreten in der Absicht, um ihre Hand anzuhalten?«, fragte Taswinder.

Merodan nickte. »Ja.«

»Bist du gleichzeitig bereit, jeder Feindschaft zwischen unseren Stämmen abzuschwören und dem Fürsten den Respekt entgegenzubringen, der ihm gebührt?«

»Ich werde den Gepflogenheiten genügen.«

Taswinder nickte. Mehr Entgegenkommen hatte er nicht erwartet.

Aryon lächelte Merodan zu. »Heute lasse ich die Tür offen.«

Merodan verzog die Mundwinkel. Zu spät, schienen sie auszudrücken. Ich darf keinen Abarranen mehr töten.

„Anamarnas Prophezeiung – Sammelband“, S. 407-408 (c) Jutta Ahrens

»Bitte erzähl mir alles von Anfang an. Ich kam zu dir ins Zimmer? Und dann?«

Aryon schilderte ihm nun den Hergang in allen Einzelheiten. Dabei rief er sich erneut die vielen Merkwürdigkeiten in Erinnerung. »Ich sagte mir, vielleicht hat dir Taswinder etwas gegeben, das deinen Willen verwirrt oder völlig ausschaltet.«

»Dennoch hätte ich nicht gleichzeitig in Jomarphor sein können. Nein, ich fürchte, die Wahrheit ist unangenehmer als du denkst. Ich nehme an, Taswinder selbst hat dir da einen Besuch abgestattet. Er wollte dich töten, und weil er nicht wusste, dass du unverwundbar bist, ist er gescheitert. Das muss ihm einen Schock versetzt haben.«

»Ja, ja, es passt alles auf ihn. Dennoch – ich habe dich erkannt. Du siehst Taswinder nun wirklich nicht ähnlich. Und da ich außer Sperma nichts zu mir nehme, konnte mir Taswinder auch nichts unter das Essen oder ein Getränk mischen.«

»Dann muss er über die Gabe verfügen, die Gestalt eines anderen anzunehmen. Anders kann ich es mir nicht erklären. Was wissen wir schon von der Kraft seiner Steine?«

Aryon traten vor Erleichterung Tränen in die Augen. Aufstöhnend umarmte er Rymor, drückte ihn stumm an sich und begann hemmungslos, an seiner Schulter zu schluchzen.

»Ich hätte es nicht ertragen, weißt du«, flüsterte er, nachdem er sich ein wenig beruhigt hatte.

Rymor strich ihm über das Haar und küsste ihn auf die Stirn. »Und ich hätte es nicht getan. So viel Magie besitzt kein Stein der Welt.«

Etwas beschämt richtete sich Aryon wieder auf. Doch plötzlich besaß er einen wilden Blick. »Taswinder muss weg!«, zischte er. »Was er mir damit angetan hat, verzeihe ich ihm nie.«

„Anamarnas Prophezeiung – Sammelband“, S. 525-526 (c) Jutta Ahrens

Tief unter sich sah er die Menschen in Panik zusammenlaufen und nach oben starren. Ihr Geschrei drang bis zu ihm hinauf. Einige trugen Waffen, die sie in ihrer Hilflosigkeit gegen ihn richteten. In seinen Augen waren das nur Nadeln, aber er konnte die Leute verstehen. Wie mussten sie ihn hassen! Das betrübte Chichi sehr.

Er bemühte sich, seine Kreise in großer Höhe zu ziehen. So richteten die Flammen vielleicht nicht so viel Schaden an, weil sie vorher vom Wind ausgeblasen würden. Aber kaum hatte er sich dazu entschlossen, drückte ihn eine unbekannte Macht tiefer hinunter. Vernichte Khazrak und seine Bewohner! Verbrenne sie alle! So lautete der Befehl. Er konnte ihm nicht entkommen. Alle da unten mussten sterben, und er selbst war machtlos dagegen. Die Vorstellung ergrimmte ihn und machte ihn gleichzeitig traurig. Warum wollte dieser Mann – Taswinder war sein Name – eine ganze Stadt vernichten? Er besaß so viel Macht. Weshalb nutzte er sie nicht dazu, den Menschen zu helfen? Chichi wollte so gern verstehen, aber die Kluft zwischen ihm und den Menschen war zu groß geworden.

Wenn die Sache hier vorbei war, das schwor er sich, wollte er sich persönlich um den Stein kümmern. Er musste unschädlich gemacht werden, das hätte er schon beim ersten Mal tun sollen. Aber der jahrelange Rückzug aus der Welt hatte ihn träge gemacht.

„Anamarnas Prophezeiung – Sammelband“, S. 594 (c) Jutta Ahrens

»Hm.« Lukir verdrehte die Augen. »Hier wird es schwierig. Ich muss wohl etwas ausholen und dir etwas über die Unsterblichkeit und die Wanderung von Seelen erzählen.«

»Über was?«, stöhnte Merodan und schlug sich mit der flachen Hand an die Stirn. »Hört das denn niemals auf? Stehe ich noch auf festem Boden? Fällt der Himmel morgen auf uns herab? Womit muss ich noch rechnen? Soll ich zum Bluttrinker werden, um unsterblich zu werden?«

»Nein«, sagte Lukir. »Lass dir erzählen, was es mit dem Verlassen der Seele aus dem Körper auf sich hat. Nur sehr wenige Menschen sind dazu imstande. Ich habe es mit eisernem Willen und qualvollem Verzicht geschafft. Aus diesem Grund habe ich mich auf die Festung zurückgezogen. Warum habe ich das auf mich genommen? Ich will meinen ekelhaften, mit altem Blut vollgesogenen Körper verlassen. Nun suche ich einen Menschen, der meine Seele freiwillig in sich aufnimmt. Wenn ich ihn finde, werde ich mich mit der seinen verbinden, und im Laufe der Zeit werden wir eins sein. Mein alter Körper wird sehr schnell verfallen und sterben. Wenn du, Merodan, mich aufnehmen wolltest, dann würden meine magischen Fähigkeiten auch auf dich übergehen. Und wenn du eines Tages alt bist und es ans Sterben geht, dann können sich unsere verbundenen Seelen einen neuen, jungen Körper suchen. Du würdest mit mir gemeinsam unsterblich werden.«

