Blog-Archive

[ROMAN] Meine Mutter, sein Exmann und ich von T. A. Wegberg

Autor: T. A. Wegberg
Taschenbuch: 256 Seiten
ISBN: 978-3499217593
Preis: 10,99 EUR (eBook) / 12,99 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Für Joschka bricht eine Welt zusammen, als sich seine Mutter für eine geschlechtsanpassende Operation entscheidet und fortan als Frederik leben will. Während seine Schwester Liska die Entscheidung ihres neuen Vaters akzeptiert, fühlt sich Joschka im Stich gelassen. Kurzerhand zieht er zu seinem Vater und dessen neuer Frau, doch auch dort ist das Leben nicht nur rosig. Erst als Joschka dem stillen Sebastian näherkommt und herausfindet, dass dieser an einer seltenen Krankheit leidet, wird Joschka offener und beginnt sich Stück um Stück zu ändern …

Eigene Meinung:
Der Jugendroman „Meine Mutter, sein Exmann und ich“ stammt aus der Feder T. A. Wegbergs, der sowohl für seine Jugendbücher, als auch für seine Gay Romane bekannt geworden ist. Mit dem vorliegenden Roman wendet er sich erstmals der Thematik Transgender zu, die im Jugendbuchberich bisher nur selten vertreten ist.

Die Geschichte handelt von Joschkas langsamer Wandlung vom leicht homophoben, intoleranten und engstirnigen Jugendlichen zu jemanden, der offener und toleranter durchs Leben geht und im Laufe der Zeit erwachsen wird. Dass gelingt T. A. Wegberg mit ruhigen Tönen und verschiedenen Figuren, die sehr realistisch und authentisch wirken – allen voran Joschka selbst. Er entspricht dem heutigen Jugendlichen in seiner leicht stumpfen Art sehr gut, ganz besonders was seine vorgefasste Meinung anbelangt und seine Angst vor Ablehnung. Joschka richtet sein ganzes Leben nach seinen Freunden, Schulkameraden und fremden Menschen. Ihm ist es enorm wichtig, nicht aus der Reihe zu tanzen und von allen akzeptiert zu werden. Da nimmt er auch in Kauf seinen neuen Vater zu verletzen und diesem die Schuld an seinem verkorksten Leben zu geben, anstatt sich einen Spiegel vorzuhalten. Erst als er Sebastian näher kennenlernt und in der engagierten, toleranten Emma seine große Liebe findet, ändert er sich Stück um Stück. Dies ist sehr glaubhaft beschrieben, denn natürlich sind es nur kleine Dinge, die er bewegt, die sich für ihn aber wie große Schritte anfühlen. Dass Joschka noch einen weiten Weg zu gehen hat, steht außer Frage, doch die ersten Schritte sind am Ende des Buches gemacht.
Nichtsdestotrotz hätte der Autor einige Dinge vertiefen können. Allein die Tatsache, dass zwischen den Kapiteln zeitlich gesprungen wird und mitunter mehrere Wochen ausgeblendet werden, sorgt dafür, dass man immer wieder neu in die Geschichte eintauchen muss und viele Punkte nicht geklärt werden. Zu Beginn sind es eher kleine, unbedeutende Sachen, zum Beispiel die Kommentare und Aktionen von Joschkas Stiefmutter. Im Fortlauf der Handlung häufen sich einige Dinge und man wartet gezielt auf die Auflösung einiger offener Fäden, die jedoch fallen gelassen wurden, weil Joschka sie scheinbar selbst nicht mehr für wichtig erachtet. Ganz besonders die Tatsache, dass die Schlüsselszene zwischen Frederic und Joschka am Ende des Buches relativ kurz abgehandelt wird und die Probleme zwischen den beiden nur oberflächlich behandelt werden, ist extrem schade. Hier hätte man sich einfach eine detailliertere Darstellung und eine bessere Aufarbeitung gewünscht, gerade bei einer solch wichtigen Thematik wie Transsexualität.

