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[BLOGTOUR] Closer Tag 4 – Mason & Jackson

BT-Closer

Hallo ihr Lieben,

heute macht die Blogtour zu „Closer – Mason & Jackson“ bei mir Station und ich darf euch die beiden Helden näherbringen, die sich im Laufe der Geschichte kennen und lieben lernen. Bisher habt ihr erfahren, worum es in dem Buch geht, wie chaotisch die Gefühlswelt sein kann und natürlich auch Ina Taus näher kennengelernt – heute darf ich mich den beiden Helden widmen. Wer wissen will, wie ich das Buch fand, sollte einen Blick in die Rezension werfen, die ich letzte Woche geschrieben habe, aber ich kann auch an dieser Stelle sagen, dass ich sowohl Mason als auch Jackson echt ins Herz geschlossen habe. Ina Taus sind zwei unheimlich liebenswerte Charaktere gelungen, die man wirklich ins Herz schließt.

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[CHARAKTERINTERVIEW] Aryon und Merodan aus „Anamarnas Prophezeiung“

Dieses Interview ist mitten in „Anamarnas Prophezeiung“ angesiedelt, sprich Nicht-Kenner des Buches werden ein wenig gespoilert. Ich empfehle daher vorab die Geschichte um Lukir, Aryon und all die anderen Figuren zu lesen, bevor man sich das Interview anschaut. Wem dafür die Zeit fehlt, dem sei versichert, dass sich Spoiler in Grenzen halten und die Einleitung genug preisgibt, um dem Gespräch folgen zu können. Ich wünsche euch viel Spaß mit Aryon und Merodan – es war kein leichtes Interview, aber ich hoffe, es macht euch ebenso viel Spaß, wie ich hatte 😀

Aryon wälzte sich unruhig hin und her. Er hatte einen sehr eindringlichen und höchst merkwürdigen Traum gehabt, und der beschäftigte ihn nun. Das Dumme daran war, dass er nicht ganz sicher war, ob es sich nur um einen Traum oder doch um ein echtes Erlebnis gehandelt hatte. Von der Festung auf dem Himmelshügel war ein Mann zu ihm gekommen, der sich Morphor nannte und behauptete, ein Unsterblicher zu sein. Er hatte ihm prophezeit, es werde eine Person aus der Zukunft bei ihm auftauchen, die ihn und Merodan befragen werde. Er solle ihre Fragen wahrheitsgemäß beantworten und auch Merodan davon überzeugen. Das würde ihn in seiner Mission weiterbringen.

Aryon fluchte leise vor sich hin. Diese verdammte Mission und dieser verstockte Tadramane! Merodan befand sich am Hof König Jahangirs als Geisel, und Taswinder, der undurchsichtige Magier, hatte ihn überredet, sich Merodan zum Freund zu machen, damit er biegsamer wurde und sich den Wünschen Jahangirs beugte. Aryon hatte eingewilligt. Schließlich war es keine schlechte Sache, sich jemanden zum Freund zu machen. Er war davon überzeugt, dass er mit seinem heiteren Gemüt schnell zu ihm durchdringen werde. Doch dann hatte sich Merodan als eine sehr harte Nuss erwiesen. Bis jetzt hatte er bei dem Dickschädel noch keinen Erfolg aufzuweisen. Dabei war der Tadramane ein Schmuckstück von einem Mann, das Aryon gern besessen hätte, aber leider kalt wie ein Gletscher.

Und nun hatte ihn dieser Traum heimgesucht. Eine Person aus der Zukunft, die Fragen stellen wollte. Irgendwie versponnen. Aryon war der Magie begegnet und selbst ein unsterblicher Bluttrinker geworden. Seltsames war ihm also nicht fremd. Aber konnte jemand in die Vergangenheit zurückkehren? Das erschien ihm absurd, und schon aus diesem Grund konnte es nur ein Traum gewesen sein. Schade eigentlich, dachte er. Es wäre nicht von Übel, wenn die Befragung den Tadramanen etwas auftauen würde. Dann würden sie vielleicht mehr als nur Freunde werden …

Aryon seufzte, verbat sich diese unkeuschen Gedanken und stieg aus dem Bett. Inzwischen war es dunkel geworden und Zeit, Merodan wieder einmal aufzusuchen. Noch wollte er nicht aufgeben. Als er vor seiner Tür stand, den Schlüssel schon in der Hand, kam eine Frau auf ihn zu, die er noch nie im Palast gesehen hatte. Sie trug sehr ausgefallene Kleidung, aber ihre Haltung war selbstbewusst, also konnte sie keine Dienerin sein.

»Guten Abend. Ich bin die Juliane.«

Sie reichte ihm die Hand, und Aryon wusste nicht, was das sollte. Zögernd ergriff er sie.

»Du bist Aryon, nicht wahr? Ich bin geschickt worden, dir und deinem Freund da drin ein paar Fragen zu stellen. Bist du bereit?«

Aryon traf fast der Schlag. Dann hatte er das alles doch nicht geträumt. Das war sie also, die Person aus der Zukunft. Und ausgerechnet eine Frau!

»Ich – äh – ich habe irgendwie mit dir gerechnet, aber ich konnte es nicht glauben. Wer hat dich denn geschickt?«

»Sagen wir, eine Stimme aus der Vergangenheit. Nun schließ schon auf. Ich habe nicht den ganzen Tag Zeit. Ich muss noch andere befragen.«

»Ach ja? Wen denn? Warum denn?«

»Weil es mein Beruf ist. Und nun vorwärts. Ich stelle hier die Fragen.«

Aryon zuckte mit den Schultern und steckte den Schlüssel ins Schloss. »Na, wenn du meinst. Aber ich warne dich. Mit Merodan ist nicht gut Kirschen essen.«

Als sie eintraten, saß Merodan auf dem Bett und las. Als er aufsah und die Frau neben Aryon erblickte, hätte er beinah das Buch fallen lassen. »Was ist denn das für ein neuartiger Einfall von dir, mich bis aufs Blut zu reizen?«, fauchte er.

„Kein neuartiger Einfall, Merodan. Ich wurde geschickt, um einige Dinge in Erfahrung zu bringen, die im Laufe der Zeit verloren gehen würden.“ Juliane sah sich nach einem Platz um, auf dem sie ihre Schreibunterlagen ablegen konnte.

Aryon nickte Merodan aufmunternd zu. „Da hat sie recht. Auf diese Weise kannst du mit deinen Taten sogar unsterblich werden.“

„Das haben bei mir in Norvarun die Chronisten erledigt, aber Frauen waren niemals darunter. Die Erde soll mich verschlucken, bevor ich meine Worte einer Frau anvertraue.“

„Na, das sind ja tolle Aussichten«, sagte Juliane und zückte eine Feder. »Aber ich versuche mein Bestes. Die Chronisten in Norvarun haben schließlich nicht die Möglichkeit, deine Zeit hier festzuhalten.« Sie überflog ein kurzes Stück Text und fügte hinzu: „Ganz besonders die über deine Freundschaft zu Aryon.“

Merodan schnaubte höhnisch. „Habe ich Freundschaft gehört? Ein Freund verhält sich anders. Der macht sich nicht zum Knecht eines Magiers, der würde mir zur Flucht verhelfen.“

Aryon räusperte sich etwas ungehalten. Das konnte ja noch gut werden. „Du langweilst mich, Merodan. Dieses Lied hast du schon oft genug gesungen. Juliane hat recht. Niemand sonst wird über deine Geiselhaft berichten, und es liegt bei dir, wie der Bericht ausfällt. Bedenke, wie viele Leute das lesen werden. Wenn du Juliane verärgerst, könnte sie ja auch schreiben, dass du unentwegt auf den Knien um Gnade gewinselt hast.“

Ein Grinsen huschte über Julianes Gesicht, denn das war in der Tat ein verlockender Gedanke. „Eine Flucht würde doch einem stolzen Krieger wie dir gar nicht gut zu Gesicht stehen. Bedenke, was die Leute sagen könnten und wie lange du bei Aryon in der Schuld stündest.“ Sie hob die Feder und notierte etwas. „Wie behandelt man dich hier? Gibt es, außer der Tatsache, dass du den Raum nicht verlassen kannst, etwas zu beanstanden?“

Merodan warf ihr einen misstrauischen Blick zu. Man sah es ihm an, dass er sich überwinden musste, bevor er antwortete: „Man behandelt mich wie ein einen kostbaren Vogel, der bitteschön singen soll. Aber solange er im Käfig sitzt, wird er nicht singen.“

„Das heißt man befragt dich?“ Sie schielte zu Aryon. „Ist das deine Aufgabe?“

„Nein, man versucht, mich zu beeinflussen. Ausgerechnet durch den da. Ein einfältiger Bauernbursche, der noch nichts von den Schlechtigkeiten der Menschen weiß und der keine Ahnung hat, wie man mit ihnen umgehen muss.“

„Ist dem so, Aryon?“, fragte Juliane, während sie hektisch die ersten Antworten niederschrieb.

„Lächerlich! Frag ihn doch mal, wie ich mit ihm umgegangen bin. Er bildet sich viel ein auf seine Stärke, aber ich war es, der ihm die angemessene Demut vor meiner Kraft beigebracht hat.“

„Ja, mithilfe von Magie.“

„Na und? Jeder nutzt die Mittel, die ihm zu Gebote stehen. Also steig herunter von deinem hohen Ross und antworte vernünftig auf Julianes Fragen.“ Aryon blinzelte zu ihr hinüber. „Mich kannst du alles fragen, natürlich bis auf das, was ich nicht preisgeben kann.“ Er grinste.

Juliane wiegte den Kopf. „Ihr seid wie Katz und Maus – schwierig, da den Fettnäpfchen auszuweichen. Aber ein bisschen weniger Arroganz stünde dir ganz gut, Merodan. Ich denke nicht, dass es in deinem Sinn ist, wenn die Nachwelt dich als streitsüchtigen, kleinlichen Mann in Erinnerung behält, der erst um sich beißt, bevor er nachdenkt. Wieso glaubst du, dass Aryon es böse mit dir meint? Weil er dich schon einmal besiegt hat?“

„Ich sagte es bereits, er ist nicht böse, er ist einfältig, weil er glaubt, ich würde auf seine schmeichlerischen Worte hereinfallen. Und die sollen nur bewirken, dass ich alles vergessen soll, was mich ausmacht, und mit meinen Feinden, den Abbaranen, den Bruderkuss tausche.«  Er warf Juliane einen scharfen Blick zu. „Darf ich dir dazu auch eine Frage stellen?“

„Sicher darfst du Fragen stellen.“ Juliane warf ihm einen neugierigen Blick zu.

„Weshalb glaubst du, haben sie ausgerechnet Aryon zu mir geschickt? Na, was meinst du? Du bist doch eine kluge Frau, nicht wahr?“

„Die Frage hast du dir doch selbst schon beantwortet.  Weil er nicht böse ist und es ehrlich mit dir meint. Wenn du mal deine Vorurteile beiseite schiebst und anfängst, tiefer zu sehen, würdest du mitbekommen, dass Aryon nicht dein Feind ist“, sagte Juliane und beobachtete die beiden ungleichen Männer. »Dann würdest du auch erkennen, dass Aryon es ehrlich mit dir meint. Und dass er dich gern als Freund gewinnen würde.“ Mit einem Flüstern fügte sie hinzu: „Wenn nicht mehr …“

Merodan kniff die Augen zu einem Spalt zusammen. „Wenn nicht mehr?“, zischte er. „Was willst du denn damit andeuten?“

Juliane räusperte sich. „Naja, es ist schon ziemlich offensichtlich …“ Sie deutet auf Aryon und sah ihn auffordernd an. „Willst du dich nicht dazu äußern?“

Aryon errötete leicht. Was ihn anging: Er war schon bei ihrer ersten Begegnung bereit gewesen, aber Merodan sah ihn viel zu giftig an, als dass er es gewagt hätte, ihn jetzt schon offen zu reizen.

„Na los, antworte der Dame!“, höhnte Merodan. „Sie hat dich etwas gefragt.“

Aryon hüstelte. „Also gut. Der Magier kennt meine Neigung, vielleicht hat er sie mit einkalkuliert. Merodan ist ein sehr schöner Mann, und ich bin auch nicht gerade unansehnlich.“

Merodan wich gleich zwei Schritte zurück. „Neigung? Welche Neigung? Und was kümmert dich mein Aussehen?“ Er sah Juliane entsetzt an. „Kannst du mir sagen, was er damit sagen will?“

Juliane tippte mit ihrer Feder aufs Papier. Sie sah ein, dass es wohl kaum zu einem Interview kommen würde, da hier andere Dinge wichtiger waren. „Also ich finde, dass Aryon sehr offen und direkt war. Was für eine Antwort brauchst du denn noch? Er bevorzugt die Gesellschaft von Männern.“ Sie deutete zum Bett hinüber, um alle Missverständnisse auszuräumen. „Und er hat dir gerade gesagt, dass er dich gutaussehend findet und …“ Sie ließ den Satz offen.

