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[ROMAN] Helga: Als es noch keine Worte dafür gab – Mein Weg vom Mann zur Frau von Helga F. und Sabine Weigand

Autor: Helga F. / Sabine Weigand
Hardcover: 288 Seiten
ISBN: 978-3810525253
Preis: 16,99 EUR (eBook) / 18,99 EUR (Hardcover)
Bestellen: Amazon

Inhalt:
Bereits in jungen Jahren weiß der 1931 geborene Hermann, dass etwas mit ihm nicht stimmt – er fühlt sich fremd in seinem Körper und will lieber ein Mädchen sein. Da es so etwas in dieser Zeit nicht geben darf, versucht er ein „normales“ Leben als Ehemann und Vater zu führen. Doch der Drang nach Frauenkleidern und die Sehnsucht nach dem Leben einer Frau wird immer größer und mündet letztendlich in einem Selbstmordversuch, den er nur knapp überlebt. IN der Klinik erfährt er endlich, dass es für seinen Zustand einen Namen gibt – Transsexualität und dass in Casablanca geschlechtsanpassende Operationen durchgeführt werden können. Nachdem er sich gegenüber seiner Familie geoutet hat und Geld für die Teuer Operation gespart hat, wagt er den gefährlichen Schritt um endlich eine vollwertige Frau zu werden. Doch damit beginnen neue Probleme, denn das zweite Leben als Helga ist nicht unbedingt einfacher …

Eigene Meinung:
Der autobiografische Roman „Helga: Als es noch keine Worte dafür gab – Mein Weg vom Mann zur Frau“ erschien im Fischer Verlag. Die bemerkenswerte Geschichte von Helga F. wurde von Sabine Weigand niedergeschrieben, die vor allem durch ihre historischen Romane bekannt geworden ist.

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[ROMAN] Letztendlich geht es nur um dich von David Levithan

Autor: David Levithan
Hardcover: 400 Seiten
ISBN: 978-3841422408
Preis: 16,99 EUR (HC) | 14,99 EUR (eBook)
Bestellen: Amazon

Story:
Rhiannons Leben ist simpel und überschaubar – sie geht zur Schule, hat einen festen Freundeskreis und in dem Mitschüler Justin ihre große Liebe gefunden. Dass dieser sie mitunter ignoriert und nur selten wirklich auf sie eingeht, nimmt sie in Kauf, da sie sich sicher ist, dass Justin sie im Inneren wirklich liebt, auch wenn er dies nicht zeigen kann. Alles ändert sich, als Justin eines Tages vollkommen anders ist – er ist aufmerksam, hört ihr zu und nimmt sie mit ans Meer, wo die beiden über Gott und die Welt reden. Rhiannon glaubt endlich am Ziel zu sein, hofft auf eine glückliche Zukunft mit ihrem Freund – doch dieser kann sich an diesen besonderen Tag nicht erinnern. Als plötzlich ein Junge/Mädchen namens A auftaucht und ihr erzählt, dass er/sie jeden Tag im Körper eines anderen Jungen/Mädchen aufwacht, glaubt Rhiannon an einen Scherz. Schnell muss sie jedoch erkennen, dass A recht hat, da er/sie jeden Tag in einer anderen Form auftaucht und vor einiger Zeit in Justins Körper steckte. Und dass er/sie sich in Rhiannon verliebt hat – Gefühle die diese mit der Zeit erwidert, so schwer es ihr auch fällt, sich auf jemanden einzulassen, der keine feste Form haben kann …

Eigene Meinung:
David Levithan ist einer der bekanntesten amerikanischen Jugendbuchautoren der heutigen Zeit. Seine Romane wurden mit mehreren Preisen ausgezeichnet und finden sich immer wieder in den Bestsellerlisten. Da er selbst schwul ist, findet man häufig queere Elemente in seinen Romanen (z.B. „Will & Will“, „Noahs Kuss“ oder „Two Boys kissing“). Auch „Letztendlich geht es nur um dich“ greift das Thema Homosexualität (in einer ungewöhnlichen Form) auf und passt dich damit dem „ersten“ Band der Reihe „Every Day“ an, in dem die Geschichte aus A’s Sicht erzählt wird. Daher ist der vorliegende Roman keine Fortsetzung von „Letztendlich sind wir dem Universum egal“, sondern vielmehr eine Ergänzung – es ist dieselbe Geschichte aus einer anderen Perspektive.

Die Grundidee der Geschichte ist sehr interessant und bietet eine Menge Stoff zum Nachdenken und Diskutieren. Allein Levithans Idee, dass eine Seele jeden Tag in einen anderen Körper schlüpft und einen Tag lang das Leben der jeweiligen Person führt ist wahnsinnig spannend und originell. Die Tatsache, dass A sowohl in weibliche als auch männliche Körper fährt, sorgt dafür, dass er mit den üblichen Vorurteilen nur wenig im Sinn hat – Gefühle sind für ihn/sie wesentlich elementarer und haben nichts mit der körperlichen Erscheinung zu tun. Dies sorgt auch dafür, dass sich Rhiannon über viele Dinge klarwerden muss und viele Sachen in Frage stellt. Die Vergleiche, die Levithan an diesen Stellen anbringt, sind sehr gut nachvollziehbar und regen zum Nachdenken an, so dass sich beide Bücher der Reihe hervorragend als Schullektüre eignen würden. Auch sind die Gedanken und Gefühle der jungen Heldin glaubwürdig dargestellt, so dass man sich gut mit Rhiannon identifizieren kann (auch wenn man ihr manchmal Vernunft eintrichtern möchte).
Dennoch muss man sagen, dass das Buch nur schwer gegen „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ ankommen kann – für sich allein stehend funktioniert Rhiannons Geschichte durchaus, da sie interessante Aspekte liefert und durch eine gute Handlung überzeugen kann. Kennt man jedoch den Roman um A, so fällt es schwer die beiden Bücher miteinander in Einklang zu bringen. Das liegt natürlich daran, dass Fans des ersten Bandes keine wirkliche Fortsetzung in den Händen halten, sondern dieselbe Geschichte aus einer anderen Perspektive präsentiert bekommen. Das macht das Buch mitunter langweilig, da A’s Sicht wesentlich spannender ist und mehr Drama bietet – Rhiannon bleibt ein wenig blass (gerade im ersten Drittel) und da man die Geschichte schon kennt, erfährt man nur wenig Neues. So sind Leser von „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ zu recht enttäuscht, da man keinerlei Auflösung präsentiert bekommt und die Geschichte um Rhiannon an derselben Stelle endet, wie zuvor. Das frustriert ein wenig, da man doch gehofft hat, dass David Levithan die Handlung weiterführt und ein paar Erklärungen liefert.