„Anamarnas Prophezeiung – Sammelband“, S. 646 (c) Jutta Ahrens

Ich hoffe sehr, dass euch diese Zitate einen guten Einblick in das Buch geben und ein wenig neugierig machen. Das Buch gibt es übrigens am Sonntag zu gewinnen – also haltet die kommenden Tage die Augen offen. Es lohnt sich 🙂

Liebe Grüße,
Juliane

[ROMAN] Verschwörung der Templer von Jutta Ahrens

Autor: Jutta Ahrens
Taschenbuch: 592 Seiten
ISBN: 978-1520442891
Preis: 2,99 EUR (eBook) / 12,99 EUR (Taschenbuch)
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Story:
Deutschland, beginnendes 13. Jahrhundert. Mehrere Kreuzzüge sind gescheitert und haben Tod, Leid und Armut mit sich gebracht. Die Bevölkerung ist müde und hat kaum noch Interesse an den Sorgen der Kirche, die das Heilige Land erobern und die Ungläubigen ausrotten will. Für den angehenden Templer Ocatvien und den Mönch Emmanuel ein untragbarer Zustand. Um das Volk zu motivieren begeben sie sich auf die Suche nach einer Reliquie, die die Templer einst ausgegraben haben sollen und die als neues kirchliches Symbol die Hoffnung wecken soll. Doch was sie finden, ist wesentlich gefährlicher und erschütternder als alles, was sie sich erhofft hatten und zieht sie mitten in eine Intrige, die gegen die Kirche gesponnen wird …

Eigene Meinung:
Mit dem historischen Roman „Verschwörung der Templer“ legt Jutta Ahrens einmal mehr ein gut recherchiertes und aufwendig ausgearbeitetes Werk vor, das nicht geradlinig läuft, sondern sehr vielschichtig und komplex daherkommt, weil es auf mehreren Ebenen abläuft und verschiedenen Charaktere beleuchtet. Wie bei auch bei den anderen Romanen der Autorin lernt man viele verschiedene Figuren und deren Probleme kennen und erhält einen sehr umfassenden Einblick in die historische Epoche des 13. Jahrhunderts.

Die Handlung ist sehr komplex und vielschichtig, so dass man am Anfang nur schwer einschätzen kann, in welche Richtung das Buch geht. Weder kann man vorhersagen, wie das Buch ausgeht, noch welche Charaktere überhaupt den queeren Part ausmachen. Dies ist für Vielleser eine angenehme Abwechslung zu den meisten schwulen Büchern, wo man recht schnell herausfindet, wer mit wem zusammenkommt. Stattdessen muss man sich bei Jutta Ahrens gedulden, bis man erstmals leichte Andeutungen geboten bekommt, die sich letztendlich aber auch in eine explizitere Richtung steigern. Langweilig wird es bis dahin natürlich nicht, denn die Autorin entspinnt eine sehr spannende, komplexe Geschichte, die von einer geheimen Reliquie der Templer, über den Kinderkreuzzug bis hin zu einer geheimen Intrige gegen die Kirche geht. Der Leser ist immer hautnah dabei und erfährt nach und nach, welche Ereignisse zu welchen Ergebnissen führen und welche Konsequenzen all das für die verschiedenen Charaktere hat. Dabei versteht Jutta Ahrens es, die Handlung authentisch und realistisch in Szene zu setzen – sie hat ein Händchen für historische Geschichten, was man an den Beschreibungen der Städte und Dörfer, den Figuren und den historischen Hintergründen merkt. Auch ist der Roman in sich schlüssig und gut durchdacht, so dass alle Ereignisse logisch ineinander greifen und es keinerlei Stolpersteine gibt, die den Leser bei der Lektüre aus dem Konzept bringen. Aufgrund der hohen Spannungskurve und der vielen einzelnen Charaktere kann man „Verschwörung der Templer“ nur schwer aus der Hand legen.

Die Figuren sind ein großer Pluspunkt der Geschichte – sie wirken sehr authentisch und entwickeln sich logisch weiter. Seien es Octavien, der als Adeliger eine ganz eigene Sicht auf die Welt hat und zumeist auf die normale Bevölkerung herabblickt; Emmanuel, der sich in seinem Leben als Mönch nur bedingt zurechtfindet und für den das Anhäufen von Wissen oberste Priorität hat; oder Nicholas, der sich dazu berufen fühlt den Kinderkreuzzug anzuführen und für Gott ins Heilige Land zu ziehen. Sie alle haben ihre Gründe zu handeln, wie sie handeln. Sie wirken sehr menschlich und gut nachvollziehbar – selbst der Attentäter Sinan, der für ein höheres Ziel mordet und für eine neue Religion kämpft.

Stilistisch legt Jutta Ahrens ein gut geschriebenes, sehr umfangreiches Werk vor. Wie von ihr gewohnt, ist auch „Verschwörung der Templer“ im auktorialen Stil verfasst, sprich man muss sich auf viele Perspektivsprünge gefasst machen. Diese sind zu Beginn gewöhnungsbedürftig, doch man kommt sehr schnell in die Geschichte und kann sich gut mit den handelnden Charakteren identifizieren. Die Autorin hat ein Händchen für realistische, gut lesbare Umschreibungen der Umgebung und der Figuren, ebenso von Dialogen und Charakteren. Man kann sich sehr gut in die damalige Zeit hineinversetzen und die komplexen geschichtlichen Ereignisse nachvollziehen.

Fazit:
„Verschwörung der Templer“ ist ein gelungener, sehr gut recherchierter historischer Roman, der durch eine komplexe, gut durchdachte Handlung, authentische Charaktere und einen sehr schönen, stilsicheren Schreibstil besticht. Jutta Ahrens versteht es fiktive Handlungsstränge mit realen historischen Ereignissen zu verknüpfen und daraus spannende, sehr dichte Geschichten zu erzählen. Wer ungewöhnliche historische Romane mag und keinen Wert auf stereotype, queere Charaktere legt, sollte sich „Verschwörung der Templer“ holen – es lohnt sich.