Merodan hob die Hände. „Soll das heißen, ich soll mich von einem Mann berühren lassen?“ Seine Stimme, die sonst immer sehr beherrscht herüberkam, überschlug sich fast.

„Ist das ein so schrecklicher Gedanke für dich?“ Sie räusperte sich. „Um ehrlich zu sein, passt eine Frau noch weniger zu dir. Die verachtest du schließlich mehr als Männer.“

„Was nicht heißt, dass sie nicht nützlich sind. Auch im Bett.“

Aryon hatte mit so einer Reaktion gerechnet und schaute wie unbeteiligt zur Decke.

»Wundervoll, worauf du eine Frau reduzierst. Da kann ich mich ja geehrt fühlen, dass du mit mir redest.“

Merodan konnte sich ein Grinsen nicht verkneifen. „Das habe ich doch schon zu Anfang durchblicken lassen.“ Dann wurde er plötzlich unruhig, ging zum Fenster und wieder zurück. „Männer liegen mir tatsächlich mehr“, murmelte er wie zu sich selbst. „Allerdings …“

„Allerdings?“

„Darüber will ich nicht sprechen.“

Aryon verschränkte die Arme. „Ach! Hast du ein Geheimnis? Das würde ich auch gern kennenlernen. Na sag schon! Juliane geht sowieso nicht, bevor sie nicht alles von dir weiß.“

„Gibst du alles preis von dir?“

„Ich bin nur ein einfältiger Bauernbursche, völlig uninteressant für Juliane – im Gegensatz zu dir, tapferer Krieger und stolzer Tadramane!“

„Verhöhnen kann ich mich allein. Glaub nicht, dass ich ein Wort davon vergessen werde.“

„Wann? Wenn wir erst richtig dicke Freunde sind?“

„Träum weiter.“ Merodan starrte Juliane unschlüssig an. „Also, was willst du wissen?“

„Was du grad nicht sagen willst. Du hast da eben eine Andeutung gemacht, über die wir gern ausführlicher unterrichtet werden möchten. Männer liegen dir also mehr als Frauen …?«

„Als Gesellschaft meinte ich. Und einmal, da gab es einen Mann – ich dachte, er sei mein Freund, aber er wollte etwas ganz anderes von mir, etwas Unaussprechliches. Ich meine, wenn man es mit einem Mann, statt mit einer Frau macht, dann ist es das.“

Aryon verdrehte die Augen. „Man kann es auch kompliziert ausdrücken.“

Juliane sah verwirrt zu Merodan. „So ganz konnte ich dir jetzt auch nicht folgen. Ist es was? Unehrenhaft? Verboten?“

„Beides würde ich sagen. Es ist so – so unnatürlich, oder nicht?“

„Hm … wenn du Liebe als etwas Unnatürliches ansiehst, dann wahrscheinlich schon. Aber ich persönlich finde nicht, dass es unnatürlich ist.“

„Unnatürlich, doch vor allem gefährlich. Du sprichst von Liebe, das ist mir fremd. Sprechen wir lieber von Begierde. Und wenn ein Mann einen anderen begehrt, dann ist er ihm ausgeliefert, dann ist er der Schwächere. Aber ein Mann erträgt es nicht, wenn ihn seine Gefühle einem anderen Mann unterlegen machen. Das ist ein unerträglicher Zustand. Mit einer Frau kann das gar nicht erst eintreten.“

Juliane überdachte seine Antwort und schüttelte den Kopf. „Du widersprichst dir teilweise. Einerseits ist dir die Liebe fremd, andererseits sprichst du davon, dass die Gefühle dafür sorgen, dass man unterlegen ist. Kannst du dir nicht vorstellen, gleichberechtigt zu sein – weder über- noch unterlegen?“

„Nein!“ Merodan presste die Lippen zu einem Strich zusammen.

„Mir scheint, du hast so etwas bereits erlebt“, murmelte Aryon. „Sonst würdest du diesen Zustand gar nicht kennen.“

Juliane machte einige Notizen auf ihrem Blatt. „Hat Aryon recht? Du hast da was angedeutet, Merodan …“

„Ich deute gar nichts an. Ich weiß einfach, wie es läuft.“

„Und du denkst, weil du einmal etwas Schlechtes erlebt hast, wird es immer so sein? Ziemlich engstirnig, findest du nicht auch? Heißt es nicht auch hier, dass man gleich wieder aufs Pferd steigen soll, wenn man abgeworfen wurde?“ Juliane sah sich auf der Suche nach etwas Wasser im Raum um. Allmählich wurde ihre Kehle vom Diskutieren trocken.

Während Aryon sofort einen Krug aus der Ecke holte und ihr einschenkte, schien Merodan durch sie hindurch zu starren. „Nicht ich wurde vom Pferd geworfen“, flüsterte er. „Ich stieß ihn aus dem Sattel. Ich habe es getan, weil ich …“ Er zögerte und warf Aryon einen vorsichtigen Blick zu. „Weil ich merkte, dass ich ihm sonst das ganze Pferd überlassen würde. Er hatte mich angefasst, und ich wusste, wenn ich das weiterhin dulde, bin ich verloren. Wir trennten uns im Zorn. Er glaubte, ich würde ihm nie verzeihen, aber er irrte sich. Ich konnte es mir nicht verzeihen, dass ich es genossen hatte.“ Merodan holte tief Luft. „So, das ist die Wahrheit. Jetzt habt ihr beide endlich euren Willen. Hast du das alles auch gut aufgeschrieben, damit die ganze Welt über mich lachen kann?“

Juliane nickte Aryon dankend zu und trank einen Schluck. „Warum sollte die Welt über dich lachen? Ein wahrer Herrscher ist auch in der Lage, sich Fehler einzugestehen und zu versuchen sie wieder gut zu machen.“ Sie legte die Feder beiseite. „Und ich habe bisher kaum etwas aufgeschrieben, weil du erstmal zu dir selbst finden musst, bevor du überhaupt Fragen beantworten kannst.“

Aryon grinste nur. „Danke, Juliane, dass du Merodan gegenüber so feinfühlig bist. Jetzt kann ich mir ja doch noch Hoffnungen machen?“ Er blinzelte Merodan zu.

„Bilde dir keine Schwachheiten ein, Angorner!“, schnaubte Merodan. „Das fehlte noch, dass ich mich dir ausliefere.“

„Wenn ich dich morgen besuche, komme ich nackt zu dir, dann werden wir ja sehen, wie standhaft du bist.“

„Lieber hänge ich mich an meinem Gürtel auf.“

„Aber bitte erst danach.“

Merodan sah Juliane an. „Was sagst du als Frau zu diesem unkeuschen Ansinnen? Würdest du das dulden, wenn dich plötzlich ein nackter fremder Mann besuchte?“

Juliane biss sich auf die Unterlippe um ein Lachen zu unterdrücken. „Um ehrlich zu sein, würde mich das nur bedingt stören. Aryon ist wirklich ein gutaussehender Mann, Aber für mich wäre das nichts – ich bevorzuge doch eher den Körper einer Frau. War das nicht feinfühlig, Aryon?“

Aryon schlug sich die Hand vor die Stirn. „Auch das noch! Merodan muss ja glauben, vor einem Abgrund zu stehen. Hättest du ihm das nicht schonender beibringen können?“

Merodan schaute lediglich verblüfft. „So etwas gibt es auch?“

„Irgendwann läuft auch mir die Zeit weg, Aryon. Ich habe nicht unbegrenzt Zeit – also warum um den heißen Brei herumreden?“ Sie erhob sich und trat einige Schritte auf Merodan zu. „Warum sollte es das nicht geben? Frauen können, wenn sie sich verlieben,  dabei durchaus das eigene Geschlecht bevorzugen.“

Merodan wich vor ihr zurück. „Ach so, naja, das habe ich nicht gewusst. Ganz Khazrak scheint ja ein Pfuhl der Sündhaftigkeit zu sein.“

„Sagen wir, ein Ort des unverkrampften Vergnügens“, schlug Aryon vor. „Und du wirst auch nicht als Geisel sterben, ohne vorher von mir geküsst zu werden. Jetzt bin ich zuversichtlich, dass du doch noch eine große Zukunft vor dir haben wirst. Dein Eis schmilzt so langsam.“

„Na dann habe ich ja doch etwas erreichen können, auch wenn ich kaum Fragen stellen konnte.“ Juliane grinste Aryon zu.

„Ist es so, wie Juliane sagt?“, fragte Aryon.

Merodan verschränkte die Arme und drehte sich um. „Weiß nicht, habe gar nicht hingehört.“

Aryon zwinkerte Juliane zu. „Was hältst du davon?“

„Ich denke, Merodan hat heute viel von sich preisgegeben, aber du kennst ihn ja. Da wirst du noch viel Geduld aufbringen müssen, aber ich bin mir sicher, dass es sich lohnen wird.“ Sie erhob sich lächelnd. „Ich muss allmählich zurück. Allzu lange darf ich in dieser Zeit nicht verweilen.“ Sie beobachtete die beiden ungleichen Männer und hatte das gute Gefühl, dass sie sich trotz allem ein wenig nähergekommen waren. „Ich wünsche euch einen schönen Tag und morgen noch einen Besseren.“ Sie zwinkerte Merodan zu. „Danke, dass ich für kurze Zeit hier sein durfte,  ohne dass du mich erwürgt hast.«

»Das hätte ich getan, wenn Aryon dich nicht mit seiner Magie beschützt hätte.«

Aryon lächelte milde. «Danke, Juliane, dass du gekommen bist. Du hast damit mehr bewirkt, als ich in all den Tagen, wo ich mich vergeblich an dem Eisberg abgearbeitet habe.“ Er wandte sich an Merodan: „Hast du gehört? Juliane muss gehen. Ich bringe sie hinaus.“

„Wünsche noch einen schönen Tag“, knurrte Merodan.

„Na dann, bis morgen.“

„Aber nicht nackt.“

„Soll ich denn wiederkommen?“

Es trat eine Stille ein. Dann brummelte Merodan etwas. Aryon fragte Juliane: „Hast du verstanden, was er gesagt hat?

Sie grinste. „Es hat sich nach „Ja, bitte“ angehört.“

[CHARAKTERINTERVIEW] Gwenael und Jaleel aus „Die Seelenlosen“

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Dieses Interview ist mitten im Roman „Die Seelenlosen“ angesiedelt, daher ist es am Besten, man kennt die Geschichte schon – allerdings wird auf große Spoiler verzichtet, sprich man kann das Gespräch zwischen Gwenael, Jaleel und mir auch genießen, wenn man die Steamfantasy-Romane noch nicht kennt. Vielleicht bekommt ihr ja Lust, auf die Bücher – ein kurzes Zitat versteckt sich ebenfalls im Dialog. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen – und ja, man kann das von Gwenael und Jaleel signierte Buch am Ende der Special Week gewinnen 😉

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Mit Buch und Kuli im Gepäck in fremden Welten 🙂

In dem kleinen Raum staut sich die Hitze. Sonne flutet durch die geben Rautenscheiben und verwandelt die ausgetretenen Dielen des Holzbodens in ein weißgraues Flimmern, über dem der Staub tanzt. Der grobe Hocker vor dem Schreibtisch ist unbequem, genauso wie die beinah aufdringliche Nähe des fetten Mannes in Pluderhose und Wams. Er unterschreitet jede gebotene Grenze. Seine Körperwärme, der Geruch nach Schweiß und kaltem Rauch, überfluten Juliane. Sie hustet trocken und rutscht auf die Kante des Hockers, nur um etwas Abstand zu dem ungepflegten Kerl zu gewinnen.

Er ruckt nach – wenigstens sein Wanst, über dem sich der ungepflegte, filzige Bart wie ein Teppich ausbreitet. Er leckt sich über die Lippen, als die Tür aufschwingt und eine kleinwüchsige, massige Frau in der gleichen, wenn auch wesentlich saubereren Kleidung eintritt, dicht gefolgt von einem sonnengebräunten, jungen Mann, auf dessen Stirn zwei kleine, aber auffällige Hörner hervorragen.

Der Soldat schreckt zurück und sucht Abstand. Ein infantiles, zugleich lüsternes Grinsen huscht über seine Lippen, während sein Blick an der Frau hängenbleibt.

Juliane dreht sich auf ihrem Hocker um. Das muss Jaleel sein. Im Gegensatz zu den Zeichnungen ist er kleiner, aber muskulöser und sieht herb und entschlossen aus. Seine eigenartigen rotschwarzen Augen aber irritieren. Damit ist schon eine der beiden relevanten Personen anwesend.

Jaleel (c) Tanja Meurer

Der dicke Soldat deutet auf einen Schreibblock und den Stift, aber auch auf das schmale, silberne Aufnahmegerät.