Stilistisch hat T. A. Wegberg einen sehr stimmigen, jugendnahen Schreibstil, der der Zielgruppe die Gefühle und Gedanken gut näherbringt und dafür sorgt, dass man sich mit Joschkas Problemen auseinandersetzt. Auch die Beschreibungen von Berlin, inklusive der Buslinien und des Nahverkehrs sein gut eingebaut, so dass man die Stadt auf eine ganz andere Art und Weise kennenlernt. Der Autor weiß, wie man Dinge in Szene setzt und wie man einen Jugendlichen authentisch und realistisch darstellt, denn Joschka ist zu Beginn kein Sympathieträger und wirkt auch später noch stoffelig und wenig tolerant. Doch so sind viele der Jugendlichen heutzutage, so dass sich gerade diese mit T. A. Wegbergs Charakteren identifizieren dürften und mit Bedacht an die Thematik Transsexualität herangeführt werden, ohne mit Fachbegriffen und moralisch erhobenen Zeigefinger erschlagen zu werden.

Fazit:
„Meine Mutter, sein Exmann und ich“ ist ein gelungenes Jugendbuch von T. A. Wegberg, das die Thematik Transsexualität aufgreift und gut in Szene setzt ohne sich nur auf diese Thematik zu konzentrieren. An einigen Stellen wünscht man sich zwar mehr Tiefgang und eine detailliertere Ausarbeitung der Geschichte, doch die kurzen, sprunghaften Episoden passen gut zum Helden. Gerade Jugendliche, die im selben Alter wie Joschka sind, dürften sich gut mit ihm identifizieren können, da er (und seine Freunde) sehr authentisch wirken und die heutige Jugend widerspiegeln. Wer Jugendbücher aus dem Transgender-Bereich sucht, sollte sich „Meine Mutter, sein Exmann und ich“ auf jeden Fall näher ansehen.

rainbowstarrainbowstarrainbowstarrainbowstarrainbowstar

[KINDERBUCH] Kicker im Kleid von David Walliams

Autor: David Walliams
Illustrator: Quentin Blake
Taschenbuch: 240 Seiten
ISBN: 978-3499217845
Preis: 14,99 EUR (Hardcover) / 12,99 EUR (eBook)
Bestellen: Amazon

Story:
Dennis unterscheidet sich kaum von normalen Jungen in seinem Alter – er geht zur Schule, hat viele Freunde und liebt Fußball. Er spielt sogar aktiv und ist einer der Besten der Schulmannschaft. Einzig sein anderes Hobby ist ein Geheimnis, denn weder sein Vater, noch seine Freunde haben dafür Verständnis: Dennis liebt Mode und Kleider. Jeden Monat kauft er sich die neue Vogue und ist von Kleidern, Stoffen und Schnitten fasziniert. In der älteren Lisa findet er unerwartet eine Vertraute, zumal diese selbst schneidert und Dennis irgendwann überredet, probeweise ein Kleid anzuziehen. Aus dem Versuch wird bald mehr, denn Dennis liebt es sich hübsch zu machen und Mädchenkleidung anzuziehen. Als die beiden auf die Idee kommen, Dennis im Kleid der Schule zu präsentieren, hat dies ungeahnte Folgen …

Eigene Meinung:
„Kicker im Kleid“ stammt von David Walliams, der in England kein Unbekannter ist und oft als Nachfolger von Roald Dahl gehandelt wird. Mehrere Kinderbücher stammen aus seiner Feder, u.a. „Gangsta Oma“, „Terror Tantchen“ und „Ratten Burger“. Die Illustrationen stammen von Quentin Blake, der die meisten Romane von Roald Dahl illustriert hat und dadurch bekannt geworden ist. Das vorliegende Kinderbuch erschien 2010 bereits beim Aufbau Verlag, Rowohlt hat „Kicker im Kleid“ 2017 neu aufgelegt.

Die Geschichte um den fußballverrückte und modeverliebten Dennis ist kindgerecht aufbereitet und behandelt bei weitem nicht das Thema Transgender. Dennis möchte kein Mädchen sein, er findet lediglich Spaß daran sich zu verkleiden und hübsch zu machen. Es macht ihm Spaß sich zu verkleiden und vertreibt die Langeweile, wenn er in Kleider schlüpft und sich von Lisa hübsch machen lässt. Für ihn ist es ein Hobby, ebenso wie das Fußballspielen. Daher ist „Kicker im Kleid“ kein wirklich queeres Buch, sondern widmet sich eher der Thematik Crossdressing, das in England eine lange Tradition hat. Themen wie Akzeptanz, Toleranz und Respekt werden in „Kicker im Kleid“ behandelt, ebenso der Mut für eine Sache einzustehen und auch mal aus gängigen Rollenklischees auszubrechen und zu sich selbst zu stehen.
Das macht das Kinderbuch zu einer lohnenswerten Anschaffung, ganz besonders, wenn man Kinder im passenden Alter hat. David Walliams legt ein gut gelungenes, gut lesbares Kinderbuch vor, das auf humorvolle, lockere Art und Weise mit dem Thema umgeht und eine positive Botschaft vermitteln will. Da kann man auch verschmerzen, dass die Lösung am Ende im Grunde zu einfach ist und sich nur schwer mit der Realität vereinbaren lässt.