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[CHARAKTERINTERVIEW] Aryon und Merodan aus „Anamarnas Prophezeiung“

Dieses Interview ist mitten in „Anamarnas Prophezeiung“ angesiedelt, sprich Nicht-Kenner des Buches werden ein wenig gespoilert. Ich empfehle daher vorab die Geschichte um Lukir, Aryon und all die anderen Figuren zu lesen, bevor man sich das Interview anschaut. Wem dafür die Zeit fehlt, dem sei versichert, dass sich Spoiler in Grenzen halten und die Einleitung genug preisgibt, um dem Gespräch folgen zu können. Ich wünsche euch viel Spaß mit Aryon und Merodan – es war kein leichtes Interview, aber ich hoffe, es macht euch ebenso viel Spaß, wie ich hatte 😀

Aryon wälzte sich unruhig hin und her. Er hatte einen sehr eindringlichen und höchst merkwürdigen Traum gehabt, und der beschäftigte ihn nun. Das Dumme daran war, dass er nicht ganz sicher war, ob es sich nur um einen Traum oder doch um ein echtes Erlebnis gehandelt hatte. Von der Festung auf dem Himmelshügel war ein Mann zu ihm gekommen, der sich Morphor nannte und behauptete, ein Unsterblicher zu sein. Er hatte ihm prophezeit, es werde eine Person aus der Zukunft bei ihm auftauchen, die ihn und Merodan befragen werde. Er solle ihre Fragen wahrheitsgemäß beantworten und auch Merodan davon überzeugen. Das würde ihn in seiner Mission weiterbringen.

Aryon fluchte leise vor sich hin. Diese verdammte Mission und dieser verstockte Tadramane! Merodan befand sich am Hof König Jahangirs als Geisel, und Taswinder, der undurchsichtige Magier, hatte ihn überredet, sich Merodan zum Freund zu machen, damit er biegsamer wurde und sich den Wünschen Jahangirs beugte. Aryon hatte eingewilligt. Schließlich war es keine schlechte Sache, sich jemanden zum Freund zu machen. Er war davon überzeugt, dass er mit seinem heiteren Gemüt schnell zu ihm durchdringen werde. Doch dann hatte sich Merodan als eine sehr harte Nuss erwiesen. Bis jetzt hatte er bei dem Dickschädel noch keinen Erfolg aufzuweisen. Dabei war der Tadramane ein Schmuckstück von einem Mann, das Aryon gern besessen hätte, aber leider kalt wie ein Gletscher.

Und nun hatte ihn dieser Traum heimgesucht. Eine Person aus der Zukunft, die Fragen stellen wollte. Irgendwie versponnen. Aryon war der Magie begegnet und selbst ein unsterblicher Bluttrinker geworden. Seltsames war ihm also nicht fremd. Aber konnte jemand in die Vergangenheit zurückkehren? Das erschien ihm absurd, und schon aus diesem Grund konnte es nur ein Traum gewesen sein. Schade eigentlich, dachte er. Es wäre nicht von Übel, wenn die Befragung den Tadramanen etwas auftauen würde. Dann würden sie vielleicht mehr als nur Freunde werden …

Aryon seufzte, verbat sich diese unkeuschen Gedanken und stieg aus dem Bett. Inzwischen war es dunkel geworden und Zeit, Merodan wieder einmal aufzusuchen. Noch wollte er nicht aufgeben. Als er vor seiner Tür stand, den Schlüssel schon in der Hand, kam eine Frau auf ihn zu, die er noch nie im Palast gesehen hatte. Sie trug sehr ausgefallene Kleidung, aber ihre Haltung war selbstbewusst, also konnte sie keine Dienerin sein.

»Guten Abend. Ich bin die Juliane.«

Sie reichte ihm die Hand, und Aryon wusste nicht, was das sollte. Zögernd ergriff er sie.

»Du bist Aryon, nicht wahr? Ich bin geschickt worden, dir und deinem Freund da drin ein paar Fragen zu stellen. Bist du bereit?«

Aryon traf fast der Schlag. Dann hatte er das alles doch nicht geträumt. Das war sie also, die Person aus der Zukunft. Und ausgerechnet eine Frau!

»Ich – äh – ich habe irgendwie mit dir gerechnet, aber ich konnte es nicht glauben. Wer hat dich denn geschickt?«

»Sagen wir, eine Stimme aus der Vergangenheit. Nun schließ schon auf. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Ich muss noch andere befragen.«

»Ach ja? Wen denn? Warum denn?«

»Weil es mein Beruf ist. Und nun vorwärts. Ich stelle hier die Fragen.«

Aryon zuckte mit den Schultern und steckte den Schlüssel ins Schloss. »Na, wenn du meinst. Aber ich warne dich. Mit Merodan ist nicht gut Kirschen essen.«

Als sie eintraten, saß Merodan auf dem Bett und las. Als er aufsah und die Frau neben Aryon erblickte, hätte er beinah das Buch fallen lassen. »Was ist denn das für ein neuartiger Einfall von dir, mich bis aufs Blut zu reizen?«, fauchte er.

„Kein neuartiger Einfall, Merodan. Ich wurde geschickt, um einige Dinge in Erfahrung zu bringen, die im Laufe der Zeit verloren gehen würden.“ Juliane sah sich nach einem Platz um, auf dem sie ihre Schreibunterlagen ablegen konnte.