„Vielleicht ist sie eine von den Wanzen, die für die Zeitungen arbeiten.“

„Eine Zeitungsschmiererin?“, fragt der gehörnte Mann stirnrunzelnd und zieht drohend die Lippen zurück. Eine Vielzahl feiner, scharfer Zähne kommt zum Vorschein.

Beeindruckend, fast wie das Gebiss einer Katze. Aber Zeitungsschmiererin? Nein, das nun wirklich nicht. Bevor sie sich verteidigen kann, fährt Jaleel fort: „Wo hast du das Weib gefunden, Rim?“ Er verengt die Augen zu Schlitzen.

„Vor der Garnison.“ Der Fettwanst befeuchtet seine Lippen. „Sie ist da herumgeschlichen und hat irgendetwas mit diesem Silberding gemacht.“ Mit einer Kopfbewegung deutet er auf einen schwarzen Samtbeutel, auf dem eine Kamera liegt.

Juliane stöhnt auf und rollt die Augen. „Darf ich vielleicht auch mal was sagen?“

„Schweig!“, pflaumt Rim, wobei seine Hand wie zufällig über ihren Rücken tastet.

„Hey, lass das!“ Juliane weicht nach vorne aus und springt auf. Sie fährt herum, sodass ihr langer Rock gegen Tisch und Stuhlbeine schlägt.

Die Soldatin rammt die Fäuste in die ausladenden Hüften und macht eine scharfe Kopfbewegung über die Schulter. „Rim, raus mit dir!“

„Aber Marianne …“

„Verschwinde!“

Mit einem ärgerlichen Blick zu Juliane, trollt er sich, nur um sich in der Tür an einem großen, muskulösen Mann vorbeizudrängen, der ihm mit kritischem Blick hinterher sieht.

„Ist das das Mädchen?“, fragt er ruhig.

Marianne löst sich von der Tür und tritt zu Juliane. In ihre kleinen, hellen Schweinsäuglein tritt ein Lächeln. „Mach dir keine Sorgen, Kind“, sagt sie leise. „Der Commandant ist ein netter Mann. Er wird dich nicht bedrängen.“

„Na da bin ich ja beruhigt.“ Juliane sieht zu Gwenael Chabod, niemand sonst ist der Commandant … Ein dunkler Mann, angespannt und bis zu einem gewissen Grad verlebt.

„Also gut.“ Er schließt die Tür hinter sich und sperrt die grelle Morgensonne aus. „Seid Ihr von Mademoiselle Rollier oder einem anderen Zeitungsschreiber geschickt worden?“

Juliane starrt verdutzt zu ihm hoch. Für einen Moment zögert sie, dann murmelt sie: „Eigentlich bin ich hier, um Fragen zu stellen, nicht um welche zu beantworten. Aber nein, ich wurde nicht von Mademoiselle Rollier geschickt, sondern … wurde von … jemandem hierher geholt, um eine Reihe von Fragen an Euch …“, sie deutet auf Jaleel und Gwenael und zückt Block und Stift, „… zu stellen.“

Gwenael tritt hinter seinen Schreibtisch und stützt sich mit beiden Händen auf der Platte ab. „Ach, und von wem, Mademoiselle …?“ Seine Brauen zucken hoch. Er schaut auffordernd zu Juliane. „Marianne, holst du vielleicht mal rasch Radur?“ In Jaleels Stimme schwingt Anspannung mit. Sie zögert, löst sich von Juliane und nickt dann. „Mache ich.“

Juliane zögert, nickt dann jedoch. „Ich wüsste nicht, was dagegen spricht Großmeister Lysanders Namen zu nennen – ich kenne ihn schon eine Weile, allerdings wird es zu kompliziert, das alles zu erklären. Zusammenfassend sei gesagt – ich komme nicht von hier, habe aber großes Interesse an einem Gespräch mit Jaleel und Euch.“ Mit einem Grinsen fügt sie hinzu: „Es wird auch nicht in den hiesigen Zeitungen erscheinen.“

Überrumpelt lässt Gwenael sich in seinen Stuhl Fallen. „Bitte?“ Er sucht den Blick seines Gefährten. Nach einem Moment murmelt er: „Könnt Ihr das Beweisen, Mademoiselle Indiscret (französisches Adjektiv für Naseweis)?“

„Verzeiht, dass ich mich nicht vorgestellt habe – mein Name ist Juliane. Ich kenne Meister Lysander und Aycolén schon seit langer Zeit. Ich weiß um ihre besonderen Verdienste zur Zeit des Großen Krieges vor 250 Jahren und bin auch darüber in Kenntnis, warum Lysanders Familie bei Prinz Mesalla in Ungnade gefallen ist. Allerdings kann ich das hier schwerlich zur Sprache bringen.“ Sie überlegt kurz. „Was würde Euch denn überzeugen? Ihr könnt gerne etwas vorschlagen.“

Der Commandant zögert, richtet sich wieder auf und verschränkt die Arme vor der Brust. „Dann kennt Ihr sicher auch Maître Shion!“ In seiner Stimme schwingt Unsicherheit.

„Soll ich ihn wecken lassen, Gwenael?“, fragt Jaleel.

„Ja, mach …“

Die Stufen und die umlaufende Galerie der Wachstube beben unter raschen, schweren Schritten. Jaleel tritt zur Seite und lehnt sich neben der Tür gegen die Wand. Ein großer, grober Mann mit Bart und Unterkieferhauern stürmt in den Raum. Er trägt nur Hosen, Sandalen und Schmiedeschürze. Sein Gesicht ist schweißnass und dünne Rinnsale laufen über seine muskulösen Arme und die breite Brust.

Gwenael (c) Tanja Meurer

Außer Atem keucht er: „Ihr wolltet mich sehen, mon Commandant?“

„Ich hatte nach dir geschickt, Radur.“ Jaleel löst sich und sieht zu dem riesigen Halborc hoch.

„Ist wieder was mit Magie?“, fragt der Schmied.

Jaleel wiegt den Kopf. „Diese junge Frau behauptet, eine Vertraute der Grand-Maîtres Lysander und Aycolén Amaro zu sein.“ Ein Funkeln tritt in seinen Blick. „Was meinst du, wird Shion sie erkennen?“

Radur grinst breit. „Schauen wir einfach. Ich hole ihn.“

Juliane seufzt und verkneift sich einen Gruß Richtung Radur, um die Situation nicht noch komplizierter zu machen. „Könnten wir wenigstens schon mal mit den Fragen anfangen? Es dauert sicherlich, bis Shion wirklich wach ist.“

Radur verlässt das Kartenzimmer. Langsam kommt Jaleel zum Schreibtisch und setzt sich auf die Kante. Seine Aufmerksamkeit gilt den beiden mattsilbernen Geräten, während Gwenael betont ruhig nach dem Notizblock greift und sich die Zeilen ansieht. Keiner von beiden reagiert. Aber der Commandant hält eine Hand erkennbar über der Pistole.

„Ich weiß, Ihr mögt Journalisten nicht, aber nicht alle sind so unangenehm und herausfordernd wie Mademoiselle Rollier. Ob Ihr es nun glaubt oder nicht, ich komme von einer anderen Welt – das Prinzip der Portalmagie kann Euch Shion erklären – und dort gibt es Teile Eurer Abenteuer in Buchform. Die Leser dieser Bücher interessieren sich nun brennend für Euch zwei …“ Sie macht eine Pause und fügt leise hinzu. „Gerade jetzt, wo Ihr Euch näher gekommen seid …“

Jaleel fällt der Fotoapparat aus der Hand. „Was?!“ Er kneift die Augen zusammen. „Habt Ihr etwa gelauscht?!“

Juliane ist entsetzt, dass der Parhur das Gerät aus den Fingern verliert. Rasch hechtet sie vor und fängt es auf. „Idiot!“

Gwenael hat sich besser unter Kontrolle. Er wirft den Block auf den Tisch zurück und legt deutlich sichtbar die Waffe auf den Tisch, nur um beide Hände darüber zu verschränken. „Wenn Euch diese Hirngespinste legitimieren sollen, müsst Ihr Euch …“

Die aufgestoßene Tür unterbricht ihn rüde. Shion steht im Nachthemd, mit nackten Füßen und wirren Haaren in der Tür. „Julie? Was machst du denn hier?“ Er klingt verzweifelt. „Wo hast du deine Zeichnerin gelassen?“

„Shion, wie schön dich zu sehen.“ Juliane geht lächelnd auf den großen Magier zu und umarmt ihn. „Hat Luca dir nichts davon gesagt, dass ich vorbeikomme, um die beiden zu interviewen?“ Sie tritt einen Schritt zurück. „Tanja hatte keine Zeit mitzukommen – in gewisser Weise hat sie genug damit zu tun, die Geschichte der beiden fortzuführen.“ Sie wirft Jaleel und Gwenael einen verärgerten Blick zu. „Nicht, dass sie es verdient hätten …“, nuschelt sie.

„Sei nicht zu hart mit ihnen, sie müssen noch viel lernen“, entgegnet er, während er sie kurz drückt.

„Ihr legitimiert dieses Mädchen?“, fragt Chabod steif.

Shion löst sich von ihr und nickt. „Die beiden Frauen begleiten uns bereits ein Leben lang.“

„Euer mystisches Gefasel hilft hier wenig.“ Der Commandant räuspert sich. „Also gut.“ Langsam und tief atmet er ein. „Ich verstehe zwar gar nichts und wüsste auch nicht, je einen Chronisten beauftragt zu haben, aber ich vertraue Euch, Maître.“ Er zögert kurz. „Was ist eigentlich ein Inter…wiu?“

Jaleel nickt. Er hat sich wieder des Fotoapparates bemächtigt und drückt auf den Knöpfen herum, bis das Objektiv ausfährt und die Linse freigibt.

Juliane nimmt ihm das Gerät aus der Hand. „Nicht kaputtmachen! Ich hab nur den einen mit.“ Sie schaltet ihn aus und steckt ihn weg. Dann wendet sie sich an Gwenael. „Ein Interview ist etwas Ähnliches wie ein Gespräch, das mitnotiert und später veröffentlicht wird – nicht unbedingt nur in Zeitungen, aber das würde zu weit führen. Wer den Chronisten beauftragt hat, kann ich nicht sagen, aber Eure Abenteuer sind in unserer Welt erschienen und werden gelesen.“ Sie zuckt die Schultern. „Vielleicht ein Raum-Zeit-Paradoxon. Das kann am ehesten Shion erklären.“ Sie wehrt ihn jedoch ab und fügt hinzu: „Aber nicht unbedingt jetzt: Lysander hat mir nur eine begrenzte Zeit gegeben – irgendwann muss ich ja wieder nach Hause.“

„Wenn davon was hier in den Zeitungen erscheint“, Jaleel unterbricht sich und schüttelt den Kopf.

„Das mit den anderen Welten macht mich nervös“, fügt Chabod hinzu. Er wirkt unentschlossen. „Derzeit haben wir schon so viele Probleme, und was, wenn wir damit nichts Gutes für uns alle herbeiführen?“

Shion tritt an dem Commandanten vorüber und nimmt Becher vom Bord.

Langsam hebt Gwenael den Kopf. „Ahh“, er erhebt sich und nimmt eine Karaffe Wasser. „Verzeiht, ich bin unhöflich.“

Erneut sieht er zu Jaleel, der seine Hand nach der Tasche ausgestreckt hat. In der Bewegung hält er inne. „Ich weiß auch nicht …“

„Macht Euch keine Gedanken“, wiegelt Shion ab. „Das, was Julie und Tanja in ihrer Welt tun, hat auf uns gar keinen Einfluss.“

Gwenael schiebt Juliane einen Becher Wasser zu. „Wirklich?“ Er sieht ihr in die Augen.

Cover „Die Seelenlosen“

„Wirklich“, bestätigt Juliane Shions Worte. Sie hält seinem Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken. „Es ist nun einmal so, dass viele Leute Eure Abenteuer verfolgen und natürlich Fragen haben.“ Sie schielt zu Jaleel und ergreift die Tasche, bevor er es tun kann. „Bei mir gibt es nicht zu holen, Jaleel.“ Sie zieht ein dickes, braunes Buch hervor und hält es Gwenael unter die Nase. „Das ist das erste Buch Eurer Chroniken. Ihr werdet es leider nicht lesen können, aber ich kann Euch versichern, dass darin nur Positives steht.“

„Und WAS steht darin?“ Der Commandant nimmt ihr das Buch ab und dreht es in der Hand. Er tippt auf das Bild mit der Dampfratte. Seine Augen werden groß. „Ist das nicht das Metalltier von Laroche?“

„Richtig. Sie kommt ja schließlich im Buch ebenfalls vor. Fing nicht mit Laroches Vorführung alles an?“ Sie nippt an ihrem Wasser. „Kurz darauf ist ja der Sariner auf Euch draufgefallen.“ Sie zwinkert Jaleel zu. „Und Ihr habt das alles mit einem Grinsen beobachtet.“

Gwenaels Kopf fliegt zu Jaleel herum. „Du hast …“ Seine Lippen zucken. Nach einem Moment fügt er rau hinzu: „Der peinlichste Moment meines Lebens und das hier drin!“ Er lässt seine große Hand darauf niederfahren.