Die Charaktere sind sehr sympathisch – gerade Dennis, der in vielen Punkten ein durchschnittlicher Junge ist und mit den typischen Problemen zu kämpfen hat: der Trennung seiner Eltern, der Trauer über den Weggang seiner Mutter und der Tatsache, dass er recht sensibel ist, dies aber selten gegenüber seinem Vater und seinem Bruder zeigen darf (getreu dem Motto: Jungs weinen nicht!). Dass er sich für Mode und Mädchenkleider interessiert macht ihn nur noch menschlicher und glaubwürdiger, denn David Walliams gelingt es diesen ungewöhnlichen Charakterzug nachvollziehbar und authentisch darzustellen und regt an einigen Stellen zum Nachdenken und Diskutieren an. Denn man versteht den Jungen, der sich fragt, warum Jungs keine Kleider tragen dürfen, auch wenn diese bequem und hübsch sind.
Auch die übrigen Charaktere sind sehr gut dargestellt, allen voran Lisa, die Dennis ermutigt und unterstützt, aber auch dessen Vater und Bruder, die ein wenig brauchen, um ihre Vorurteile beiseitezuschieben.

Stilistisch legt David Walliams ein gelungenes Kinderbuch vor, das durch einen prägnanten, sehr eindringlichen Stil besticht. Der Autor arbeitet mit kurzen, präzisen Sätzen und verzichtet komplett auf schmückendes Beiwerk. So findet man kaum Beschreibungen der Wohngegend, der Schule oder den einzelnen Figuren – stattdessen legt der Autor Wert auf Humor und kleine Hints, die Fans seiner Bücher sofort wiedererkennen. Auch kommt er immer wieder selbst zu Wort, wirft einen knappen Randkommentar ein oder erklärt in wenigen Worten eine Szene genauer. Dieses kurze Eingreifen seitens der Autors in die Handlung ist bei britischen Romanen keine Seltenheit – auch in Büchern wie „Lemony Snicket“ kommt der Autor immer wieder zu Wort.
Die Illustrationen mag man oder man mag sie nicht, denn Quentin Blake hat einen sehr eigenwilligen Stil: flüchtig, skizzenhaft und fast ein wenig schluderig. Dennoch bringt er die Szenen, die er mit Bildern unterlegt gut zur Geltung, denn der Leser erkennt auf einen Blick worum es geht.

Fazit:
„Kicker im Kleid“ ist ein gelungenes Kinderbuch, das eine wichtige Botschaft in unterhaltsamer Form verpackt und für Toleranz, Akzeptanz und Respekt wirbt, ohne mich erhobenem Zeigefinger daher zu kommen. Es ist kein wirklich queeres Buch, doch es streift die Transgender-Thematik und enthält durchaus einige Parallelen. David Walliams legt ein stilistisch stimmiges, lesenswertes Kinderbuch vor, das für Jungen und Mädchen gleichermaßen geeignet ist. Zu empfehlen.

rainbowstarrainbowstarrainbowstarrainbowstarrainbowstar

[ROMAN] Punk like me von JD Glass

Autor: JD Glass
Taschenbuch: 312 Seiten
ISBN: 978-3955336943
Preis: 9,99 EUR (eBook) | 17,90 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Bis auf gelegentliche Auseinandersetzungen mit ihren Eltern verläuft Ninas Leben in geregelten und soliden Bahnen – sie geht auf eine New Yorker Klosterschule und bringt gute Noten nach Hause, ist Mitglied des Schwimmteams und hat eine Menge guter Freunde. Selbst ihre leicht punkige Natur wird hingenommen und kann weder Eltern noch Nonnen wirklich schockieren. Das ändert sich, als sie Kerry näherkommt, erkennt, dass sie auch ihrer Schwimmkollegin Samantha nicht abgeneigt ist und letztendlich feststellt, dass sie lesbisch ist. Plötzlich bröckelt die Fassade ihrer Eltern, die ihre Kinder zwar lieben und unterstützen, aber nur so lange sie sich den gängigen Regeln und Konventionen unterwerfen. Für Nina bedeutet das sich zwischen ihrer Familie und ihrer Liebe zu Frauen zu entscheiden, zwischen gelebter, aber sicherer Lüge und befreiender, ehrlicher Wahrheit.