Nichtsdestotrotz sind die Charaktere und ihre Aktionen gut nachvollziehbar – man mag mit Rhiannon und ihrer unterwürfigen Art am Anfang seine Probleme haben, aber man kann sie gut nachvollziehen und versteht, warum sie tut, was sie tut. Ihre Gedanken sind auf jeden Fall interessant und ihre Sicht auf die Ereignisse sorgt dafür, dass man „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ auf eine ungewohnt dreidimensionale Art und Weise begreift.
Dennoch stellt A sie mühelos in den Schatten, da er/sie eine solch schillernde und außergewöhnliche Figur ist, dass Rhiannon in seiner Gegenwart fast immer untergeht. Er/sie ist etwas Besonderes und es ist toll, ihm/ihr in diesem Buch wieder zu begegnen und ihn/sie durch Rhiannons Augen zu betrachten.
Auch die übrigen Charaktere sind toll – seien es Justin, Rhiannons Freunde oder deren Familie. Man merkt, dass authentische, jugendliche Charaktere zu David Levithans Stärken gehören, die seine Bücher erst zu dem machen, was sie sind. Er kann sich hervorragend in die Gedanken junger Menschen hineinversetzen und bringt diese sehr überzeugend zu Papier.

Stilistisch legt der Autor ein wundervolles, gut geschriebenes Jugendbuch vor, das in vielfacher Hinsicht überzeugen kann. David Levithan trifft den Nerv der Zeit und die Sprache der Jugend. Es macht einfach Spaß seine Bücher zu lesen und mit den verschiedenen Figuren mitzufiebern, auch wenn „Letztendlich geht es nur um dich“ die ein oder andere Länge enthält und nicht ganz so mitreißend ist wie seine anderen Werke.

Fazit:
„Letztendlich geht es nur um dich“ ist ein schönes Jugendbuch, das durch eine tolle Thematik und eine gut nachvollziehbare Heldin besticht. Wer den Vorgänger „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ kennt, wird von der Geschichte aus Rhiannons Sicht enttäuscht sein, wartet David Levithan doch nicht mit einer Fortsetzung auf, sondern wärmt die Ereignisse aus Rhiannons Sicht noch einmal auf. Daher ist das vorliegende Buch bei weitem nicht so gut, wie „Letztendlich sind wir dem Universum egal“, für sich allein stehend kann es aber dennoch überzeugen. Wer A’s Geschichte schon kennt, sollte sich überlegen, ob er  die Geschichte wirklich noch einmal aus Rhiannons Perspektive lesen muss (denn es gibt leider keine neuen Antworten), wer David Levithans ungewöhnliche Liebesgeschichte noch nicht kennt, kann sich überlegen, welche erzählende Figur ihm mehr zusagt – ich persönlich rate eher zu „Letztendlich sind wir dem Universum egal“, da dieses Buch wesentlich spannender und fesselnder ist.

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[ROMAN] Letztendlich sind wir dem Universum egal von David Levithan

Autor: David Levithan
Hardcover: 400 Seiten
ISBN: 978-3841422194
Preis: 16,99 EUR (HC) | 9,99 EUR (eBook)
Bestellen: Amazon

Story:
So lange er denken kann, wacht A jeden Tag in einem anderen Körper und damit in einem anderen Leben auf. Feste Regeln und Gesetze gibt es kaum, so kann er männlich oder weiblich sein, allen Kulturen angehören und jeder Gesellschaftsschicht. Einzig das Alter der Körper entspricht ungefähr seinem eigenen. Zumeist versucht er das Leben, das er sich ausborgt, nicht durcheinander zu bringen und unbemerkt durch den Tag zu kommen.

Als er für einen Tag im Körper von Justin aufwacht und dessen Freundin Rhiannon kennenlernt, verliebt er sich unsterblich in sie. Plötzlich erwacht in A der Wunsch nach mehr und so beginnt er sein ursprüngliches Vorgehen zu verändern, um das Mädchen immer wieder zu treffen. Dabei wird erstmals ein Junge namens Nathan, den er ebenfalls für einen Tag „besetzt“ hatte, auf seine Existenz aufmerksam, was einen großen Medienrummel mit sich bringt und den seltsamen Pastor Poole auf den Plan ruft. Doch dieses Problem ist für A zweitrangig, denn es stellt sich mehr und mehr die Frage, ob Rhiannon jemanden lieben kann, der jeden Tag ein anderer ist?