Jaleel seufzt. „Aber es hat dich sehr menschlich gemacht. Das Bild des Kriegshelden hat ziemliche Risse bekommen und verdeutlicht, dass du ein ganz normaler Mann bist.“ Sacht tastet er nach Gwenaels Fingern.

Shion wiegt den Kopf. „Die Rollier hat sich auch nicht darum gekümmert. Das war ihr egal. Seltsames Weib …“ Er schüttelt den Kopf. „Gestattet, dass ich mir etwas anziehe.“

Gwenael nickt resigniert. „Geht ruhig.“

„Jaleel hat recht – es hat den Bewohnern der Stadt zumindest gezeigt, dass Ihr Humor habt.“ Sie sieht nachdenklich zwischen den beiden hin und her. „Ihr wusstet nicht, dass er anwesend war, Gwenael?“
„Der Humor hat mir nicht gerade gut getan.“ Mit einer Hand streicht der Commandant über seine Schulter. „Ich weiß, dass er anwesend war. Davon hatte er mir erzählt. Und es ist schließlich egal, wer lacht.“ Er grinste halbherzig. „Ich glaube, trotzdem, dass ich mich noch nie so dumm verhalten habe.“ „Was wollt Ihr eigentlich noch alles wissen?“ Jaleel schien die Situation unangenehm zu werden. Er schlug das Buch auf und legte die Stirn in Falten. „Offenbar habt Ihr doch schon alle Antworten, was auch immer hier steht.“

„Der Chronist hat nicht alles erwähnt“, beginnt Juliane. Sie greift nach einem Stift und schlägt ihren Block auf. „Die Sache mit Orin hat Euch doch sicher ziemlich mitgenommen, Gwenael. Immerhin habt Ihr ihm sehr lange vertraut. Denkt Ihr, dass Ihr ihm irgendwann verzeihen könnt?“

Jaleel presst die Lippen aufeinander. Sein Blick hängt an Gwenael, der plötzlich älter und eingefallen wirkt. „Falsche Frage!“

„Nein, nein, schon gut, Jaleel.“ Gwenael strafft sich. „Ich weiß es nicht. Das hängt von den Ergebnissen unserer Ermittlungen ab … und der Zeit, die ich dafür brauche, um mir zu vergegenwärtigen, wie wir zueinander stehen. Als Lebensgefährten sicher nicht mehr.“ Er lächelt Jaleel beruhigend zu, zwischen dessen Hörnern eine steile Falte entstanden ist.

„Tut mir Leid, da bin ich wohl mit der Tür ins Haus gefallen.“ Juliane streicht etwas von ihrem Block. „Vielleicht sollten wir uns eher auf die Vergangenheit konzentrieren – nicht auf Eure mit Orin, sondern allgemein.“ Sie wirkt ein wenig verunsichert, während sie die Notizen auf ihrem Zettel überfliegt. „Hm, irgendwie sind viele Fragen eher unpassend, da sie sich um Orin und Eure Familie drehen.“ Sie wendet sich an Jaleel. „Aber zu Euch ist noch nicht so viel bekannt. Daher sollte es kein Problem sein, wenn Ihr mir mehr über Eure Vergangenheit und Kindheit erzählt.“ Sie setzt ein Lächeln auf.

„Meine Vergangenheit?“ Verlegen kratzt er sich am Kopf. „Äh, ja. Steht das nicht da drin?“

„Nein, leider nicht.“ Juliane zückt ihren Stift. „Ich glaube, Gwenael weiß auch nicht sonderlich viel über Euch, oder?“

„Er ist ein Parhur aus dem Grenzgebiet im Süden und seit sieben Jahren hier.“

Jaleel grinst. „Das ist weniger als ich dir gesagt habe.“

„Aber vielleicht ist es dir nicht recht?“

Mit einem Kopfschütteln stützt sich Jaleel auf seinen Oberschenkel. „Nein, da gibt es nichts, wofür ich mich schämen muss.“ Er senkt die Lider. „Ich bin ein einfacher Bauernsohn. Meine Eltern sind unfrei, und ich habe ein ganzes Rudel Schwestern.“ Wesentlich leiser und ernster fügt er hinzu: „Und eine ganz wunderbare Großmutter hatte ich. Sie war klug, sprach allein fünf Sprachen und schrieb sie, malte, tanzte, sang und dichtete. Sie war ganz anders als andere Bäuerinnen. Sie konnte anpacken, zugleich war sie eine Dame …“ Er wandte sich an Gwenael. „Du hättest sie sicher gemocht. Sie war das unangefochtene Oberhaupt der Familie, und wir wurden erst nach ihrem Tod unfrei.“
„Sie klingt nach einem wunderbaren Menschen. Sie hat Euch auch das Schreiben beigebracht, oder?“ Juliane notiert fleißig auf ihrem Block mit. „Was geschah nach ihrem Tod? Wie muss ich mir das unfrei vorstellen?“

Sein Lächeln verliert seinen Glanz. „Sie trug einen Namen, das heißt, einen Nachnamen. Der vererbt sich bei uns aber nicht. Es ist die Bezeichnung dessen, was sie für unser Volk und Land war.“ Langsam nickt Gwenael. „Wenn dieser Name wegfällt, geht das Gut oder Gehöft in den Besitz des Landesherrn über.“ Er drückt kurz und kräftig Jaleels Schulter. „Vielleicht bist du derjenige, der deiner Familie irgendwann auch einen Namen gibt.“

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Juliane in geheimer Mission 😉

„Dazu müsste ich zurück wollen.“ Jaleel schüttelt den Kopf. „Nein, besser nicht.“

„Also habt Ihr nie den Wunsch verspürt, nach Hause zurückzukehren? Um herauszufinden, was mit Euren Schwestern und Eltern geschehen ist?“ Juliane runzelt die Stirn. „Steht ihr denn miteinander in Kontakt?“

„So lang sie sich wie Wasser verhalten, überleben sie den Krieg unbeschadet. Das heißt, sie passen sich an, fließen mit der Strömung und nehmen an, was ihnen geboten wird. So war das auch in meinem letzten Jahr auf dem Hof.“

„Parhur sind in den meisten Ländern dazu verurteilt, das zu schlucken, was ihnen die Menschen aufbürden“, fügt Gwenael hinzu. „Es ist egal, ob es der Landesherr, der Großbauer oder ein Heer ist. Sie werden nicht als Gefahr wahrgenommen, aber auch nicht als Freund. Deswegen hat sich dieses Volk angewöhnt, mit dem Strom zu fließen, obwohl es in ihrer Natur liegt, zu brennen, sich zu wehren und ihren vollen Stolz zu beweisen.“ Er lächelt knapp. „Ich will, dass Jaleel den Kopf hoch erhoben tragen kann und seine Natur leben soll.“ Jaleel lacht auf. „Das ist, was mir an dir gefällt!“

„Das habt Ihr wirklich schön gesagt, Gwenael. Ich glaube, Ihr habt Euch beide gefunden und verdient einander.“ Juliane trinkt etwas Wasser und stellt den Becher auf dem Tisch ab.

„Ist das eigentlich etwas ganz Neues für dich Jaleel, oder ward Ihr schon einmal in einer richtigen … kann ich es schon Beziehung nennen?“

„Beziehung?“ Er zieht demonstrativ die Brauen hoch. „Gwenael und ich sind in erster Linie Freunde.“ Er sieht sich um und grinst. „Freunde mit starkem Vertrauen ineinander.“ Gwenael blinzelt, sagt aber nichts. „Alain war kein Partner, er hat sich mit mir nur vergnügt.“ Das letzte Wort spuckt er förmlich aus. Nach einem Moment fährt er fort: „Ich hatte immer Partner, deren Namen ich nicht kannte.“

„Ich wollte nicht in Abrede stellen, dass ihr Freunde seid. Dennoch verbindet euch doch inzwischen mehr als z.B. mit Rim oder Marianne.“ Sie zwinkert ihm zu. „Außerdem war euer Chronist sehr detailliert, was das anbelangt hat … was die Frage vorhin beantwortet: Ich habe nicht gelauscht, sondern gelesen!“ Sie deutet grinsend auf das Buch.

„Um eine Beziehung zu führen, muss man sich richtig kennen. Wir lernen uns gerade erst kennen.“ Gwenaels Stimme klingt belegt. „Aber es stimmt, was Ihr in Beziehung auf Jaleel, Rim und Marianne sagt.“

Jaleel erhebt und streckt sich. „Gwenael hat recht. Wer von mehr redet, weiß nicht, wie schwer es ist zu lieben und geliebt zu werden. Diesen romantischen Unsinn, der immer auf den Wanderbühnen aufgeführt wird, und in dem sich ein Mädchen beim ersten Blick unsterblich in einem Mann verliebt … Nein, daran glaube ich nicht, schon gar nicht, dass der Mann ihr gegenüber sofort Feuer fängt, außer hiermit.“ Er nickt zu seinem Gemächt. „Um zu lieben, und darin bin ich mir sicher, muss man sich kennen.“

Gwenael seufzt und steckt endlich seine Waffe weg. „Wie wahr.“

„Dann hat euer Chronist zumindest diesen Punkt sehr realistisch und genau wiedergegeben. Und ihr habt auch noch eine Menge zu tun. Der Fall hält euch ziemlich in Atem, vor allem, da es eine solch komplexe Angelegenheit ist. Da ihr jedoch mitten in den Ermittlungen steckt, will ich gar nicht nach zu viele Details fragen. Es sei denn, Ihr wollt mir davon berichten.“

Gwenael schüttelt sofort den Kopf. „Nein, allein schon über unser Privatleben und unsere Gefühle freimütig zu reden, ist nicht einfach, aber das würde doch ein wenig zu weit führen, zumal Ihr vielleicht ein Inter … ein Gespräch mit der Chronistin führen solltet, scheinbar weiß sie sehr viel mehr.“ Er nimmt einen großen Schluck Wasser und greift nach seinem Tabakbeutel. „Verdammt, kein Krümel mehr drin.“ Er lässt ihn sinken.

Jaleel hat sich zu ihm umgedreht und lächelt. „Wir sollten vielleicht etwas Essen kommen lassen. Das beruhigt dich.“

„Mademoiselle, wollt Ihr etwas?“, fragt Chabod.

„Also wenn Ihr mich so fragt …“ Juliane erinnert sich an die Art, wie in der Garnison Essen zubereitet wird – ekelhaft. „… nein danke. Bei dem Essen hier sind mir zu viele Dinge enthalten, die ich lieber nicht essen möchte.“ Sie grinst. „Aber lasst Euch von mir nicht aufhalten. Ich warte so lange hier.“

„Nein, bevor mir hier sensible Informationen fehlen – nein.“ Langsam neigt Gwenael sich vor und blättert im Buch. „Was steht alles in diesem …“ Er zuckt mit den Schultern und dreht es in den Händen. Dann huscht ein böses Grinsen über seine Lippen. „Wir können diese Worte alle nicht lesen, also wäre es doch nur recht und billig, wenn Ihr uns vorlest. Dann entscheiden wir, ob Ihr, Mademoiselle, Euren Bericht über uns veröffentlichen dürft.“

Juliane sieht ihn verdutzt an. „Ihr wollt, dass ich 700 Seiten vorlese? Das kann ich gerne machen, insofern ihr eine gute Woche Zeit mitbringt und mir freie Kost und Logis besorgt. Ich werde das kaum an einem Stück vorlesen.“ Sie schlägt das Buch auf und grinst. „Oder interessiert euch nur die Stelle von letzter Nacht?“

Gwenael wird blasser, doch Jaleel verschränkt die Arme vor der Brust. „Sicher, lest!“

„Also gut.“ Juliane schlägt das Buch auf und beginnt in der Mitte des Kapitels „Berührt“:

Tanja

Der Chronist

Der unausgesprochenen Einladung zu folgen war so einfach.

Gwenael streckte die Hand nach ihm aus, legte sie auf seine Brust, fand ein paar wenige Haare auf

glatter, schweißfeuchter Haut. Er streifte über Jaleels Brustwarze. Immer wieder. Bei jeder Berührung verhärtete sie sich weiter. Mit dem Daumen rieb er über die weiche Haut, spürte das leichte Springen unter seiner Fingerkuppe.

Stockend atmete Jaleel ein. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Er brummte zufrieden und legte den Kopf in den Nacken. Seine Bauchdecke straffte sich, fiel ein. Jede Rippe trat hervor. Die Muskulatur zuckte.

Gwenael fühlte es mehr, als dass er es sah.

Jaleel war ein einziges sehnsüchtiges Angebot.

Der erahnte Anblick entlud sich in purer Hitze, die in Gwenaels Lenden explodierte.