Eigene Meinung:
„Punk like me“ stammt aus der Feder J.D. Glass und erschien erstmals 2004 bei Justice Horse Publishing, bevor der Ylva Verlag das Buch 2016 in den USA neu auflegte und schließlich ins Deutsche übersetzte. Die Geschichte um Nina wird in „Punk and Zen“ fortgeführt, in dem Ninas Leben als Erwachsene beleuchtet wird.

J.D. Glass legt einen klassischen Entwicklungsroman vor, sprich die Heldin der Geschichte schafft im Laufe der Zeit den Sprung zur Erwachsenen und findet für sich heraus, was ihr wichtig ist und welchen Weg sie einschlagen möchte. Dabei wirkt die Entwicklung durchaus authentisch und nachvollziehbar, wenngleich die Autorin immer wieder die thematische Gewichtung falsch zu legen scheint. So werden interessante Punkte und Dialoge nur kurz abgehandelt und zusammenfassend widergegeben, erotische Szenen wiederrum in einer Form ausgewalzt und sogar zusätzlich in einer Rückblende wiederholt, dass man die Passagen genervt überspringen möchte. Auch die ausufernde Beschreibung eines Schwimmwettkampfes (so schön und mitreißend sie auch beschrieben ist) passt nicht zur eigentlichen Thematik des Buches (Ninas Suche nach sich selbst und das Treffen eigener Entscheidungen). Das ist sehr schade, da die Autorin im Gegenzug für wichtige Dialoge und auch eine weiterführende, tiefgängige Auseinandersetzung mit einigen Dingen nur wenig Zeit aufwendet. So wirkt Nina nicht so punkig und überzeugend in ihrer Art, wie vielleicht gehofft, wenngleich sie sich zum Ende hin gegen die gängigen Konventionen stellt. Hinzu kommen einige unlogische Aspekte, die ein wenig an der Handlung zweifeln lassen, z.B. dass die Nonnen der Schule nur sehr zurückhaltend auf die Verletzungen eines Mädchens reagieren, das zusammengeschlagen wurde und blutend zusammenbricht. Sicher tickte man in der 80er Jahren (in dem Zeitrahmen dürfte „Punk like me“ angesiedelt sein) in den USA die Welt noch anders, aber gerade Nonnen sollten christliche Werte leben.
Schade ist auch, dass gerade die expliziten, ausgeschmückten Erotikszenen dem Buch die Möglichkeit nimmt für Jugendliche geeignet zu sein, denn Ninas Entwicklung und ihre Ansichten wären für ein Jugendbuch ideal und stimmig gewesen.

Die Charaktere wiederum wirken sehr authentisch und gut ausgearbeitet, insbesondere Nina, die im Laufe der Geschichte einiges hinter sich bringen muss. Ihre punkige Natur mag vielleicht nicht überzeugen, dafür jedoch ihre Beweggründe und die Art und Weise, wie sie mit Problemen umgeht. Sie ist eine sympathische Figur, die aus dem Rahmen fällt und gerade durch ihre ungewöhnliche Art Pluspunkte sammelt. Im Gegensatz dazu wirkt Kerry von Anfang an unsympathisch, man fragt sich als Leser, warum Nina so extrem an ihr festhält, selbst als einige unschöne Geheimnisse gelüftet sind. Lediglich Samantha kann punkten, ist ihre ruhige, ausgeglichene Art der perfekte Gegenpol zu Nina. Die übrigen Charaktere bleiben unheimlich blass – gerade Ninas Geschwister kommen nur am Rande vor und nehmen kaum eine tragende Rolle ein, was sehr schade ist. Auch sonst lernt man außerhalb der Protagonistin, Kerry und Samantha niemanden wirklich kennen.