Eigene Meinung:
David Leviathan ist neben John Green einer der bekanntesten und erfolgreichsten Jugendbuchautoren unserer Zeit. Aus seiner Feder stammen Bücher wie „Nick & Norah – Soundtrack einer Nacht“, „Noahs Kuss“ (beide gemeinsam mit Rahel Cohn geschrieben) und „Will und Will“, welches er mit John Green verfasste. In vielen Büchern ist Homosexualität ein zentrales Thema, da der Autor selbst schwul ist und einige seiner Geschichten auf realen Erlebnissen basieren.

Mit „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ erschien im März 2014 sein neuster und zugleich ungewöhnlichster Roman, der 2015 um der Fortsetzung „Rhiannon“ erweitert werden soll, die die Ereignisse aus Rhiannons Sicht erzählen wird. Zudem gibt es das eBook „Six Earlier Days“ (leider nicht in deutsch erhältlich), in dem der Leser kurze Einblicke in das Leben des Protagonisten erhält, bevor er ihr begegnete, und wie er zu der Persönlichkeit wurde, die er jetzt ist.

Die Grundidee des Buches ist ungewöhnlich und fantastisch zugleich. Doch David Leviathans Roman ist nicht im Fantasy-Bereich angesiedelt, sondern fest mit der Realität verwurzelt. Ein täglicher Körperwechsel, alle 24 Stunden ein neues Leben, in dem sich A zurechtfinden muss, bedeutet auch für den Leser jedes Mal eine neue Perspektive und neue Herausforderungen. Das macht „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ zu einem interessanten und spannenden Buch, da der Autor eine ganz andere Liebesgeschichte erzählt, die nur schwer realisierbar ist, selbst als Rhiannon die Wahrheit kennt und die Gefühle des Protagonisten erwidert. Was dem Leser von Anfang an wie eine unangenehme Vorahnung beschleicht, wird im Laufe der Geschichte auch A bewusst.

Die Liebesgeschichte zwischen A und Rhiannon ist zentrales Thema des Buches, wenngleich das bei der interessanten Hintergrundidee seltsam erscheint. So bekommt der Leser nie Antworten auf die Fragen, was dafür gesorgt hat, dass A täglich die Körper wechselt, oder ob es für ihn eine Möglichkeit gibt, den Fluch zu brechen. Hier arbeitet David Leviathan eher mit Andeutungen und durch Pastor Poole mit festen Hinweisen, die jedoch nicht gänzlich in die Geschichte eingebaut werden, so dass man durchaus mit einer Fortsetzung aus As Sicht rechnen könnte, da im Buch angesprochen wird, dass er nicht der Einzige ist. Dass der Autor diesen Punkt nicht vertieft mag seltsam erscheinen, doch es passt zum Gesamtaufbau und der Geschichte, die David Leviathan erzählen will – eine Liebesgeschichte, die über das körperliche hinaus geht und die ein oder andere philosophische Frage über das Leben, die Seele und die Persönlichkeit eines Menschen aufgreift. Auch stellt er offen die Frage, ob man in der Lage ist, einen Menschen um seiner Persönlichkeit Willen zu lieben, ganz egal welchen Körper man vor sich hat. So ist es A. vollkommen gleichgültig, ob er als Junge oder Mädchen einen Jungen oder ein Mädchen liebt, da für ihn nur die Person zählt, nicht der Körper, während sich viele damit schwer tun.

Die Charaktere sind, wie nicht anders zu erwarten, sehr realistisch und greifbar. Das trifft sowohl für A und Rhiannon zu, als auch für die vielen Jugendlichen, in deren Körper der Protagonist schlüpft. Als Leser lernt man einen bunten Querschnitt durch die amerikanische Jugend kennen: vom Footballstar zur hochnäsigen Cheerleaderin, vom Streber zum schwarzen Hausmädchen, das illegal für die Reichen putzt. Sie werden zwar nur gestreift, doch man erhält einen interessanten Einblick in die unterschiedlichen Schichten der amerikanischen Gesellschaft.

David Leviathans Schreibstil ist sehr flüssig und angenehm. Wer seine Bücher kennt, weiß, wie nah der Autor an der heutigen Jugend schreibt und wie gut er sich in die Gefühlswelt eines Jugendlichen hineinversetzen kann. „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ ist hierbei keine Ausnahme – der Roman ist komplett aus As Sicht erzählt und logischerweise in der Ich-Perspektive geschrieben. Man lernt den Hauptcharakter sehr intensiv kennen, erlebt die Geschichte durch seine Augen. Daher wird man Umgebungsbeschreibungen oder Details eher weniger finden, da sich der Autor auf seinen Protagonisten, dessen Gefühle und Sinneseindrücke konzentriert. Dennoch hat man nie das Gefühl, das etwas fehlt, im Gegenteil. „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ ist perfekt, so wie es ist und liest sich dank des schönen Schreibstils und der interessanten Figuren flüssig und schnell.

Fazit:
„Letztendlich sind wir dem Universum egal“ ist ein tolles, sensibles und eingehendes Buch über das Leben und die Liebe, ohne jemals ins Kitschige oder Dramatische abzudriften. David Leviathan ist ein außergewöhnliches, fast schon philosophisches Buch gelungen, das mehr zu bieten hat, als eine einfache Liebesgeschichte zwischen Junge und Mädchen. Die Charakter sind fesselnd und glaubwürdig, die Geschichte gut nachvollziehbar und mitreißend und der Stil des Autors stimmig und wunderbar. Ein Jugendbuch, das auch Erwachsenen zu empfehlen ist. Unbedingt reinschauen.