Aryon nickte Merodan aufmunternd zu. „Da hat sie recht. Auf diese Weise kannst du mit deinen Taten sogar unsterblich werden.“

„Das haben bei mir in Norvarun die Chronisten erledigt, aber Frauen waren niemals darunter. Die Erde soll mich verschlucken, bevor ich meine Worte einer Frau anvertraue.“

„Na, das sind ja tolle Aussichten«, sagte Juliane und zückte eine Feder. »Aber ich versuche mein Bestes. Die Chronisten in Norvarun haben schließlich nicht die Möglichkeit, deine Zeit hier festzuhalten.« Sie überflog ein kurzes Stück Text und fügte hinzu: „Ganz besonders die über deine Freundschaft zu Aryon.“

Merodan schnaubte höhnisch. „Habe ich Freundschaft gehört? Ein Freund verhält sich anders. Der macht sich nicht zum Knecht eines Magiers, der würde mir zur Flucht verhelfen.“

Aryon räusperte sich etwas ungehalten. Das konnte ja noch gut werden. „Du langweilst mich, Merodan. Dieses Lied hast du schon oft genug gesungen. Juliane hat recht. Niemand sonst wird über deine Geiselhaft berichten, und es liegt bei dir, wie der Bericht ausfällt. Bedenke, wie viele Leute das lesen werden. Wenn du Juliane verärgerst, könnte sie ja auch schreiben, dass du unentwegt auf den Knien um Gnade gewinselt hast.“

Ein Grinsen huschte über Julianes Gesicht, denn das war in der Tat ein verlockender Gedanke. „Eine Flucht würde doch einem stolzen Krieger wie dir gar nicht gut zu Gesicht stehen. Bedenke, was die Leute sagen könnten und wie lange du bei Aryon in der Schuld stündest.“ Sie hob die Feder und notierte etwas. „Wie behandelt man dich hier? Gibt es, außer der Tatsache, dass du den Raum nicht verlassen kannst, etwas zu beanstanden?“

Merodan warf ihr einen misstrauischen Blick zu. Man sah es ihm an, dass er sich überwinden musste, bevor er antwortete: „Man behandelt mich wie ein einen kostbaren Vogel, der bitteschön singen soll. Aber solange er im Käfig sitzt, wird er nicht singen.“

„Das heißt man befragt dich?“ Sie schielte zu Aryon. „Ist das deine Aufgabe?“

„Nein, man versucht, mich zu beeinflussen. Ausgerechnet durch den da. Ein einfältiger Bauernbursche, der noch nichts von den Schlechtigkeiten der Menschen weiß und der keine Ahnung hat, wie man mit ihnen umgehen muss.“

„Ist dem so, Aryon?“, fragte Juliane, während sie hektisch die ersten Antworten niederschrieb.

„Lächerlich! Frag ihn doch mal, wie ich mit ihm umgegangen bin. Er bildet sich viel ein auf seine Stärke, aber ich war es, der ihm die angemessene Demut vor meiner Kraft beigebracht hat.“

„Ja, mithilfe von Magie.“

„Na und? Jeder nutzt die Mittel, die ihm zu Gebote stehen. Also steig herunter von deinem hohen Ross und antworte vernünftig auf Julianes Fragen.“ Aryon blinzelte zu ihr hinüber. „Mich kannst du alles fragen, natürlich bis auf das, was ich nicht preisgeben kann.“ Er grinste.

Juliane wiegte den Kopf. „Ihr seid wie Katz und Maus – schwierig, da den Fettnäpfchen auszuweichen. Aber ein bisschen weniger Arroganz stünde dir ganz gut, Merodan. Ich denke nicht, dass es in deinem Sinn ist, wenn die Nachwelt dich als streitsüchtigen, kleinlichen Mann in Erinnerung behält, der erst um sich beißt, bevor er nachdenkt. Wieso glaubst du, dass Aryon es böse mit dir meint? Weil er dich schon einmal besiegt hat?“

„Ich sagte es bereits, er ist nicht böse, er ist einfältig, weil er glaubt, ich würde auf seine schmeichlerischen Worte hereinfallen. Und die sollen nur bewirken, dass ich alles vergessen soll, was mich ausmacht, und mit meinen Feinden, den Abbaranen, den Bruderkuss tausche.«  Er warf Juliane einen scharfen Blick zu. „Darf ich dir dazu auch eine Frage stellen?“

„Sicher darfst du Fragen stellen.“ Juliane warf ihm einen neugierigen Blick zu.

„Weshalb glaubst du, haben sie ausgerechnet Aryon zu mir geschickt? Na, was meinst du? Du bist doch eine kluge Frau, nicht wahr?“

„Die Frage hast du dir doch selbst schon beantwortet.  Weil er nicht böse ist und es ehrlich mit dir meint. Wenn du mal deine Vorurteile beiseite schiebst und anfängst, tiefer zu sehen, würdest du mitbekommen, dass Aryon nicht dein Feind ist“, sagte Juliane und beobachtete die beiden ungleichen Männer. »Dann würdest du auch erkennen, dass Aryon es ehrlich mit dir meint. Und dass er dich gern als Freund gewinnen würde.“ Mit einem Flüstern fügte sie hinzu: „Wenn nicht mehr …“

Merodan kniff die Augen zu einem Spalt zusammen. „Wenn nicht mehr?“, zischte er. „Was willst du denn damit andeuten?“

Juliane räusperte sich. „Naja, es ist schon ziemlich offensichtlich …“ Sie deutet auf Aryon und sah ihn auffordernd an. „Willst du dich nicht dazu äußern?“

Aryon errötete leicht. Was ihn anging: Er war schon bei ihrer ersten Begegnung bereit gewesen, aber Merodan sah ihn viel zu giftig an, als dass er es gewagt hätte, ihn jetzt schon offen zu reizen.

„Na los, antworte der Dame!“, höhnte Merodan. „Sie hat dich etwas gefragt.“

Aryon hüstelte. „Also gut. Der Magier kennt meine Neigung, vielleicht hat er sie mit einkalkuliert. Merodan ist ein sehr schöner Mann, und ich bin auch nicht gerade unansehnlich.“

Merodan wich gleich zwei Schritte zurück. „Neigung? Welche Neigung? Und was kümmert dich mein Aussehen?“ Er sah Juliane entsetzt an. „Kannst du mir sagen, was er damit sagen will?“

Juliane tippte mit ihrer Feder aufs Papier. Sie sah ein, dass es wohl kaum zu einem Interview kommen würde, da hier andere Dinge wichtiger waren. „Also ich finde, dass Aryon sehr offen und direkt war. Was für eine Antwort brauchst du denn noch? Er bevorzugt die Gesellschaft von Männern.“ Sie deutete zum Bett hinüber, um alle Missverständnisse auszuräumen. „Und er hat dir gerade gesagt, dass er dich gutaussehend findet und …“ Sie ließ den Satz offen.