Bei „Der erahnte Anblick entlud sich in purer Hitze, die in Gwenael Lenden explodierte“ unterbricht Gwenael, ziemlich rot, fächelt sich Luft zu und sagt: „Ich hoffe darin steht nicht mehr!“

Juliane grinst ihn breit an. „Viel mehr.“ Sie sieht zu Jaleel. „Soll ich weiterlesen, oder lassen wir das lieber?“

„Was steht denn sonst noch da?“, fragt Jaleel verunsichert. „Irgendwas über unsere Zukunft?“

„Das auch, aber das sollte man ja nicht weitergeben. So etwas kann dann wirklich Unglück bringen.“ Sie lehnt sich zurück und tippt mit dem Stift auf das Papier. „Was für ein Gefühl ist das, dass jemand eure Abenteuer aufgeschrieben hat (in dieser detaillierten Form) und sie von Männern und Frauen gelesen werden?“

„Von Frauen?“ Jaleel schaut sie zweifelnd an.

„Mich beunruhigt eher, dass jemand all das schreibt, vor ALLEM unsere Zukunft. Das macht den Eindruck, als seien wir alle nicht Herr unserer Selbst. Findest du das nicht auch unangenehm?“, murmelt Gwenael.

Jaleel schluckt trocken. „Ja.“ Er mustert Juliane. „Ist das so? Sind wir nicht unsere eigenen Herren?“

„Da müsst ihr euch keine Sorgen machen – Ihr seid ganz Ihr selbst und bestimmt über Euer Handeln. Es ist schwer zu erklären – da es sich um Magie handelt, müsste das Shion erklären.“ Juliane sieht zur Tür. „Wo steckt der eigentlich?“

„Shion, unser Allwissender.“ Jaleel klang nicht besonders begeistert.

Jaleel und Gwen

Gwenael und Jaleel – heimlich aufgenommen! (c) Tanja Meurer

Schwerfällig stemmte sich Gwenael auf die Füße und ging zur Tür, während er seine Halb-Savonette aufklappte. „Shion ist schon eine Weile abgängig. Das wundert mich.“ Er legt die Stirn in Falten.

Als er die Tür öffnet, dringt eine Wolke trockenen Staubs in das Büro. Die Ausrufe der Wachsoldaten dringen vom Südtor her, untermalt von dem Rumpeln eisenbeschlagener Räder auf dem Pflaster. De grellen Geräusche des Schmiedehammers bringen die Luft zum Vibrieren. Gwenael wendet sich Juliane zu. „Was sind das eigentlich für seltsame Apparate, die Ihr mit Euch führt? Sie scheinen von Wert zu sein.“

Juliane zieht das Aufnahmegerät aus der Tasche, ebenso den Fotoapparat. „Damit kann man Geräusche und Stimmen aufnehmen.“ Sie schaltet ihn ein und fordert Gwenael auf etwas zu sagen. „Und was soll ich sagen?“

„Der Klassiker!“, entgegnet Juliane grinsend, spult ein Stück zurück und drückt auf Play.

„Und was soll ich sagen?“, klingt es verzerrt und sehr leise aus dem Gerät.

Gwenael sieht sie skeptisch an. „Das kann unsere Mechanik bereits?“

Jaleel strahlt. „Das brauchen wir dringend! Dann muss Marianne wesentlich weniger schreiben!“

„Das stammt aus meiner Welt – und ich werde es wieder mitnehmen, tut mir leid.“ Sie greift nach dem Fotoapparat und schaltet ihn ein. „Dieses Gerät macht … Momentaufnahmen, man kann sagen Bilder einer bestimmten Situation.“ Wegen der Düsternis im Raum klappt sie den Blitz heraus. „Nicht erschrecken.“ Sie richtet die Kamera auf die beiden und schießt ein Foto.

Jaleel reißt die Augen auf. „Sie ist doch eine Magierin!“ Er springt auf sie zu, während Gwenael nach seiner Waffe greift, aber die Hand wieder sinken lässt. „Nein, der Blitz hat uns nichts getan.“

„Ups – entschuldigt, bitte.“ Sie betrachtet das Bild auf dem Display und schüttelt den Kopf. „Doch zu hell“, murmelt sie. Sie klappt den Blitz zu, lässt die Kamera aber sinken. „Das ist die Technik unserer Welt. Und um das noch zu betonen: Bei uns gibt es gar keine Magie – nicht einmal einen Hauch davon.“

Irritiert bleibt Jaleel stehen, fängt sich aber schnell, nur um Juliane die Kamera zu entreißen. Sein Kiefer klappt herunter. Stumm reicht er das Gerät an Gwenael.

„Das bräuchten wir“, murmelt der Commandant düster. Es würde mir das mühsame Zeichnen ersparen.“ Er räuspert sich und reicht Juliane die Kamera. „Also gibt es bei Euch keine Magie, dafür aber Hilfsmittel, mit denen man Stimmen aufzeichnen und Bilder aus der Bewegung einfangen kann, interessant.“

 

„Zusammen mit ihrem Wissen und dem des Chronisten, könnten wir den Fall sehr schnell lösen“, fasst Jaleel zusammen. „Wenn Ihr auf unserer Seite wäret, Mademoiselle, könnten wir weitaus schneller und leichter mit der Arbeit voranschreiten.“

Gwenael weist auf Jaleel. „Ihr habt ja gelesen, wie ich meinen Stab zusammengesetzt habe. Warum dann nicht auch jemand wie Euch?

Juliane ist so verdutzt, dass sie im ersten Moment nicht

Karte Äos (c) Tanja Meurer

weiß, was sie sagen soll, dann nickt sie. „Wenn ich helfen kann, dann liebend gern. Allerdings müssten wir auch Tanja, den Chronisten, nach Äos holen. Sie kann viele Dinge noch viel besser als ich.“

„Tanja? Wer ist das, Ihr habt den Namen zwar schon erwähnt, aber …“ Gwenael zuckte die Schultern. Interessiert tritt auch Jaleel wieder näher, als sich schnelle Schritte nähern.

„So haben wir nicht gewettet, Madamchen!“, fährt ihr Shion dazwischen. „Du hast deinen Platz andernorts!“

„Ach Mist!“, entfährt es Juliane, und sie sieht zu Shion. „Ausgerechnet jetzt musst du zurückkommen. Dabei war das ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte.“

„Du …“ Er droht kurz, grinst dann aber. „Wenn ich es mir recht überlege, wäre es gar nicht so dumm. Nur will ich dich mal auf Verbrecherjagd sehen. Du kannst ja leider nicht kämpfen, und darauf sollten wir uns fraglos einstellen.“

„Ach und Jaleel kann kämpfen? Ich will mal sehen, wie er sich im Schwertkampf mit Gwen schlägt. Gut, er kann einbrechen und ist ein geschickter Taschendieb, aber im Kampf ist er jetzt auch nicht besser als ich.“ Sie stemmt die Hände in die Hüften. „Außerdem könnte ich dann noch viel mehr recherchieren – über Äos, den großen Krieg, die ganzen Geheimnisse, die diese Welt umgeben.“

Shion, der ohnehin wenig Farbe hat, verliert noch ein bisschen mehr davon. „Sei still!“ Prüfend schaut er sich um, als ob er erwarte, dass etwas Außergewöhnliches geschieht. Selbst Gwenael und Jaleel halten die Luft an, entspannen sich aber nach einer Weile.

Der Commandant hat sich als erster wieder im Griff. „Was wollt Ihr über Äos wissen? Eure Chronistin hat sicher auch dazu alles aufgeschrieben, oder?“

„Nun ja, das Land hat sie nicht bereist.“ Sie sieht zu der Landkarte die an der Wand hängt. „Wie sind die verschiedenen Länder? Wie sieht es in Paresh aus? Immerhin ward ihr bis vor kurzem dort.“

Gwenael will gerade zu einer Antwort ansetzen, als Shion die Hand hebt. „Geht das nicht langsam etwas zu weit, Julie?“ Er schüttelt sacht den Kopf. „Ich glaube, wenn du mehr hören willst, solltest du vielleicht meinen Vätern diese Fragen stellen.“

„Waren die beiden in Paresh?“, fragt Jaleel scharf.

Shion sieht über die Schulter und schüttelt den Kopf. „Nicht so lang wie Ihr, das gebe ich zu.“ Gwenael winkt den Magier zu sich und flüstert ihm etwas zu, was in Jaleels Worten untergeht. „Paresh ist ein heißes Land, mal sehr feucht, mal von Dürre heimgesucht“, sagt der Parhur. „Es ist auch ein gläubiges Reich, im Gegensatz zum Rest der Welt, aber zugleich ist es ungerecht. Es gibt mehr Leibeigene als Bürger, und der Herrscher ist zugleich der Herr über eine Stadt, in der nur der Adel frei ist. Alle anderen leben wie in einem Gefängnis, nur dass es mehr als vier Wände hat und sich auf das Areal von Dahla ausdehnt. Es ist ein stolzes, aber auch verrottendes Reich.“ Er sucht Gwenaels Blick, der still nickt. Auch Shion senkt die Lider.

„Deshalb kämpfen so viele unserer Soldaten dort unten. Ihnen sind die Grenzen egal, ebenso das alte Reich Kalesh. Ihnen geht es um die Freiheit“, führt der Magier an.

„Unsinn!“, fährt Gwenael dazwischen. „Viele Soldaten gehen mit falschen Vorstellungen in die Schlacht. Vertut Euch nicht darin. Ich war rund zwanzig Jahre dort unten. Das hat nichts mit Revolution und Heldentum zu tun, nur mit verbissenem Starrsinn, Fassungslosigkeit und dem Wunsch, irgendwann davon befreit zu werden.“ Er sieht zu Juliane. „Aber das war nicht Eure Frage, Mademoiselle.“

„Nicht ganz, aber diese Richtung ist auch nicht verkehrt. Ich höre gerne zu, wenn ihr mehr dazu sagen wollt.“ Sie sieht zu Shion. „Allerdings habe ich das Gefühl, dass meine Zeit fast vorüber ist, oder?

Langsam nickt der Magier. „Ja. Du gehörst nicht hierher, meine Liebe.“ Er tritt zu ihr und legt ihr beide Arme auf die Schultern. Sie reicht dem hageren Mann gerade bis zur Brust. „Wenn du einen Aufschub willst, gerne, aber den können dir nur meine Väter gewähren, nicht ich.“

„Gibst du mir wenigstens die Möglichkeit, ein Bild von uns dreien zu machen?“ Sie deutet auf Jaleel und Gwenael. „Das wäre wirklich toll.“

Er stöhnt und hebt beide Hände. „Wenn es denn sein muss … Aber dafür schuldest du mir etwas!“ Er nimmt die Kamera. „Platziert euch wenigstens so, dass ich nicht gegen die Sonne ankämpfen muss.“ Gwenael wirkt verunsichert und stellt sich in den schattigen Zugang zum Nebenraum.

„Ob er das gemeint hat, wage ich zu bezweifeln“, sagt Jaleel mit einem Augenzwinkern. Er positioniert sich dekorativ auf der Tischkante. „Sehe ich gut so aus?“

Scan3

Exklusives Foto mit Gwenael und Jaleel (c) Shion (Tanja Meurer)

„Ja, sehr ansprechend und dekorativ“, kommentiert Juliane und stellt sich neben ihn. Sie winkt Gwenael herüber. „Ihr werdet zwar sowieso aussehen, als hättet Ihr einen Zaunpfahl verschluckt, aber versucht trotzdem, ganz locker zu bleiben und nicht zu verkrampfen … klingt fast ein wenig anzüglich.“

Gwenael scheint es vorzuziehen, nicht darauf zu antworten. Er setzt sich links von ihr auf die Tischkante und verschränkt die Arme vor der Brust.