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[ROMAN] George von Alex Gino


Autor: Alex Gino
Übersetzer: Alexandra Ernst
Hardcover: 208 Seiten
ISBN: 978-3737340328
Preis: 12,99 EUR (eBook) | 14,99 EUR (Hardcover)
Bestellen: Amazon

Story:
George ist 10 Jahre alt und weiß genau, dass sie eigentlich ein Mädchen ist. Sie fühlt sich wie eins und träumt davon, dass auch ihr Umfeld sie als so wahrnimmt, wie sie ist. Als die Schule ein Theaterstück plant, setzt George alles daran, die weibliche Hauptrolle zu bekommen, damit sie der Welt zeigen kann, wer sie wirklich ist. Doch dies ist nicht so einfach, denn ihre Lehrerin will nicht akzeptieren, dass ein Junge die Rolle der Spinne Charlotte spielen kann und auch ihre Mutter hat zunehmend Schwierigkeiten mit ihrem „Sohn“ George …

Eigene Meinung:
Mit dem Roman „George“ erschien eines der ersten Transgender Kinderbücher und spiegeln die Erlebnisse und Erfahrungen der Autorin Alex Gino wieder, die in den queeren und transgender Bewegungen aktiv ist. Die deutsche Fassung erschien im Fischer Verlag, der bereits mehrere Romane zum Transgender-Thema auf den Markt brachte (u.a. „Zusammen werden wir leuchten“, „Teddy Tilly“). „George erhielt mehrere Auszeichnungen und Preise.

Die Geschichte handelt von George, die sich schon in jungen Jahren als Mädchen fühlt, jedoch Probleme damit hat, sich anderen gegenüber zu öffnen. Erst als sie sich ihrer besten Freundin Kelly anvertraut und von dieser Unterstützung erfährt, setzt es sich George als Ziel, der Welt zu beweisen wer er ist. Die Handlung ist kindgerecht aufgearbeitet und gibt auch junge Leser die Möglichkeit sich mit George zu identifizieren. Einige Begriffe und Wörter erscheinen mir jedoch etwas unpassend für jüngere Leser, doch insgesamt gelingt es Alex Gino gut, Georges Gedanken und Gefühle darzustellen und jüngeren Lesern zu übermitteln. Aufgrund der Altersgruppe, an die sich das Buch richtet und Georges Alter gibt es natürlich nur einige wenige Probleme, denen sich die Protagonistin stellen muss – das Mobbing durch einzelne Mitschüler, das Unverständnis von Lehrern und Familie. Zudem wirkt alles ein wenig glatt, da die meisten Dinge recht schnell überwunden werden. Auch endet das Buch recht offen, bzw. an einer Stelle, die viele Möglichkeiten offenlässt. Natürlich wäre eine intensivere Behandlung der Transgender-Thematik für ein Kinderbuch nicht geeignet gewesen, doch ein wenig mehr Tiefgang (vielleicht durch ein Gespräch mit der Direktorin) wäre schön gewesen. So lässt Alex Gino leider einiges an Potenzial ungenutzt.

Die Charaktere sind sehr liebenswert und nachvollziehbar gestaltet. George ist sehr sympathisch und man kann sich sehr gut mit ihr und ihren Problemen identifizieren. Sie ist eine stille, ruhige Heldin, die vieles mit sich ausmacht und nur selten Kontra liefert. Ihre beste Freundin Kelly ist wesentlich aktiver und offensiver, allerdings wirkt sie manchmal ein wenig altklug. Die übrigen Figuren wirken ein wenig blass, da der Schwerpunkt auf George und (später) auf ihrer besten Freundin Kelly liegt. Dennoch passen sowohl Georges Mutter und ihr Bruder, als auch ihre Mitschüler gut zur Geschichte und geben der jungen Heldin den perfekten Rahmen um sich zu entfalten.

Stilistisch legt Alex Gino ein solides Kinderbuch vor, das allein schon aufgrund seiner Thematik ein Muss für junge Leser ist. Er hat einen kindgerechten, sehr schlichten Schreibstil, der lediglich durch einige schwierigere Begriffe etwas unhandlich wirkt. Da stellt sich automatisch die Frage, ob ein 10-jähriges Kind wirklich die gesamte Tragweite des Buches begreifen kann, oder ob einige Punkte doch zu hoch gegriffen sind. Da Alex Gino jedoch auch Themen wie Akzeptanz, Toleranz und den Mut zu sich selbst zu stehen, aufgreift, ist „George“ durchaus auch für Leser ab 10 geeignet, insofern man im Bedarfsfall bereit ist anfallende Fragen zu beantworten.

Fazit:
„George“ ist ein schönes, thematisch wichtiges Kinderbuch, das dazu anleiten soll, zu sich selbst zu stehen und andere Menschen, ganz gleich wodurch sie sich unterscheiden, zu akzeptieren und zu tolerieren. Alex Gino hat ein schönes, wertvolles Kinderbuch erschaffen, das an einigen Stellen ein wenig übers Ziel hinausschießt, an anderen Potenzial ungenutzt verstreichen lässt. Wer junge Leser an die Thematik Transgender heranführen will, ist mit „George“ sehr gut bedient – sowohl die junge Heldin, als auch die Handlung ist passend für 10-Jährige. Zu empfehlen.