Merodan hob die Hände. „Soll das heißen, ich soll mich von einem Mann berühren lassen?“ Seine Stimme, die sonst immer sehr beherrscht herüberkam, überschlug sich fast.

„Ist das ein so schrecklicher Gedanke für dich?“ Sie räusperte sich. „Um ehrlich zu sein, passt eine Frau noch weniger zu dir. Die verachtest du schließlich mehr als Männer.“

„Was nicht heißt, dass sie nicht nützlich sind. Auch im Bett.“

Aryon hatte mit so einer Reaktion gerechnet und schaute wie unbeteiligt zur Decke.

»Wundervoll, worauf du eine Frau reduzierst. Da kann ich mich ja geehrt fühlen, dass du mit mir redest.“

Merodan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Das habe ich doch schon zu Anfang durchblicken lassen.“ Dann wurde er plötzlich unruhig, ging zum Fenster und wieder zurück. „Männer liegen mir tatsächlich mehr“, murmelte er wie zu sich selbst. „Allerdings …“

„Allerdings?“

„Darüber will ich nicht sprechen.“

Aryon verschränkte die Arme. „Ach! Hast du ein Geheimnis? Das würde ich auch gern kennenlernen. Na sag schon! Juliane geht sowieso nicht, bevor sie nicht alles von dir weiß.“

„Gibst du alles preis von dir?“

„Ich bin nur ein einfältiger Bauernbursche, völlig uninteressant für Juliane – im Gegensatz zu dir, tapferer Krieger und stolzer Tadramane!“

„Verhöhnen kann ich mich allein. Glaub nicht, dass ich ein Wort davon vergessen werde.“

„Wann? Wenn wir erst richtig dicke Freunde sind?“

„Träum weiter.“ Merodan starrte Juliane unschlüssig an. „Also, was willst du wissen?“

„Was du grad nicht sagen willst. Du hast da eben eine Andeutung gemacht, über die wir gern ausführlicher unterrichtet werden möchten. Männer liegen dir also mehr als Frauen …?«

„Als Gesellschaft meinte ich. Und einmal, da gab es einen Mann – ich dachte, er sei mein Freund, aber er wollte etwas ganz anderes von mir, etwas Unaussprechliches. Ich meine, wenn man es mit einem Mann, statt mit einer Frau macht, dann ist es das.“

Aryon verdrehte die Augen. „Man kann es auch kompliziert ausdrücken.“

Juliane sah verwirrt zu Merodan. „So ganz konnte ich dir jetzt auch nicht folgen. Ist es was? Unehrenhaft? Verboten?“

„Beides würde ich sagen. Es ist so – so unnatürlich, oder nicht?“

„Hm … wenn du Liebe als etwas Unnatürliches ansiehst, dann wahrscheinlich schon. Aber ich persönlich finde nicht, dass es unnatürlich ist.“

„Unnatürlich, doch vor allem gefährlich. Du sprichst von Liebe, das ist mir fremd. Sprechen wir lieber von Begierde. Und wenn ein Mann einen anderen begehrt, dann ist er ihm ausgeliefert, dann ist er der Schwächere. Aber ein Mann erträgt es nicht, wenn ihn seine Gefühle einem anderen Mann unterlegen machen. Das ist ein unerträglicher Zustand. Mit einer Frau kann das gar nicht erst eintreten.“

Juliane überdachte seine Antwort und schüttelte den Kopf. „Du widersprichst dir teilweise. Einerseits ist dir die Liebe fremd, andererseits sprichst du davon, dass die Gefühle dafür sorgen, dass man unterlegen ist. Kannst du dir nicht vorstellen, gleichberechtigt zu sein – weder über- noch unterlegen?“

„Nein!“ Merodan presste die Lippen zu einem Strich zusammen.

„Mir scheint, du hast so etwas bereits erlebt“, murmelte Aryon. „Sonst würdest du diesen Zustand gar nicht kennen.“

Juliane machte einige Notizen auf ihrem Blatt. „Hat Aryon recht? Du hast da was angedeutet, Merodan …“

„Ich deute gar nichts an. Ich weiß einfach, wie es läuft.“

„Und du denkst, weil du einmal etwas Schlechtes erlebt hast, wird es immer so sein? Ziemlich engstirnig, findest du nicht auch? Heißt es nicht auch hier, dass man gleich wieder aufs Pferd steigen soll, wenn man abgeworfen wurde?“ Juliane sah sich auf der Suche nach etwas Wasser im Raum um. Allmählich wurde ihre Kehle vom Diskutieren trocken.

Während Aryon sofort einen Krug aus der Ecke holte und ihr einschenkte, schien Merodan durch sie hindurch zu starren. „Nicht ich wurde vom Pferd geworfen“, flüsterte er. „Ich stieß ihn aus dem Sattel. Ich habe es getan, weil ich …“ Er zögerte und warf Aryon einen vorsichtigen Blick zu. „Weil ich merkte, dass ich ihm sonst das ganze Pferd überlassen würde. Er hatte mich angefasst, und ich wusste, wenn ich das weiterhin dulde, bin ich verloren. Wir trennten uns im Zorn. Er glaubte, ich würde ihm nie verzeihen, aber er irrte sich. Ich konnte es mir nicht verzeihen, dass ich es genossen hatte.“ Merodan holte tief Luft. „So, das ist die Wahrheit. Jetzt habt ihr beide endlich euren Willen. Hast du das alles auch gut aufgeschrieben, damit die ganze Welt über mich lachen kann?“

Juliane nickte Aryon dankend zu und trank einen Schluck. „Warum sollte die Welt über dich lachen? Ein wahrer Herrscher ist auch in der Lage, sich Fehler einzugestehen und zu versuchen sie wieder gut zu machen.“ Sie legte die Feder beiseite. „Und ich habe bisher kaum etwas aufgeschrieben, weil du erstmal zu dir selbst finden musst, bevor du überhaupt Fragen beantworten kannst.“

Aryon grinste nur. „Danke, Juliane, dass du Merodan gegenüber so feinfühlig bist. Jetzt kann ich mir ja doch noch Hoffnungen machen?“ Er blinzelte Merodan zu.