„Würde es Euch umbringen zu lächeln?“, fragt Shion spöttisch. „Im Übrigen hat sie vollkommen recht, mon Commandant, Ihr macht den Eindruck einen Zaunpfahl verschluckt zu haben.“

„Ach, ich fühle mich einfach in dieser Situation nicht wohl“, entgegnet Chabod leise. „Nach meinem Gefühl bin ich nicht mehr Herr meiner Selbst, wir haben es hier mit magielosen Automaten zu tun, gegen die unsere Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckt, außerdem macht mich diese Chronistin nervös. Mir wäre es lieber solche Menschen auf unserer Seite zu wissen. Fehlt Euch dafür etwa auch das Verständnis, Maître?“

Shion schüttelt den Kopf. „Natürlich nicht, aber vielleicht tut es uns allen gut, dass wir einmal mehr lernen, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind und es noch viel gibt, was außerhalb unserer Vorstellung liegt. Das schärft unsere Sinne.“

Jaleel legt Juliane eine Hand auf die Schulter. Er neigt sich zu ihr und senkt die Stimme: „Wenn Ihr Aufschub gewährt bekommt, würdet Ihr uns in dem Fall helfen?“

Juliane lächelte leicht. „Natürlich – da müsst Ihr aber Shion überzeugen. Oder mit Meister Lysander sprechen. Er ist ein wenig offener, was das betrifft. Allerdings ist das hier Euer erster großer Fall – vielleicht solltet Ihr ihn gemeinsam mit Gwenael bestreiten, zumal Euch das einander näherbringen würde. Ihr wollt ihn doch besser kennenlernen, oder?“

Jaleel stockt. „Ähm, na ja, also … ich wäre nicht böse darum. Aber das ergibt sich, oder?“

„Natürlich doch – aber wenn wir hier alles aufklären, bliebe dafür wenig Zeit oder? Ich könnte alles offenbaren, was hinter den Automaten steht, was das alles mit den Mordfällen von vor dreißig Jahren zu tun hat und wie das mit Gwenaels Familie zusammenhängt, aber das wäre nicht das Abenteuer, was Euch zusammenschweißen würde.“ Sie lächelt Shion an, der mehrere Bilder macht. „Aber vielleicht darf ich wiederkommen – zusammen mit dem Chronisten, der Eure Abenteuer verfasst. Sie würde gewiss gerne mal ein Gespräch mit Euch führen.“

Unterdessen ist Jaleel bis zu den Ohrspitzen rot und achtet nicht mehr auf Shion. „Das ist wahr.“ Er lächelt. „Vielleicht ist es nicht zu klug, allzu viel über die Zukunft zu wissen. Alles wird seinen Weg finden, wie das Wasser.“

Gwenael erhebt sich. Seine Knochen knacken in den Gelenken. „Jetzt ist es aber mit den Bildern genug. Wir haben noch einiges zu tun.“ Mit einem Blick zu Juliane fügt er hinzu: „Auch ich will lieber meine Zukunft und mein Schicksal selbst heraus finden. Wenn Ihr in der Lage seid, alles was Ihr wisst, für Euch zu behalten, seid Ihr hier bei uns willkommen. Wie ich schon sagte: ich würde Euch einen Platz hier anbieten, aber so lang Ihr dazu nicht in der Lage seid, würde ich Euch bitten zu gehen.“

„In der Lage wäre ich schon …“ Ihr Blick huscht zu Shion, und sie hebt die Hand. „Aber ich denke, ich würde es nicht dauerhaft in dieser Welt aushalten. Es ist anders als meine Welt – da liegen Jahrhunderte an Entwicklung und Zeit dazwischen und mir würden doch einige Annehmlichkeiten meiner Zeit fehlen.“ Sie nimmt ihre Sachen und packt sie in die Tasche. „Aber vielleicht darf ich irgendwann mal wiederkommen. Später, wenn ihr mehr Zeit habt und dieser Fall hinter euch liegt.“ Sie greift zum Buch.“Hm … eine Sache wäre aber toll – könntet Ihr dieses Buch nicht mit Euren Namen schmücken – eine Signatur quasi? Der Chronist oder einer der Leser würden sich freuen.“

Der bereits vertraute, irritierte Gesichtsausdruck auf Gwenaels Zügen verschwindet nach einem Augenblick. Er legt die Stirn in Falten. „Mit welcher Feder kann man auf diesem seltsam rauen und weichen Papier schreiben, ohne dass sie verläuft?“

„Ihr habt ihn gut an der Angel“, wispert Jaleel und grinst Juliane zahnig an.

„Von mir könnt Ihr lernen“, wispert sie ihm zwinkernd zu. „Versucht es damit.“ Sie zieht einen Kugelschreiber aus der Tasche. „Sieht seltsam aus, funktioniert aber wie eine Feder, ohne dass die Schrift verläuft.“

„Das ist kein Metall, auch wenn es danach aussieht.“ Gwenael betrachtet die kleine Öffnung am vorderen Ende und dreht ihn neugierig in der Hand. Die roten Ecken auf schwarzem Grund scheinen ihn zu faszinieren. Er drückt auf das hintere Ende, sodass die Miene herausschießt und zurückspringt. Mit gefurchter Stirn mustert er Juliane: „Schreibt man mit der Spitze?“

„Ja, genau so.“ Sie nickt ihm zu und schiebt ihm das Buch hinüber. „Einfach Euren Namen hineinsetzen. „Jaleel, Ihr könnt Euch gleich anstellen – ich weiß, dass Ihr schreiben könnt.“

Gwenael neigt sich vor und malt seine akkuraten, stark rechts gewendeten Buchstaben hinein. „Richtig so?“

„Wird wohl“, entgegnet Jaleel und zeichnet sein eigenes, fast ornamentiertes Namenssymbol hinein. Er nimmt das Buch und hält es hoch. „Sagt, Julie, wie bin ich in dem Buch? Auch so steif wie mein lieber Freund hier?“ Er blinzelt Gwenael zu.

SIgnatur

einmalige, von den Charakteren signierte Ausgabe – gibt es am Ende der Special Week zu gewinnen!

„Ihr seid frech und sehr liebenswert. Also ich mag Euch sehr – Parhur hin oder her. Ihr habt sogar einige Fans.“ Sie zwinkert ihm zu und nimmt das Buch an sich. Behutsam steckt sie es in ihre Tasche.

„Fans? Was ist das?“ Jaleel kratzt sich am Kopf.

„Ähm, Leute die dich gerne haben und mögen – zumindest anhand der Geschichte und der Beschreibungen des Chronisten.“ Sie sieht zu Shion. „Ich könnte in den nächsten Tagen ein Exemplar bei Luca abgeben, dann kann er es entsprechend lesen bzw. übersetzen.“

 

„Wenn er Zeit hat, macht er das sicher auch.“ Shion nickt mit dem Kopf zu Chabod. „Er wird es nur nicht befürworten.“

„Nicht vor der Zeit“, stimmt der Commandant zu. „Aber generell würde es mich schon interessieren.“ „Liebenswert“, murmelte Jaleel. Er streckte sich. „Und Gwenael …?“

„Das führt doch langsam zu weit!“ Gwenael schüttelt tadelnd den Kopf. „Mademoiselle Julie hat noch einen weiten Weg bis zum Orden. Wir sollten Ihr einen Wagen kommen lassen, damit sie unbeschadet zu Grand-Maître Lysander kommt.“ Er nickt Juliane zu. „Nichts für ungut, Ihr seid mir auch willkommen, aber ich will lieber meine Zukunft nicht wissen, auch nicht lesen. Versteht ihr das?“ In seine Stimme schleicht sich Milde.

„Natürlich verstehe ich das. Vielleicht kommen Tanja und ich einmal vorbei, wenn alles vorüber ist – dann können wir wirklich über alles sprechen, die Chroniken, Eure Abenteuer und alles weitere.“ Sie schultert ihre Tasche und sieht zu Gwenael. „Vielen Dank, dass Ihr Euch Zeit für mich genommen habt – ich weiß, wie viel Ihr noch zu tun habt.“ Sie schenkte ihm ein Lächeln. „Und die Leser mögen Euch auch sehr, da könnt Ihr Euch sicher sein.“

„Vielen Dank. Habt in jedem Fall einen guten Weg und übersendet den Magiern des Ordens meine besten Wünsche.“ Gwenael deutet eine leichte Verneigung an.

„Wenn wir uns wiedersehen, würde ich Euch gern die Stadt zeigen, Mademoiselle Julie, die, fern ab der großen, lauten Märkte. Ich glaube, das wäre auch in Gwenaels Sinn, oder?“ Jaleel wirft ihm einen fragenden Blick zu.

Der Commandant nickt. „Wenn alles wieder unter besseren Vorzeichen steht, Mademoiselle.“

„Das nennt sich einen glatten Rausschmiss“, sagt Shion mit einem Augenzwinkern. „Aber einen mit Hintertüre zu uns zurück.“

„Ist schon in Ordnung, Shion.“ Sie wendet sich an Jaleel und reicht ihm die Hand „Und ich komme gerne auf das Angebot einer Stadtführung zurück, Jaleel. Es hat mich wirklich sehr gefreut dich kennenzulernen.“ Sie grinst den Parhur an. „Euch ebenso, Gwenael. Es war mir eine Ehre.“

Als sie sich umdreht und neben Shion über den weiten Exerzierplatz in Richtung des Tores geht, murmelt der Magier: „Du warst sehr offenherzig mit den Errungenschaften deiner Welt. Das kann ich so einfach nicht durchgehen lassen, und das weißt du auch.“

Juliane seufzt und zieht den Kopf ein Stück zwischen die Schultern. „Ich weiß, aber das Interview ist vollkommen aus dem Ruder gelaufen.“ Sie hebt den Blick und fixiert den Magier. „Ich wusste, dass es schwer wird mit den beiden zu reden, aber dieser fette Sergeant hat es ja nur noch verschlimmert. Rim ist so ein …!“ Sie presst die Lippen aufeinander und kickt – sehr wenig damenhaft – einen Stein davon, der an dem Stiefel eines Soldaten abprallt. Der Mann dreht sich kurz um, reagiert aber nicht. Wahrscheinlich liegt es an Shions Gegenwart.

Juliane schluckt trocken, bevor sie sich ein Lächeln auf die Lippen zwingt. „Was wirst du nun machen, Shion?“ Ihre Stimme schwankt leicht. Die Antwort wird ihr sicher nicht zusagen.

„Am einfachsten ist es, ihre Erinnerungen zu löschen.“ Er überblickt den Kasernenhof. „Wie viele haben dich denn gesehen?“

„Gwen, Jaleel, Marianne, Rim, Radur und gute vierzig Soldaten.“

Shion rollte mit den Augen. „Wunderbar – du weißt aber, dass Rim deine Anwesenheit sicher schon in der Kantine und überall sonst herumgetragen hat?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, fährt er fort: „Das kostet mich verdammt viel Kraft. So viel Beherrschung über so viele Menschen auszuüben, das ist nicht einfach.“ Er reibt sich das Kinn.

shion

Shion (c) Tanja Meurer

„Soll heißen?“, fragt Juliane herausfordernd. „Was willst du als Gegenleistung?“

 

Er zuckt mit den Schultern. „Vielleicht mal wieder ein ruhiges Film-Wochenende bei dir und Tanja?“

„Sicher das … mit den „Men in Black“!“

Er hebt die Schultern und verschränkt beide Hände hinter dem Rücken. „Wenn du nicht willst, auch gut …“

„Ach verdammt, ich weiß nicht, was ich will!“ Juliane reißt die Arme hoch und ballt die Fäuste. „Einerseits weiß ich, dass ich viel zu viel verraten habe, anderseits will ich mit Tanja das alles hier auch mal direkt erleben können. Verstehst du das nicht?“

„Doch.“ Er klingt nachdenklich. „Egal wie, du fährst jetzt erst mal zu Ayco und Luca, redest mit den beiden und konzentrierst dich auf andere Dinge, einverstanden?“

„Muss ich wohl sein.“ Sie folgt ihm vor das Tor, wo er die nächste Kutsche anhält.

„Fahr zum Orden, rede mit meinen Vätern und warte, bis ich mich melde.“ Seine Stimme hat etwas Beschwörendes.

Mit einem Gefühl von Ärger, Verlust und Erschöpfung besteigt Juliane die Kutsche. Als das Gefährt durch das Tor hinaus auf die Handelsstraße rumpelt, dreht sie sich um. Sie kann sich nicht von der großen Stadt lösen. Es ist, als bliebe etwas von ihr dort. Die sandfarbenen Türme, Mauern und Zinnen, dieses wundervolle Gefühl in einer Welt fern der Realität zu sein …

Sie dreht sich mit brennenden Augen um und greift in ihre Tasche. Immerhin hat sie die Fotos, die Bandaufnahme und ihre Notizen. Beinah wehmütig betrachtet sie die kleine Version der Bilder auf dem Monitor. Als sie die Kamera zurücksteckt und die Notizen heraus zieht, um noch ein paar Anmerkungen, ihre eigenen Gefühle in diesem Moment hinzuzufügen, bemerkt sie, dass der rot-schwarze Incubus-Kuli fehlt. Ihr wird kalt. Sie weiß sofort wo er liegt: auf Gwenael Chabods Schreibtisch …

[CHARAKTERINTERVIEW] Manuel aus „Hände“

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Dieses Interview ist für nach der Lektüre des Romans „Hände“, dementsprechend werden viele Punkte aus dem Buch angesprochen und aufgegriffen. Leser, die sich bisher den Roman noch nicht zu Gemüte geführt haben, seien gewarnt, dass das Interview Spoiler enthält, da ein Großteil der Ereignisse aus „Hände“ aufgegriffen werden. Daher ist es ratsam, zunächst „Hände“ und erst dann das Interview mit Manuel zu lesen.

land 8

Ein milder Herbsttag; die hoch stehende Sonne blitzt durch die rostrot gefärbten Blätter der alten Kastanienbäume auf dem Platz rund um die romanische Kirche von Obergrabern. Ein schlanker Mann Anfang dreißig tritt durch das Kirchentor ins Freie. Er trägt eine leichte Jacke und hat eine Tasche umgehängt; erst auf den zweiten Blick sieht Juliane, dass er eine Handprothese hat. Jetzt weiß sie, dass es sich bei dem jungen Mann um Manuel handeln muss, den sie hier zu einem Gespräch treffen soll. 