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[KINDERBUCH] Teddy Tilly von Jessica Walter und Dougal MacPherson


Autor: Jessica Walter
Illustrator: Dougal MacPherson
Übersetzer: Anu Stohner
Hardcover: 32 Seiten
ISBN: 978-3737354301
Preis: 14,99 EUR (Hardcover)
Bestellen: Amazon

Story:
Teddy Thomas ist unglücklich, denn er fühlt sich schon seit langer Zeit nicht als Teddybär, sondern als Teddybärin. Nach einigem Zögern offenbart er seinem besten Freund Finn sein Geheimnis und ist ehrleichtert, dass Finn sich an seinem Wunsch nicht stört, sondern ihm versichert, dass er ihn immer liebhaben wird. So wird aus Thomas Tilly und die Freundschaft der beiden wird immer tiefgründiger und stärker …

Eigene Meinung:
Das Bilderbuch „Teddy Tilly“ entstand im Rahmen einer Crowdfunding Kampagne der australischen Mutter Jessica Walter, die ihren Kindern gerne eine kindgerechte Geschichte über Transgender vorlesen wollte. Unterstützt von Dougal MacPherson, der die Geschichte illustriert hat, wurde die Kampagne ein Erfolg und das knapp 40-seitige Buch erschien. Im August 2016 veröffentlichte der Sauerländer Verlag „Teddy Tilly“ und präsentiert damit ein weiteres Transgender-Werk.

Die Geschichte ist kindgerecht aufgearbeitet und komplett illustriert. Jessica Walter behandelt Themen wie Akzeptanz, Toleranz und Vertrauen. Sie zeigt, dass sich zwischen Finn und Tilly nichts ändert, nachdem sich Thomas entschieden hat eine Teddybärin zu sein. Beide spielen nach wie vor zusammen, klettern auf ihr Baumhaus und trinken Kakao wenn es draußen regnet. Ihr gelingt eine zauberhafte Bilderbuchgeschichte, die vollkommen unkompliziert das Thema Transgender aufgreift und sehr einfühlsam jungen Lesern näherbringt. Das macht das Bilderbuch zu einem der wenigen existierenden Transgender Kinderbüchern, die aktuell auf dem Markt zu finden sind.

Ein wenig gewöhnungsbedürftig sind die Illustrationen von Dougal MacPherson, der mit seinem „15 Minute Drawings“ bekannt geworden ist. Sie wirken ein recht kantig, unsauber und kindlich, doch das passt recht gut zum Stil des Buches, da sich ein Kind in den recht einfachen, groben Zeichnungen rasch wiedererkennen dürfte. Teddy Tilly ist sehr liebevoll in Szene gesetzt, ebenso ihr bester Freund Finn.

Gelungen ist auch die Aufmachung der deutschen Ausgabe – ein stabiles Hardcover, vollfarbig und in einem sehr angenehmen Format.

Fazit:
„Teddy Tilly“ ist ein gelungenes Kinderbuch, das ein wichtiges Thema anschneidet und für Akzeptanz und Toleranz wirbt. Wer Kinder im passenden Alter hat und über das Thema Transgender aufklären will, sollte sich das Werk von Jessica Walter und Dougal MacPherson nicht entgehen lassen. Zu empfehlen.

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[ROMAN] Zusammen werden wir leuchten von Lisa Williamson


Autor: Lisa Williamson
Taschenbuch: 384 Seiten
ISBN: 978-3-7336-0109-6
Preis: 10,99 EUR (eBook) | 12,99 (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Bereits im Alter von acht Jahren weiß David, dass er ein Mädchen sein will. Seinen Eltern möchte er sein größtes Geheimnis nicht offenbaren – diese rechnen bei einem Coming-Out eher mit der Homosexualität ihres Sohnes, nicht damit, dass er Transgender ist. Lediglich Davids beste Freunde Essie und Felix wissen um Davids geheimen Wunsch. Sie halten zu ihm, auch wenn er in der Schule noch so oft von seinen Mitschülern angegangen und beleidigt wird.
Das Blatt wendet sich Stück um Stück als mit Leo ein neuer Schüler auftaucht, der aus einem schlechten Viertel und von einer noch schlechteren Schule stammt. Anstatt dem Mobbing tatenlos zuzusehen, verteidigt er David. Die beiden lernen sich kennen und Leo beginnt David Mathenachhilfe zu geben. Nach und nach werden die beiden Freunde und schon bald wird klar, dass auch Leo ein Geheimnis hat, dass vieles ändern könnte …

Eigene Meinung:
Der Roman „Zusammen werden wir leuchten“ ist das Debüt der Autorin Lisa Williamson und beschäftigt sich als eines der ersten Jugendbücher mit dem Thema Transgender. Die Autorin gewann mehrere Preise und erhielt weitestgehend positives Feedback. Die deutsche Ausgabe erschien 2015 beim Fischer Verlag.

Inhaltlich begleitet der Leser nicht nur David, seine Probleme und seine Sehnsüchte, sondern auch Leo, der es sich zum Motto gemacht hat möglichst unsichtbar zu bleiben und nicht aufzufallen. Seine Vorsätze geraten ins Wanken, als er sich in Alicia verliebt und irgendwann vor dem Problem steht, ihr sein größtes Geheimnis anvertrauen zu müssen, was jedoch für mehr Probleme sorgt, als er es sich je gedacht hat. Hauptsächlich geht es in dem Jugendbuch um Freundschaft und Vertrauen, Mut und Selbstbewusstsein. Sowohl David, als auch Leo müssen für das kämpfen, was sie sind und dabei erwachsen werden. Die Freundschaft, die sich zwischen ihnen entwickelt ist eher ruppig und direkt, teilweise schweißt sie nur ein ähnliches Geheimnis zusammen – beide sind Transgender, beide haben mit ihrer Geschlechtsidentität zu kämpfen und dafür, ein normales Leben zu führen. Leo ist David in vielen Punkten voraus, doch seine schwierige Familiensituation sorgt dafür, dass er gegen etliche Probleme anzukämpfen hat.
Ein wenig schade ist, dass David im Laufe der Geschichte immer mehr in den Hintergrund rückt – wer den Klappentext gelesen hat, geht beinah davon aus, dass es in „Zusammen werden wir leuchten“ um David und seine Probleme geht. Stattdessen steht im Grunde eher Leo im Mittelpunkt, dem mehr Platz eingeräumt wird, als es zunächst den Anschein hat. Da es lange dauert, bis sein Geheimnis gelüftet wird, weiß der Leser nicht so recht, wo er ihn einordnen soll – er hilft David zwar, ist an Freundschaft aber nicht interessiert. Auch später entwickelt sich nur eine recht lose Beziehung zwischen den beiden, da Leo jegliche Versuche Davids abblockt. Man kann Leos Beweggründe am Ende zwar nachvollziehen, doch gerade im Mittelteil sammelt er keinerlei Sympathiepunkte.