„Bilde dir keine Schwachheiten ein, Angorner!“, schnaubte Merodan. „Das fehlte noch, dass ich mich dir ausliefere.“

„Wenn ich dich morgen besuche, komme ich nackt zu dir, dann werden wir ja sehen, wie standhaft du bist.“

„Lieber hänge ich mich an meinem Gürtel auf.“

„Aber bitte erst danach.“

Merodan sah Juliane an. „Was sagst du als Frau zu diesem unkeuschen Ansinnen? Würdest du das dulden, wenn dich plötzlich ein nackter fremder Mann besuchte?“

Juliane biss sich auf die Unterlippe um ein Lachen zu unterdrücken. „Um ehrlich zu sein, würde mich das nur bedingt stören. Aryon ist wirklich ein gutaussehender Mann, Aber für mich wäre das nichts – ich bevorzuge doch eher den Körper einer Frau. War das nicht feinfühlig, Aryon?“

Aryon schlug sich die Hand vor die Stirn. „Auch das noch! Merodan muss ja glauben, vor einem Abgrund zu stehen. Hättest du ihm das nicht schonender beibringen können?“

Merodan schaute lediglich verblüfft. „So etwas gibt es auch?“

„Irgendwann läuft auch mir die Zeit weg, Aryon. Ich habe nicht unbegrenzt Zeit – also warum um den heißen Brei herumreden?“ Sie erhob sich und trat einige Schritte auf Merodan zu. „Warum sollte es das nicht geben? Frauen können, wenn sie sich verlieben,  dabei durchaus das eigene Geschlecht bevorzugen.“

Merodan wich vor ihr zurück. „Ach so, naja, das habe ich nicht gewusst. Ganz Khazrak scheint ja ein Pfuhl der Sündhaftigkeit zu sein.“

„Sagen wir, ein Ort des unverkrampften Vergnügens“, schlug Aryon vor. „Und du wirst auch nicht als Geisel sterben, ohne vorher von mir geküsst zu werden. Jetzt bin ich zuversichtlich, dass du doch noch eine große Zukunft vor dir haben wirst. Dein Eis schmilzt so langsam.“

„Na dann habe ich ja doch etwas erreichen können, auch wenn ich kaum Fragen stellen konnte.“ Juliane grinste Aryon zu.

„Ist es so, wie Juliane sagt?“, fragte Aryon.

Merodan verschränkte die Arme und drehte sich um. „Weiß nicht, habe gar nicht hingehört.“

Aryon zwinkerte Juliane zu. „Was hältst du davon?“

„Ich denke, Merodan hat heute viel von sich preisgegeben, aber du kennst ihn ja. Da wirst du noch viel Geduld aufbringen müssen, aber ich bin mir sicher, dass es sich lohnen wird.“ Sie erhob sich lächelnd. „Ich muss allmählich zurück. Allzu lange darf ich in dieser Zeit nicht verweilen.“ Sie beobachtete die beiden ungleichen Männer und hatte das gute Gefühl, dass sie sich trotz allem ein wenig nähergekommen waren. „Ich wünsche euch einen schönen Tag und morgen noch einen Besseren.“ Sie zwinkerte Merodan zu. „Danke, dass ich für kurze Zeit hier sein durfte,  ohne dass du mich erwürgt hast.«

»Das hätte ich getan, wenn Aryon dich nicht mit seiner Magie beschützt hätte.«

Aryon lächelte milde. «Danke, Juliane, dass du gekommen bist. Du hast damit mehr bewirkt, als ich in all den Tagen, wo ich mich vergeblich an dem Eisberg abgearbeitet habe.“ Er wandte sich an Merodan: „Hast du gehört? Juliane muss gehen. Ich bringe sie hinaus.“

„Wünsche noch einen schönen Tag“, knurrte Merodan.

„Na dann, bis morgen.“

„Aber nicht nackt.“

„Soll ich denn wiederkommen?“

Es trat eine Stille ein. Dann brummelte Merodan etwas. Aryon fragte Juliane: „Hast du verstanden, was er gesagt hat?

Sie grinste. „Es hat sich nach „Ja, bitte“ angehört.“

[ROMAN] Anamarnas Prophezeiung von Jutta Ahrens

Autor: Jutta Ahrens
Taschenbuch: 691 Seiten
ISBN: 978-1520459851
Preis: 2,99 EUR (eBook) / 16,99 EUR (Taschenbuch)
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Story:
Nachdem dem Magier Lukir all seine Kräfte verloren wurden und man ihn aus dem Inselreich Lyngorien verbannt hat, fängt er in Achlad ein neues Leben an. Doch es hält ihn nicht lang bei der einfachen Bevölkerung, wenngleich er sich als Talmane (Heiler) einen Namen gemacht hat. Lukirs Ziele liegen darin, seine Macht zurückzugewinnen und er schreckt auch nicht vor einem riskanten Selbstversuch zurück, der ihn zu einem nachtwandelnden Bluttrinker macht, der fortan nicht mehr altert. Jahrzehnte wandert er durch die Länder und zieht eine Spur aus Leichen hinter sich her, bis er im Kampf den jungen Aryon ebenfalls zu einem Bluttrinker macht. Fortan ist auch Aryon gezwungen in der Nacht zu wandeln, allerdings findet er mithilfe seines Freundes Rymor heraus, dass es Alternativen zum Bluttrinken gibt.