Stilistisch passt sich die Autorin ihrer offenen und ungewöhnlichen Heldin an – frech, lockerleicht und sehr direkt wird die Geschichte aus Ninas Perspektive geschrieben. Dabei wendet sie sich immer wieder direkt an den Leser indem Gedankengänge in Klammern gesetzt werden oder einige Punkte auf diesem Weg erklärt werden. Dadurch ist „Punk like me“ jugendlicher und direkter und passt von der Erzählerstimme her eher zu einem Jugendbuch, als zu einem Roman für Erwachsene. JD Glass‘ lockerleichter, fast schon rotziger Stil unterstreicht die Diskrepanzen zwischen jugendlichem Grundtenor und expliziter Erotik, die nur bedingt zusammenpassen.

Fazit:
„Punk like me“ lässt sich nur schwer einem Genre zuordnen und passt von Stil und der inhaltlichen Ausrichtung am ehesten in die Gattung Jugendbuch. Dass dafür die Erotik zu stark gewichtet ist und einige interessante Punkte nur kurz beleuchtet werden, ist das größte Manko an JD Glass‘ Debüt „Punk like me“. Schade, das Buch hätte durchaus Potenzial gehabt, gerade durch die ungewöhnliche Heldin und den lockeren Stil. Am Besten reinlesen und selbst entscheiden …

rainbowstarrainbowstarrainbowstarrainbowstarrainbowstar

[ROMAN] Ich gebe dir die Sonne von Jandy Nelson

Autor: Jandy Nelson
Hardcover: 480 Seiten
ISBN: 978-3570164594
Preis: 13,99 EUR (eBook) / 17,99 EUR (Hardcover)
Bestellen: Amazon

Story:
Die Zwillinge Noah und Jude sind unzertrennlich, bis Jude Make-Up, Kleider und Jungs für sich entdeckt und ihr Bruder sich in seine Traumwelten zurückzieht, nur noch für das Malen lebt und sich in den Nachbarsjungen Brian verliebt. Wenige Jahre später reden sie kaum noch miteinander und haben nach Hausen hin die Plätze getauscht – aus der Draufgängerin Jude ist eine introvertierte Außenseiterin geworden, die auf eine Kunsthochschule geht; Noah hat sich angepasst, das Malen aufgegeben und sich selbst hinter einer Mauer versteckt.

Erst als Jude sich entschließt bei dem Steinhauer Garcia ein Praktikum zu machen und sie auf den charismatischen Fotografen Oscar trifft, bröckeln die Fassaden und offenbaren Geheimnisse, die das Leben von Jude, Noah und deren Familie auf den Kopf stellen – und mit etwas Glück zurück in normale Bahnen lenken …

Eigene Meinung:
Mit „Ich gebe dir die Sonne“ erschien der zweite Roman von Jandy Nelson bei cbj, wo ihr Debüt „Über mir der Himmel“ ebenfalls erhältlich ist. Das vorliegende Buch befand sich mehrere Wochen in den Bestsellerlisten und erhielt mehrere Auszeichnungen und Preise. Die Filmrechte wurden bereits an Warner  Bros. verkauft.

Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen – Noahs Sicht erzählt die Ereignisse der Familie als die Zwillinge ungefähr 13/14 Jahre alt sind; Judes Perspektive greift den Faden zwei Jahre später auf und zeigt die aktuellen Geschehnisse und enthüllt Geheimnisse. Auf sehr eindringliche Art und Weise offenbart Jandy Nelson, was mit den Zwillingen und ihrer Familie geschehen ist und gibt nach und nach Einblick in das Leben von Jude und Noah. Für beide spielt die Mutter eine zentrale Rolle, denn sie ist der Antrieb für die Geschwister; ganz besonders für Noah, der sich stark über seine Bilder und Träume ausdrückt, während Jude zu Beginn ihrer Pubertät eher Schwierigkeiten mit ihr hat. Für beide ist es ein Schock, als sie tödlich verunglückt und einen Scherbenhaufen zurücklässt, den die Geschwister allein kaum bewältigen können, insbesondere da sie wie Fremde nebeneinander her leben und stumm geworden sind.
Für den Leser ist es toll, wie die Geheimnisse und Hintergründe Schicht für Schicht offenbart werden und die Wahrheit mit jeder Seite offenbart wird. Dabei reifen die Figuren, allen voran Jude, die sich selbst aus einem selbstgewählten Käfig befreien muss, um ihrem Bruder Noah und ihrem Vater zu helfen. Jandy Nelson gelingt es den Leser von der ersten Seite an zu fesseln, wenngleich man ein wenig Zeit braucht, um den Einstieg in „Ich gebe dir die Sonne“ zu schaffen.