Dennoch ist Lisa Williamson ein solides, wichtiges Jugendbuch geglückt, dem es gelingt die Gefühle von Transgender sehr gefühlvoll und verständlich in Szene zu setzen und die damit einhergehenden Probleme und Ängste gut nachvollziehbar umzusetzen. Die Figuren wachsen einem ans Herz und man kommt nicht umhin, über die Dinge nachzudenken, die im Roman angesprochen wurden. „Zusammen werden wir leuchten“ regt auf jeden Fall zum Nachdenken und Diskutieren an.

Die Figuren sind sehr lebendig und authentisch, wenngleich Leo mit der Zeit einen schweren Stand hat. Aufgrund seiner ruppigen, manchmal unsympathischen Natur sammelt er nicht nur Pluspunkte. Allerdings versteht man seinen Charakter im Laufe der Zeit – er hat eine Menge durchgemacht, was ihn geprägt hat. David wiederum ist sehr sympathisch, so dass man ihn schnell ins Herz schließt. Ihm wünscht man, dass all seine Wünsche in Erfüllung gehen und er sich mit der Zeit gegen seine Mitschüler zur Wehr setzen kann.
Die übrigen Figuren können ebenfalls überzeugen, bleiben jedoch relativ blass. Essie und Felix mögen zwar Davids beste Freunde sein, doch sie kommen lediglich am Rande vor, Alicia und Leos Klassenkameraden wirken ebenfalls ein wenig schablonenförmig. So lebendig und witzig Leo und David sein, die Nebencharaktere kommen leider ein wenig zu kurz. Wenigstens wurde auf Leos Familie eingegangen, die wesentlich mehr Tiefgang haben, als Davids Freunde, Eltern und Geschwister. Das ist sehr schade, da dadurch David mitunter ein wenig untergeht.

Stilistisch bietet „Zusammen werden wir leuchten“ solide, gut geschrieben Jugendbuchlektüre. Lisa Williamson springt zwischen Davids und Leos Perspektive hin und her (was sogar eine Anpassung des jeweiligen Schriftbildes nach sich zieht). Obwohl die Autorin versucht beide Charaktere dieselbe Aufmerksamkeit zu schenken, hat man doch das Gefühl, dass Leo im Zentrum der Geschichte steht. Ansonsten legt Lisa Williamson ein gutes Debüt vor, das durch gute Dialoge, schöne Beschreibungen und einen guten Einblick in die Gefühlswelten von Transgender besticht.

Fazit:
Lisa Williamsons Debüt „Zusammen werden wir leuchten“ ist ein schönes, thematisch wichtiges Jugendbuch, das durch lebendige Charaktere und einen angenehmen Schreibstil besticht. Hin und wieder wünschte man sich eine andere Gewichtung, was die verschiedenen Handlungsstränge betrifft, ebenso hätte die Autorin bei einigen Punkten mehr in die Tiefe gehen können. Dennoch ist der Roman allein aufgrund seiner Thematik ein Buch, das man lesen sollte und ist trotz einiger Abstriche lesenswert. Reinschauen!

 

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[ROMAN] Das Ende von Eddy von Édouard Louis

Autoren: Édouard Louis
Taschenbuch:  208 Seiten
ISBN: 978-3100022776
Preis: 16,99 EUR (ebook) | 18,99 EUR (Hardcover)
Bestellen: Amazon

Story:
Schon von klein auf ist Eddy anders als die übrigen Kinder des ärmlichen Dorfes in der Picardie, in der echte Männer von der Schule abgehen, Frauen abschleppen und saufen. Er hat nicht nur eine hohe Stimme, sondern auch einen tänzelnden Gang und ist es gewohnt seine Worte mit ausholenden Gesten zu unterstreichen. Bereits in der Schule wird ihm dies zu Verhängnis, denn er ist schnell zum Schwulen degradiert – lange bevor er überhaupt weiß, was dieses Wort bedeutet. Die Auswirkungen bekommt er direkt zu spüren, mal in verbaler, mal in körperlicher Gewalt. Für ihn steht fest, dass er alles daran setzen will, um nicht schwul zu sein – lieber arbeitsloser Fabrikarbeiter mit krankem Rücken und Alkoholproblem, als der Außenseiter des Dorfes zu sein. Doch so leicht lässt sie seine Natur nicht abändern …

Eigene Meinung:
Mit „Das Ende von Eddy“ erschien 2013 das Debüt des damals erst 20-jährigen Édouard Louis, das deutliche autobiografische Züge aufweist. Bis heute verkaufte sich der Bestseller über 200.000 mal in Frankreich, in Deutschland erschien der Roman bei Fischer. Auf sehr direkte und unverblümte Art und Weise berichtet der Autor von seiner Kindheit in der französischen Provinz und was es heißt dort als homosexueller Junge zu leben.