Das Schicksal will es, dass es beide Männer in Khazrak, in die Hauptstadt des Abarranenstammes verschlägt, wo Lukir auf den Magier Taswinder trifft, der ebenfalls auf Lyngorien. Während sich Lukir als Heiler durchschlägt, erhält Aryon den Auftrag sich um die Geisel Merodan zu kümmern – einen verstockten jungen Mann, der jeden als Feind ansieht. Mit der Zeit wird Taswinder zu einem immer größeren Problem, denn den abtrünnige Magier sehnt sich nicht nur nach Unsterblichkeit, er ist auch auf der Suche nach magischen Steinen, die dem Besitzer schier unendliche Macht verleihen. Schon bald müssen Lukir, Aryon, Merodan und Rymor zusammenarbeiten, um dem größenwahnsinnigen Taswinder Einhalt zu gebieten …

Eigene Meinung:
Mit „Anamarnas Prophezeiung“ legt Jutta Ahrens eine knapp 800 Seiten starke Fantasy-Trilogie vor, die ein Spinoff der Fantasy-Saga „Lacunars Fluch“ ist. Beide Geschichten spielen in derselben Welt (die glücklicherweise nicht von den typischen Fantasyrassen – Zwerge, Elfen, Orks – bevölkert wird), allerdings liegt der jeweilige Fokus auf verschiedenen Charakteren, ebenso spielen die Geschichten zu unterschiedlichen Zeiten. Man kann sie also problemlos getrennt voneinander lesen.

Inhaltlich braucht man etwas, um in die Fantasywelt einzutauchen und die verschiedenen Charaktere kennenzulernen. Dementsprechend langatmig erscheint dem Leser der Anfang der Geschichte, in der man Lukir und seine Wandlung in einen Bluttrinker verfolgt. Im Grunde ist dieser Abschnitt lediglich eine Einleitung, denn wirklich spannend wird es erst, als die Charaktere in Khazrak sind und sich Taswinder zunehmend zu einem Problem entwickelt. Erst dann fällt es schwer, das Buch aus der Hand zu legen, da man wissen möchte, wie die unterschiedlichen Figuren gegen die Probleme ankämpfen, die ein größenwahnsinniger Magier mit sich bringt. Hier zeigt sich dann auch die Komplexität der Geschichte, denn Jutta Ahrens begnügt sich nicht mit einfachen Lösungen, sondern versucht viel Abwechslung in Form von überraschenden Wendungen einzubauen. Das gelingt ihr meistens, hin und wieder verliert sie jedoch den roten Faden ein wenig oder widerspricht sich in einigen Dingen, die vorher anders erzählt wurden.
Nichtsdestotrotz ist die Grundidee mit den magischen Steinen spannend, ebenso die Ausarbeitung. Dank der vielen Charaktere, aus deren Sicht die Geschichte erzählt wird, erhält man einen guten und umfassenden Überblick und kann sich ein gutes Bild der jeweiligen Situation machen. War es zu Beginn schwierig, die vielen Blickwinkel zu sortieren und die jeweiligen Perspektiven zu lesen, so bietet der auktoriale Erzählstil dem Leser die Möglichkeit alle wichtigen Details mitzubekommen und die Hintergründe komplett zu erfahren. Dabei wird nie zu viel verraten – es bleibt durchweg spannend und actionreich. Leider wirkt das Ende ein wenig gehetzt und irgendwie unvollständig, was daran liegt, dass Jutta Ahrens noch einen Passus eingebaut hat, der in meinen Augen nicht unbedingt notwendig gewesen wäre.

Die Charaktere sind interessant und vielseitig, stimmungsvoll in Szene gesetzt und sehr individuell. Jutta Ahrens gelingt es spannende Stereotypen zu entwickeln, die zwar einem bestimmten Bild entsprechen, aber dennoch für einige Überraschungen gut sind. Ganz besonders Lukir ändert sich im Laufe der Zeit, ebenso Merodan und Aryon. Alle Charaktere handeln in sich logisch und reagieren passend zu den Dingen, die um sie herum vonstattengehen. Da der Leser rund zehn Figuren näher kennenlernt und die jeweiligen Perspektiven mitbekommt, findet schnell seine Lieblinge. Ein wenig schade ist es, dass es fast keine weiblichen Figuren gibt – nur am Rande kommen zwei Frauen vor, die ein wenig mehr ins Gewicht fallen.

Stilistisch ist „Anamarnas Prophezeiung“ zunächst gewöhnungsbedürftig – Bücher in auktorialem Erzählstil sind heutzutage eher selten, so dass man ein wenig braucht, um sich an die beständigen Perspektivsprünge und Personenwechsel zu gewöhnen. Deswegen findet man erst im Laufe der Zeit Zugang zu den Figuren und der komplexen Geschichte. Spätestens dann zeigen sich jedoch die Vorteile von Jutta Ahrens‘ Stils – dank des dreidimensionalen Stils kann man das große Ganze wesentlich besser erfassen und tiefer in die Geschichte eintauchen, als wenn alles nur aus einer Perspektive erzählt worden wäre.
Ansonsten überzeugt Jutta Ahrens mit einem flüssigen, soliden Stil, einem Händchen für Spannung und erotischen Szenen, die manchmal ein wenig hölzern klingen. Dennoch liest sich „Anamarnas Prophezeiung“ flüssig und macht durchaus Lust auf mehr – insbesondere auf „Lacunars Fluch“, insofern man den noch nicht kennt.

Fazit:
„Anamarnas Prophezeiung“ ist eine gelungene Fantasy-Trilogie, die zwar ein wenig Zeit braucht, um anzulaufen und durch die auktoriale Erzählweise zu Beginn ein wenig gewöhnungsbedürftig ist, jedoch schnell an Spannung und Action aufbaut. Jutta Ahrens überzeugt mit interessanten und logisch handelnden Figuren, einer spannenden Grundidee und einer sehr komplexen Geschichte, die erst durch die vielen Perspektiverträger zum Tragen kommt. Wer ungewöhnliche Fantasyromane ohne die klassischen Rassen sucht und vor dem Umfang nicht zurückschreckt, sollte der Trilogie eine Chance geben – es lohnt sich.