Etwas unsicher, da das Treffen dieses Mal nicht in einem Café stattfindet, nähert sie sich Manuel und schenkt ihm ein offenes Lächeln. Sie reicht ihm zu Begrüßung die Hand. „Hallo, ich bin Juliane. Schön, dass du die Zeit für ein kurzes Gespräch gefunden hast.“ Sie schaut sich kurz um. „Gibt es einen bestimmten Grund, warum du dich hier treffen wolltest?“

Manuel erwidert ihr Lächeln, sein Blick ist offen.

bibel 2„Dieser Ort hat für mich eine besondere Bedeutung“, meint er. „Die Kirche hier, und das Haus dort drüben. Dort wohnt jemand, der einmal so etwas wie ein Freund für mich war.“ Er hält für einen Moment inne. „Aber das ist ewig her“, sagt er und weist zur Rückseite der Kirche. „Komm mit, Juliane. Wir können uns dort hinten auf eine Bank setzen. Es ist warm genug …“

Juliane nickt ihm zu und begleitet ihn den Weg entlang. Tatsächlich ist es auf der Rückseite angenehm warm, da die Sonne das alte Gemäuer und die Bänke den gesamten Nachmittag erreicht. „Magst du mir von ihm erzählen? Dem Freund, der einst dort wohnte? In gewisser Weise habe ich ihn ja bereits kennen gelernt.“

Manuel schaut sie einige Momente lang an. „Ja, den Paul …“, sagt er dann langsam. Er scharrt mit einem Fuß im gelben Herbstlaub, das den Boden bedeckt. „Ich weiß ja, dass ich mit dir ganz offen reden kann“, sagt er, „und trotzdem fällt es mir schwer, davon zu sprechen. Er war … mein erster Freund. Ich denke, dass man das so nennen kann, obwohl … die ganze Sache ziemlich unschön geendet hat. Aber wir waren einige Zeit zusammen. Durch ihn ist mir klar geworden, dass ich schwul bin …“

Er berührt Juliane kurz am Arm und weist die Richtung zu einer Bank mit Blick auf die Apsis der Kirche. Als sie sich setzen, deutet er nach oben. „Die Steinerne Bibel“, sagt er. „Der Kampf des Guten gegen das Böse.“

Juliane folgt seinem Blick. „Ein beeindruckendes Gebäude. Kann man sie auch von innen besichtigen?“ Sie schüttelt leicht den Kopf, immerhin gibt es andere Fragen, die ihr auf der Seele brennen. „Du kannst ganz offen mit mir reden – wenn ich eine Grenze überschreite, kannst du mich rigoros darauf hinweisen. Deine Beziehung mit Paul ist ja nicht wirklich schön zu Ende gegangen. Was genau ist denn passiert? Ich kenne Pauls Sicht, deine ist mir hingegen nur teilweise bekannt.“

„Wir können die Kirche anschließend besichtigen. Ich zeige dir gern die Fresken …“ Manuel blickt zu der Krone des Kastanienbaumes hinauf, unter dem sie sitzen. Dort rauscht der Wind. Dann wendet er sich wieder Juliane zu. „Okay“, sagt er, „also meine Sicht der Dinge … Es war damals ein totaler Schock, diese Nacht, in der ich zum ersten Mal mit Paul geschlafen habe. Also, wir hatten waren schon vorher intim miteinander, aber ich habe immer abgeblockt, wenn er mir zu weit gegangen ist. Ich war damals ja erst sechzehn, musst du bedenken. Und er war mein erster Freund. In dem Umfeld, in dem ich aufgewachsen bin, so ohne Vater und mit einer Alkoholikerin als Mutter … Also, da kannte ich so etwas wie Zärtlichkeit oder Liebe nicht …“ Er macht eine längere Pause, doch Juliane mustert ihn nur still. Schließlich räuspert sich Manuel und fährt fort: „Und dann habe ich beschlossen, mich ihm völlig hinzugeben. Alles zu machen, was er will. Dafür wollte ich das Gefühl haben, geliebt zu werden. Und auch begehrt zu werden, denn mit meiner Hand dachte ich eigentlich, dass einen wie mich keiner will. Also, ich konnte mir nicht im Traum vorstellen, dass mich jemand tatsächlich begehren würde …“ Wieder macht Manuel eine Pause. Als er erneut zu sprechen beginnt, ist seine Stimme rau und hart. „Und dann merke ich plötzlich, dass es genau meine Prothese ist, die ihn aufgeilt. Dass ihm nichts an mir liegt, sondern nur an meine Hand aus Plastik …“ Er hebt die Hand und hält sie Juliane vors Gesicht. „Dieses Ding ohne … Leben! Kannst du dir vorstellen, wie ich mich gefühlt habe?“

bibel 5

Juliane schluckt einen Kloß in ihrem Hals hinunter, da es ihr im ersten Moment schwer fällt auf diese Ansprache angemessen zu reagieren. Sie betrachtet die Prothese, kann Manuels Sicht nachvollziehen. „Auch wenn es seltsam klingt, so kann ich dich doch verstehen – deine Enttäuschung, deinen Schmerz und deine Angst. Es war ein gewaltiger Schritt für dich, und Paul hat dich in dem Punkt einfach nur ausgenutzt. Das ist einfach nur unfair dir gegenüber und mehr als niederschmetternd, wenn man bedenkt, wie schwer es dir fiel, dich ihm gegenüber zu öffnen. Das einzige, was man Paul vielleicht zugute halten kann, ist, dass er wahrscheinlich selbst nicht wusste, was er wollte und mit der Situation überfordert war. Dennoch war sein Verhalten einfach nur daneben.“

Manuel nickt. „Das denke ich heute auch. Ich meine, ich hab natürlich viel nachgedacht über die ganze Sache. Und ich glaube heute auch, dass der Paul … dass er selbst nicht so recht wusste, wer er ist und was er will. Oder dass ihn sein Fetisch, wenn man das so nennen kann, total durcheinander gebracht hat …“

Plötzlich lächelt Manuel. „Ich hab ja ganz vergessen, dass ich uns eine Jause mitgebracht habe. Also eigentlich hat sie mir der Peter eingepackt.“

„Der Peter?“, fragt Juliane nach.

„Der Inhaber der schwulen Buchhandlung, in der ich seit fast zwei Jahren eine Lehre mache. Er ist fast sechzig  und er hat mich sozusagen „adoptiert“. Also er kümmert sich um mich. Nicht, wie du vielleicht denkst – wie ein Vater halt. Und die Arbeit macht mir total viel Spaß!“Hände

Er öffnet seine Tasche und holt Brote, eine Thermoskanne und zwei Becher heraus. „Kaffee?“, fragt er.

„Kaffee gerne, aber mit viel Milch – ich hab mich trotz Lehre bei der Post nicht ans Kaffeetrinken gewöhnen können, egal, was mir prophezeit wurde.“ Sie schenkt Manuel ein breites Grinsen und nimmt einen der Becher entgegen. „Jetzt hast du mich auf jeden Fall neugierig auf Peter gemacht und auf deine Arbeit in einer Buchhandlung. Als Vielleserin finde ich Buchhandlungen immer spannend, schwule ganz besonders. Bei uns gibt es leider keine mehr. Die letzte im Rhein-Main-Gebiet war die Oscar Wilde Buchhandlung, die ich mal fast übernommen hätte, aber das steht auf einem anderen Blatt Papier.“

Sie nimmt an ihrem Kaffee und schließt die Augen, um den Herbstwind zu genießen. „Wie bist du denn dazu gekommen, Buchhändler zu werden bzw. in einer zu arbeiten?“

Manuel nimmt selbst einen Schluck aus seinem Becher. „Vor zwei Jahren“, meint er, „ja, es muss zirka zwei Jahre her gewesen sein, da bin ich hier zufällig mit meinem Moped vorbeigefahren, als Paul Besuch bekam. Von so einem echt hübschen Typen. Auf den ersten Blick hat man gesehen, dass zwischen den beiden was läuft. Also das war fast greifbar, diese Nähe zwischen ihnen. Mir selbst ging es damals total mies. Ich bin die meiste Zeit nur herumgegammelt, bin immer fetter geworden, und außer anaonymem Sex in irgendeinem Darkroom in Wien gab’s nichts für mich. Und als ich da diesen Traumtypen gesehen habe, bin ich ausgerastet.“

„Ausgerastet?“, fragt Juliane nach. „Inwiefern?“

„Also ich bin von meinem Moped gesprungen und auf sie zugelaufen und habe über Paul geschimpft und den Typen vor ihm gewarnt.“ Er fährt sich mit einer ruckartigen Geste durchs Haar. „Total idiotisch hab ich mich benommen. Und dann, als die beiden im Haus verschwunden sind, stand ich da, und plötzlich fiel mir wie Schuppen von den Augen: Du wirst jetzt fast dreißig und hast absolut nichts aus deinem Leben gemacht. Meine Mutter war ja schon gestorben, der Hof sollte bald verkauft werden. Ich war total allein auf dieser Welt, und das wurde mir in diesem Augenblick bewusst.“ Sein Lachen wirkt fast schüchtern, als er Juliane anblickt. „Und von diesem Tag an, an dem ich ganz unten war, begann mein Leben, besser zu werden. Ich beschloss, nicht mehr wie ein weinerliches Kind herumzuhängen, sondern mein Leben in die Hand zu nehmen. Und das begann, indem ich angefangen habe, nach einer Lehrstelle Ausschau zu halten. Und endlich einmal hatte ich Glück und lernte Peter kennen. Und seine Buchhandlung lieben.“ Er hält Juliane eines der Brote hin. „Du solltest eines nehmen“, sagt er. „Peter kauft nur den besten Schinken vom Naschmarkt in Wien.“

Juliane nimmt dankend eins der Brote und probiert. Es schmeckt wunderbar. Sie genießt das Brot und lässt Manuels Worte sacken. „Nach deinem Ausbruch gegenüber Paul hast du also die Kurve gekriegt? Hast du ihn danach eigentlich noch einmal gesehen? Habt ihr euch irgendwann einmal zusammengesetzt und über die Vergangenheit gesprochen? Sowas kann befreien und die Luft klären.“

Manuel schüttelt den Kopf. „Nein, das haben wir nicht. Und ehrlich gesagt ist es genau das, was mir auch heute noch auf der Seele liegt. Ich meine, mir geht es endlich einmal so richtig gut im Leben.“ Er grinst. „Ich habe auch total abgenommen und treibe Sport.“ Gleich wird er aber wieder ernst. „Aber die Sache mit Paul … Die ist für mich wie ein dunkler Fleck, den ich aus meinem Leben wegkriegen will.“

„Das ist ein guter Anfang – ich glaube, du bist auf dem richtigen Weg.“ Juliane runzelt die Stirn und isst den Rest ihres Brotes. „Um richtig neu anzufangen, sollte man immer mit dem Vergangenen abschließen. Natürlich kann ich mir vorstellen, wie schwer es für dich sein wird, Paul aufzusuchen. Vielleicht fällt es dir einfacher, wenn du diesen Schritt nicht allein gehst. Gibt es denn inzwischen jemanden in deinem Leben, der dich begleiten kann? Jemandem hinter sich zu wissen, macht vieles einfacher.“

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Manuel grinst breit, auf einmal wirkt er viel entspannter als gerade noch. „Du fragst aber wirklich grad heraus“, meint er. Er trinkt den letzten Schluck aus seinem Becher und stellt diesen neben sich auf der Bank ab. Dann legt er die Prothese in seiner gesunden Hand ab, dies wirkt wie eine gewohnte Geste, die ihm gar nicht bewusst zu sein scheint. „Ja, es gibt jemanden. Dieser Jemand ist ein Kunde in der Buchhandlung. Er kommt … ziemlich oft, seitdem wir begonnen haben, uns miteinander zu unterhalten. Und … “ Er strahlt. „Wir waren auch schon mal zusammen auf einen Kaffee. Und für morgen hat er mich zu sich zum Essen eingeladen.“

„Das ist ja toll!“, ruft Juliane.

„Genau“, stimmt ihr Manuel zu. „Und deshalb haben wir uns heute genau hier getroffen. Weil ich mir vorgenommen habe, mit Paul zu reden. Noch bevor ich mit Raphael – so heißt mein „Jemand“ – also, ich meine, bevor mit ihm vielleicht echt was zu laufen beginnt …“

„Dieser dunkle Fleck in deinem Leben …“, beginnt Juliane.