Die Geschichte des jungen Eddy nimmt einen schon auf den ersten Seiten gefangen – schon früh in die Rolle des Außenseiters gedrängt, versucht er sein Leben auf verschiedene Weisen zu meistern: Anpassung an das Leben der übrigen Menschen eines Dorfes, in dem die Zeit stillzustehen scheint. Männer gehen frühzeitig von der Schule ab, arbeiten in der Fabrik, heiraten und produzieren einen Stall Kinder; Frauen werden Verkäuferinnen, Friseure oder Altenpflegerinnen, heiraten möglichst jung und bringen die Kinder zu Welt, um nicht als frigide oder lesbisch zu gelten. So sehr man die Gutbürgerlichen um ihr Geld beneidet, so sehr verachtet man sie; Armut ist der ewige Begleiter, zusammen mit Gewalt und Brutalität, die erschreckend alltäglich daherkommt und ebenso akzeptiert und toleriert wird wie Rassismus und Fremdenhass.
Das Eddy allein wegen seiner hohen Stimme, seiner Mimik und Gestik kaum eine Chance hat, wird schnell deutlich: in den Augen seiner Familie und der übrigen Bewohner ist er schwul, weil er sich auffallend weiblich verhält und heult, sobald man ihn schlägt. Es braucht lange bis Eddy erkennt, dass er sich nicht anpassen kann und lieber aus diesem Leben fliehen möchte, um anderswo sein Glück zu suchen. Bis es soweit ist durchlebt der Leser zusammen mit Eddy die Hölle, denn die gesamte Kindheit und Jugend von Angst, Selbsthass und Abneigung geprägt, die ihm von allen Seiten entgegenschlägt. Hinzukommt die Armut, in der die Familie lebt und die zeigt, wie schlecht es mitunter einigen Menschen heute noch geht: teils gibt es nichts zu essen, Ärzte sind verpönt und wer in der Schule mitarbeitet, degradiert sich selbst zum Außenseiter. Das Leben des einfachen Arbeiters ist hart, der Weg jedoch vorherbestimmt, sobald man in die Provinz hineingeboren wird: es ist ein beständiger Kreislauf, den man kaum durchbrechen kann.

Mit einer enormen sprachlichen Wucht und eine unverblümten, verbalen Brutalität erzählt der Autor die Geschichte von Eddy. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, scheut sich nicht vor intimen Details aus seinem Leben und schont den Leser in keiner Weise. Man ist gleichermaßen schockiert, getroffen und berührt, denn Édouard Louis gibt Einblicke in die vollkommen fremde Welt der tiefsten Provinz. Positiv ist, dass er den Dialekt und die Sprache der Arbeiter perfekt wiedergibt, was den Unterschied zwischen den Menschen der Picardie und dem Ich-Erzähler deutlich macht. So sind die Worte seiner Eltern zumeist kursiv gehalten, ebenso die Dialoge der übrigen Bewohner des Dorfes. Schon optisch hebt sich die Sprache der Arbeiterklasse dem von Eddy bzw. dem Erzähler ab, der sich wesentlich besser und gepflegter auszudrücken vermag. Dennoch geling es dem Autoren vollkommen neutral und wertungsfrei zu beschreiben: so schrecklich und brutal die Schüler, Bewohner und Menschen auch sind, die Eddy zusetzen, sie wirken realistisch und sind nicht übertrieben bösartig. Auch verzichtet er auf versteckte Anklagen und greift niemanden direkt an, was auch nicht zu „Das Ende von Eddy“ gepasst hätte. Édouard Louis trifft die richtigen Töne und überzeugt mit sprachlicher Genauigkeit, einem direkten Stil und einer erschütternden Direktheit, was Erniedrigung, Gewalt und Brutalität betrifft.

Fazit:
Édouard Louis‘ „Das Ende von Eddy“ ist ein sprachgewaltiges, fesselndes Meisterwerk, das zu Recht den Pierre Guénin-Preis, der besonderes Engagement gegen Homophobie auszeichnet, erhalten hat. Mit klaren Worten und ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen erzählt der Autor von einer Kindheit, die durch Intoleranz, Hass und Angst geprägt ist, und zeichnet eine Gesellschaft, die für viele kaum mehr existiert. Ein Muss für anspruchsvolle Leser, die nach Lektüre fernab von Romantik und Beziehungsklischees suchen. Zu empfehlen.

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[ROMAN] Two Boys kissing von David Levithan

Autoren: David Levithan
Taschenbuch:  288 Seiten
ISBN: 978-3737351850
Preis: 12,99 EUR (ebook)14,99 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Eine Kleinstadt mitten in Amerika, unterschiedliche schwule Jugendlich, mal mit festem Partner, mal auf der Suche, mal geoutet, mal heimlich ihrer Sexualität nachgehend. Ryan ist auf der Suche nach der großen Liebe und trifft auf einem Schwulenball den gleichaltrigen Avery; Peter und Neil sind seit einem Jahr zusammen und stellen sich den alltäglichen Problemen, die eine Beziehung mit sich bringt; Cooper treibt sich heimlich auf Dating- und Sex Apps herum, da niemand weiß, dass er schwul ist und Tariq lebt es offen aus, wird jedoch Opfer mehrerer Schläger, die ihn ins Krankenhaus prügeln. Die brutale Aktion ist der Auslöser für Craigs und Harrys Versuch als erstes schwules Paar den Weltrekord im Dauerküssen zu brechen – obwohl sie sich vor ein paar Wochen getrennt haben. Nichtsdestotrotz planen sie mit Hilfe ihrer Freunde und Harrys Familie den Weltrekordversuch und setzen ihn an einem Samstag in die Tat um. Während die Welt auf ihre Aktion aufmerksam wird und sich immer mehr Menschen online und offline für die beiden interessieren, regen sich auch negative Stimmen und schüren Hass und Verachtung. Doch die beiden Jungs sind fest entschlossen, ein Zeichen zu setzen …