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[ROMAN] Kianusch der Perser von Jutta Ahrens

Autor: Jutta Ahrens
Taschenbuch: 394 Seiten
ISBN: 978-1520442556
Preis: 2,99 EUR (eBook) / 9,99 EUR (Taschenbuch)
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Story:
Der arrogante, selbstverliebte Perser Kianusch fristet ein Dasein in Wohlstand innerhalb der sicheren Mauern Babylons. Das ändert sich, als er von dem Oberpriester Gaumata beauftragt wird, eine Reihe von Morden aufzuklären, die die unterschiedlichsten Bevölkerungsschichten treffen. Zunächst ist Kianusch überhaupt nicht begeistert, doch mit der Zeit fängt er Feuer für seinen Auftrag. Dabei lernt er den Gaukler Aschkan kennen, ebenso den „König“ von Bit-Charuru Manu – ohne zu ahnen, welch dunklen Geheimnisse die beiden Männer haben. Während sich Kianuschs Verhalten grundlegend ändert und er sich mehr und mehr zu Manu hingezogen fühlt, stößt er nicht nur auf eine Sekte aus Dämonenanbetern sondern auch auf ein weitreichendes politisches Komplott, dass sich bis ins Königshaus erstreckt …

Eigene Meinung:
Wer historische Romane mit schwulen Helden sucht, kommt an Jutta Ahrens nicht vorbei. Bereits in den 90er Jahren erschien mit „Der König von Assur“ ein Roman, der sich in vielerlei Hinsicht von der breiten Masse abhebt. Mit „Kianusch der Perser“ kehrt sie in die vorchristliche Zeit zurück und bringt, basierend auf historischen Dokumenten, einen spannenden Kriminalfall zu Papier.

Inhaltlich legt Jutta Ahrens ein originelles, historisches Buch vor, das durch eine komplexe Handlung und unvorhersehbare Wendungen besticht. Bereits nach wenigen Seiten ist man in die pompöse Stadt der Götter eingetaucht und wandelt mit den Charakteren durch Babylon. Dank der sehr schönen Beschreibungen und der historisch korrekten Hintergründe wird die Zeit um 525 v.Chr. lebendig und lässt einen so schnell nicht mehr los. Auch der Kriminalfall, den Kianusch lösen darf und die Sekte, über die er bei seinen Ermittlungen stolpert, wirken in sich schlüssig und sorgen dafür, dass man den Roman nur schwer aus der Hand legen kann. Am gelungensten ist jedoch das Finale, bei dem sich alle Fragen klären und so manches unvorhergesehene Geheimnis lüftet.

Neben der tollen Geschichte können auch die Charaktere überzeugen. Was der Autorin bereits beim „König von Assur“ vortrefflich gelungen ist, gelingt ihr auch hier – die allmähliche Wandlung von Kianusch von einem oberflächlichen, arroganten Schönling zu einem mitfühlenden und rechtsschaffenden jungen Mann, der für seine Ideale zu kämpfen bereit ist. Dass er dabei erkennt, dass ihm weibliche Gesellschaft nicht liegt, kommt nur am Rande vor und nimmt kaum Platz ein. Gay Historical Leser werden daher vielleicht enttäuscht sein, denn die wachsende Beziehung zwischen Kianusch und Manu findet nur in kleinen Szenen Erwähnung. Schlimm ist das nicht, denn das Hauptaugenmerk bleibt so auf dem Kriminalfall und den abwechslungsreichen Intrigen, was in dem Fall besser ist.
Neben Kianusch treten weitere spannende Figuren auf – der zum Tode verurteilte Meuchelmörder Artembares, der Gaukler Ashkan, Manu und viele Nebencharaktere, die für die Handlung wichtig sind. Sie alle wirken sehr lebendig und handeln in sich schlüssig. Sie machen den Roman erst zu dem was er ist – authentisch und gut nachvollziehbar.

Auch stilistisch kann „Kianusch der Perser“ überzeugen. Zu Beginn braucht man ein wenig, um sich an den auktorialen Erzählstil zu gewöhnen, doch mit der Zeit hat man keine Probleme mehr mit den Perspektivwechseln und den Sprüngen zwischen den Charakteren. Jutta Ahrens gelingt es trotzdem zu überraschen, obwohl man bei den Morden hautnah dabei ist und von Anfang an weiß, wer hinter den Taten steckt. Das liegt vor allem daran, dass der Auftraggeber im Dunkeln bleibt und man einige Nebenstränge erst mit Kianusch gemeinsam entdeckt.
Sehr gelungen sind auch die Dialoge und die Beschreibungen der Stadt, der Menschen und der Götter- bzw. Dämonenwelt. Jutta Ahrens hat ein Händchen für die damalige Zeit und eine bildhafte Darstellung der Welt. Sowohl die Figuren überzeugen, als auch Babylon mit seinem Pomp und seinen dunklen Gassen. Dank des schönen Schreibstils taucht man problemfrei in die vorchristliche Zeit ein und möchte am Ende gerne weitere Abenteuer mit Kianusch und seinen neuen Freunden bestehen.

Fazit:
„Kianusch der Perser“ ist ein gelungener historischer Roman, der durch eine spannende, komplexe Handlung, sympathische Charaktere und einen guten Schreibstil besticht. Wer Jutta Ahrens „Der König von Assur“ / „Der blutige Thron“ mochte, ist mit diesem Buch gut beraten, denn die Autorin erschafft einmal mehr glaubhaft und authentisch eine antike Stadt und entführt den Leser zu einem abwechslungsreichen Kriminalfall. Wer historische Romane aus der Antike mit einem schwulen Helden mag, sollte zugreifen – sowohl Fans queerer Geschichten, als auch solche, die mit dem Thema noch keine Berührung hatten, werden auf ihre Kosten kommen. Zu empfehlen.

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