Ein ganz besonderer Pluspunkt sind die authentischen, gut ausgearbeiteten Charaktere, die einen schnell ans Herz wachsen. Sowohl Noah, der für die Kunst lebt, in seinem Kopf Bilder malt und jede Sekunde dafür nutzt, um seine Träume auf Papier zu bannen, als auch Jude, die mit dem Geist ihrer Großmutter redet und den abergläubischen Regeln der Familienbibel genauestens folgt, sind unheimlich sympathisch und sehr gut nachvollziehbar. Man erlebt mit Noah den Zauber der ersten Liebe zu Brian, der für Astronomie und den Weltraum lebt und ist nah bei Jude, als sie auf Oscar trifft und dessen Charme nur schwer entkommen kann.
Auch die Nebencharaktere sind sehr angenehm in Szene gesetzt und können überzeugen. Seien es Garcia, Oscar, Brian oder die Eltern der Zwillinge – man kann jeden gut nachvollziehen und die einzelnen Beweggründe verstehen. Sie passen gut zu Noah und Jude, die abwechselnd und auf verschiedenen Zeitebenen die Geschichte erzählen.

Stilistisch ist „Ich gebe dir die Sonne“ gut geschrieben, auch wenn man zu Beginn ein wenig braucht um in das Buch zu kommen. Hat man den Einstieg jedoch geschafft, fällt es dem Leser schwer das Buch aus der Hand zu legen – Jandy Nelson hat einen sehr lebendigen, fesselnden und bunten Stil, ganz besonders wenn es um die fesselnden und farbenfrohen Beschreibungen von Noahs Bildern und seinem unsichtbaren Museum geht. Allgemein hat Jandy Nelson ein Händchen dafür die Gedanken und Gefühle der Künstler zu Papier zu bringen und auf diesem Weg auch der Kunst ein passendes Denkmal zu setzen – denn „Ich gebe dir die Sonne“ ist in vielerlei Hinsicht ein Liebesbrief an die Kunst.

Fazit:
„Ich gebe dir die Sonne“ ist ein wundervolles Jugendbuch, das sowohl durch tolle Charaktere als auch durch eine schöne, fesselnde Handlung überzeugen kann. Jandy Nelson hat eine wundervolle, bildhafte Sprache, die das Herz berührt und dafür sorgt, dass man den Roman nicht so schnell aus der Hand legen kann. Wer Jugendbücher im Stil von „Die Mitte der Welt“ mochte, dem wird auch „Ich gebe dir die Sonne“ gefallen – sie ähneln einander und sind doch auf wundervolle Art und Weise anders. Bedenkenlos zu empfehlen!

rainbowstarrainbowstarrainbowstarrainbowstarrainbowstar

[AUTOBIOGRAFIE] Zwei Papas und ein Baby von Tobias Rebisch


Autor: Tobias Rebisch
Taschenbuch: 224 Seiten
ISBN: 978-3453200968
Preis: 11,99 EUR (eBook) | 14,99 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Inhalt:
Nach einer schmerzhaften Trennung stellt Tobias fest, dass er für seinen besten Freund Marc mehr empfindet, als reine Freundschaft – ein Schock für den jungen Mann, der in einem kleinen Dorf aufgewachsen ist. Glücklicherweise werden seine Gefühle erwidert und beide beschließen sich ein gemeinsames Leben aufzubauen. Nach einiger Zeit wächst bei beiden der Wunsch nach einem gemeinsamen Kind, denn ihre Liebe ist stark genug, um ein junges Leben zu begleiten und ihm über Jahre hinweg beizustehen. Doch der Kampf um ein Kind ist schwierig, denn als gleichgeschlechtliches Paar haben sie mit ungleich mehr Problemen zu kämpfen, wenn es darum geht ein Baby zu adoptieren. Über Jahre hinweg halten Tobias und Marc an ihrem Traum fest und erst als sie die Hoffnung schon fast aufgegeben haben, kommt der erlösende Anruf …