Eigene Meinung:
David Levithan ist einer der bekanntesten amerikanische Jugendbuchautoren unserer Zeit. Zu seinen bekanntesten Romanen gehören „Will & Will“ (der in Zusammenarbeit mit John Green entstand), „Letztendlich sind wir dem Universum egal“ und sein Debüt „Noahs Kuss“, in dem er bereits einen schwulen Hauptcharakter präsentierte. Auch in seinen anderen Romanen baut er immer wieder homosexuelle Jugendliche ein und macht sie auf diesem Weg quasi salonfähig, denn noch immer sind schwule oder lesbische Figuren im Jugendbuchmarkt eine Seltenheit. „Two Boys kissing“ basiert teilweise auf wahren Ereignissen (der Weltrekordversuch fand 2010 wirklich statt, wie man im Nachwort erfährt) und besticht durch eine ungewöhnliche Erzählperspektive und lebendige Charaktere.

Der Inhalt von „Two Boys kissing“ ist weitaus vielfältiger, als es auf den ersten Blick scheint – wer glaubt, der Weltrekordversuch von Craig und Harry stünde im Zentrum, irrt sich. Stattdessen werden verschiedene Facetten des jugendlichen, schwulen Lebens beleuchtet und mit den früheren Generationen in Einklang gebracht. Sei es ein Pärchen, das länger zusammen ist (Neil und Peter), Liebe auf den ersten Blick (Ryan und Avery) oder der einsame Einzelgänger, der sein Glück im Internet sucht und nach einem ungewollten Coming-Out aus seinem Elternhaus flüchtet (Cooper), David Levithan deckt verschiedenen Geschichten ab und führt sie teilweise durch Harry und Craig wieder zusammen. Dabei ist die Erzählstimme am verblüffendsten gewählt, denn die Jugendlichen werden von einer Gruppe Geister beobachtet, die zumeist an Aids starben und sich an ihre Jugend und ihr Leben erinnern. Das mag seltsam und verrückt klingen, doch es funktioniert! Dem Autor gelingt es die Geschichte auf eine vollkommen neue Art zu erzählen und gewährt dem Leser Einblicke in eine Generation, die für Gleichberechtigung auf die Straße ging, gegen den tödlichen HIV-Virus, Unverständnis, Hass und Angst kämpfen musste. Aus diesem Grund ist „Two Boys kissing“ nicht nur für jugendliche Leser ein Muss, auch Erwachsene können sich mit den Erinnerungen der Geister identifizieren und diese nachempfinden. David Levithan gelingt ein beeindruckender Spagat zwischen mehreren Generationen und Denkweisen. Er erschafft ein Buch, das wesentlich tiefgängiger ist, als es auf den ersten Blick erscheint, und regt zum Nachdenken und Diskutieren an.

Die Charaktere sind, wie auch bei seinen anderen Romanen, sehr authentisch, gut nachvollziehbar und sehr lebendig. Seien es Craig und Harry, die eigentlich kein Paar mehr sind, sich jedoch noch immer zueinander hingezogen fühlen, oder Avery und Ryan, die sich erst kennenlernen und so manches Geheimnis voneinander entdecken müssen, die Jugendlichen sind sehr realistisch und in sich schlüssig in Szene gesetzt. Ähnlich wie John Green hat er ein Händchen dafür Figuren zu erschaffen, die der heutigen Jugendkultur entsprechen und macht sie auf diesem Weg für ältere Generationen nachvollziehbar. Jugendliche Leser werden sich problemfrei in einem der jungen Hauptcharaktere wiederfinden, Erwachsene werden sich an ihre eigene Jugend zurückerinnern. Gleichzeitig lernt man die jeweils andere Generation kennen und verstehen, was dieses Buch in gewisser Weise so besonders macht.

Stilistisch mag „Two Boys kissing“ zu Beginn ein wenig gewöhnungsbedürftig sein, doch man gewöhnt sich schnell an die seltsame Erzählperspektive. Bereits nach wenigen Seiten fällt es schwer das Buch aus der Hand zu legen, da man sich von den unterschiedlichen Episoden der Jugendlichen mitreißen lässt und sowohl wissen will, ob der Weltrekordversuch gelingt, als auch ob Cooper nach dem Streit mit seinen Eltern noch einmal die Kurve bekommt. Auch die Einblicke, die die Geister in ihr altes Leben gewähren, sind sehr gut umgesetzt und passen in die puzzleartige Handlung. Dabei zeigt sich, dass David Levithan zu Recht einer der bekanntesten Jugendbuchautoren ist, denn sein Stil entspricht der Sprache der heutigen Jugend und trifft damit den Nerv. Er scheut sich nicht davor, Dinge direkt anzusprechen, wenngleich er Erotik- und Sexszenen nie ausführlich zu Papier bringt.

Fazit:
„Two Boys kissing“ ist ein wundervoller, authentischer und wichtiger Roman, der jedem ans Herz gelegt sei, der sich für realistische Geschichten und Charaktere interessiert. David Levithan gelingt ein spannendes, intelligentes und tiefgründiges Jugendbuch, das mehr zu bieten hat als die typischen „Boys meets Boy“ Geschichten. Dank der unterschiedlichen Episoden und der ungewöhnlichen Erzähler deckt er ein breites Spektrum unterschiedlicher Geschichten ab und regt zum Nachdenken an. Sein solider, flüssiger Schreibstil ist ebenfalls ein Pluspunkt, der dafür sorgt, dass man „Two Boys kissing“ nur schwer aus der Hand legen kann. Alles in allem ein empfehlenswerter Roman, der in jedes Buchregal gehört!

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