Eigene Meinung:
Das autobiografische Buch „Zwei Papas und ein Baby“ erschien 2016 im Heyne Verlag und ist eine einzige Liebesgeschichte des Autors an seinen Mann Marc und seinen Sohn Luis. Dies spürt man auf jeder Seite, was dafür sorgt, dass es schwer fällt, den Roman aus der Hand zu legen. Es ist wundervoll die Geschichte der beiden Männer mitzuerleben, die sich nicht nur finden, sondern auch, trotz vieler Probleme und Widrigkeiten, eine kleine Familie aufbauen. Es zeigt, wie schwierig es für junge Paare ist (dabei sind nicht nur homosexuelle gemeint, sondern auch heterosexuelle Pärchen, bei denen sich ein Kinderwunsch nicht erfüllt), ein Kind zu adoptieren und welche bürokratische Hürden genommen werden müssen, bevor man ein Kind bei sich aufnehmen kann. Trotzdem haben es Tobias und Marc doppelt schwer, da es ihnen nicht gestattet ist, gemeinsam als Paar ein Kind zu adoptieren (bei einer eingetragenen Lebenspartnerschaft ist das bis heute nicht möglich), sondern nur einer von ihnen darf einen entsprechenden Antrag stellen. Dass sie dadurch schlechtere Karten haben, wenn es darum geht, eine Auslands- oder Inlandsadoption durchzuführen, wird mit der Zeit klar, denn  natürlich werden junge Paare gegenüber einem (von Rechtwegen) Single bevorzugt. Dementsprechend müssen die beiden Männer Jahre warten, bevor sie (quasi über Nacht) Eltern werden, was sie und ihre Beziehung vor ganz neue Probleme stellt.

Tobias Rebisch erzählt sehr eindringlich und warmherzig, welche Probleme und Steine ihm und seinem Mann in den Weg gelegt wurden, gleichzeitig aber auch, von wem sie unterstützt wurden. Dabei bleibt er stets offen und ehrlich, schreibt fair und klagt niemanden an. Er schildert einfach nur, was ihm und seinem Mann im Laufe des Adoptionsprozess wiederfahren ist, von welcher Stelle sie Hilfe und Unterstützung bekommen haben und welche Parteien mit ihrer Entscheidung weniger glücklich waren. Sehr spannend ist auch, welche Gedanken sich die beiden Männer darum machen, bevor sie sich für eine Adoption entscheiden – man fragt sich automatisch, wie viele Paare sich dieselben Fragen stellen, mit denen sich Tobias und Marc herumschlagen, bevor sie ein Kind in die Welt setzen.

Sehr schön ist auch das letzte Drittel des Romans, in dem das Leben zu Dritt geschildert wird und in dem Tobias Rebisch offen auf die Schwierigkeiten und Probleme eingeht, die ein Baby mit sich bringt. Dadurch berührt er den Leser auf mehreren Ebenen. Als Leser leidet man mit Tobias und Marc, als sie trotz aller Hoffnungen keinen rettenden Anruf erhalten, ebenso freut sich mit ihm und seinem Mann über das Glück, dass ihnen mit Luis wiederfahren ist. Regenbogenfamilien sind in Deutschland leider eine Seltenheit, die gegen viele Vorurteile zu kämpfen haben. In dem Zusammenhang ist „Zwei Papas und ein Baby“ ein wundervolles Werk, das zeigt, dass zwei Männer ebenso gut für ein neues Leben sorgen können, wie ein „normales“ Paar. Tobias Rebisch macht Mut und Hoffnung, hinterlässt ein gutes Gefühl und man fragt sich automatisch, wie es mit der Familie weitergeht. Vielleicht lässt uns der Autor ja daran teilhaben, denn man fühlt sich Tobias, Marc und Luis sehr nahe, wenn man das Buch zuschlägt. Daher möchte man auch wissen, wie ihr Leben weitergeht, insbesondere wenn Luis älter wird.

Fazit:
„Zwei Papas und ein Baby“ ist ein wundervoller, autobiografischer Roman, der den Leser gefangen nimmt und so schnell nicht mehr loslässt. Tobias Rebisch trifft den richtigen Ton, macht Mut und lässt den Leser mit einem guten Gefühl zurück, das dafür sorgt, dass man sich automatisch fragt, wie es der jungen Familie zukünftig ergeht. Das Buch ist eine wundervolle, persönliche Liebeserklärung, an der uns der Autor teilhaben lässt und die den Leser tief berührt. Tobias Rebisch zeigt, dass es sich zu kämpfen lohnt, ganz gleich wie schwierig die Bedingungen sind. Denn Liebe findet einen Weg. Sehr zu empfehlen.

rainbowstarrainbowstarrainbowstarrainbowstarrainbowstar