Manuel nickt. „Der muss verschwinden.“

„Na wenn das keine guten Aussichten sind. Ich freue mich wirklich für dich.“ Juliane ist diese Freude anzusehen. Sie legt ihm eine Hand auf die Schulter. „Das ist auf jeden Fall eine Überraschung für mich. Also hast du wirklich vor, jetzt dort hinüber zu gehen und mit Paul zu reden? Lebt er denn noch dort? Um ehrlich zu sein, weiß ich das gar nicht so genau.“ Sie zuckt die Schultern und sieht zum noch immer wolkenlosen Himmel hinauf. „Jetzt frag ich mich, ob ich hier warten soll, bis du dein Gespräch hinter dir hast, oder nicht. Vielleicht brauchst du danach jemandem zum Reden.“

Manuel schließt für einen Moment die Augen und saugt die herbstliche Luft ein. Dann schaut er Juliane direkt an. „Ich war schon eine halbe Stunde vor dir da“, sagt er. „Ich wollte mir nochmals in Ruhe die Fresken anschauen. Die Stille in der Kirche genießen. Denn schon damals, als ich diesen Anfall hatte und Paul und seinen Freund angeschrieen habe, war ich anschließend in der Kirche. Da habe ich die Fresken zum ersten Mal wirklich gesehen. Ich meine, ich habe gesehen, was Paul in ihnen sieht. Die abgeschlagenen Hände – vielleicht hatte er selbst damit etwas zu tun. Mit der Restauration dann zweifellos, das weiß jeder, dass er sich dafür sehr eingesetzt hat. Mir ist der Gedanke gekommen, dass diese restaurierten Hände meiner Prothese ähneln …“ Er schüttelt den Kopf, wie um sich aus der Erinnerung zurück in die Realität zu bringen. „Wie auch immer“, sagt er, „ich wollte auch heute allein in der Kirche sein. Und als ich hierher kam, konnte ich grade Paul ins Haus gehen sehen.“ Er lächelt. „Ja Juliane, ich werde jetzt mit ihm reden. Ich hoffe, dass er mir zuhört. Meine Entschuldigung annimmt. Und dass er mir dann seine Sicht der Dinge erklären kann.“

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„Das klingt auf jeden Fall nach einer sehr guten Idee.“ Sie betrachtet die Apsis und scheint sich zu entschließen, sich die Kirche näher anzusehen. „Was hältst du davon, wenn ich mir jetzt die Fresken ansehe und die Kirche besichtige und du mit Paul redest. Ich werde auf jeden Fall so lange hier bleiben, bis du fertig bist – ob du dann mit mir sprechen magst oder nicht, liegt ganz bei dir. Aber ich bin schon neugierig, wie er deine Entschuldigung aufnimmt.“ Juliane erhebt sich und streicht ihre Kleidung glatt. „Wenn du nicht darüber reden magst, weil es dir zu persönlich ist, ist das auch okay. Dann verabschieden wir uns einfach später voneinander, und wer weiß … vielleicht treffen wir uns ja mal in der Buchhandlung wieder.“ Sie lächelt ihm aufmunternd zu.

Manuel steht auf. „So machen wir’s, Juliane. Du bist ein echter Schatz!“ Er nimmt sie in die Arme und drückt sie an sich, tritt dann aber rasch einen Schritt zurück. „Sorry“, sagt er.

Juliane lacht. „Ist schon okay, Manuel! Du darfst mich drücken, soviel du willst!“

Für einen Moment schauen sie einander in die Augen. „Es kann eine Zeitlang dauern“, sagt Manuel dann.

„Kein Problem … und viel Glück. Du tust das Richtige.“

„Danke …“

Er verstaut die Servietten, in die die Brote eingepackt waren, die Becher und die Thermoskanne in seiner Tasche, hängt sie sich um und geht ein paar Schritte in Richtung von Pauls Haus. Noch einmal dreht er sich um und winkt Juliane zu. Gleich darauf steht er am Gartentor und klingelt. Und als sich die Haustür öffnet und Paul ihm gegenüber steht, weiß er, dass er tatsächlich das Richtige getan hat.

[CHARAKTERINTERVIEW] Claude und Frederic aus der “Claude Bocquillon”-Reihe

Dieses Interview ist für nach der Lektüre der Krimis um Claude Bocquillon und seinen Freunden entstanden – daher kann es Spoiler auf den Inhalt der Romane 1-3 enthalten. Leser, die die Krimis noch nicht gelesen haben, sollten das nicht nur nachholen (es lohnt sich!), sondern das geführte Interview mt Vorsicht genießen – es werden viele Punkte aus den Romanen angesprochen, insbesondere aus dem dritten Band „Tod in Montmartre“

Anduze Plan de Brie

Anduze: Plan de Brie

Es ist ein sonniger Nachmittag, als Juliane Lucas Brasserie ansteuert. Fünf Meter weiter wälzt sich der Verkehr vorbei, doch die Kirche mit seinem Säuleneingang und der Platz Plan de Brie ruhen in sich und verleihen der Szene eine gewisse Behaglichkeit. Bäume spenden Schatten, der Brunnen plätschert und Gendarm Bertin wirft hin und wieder mal Blicke zur Brasserie hinüber. Juliane nimmt Platz und genießt die spätsommerliche Atmosphäre. Noch sind ihre Interviewpartner nicht anwesend, doch sie hofft, dass sich das bald ändert. Sie schaut zu Bertin und betrachtet ihn neugierig.

Kaum fünf Minuten später tauchen Claude und Frederic auf und nehmen Platz. Claude bestellt einen Weißwein, Frederic ein Bier. Juliane freut sich sichtlich, die Beiden zu sehen. Sie bestellt sich ebenfalls Weißwein und lächelt die beiden offen an.

„Guten Tag – ich freue mich sehr, dass ihr ein wenig Zeit erübrigen konntet, um euch meinen Fragen zu stellen. Ist die persönliche Anrede in Ordnung für euch?“

Claude lächelt und zuckt die Schultern .“Ich sehe keinen Grund, uns nicht zu duzen.“
Frederic nickt mit einem zustimmenden Brummen und schaut auf die Uhr. Offenbar hat er noch ein Date mit Amelie, ach nein, hier in Frankreich heißt es ja Rendez-vous.

„Sehr schön, sollte ich zu lange brauchen, unterbrecht mich einfach, in Ordnung? Ich denke, am einfachsten ist es, wenn ihr euch zumindest kurz vorstellt. Nicht jeder ist mit euren Abenteuern – kann ich das so nennen? – vertraut.“

„Ich bin Claude Bocquillon und arbeite gern als Privatdetektiv. Nebenbei jobbe ich als Kellner in genau dieser Brasserie. Dass ich schwul bin, ist inzwischen in Anduze bekannt, das ließ sich leider seit meinem ersten großen Fall nicht vermeiden.“
„Erster großer Fall, klar. Du hast vergessen, dass du mir, dem Inspektor der Kriminalpolizei von Nimes, dauernd dazwischengefunkt hast. Naja, vergeben und vergessen. Ich bin Frederic Lambert, ich kenne Claude von der Polizeischule, die ich ihm allerdings vermiest habe.“
Claude winkt ab. „Auch vergeben und vergessen.“
„Nun unterbrich mich nicht. Ich bin inzwischen Kommissar und habe mich mit Claudes guter Freundin Amelie verlobt.“
„Auch wenn die lieber mich haben wollte“, feixt Claude.
„Nicht vergeben und vergessen“, mault Frederic.

Juliane beobachten amüsiert den Schlagabtausch und lehnt sich zufrieden zurück. Sie ist sich sicher, dass das ein interessantes Interview werden wird. „Oha, man merkt, dass eure Freundschaft explosiv ist und weit zurückreicht. Wo habt ihr euch denn zum ersten Mal richtig kennengelernt und wie war euer erster Eindruck voneinander?“

„Naja, richtig von der schlechten Seite habe ich Frederic wie gesagt auf der Polizeischule kennengelernt. Er hat mich gemobbt, wo er nur konnte. Doch als wir unseren Mordfall Pascal Melot, meinen Ex, gelöst hatten, habe ich erkannt, warum Frederic so war. Ich trage ihm nichts mehr nach“, sagt Claude.
„Hm, ich war damals einfach sauer auf den immer fröhlichen und frechen Claude. Ihm fiel alles so leicht auf der Polizeischule, doch ich habe mich so angestrengt, ich hatte einen echten Grund, Polizist zu werden und konnte nicht einsehen, warum der leichtsinnige Claude auch so ein Polizist werden wollte wie ich. Aber dann musste ich mit ihm zusammen den Fall klären. Ich tat mich schwer mit seiner Homosexualität, aber letztendlich habe ich erkannt, was hinter diesem verrückten Kerl steckt: ein frecher, liebenswerter und aufrichtiger Mensch.“
Claude verdreht die Augen, errötet aber stolz.

Juliane grinst und nippt an ihrem Wein. „Also wäre er ein guter Polizist geworden, wenn er die Schule beendet hätte? Oder wäre ihm seine, nennen wir es einfach mal, ungewöhnlichen, halblegalen Ermittlungsmethoden früher oder später zum Verhängnis geworden, Frederic?“

Frederic nickt. „Ich glaube, er wäre ein sehr ungewöhnlicher Polizist geworden. Immer mit einem Bein im Knast. So ist er nun mal.“
„Ich bin wirklich lieber ungebunden und kann mein eigenes Ding durchziehen.“

Anduze: Pagodenbrunnen

„Klar, dann passt Privatdetektiv besser. Hast du nach deinem Austritt aus der Polizeischule direkt gewusst, was du machen möchtest, oder brauchtest du ein wenig Zeit, um dich zu entscheiden?“ Juliane sieht neugierig zu Claude.

Claude dreht sein Weinglas. „Ich habe in den Tag hinein gelebt, was mir nicht immer so gefiel. Dieser Kellnerjob bietet mir Normalität und auch ein paar Freundschaften, während meine Fälle für Abwechslung und Aufregung sorgen. Doch ich will mein Büro ausweiten und überlege noch, wie mir das am Besten gelingt. Aber ich setze mich nicht unter Druck.“

Unweigerlich huscht Julianes Blick zu Frederic. „Nach eurem letzten großen Fall in Paris, wo ihr ja eher Claudes Wege beschritten habt, kann ich mir die Frage nicht verkneifen, ob ihr nicht gemeinsam ein gutes Team abgeben könntet? So als Privatdetektiv-Duo.“

Frederic schaut entsetzt auf: „Ich und dieser Chaot? Nie und nimmer.“
Claude lacht. „Ich und dieser Sesselpupser? Auf keinen Fall.“ Dann denkt er eine Weile nach. „Obwohl … keine schlechte Idee. Du ziehst doch sowieso nach Anduze, wenn du Amelie heiratest.“
„Du spinnst wohl. Kommt nicht in Frage.“
Claude zwinkert Juliane zu und flüstert: „Wir sprechen uns später mal wieder.“

Juliane fixiert ihren Wein und denkt sich ihren Teil. „Du ziehst also wirklich nach Anduze, Frederic? Wirst du dann auch hier arbeiten? Und was natürlich die meisten interessiert: Gibt es schon einen Termin für die Hochzeit?“

Frederic seufzt. „Ja, ich muss in dieses Kuhkaff ziehen.“
Claude boxt ihm auf den Arm und sagt: „Komm, hör doch auf. Anduze gefällt dir doch längst. Allein der Blick über die Stadt von der Brücke aus …“

Anduze: Stadtansicht

„Ja gut“, gibt Frederic zu. „Ich werde nicht hier arbeiten, sondern jeden Tag nach Nimes fahren. 45 Kilometer, puh. Was tut man nicht alles für die Frau seines Lebens. Übrigens werden wir im bald heiraten, dauert nicht mehr lange.“

„Oh, das klingt aufregend. Dann wünsche ich euch schon jetzt alles Gute und traumhafte Flitterwochen. Ich finde ihr passt gut zusammen und hey, ich fahre auch jeden Tag 50 km zur Arbeit. Das nimmt man in Kauf.“ Sie zwinkert ihm zu und murmelt: „Wer weiß, vielleicht übernimmst du irgendwann ja Bertins Platz.“

Frederic schüttelt den Kopf. „Bertin ist Gendarm, ich bin bei der Police judicaire, der Kripo.“

„Okay, da merkt man meine Unwissenheit – ich bin im Polizeiwesen nicht so bewandert. Entschuldige.“ Um das einschlafende Gespräch wieder anzukurbeln, wendet sich Juliane Claude zu. „Aber mal zu dir Claude. Ist denn Julien inzwischen wirklich umgezogen, oder lässt er noch auf sich warten?“

Claude bekommt einen verträumten Blick. „Das kommt alles noch. Ich setze ihm nicht die Pistole auf die Brust. Wir überlegen noch, ob wir eine neue Wohnung zusammen nehmen oder ob Julien sich eine eigene Bude nimmt. Was eigentlich Quatsch wäre. Meine ist groß genug. Und Virenque, mein Katerfreund, würde sich auch freuen.“

„Na, dann drücke ich doch beide Daumen, dass du ihn noch überzeugen kannst. Zumal ihr euch ja dann auch mit den Kosten reinteilen könnt. Ich finde es schön, dass ihr euch wieder zusammengerauft habt.“

„Ja, der Streit hat uns beide sehr mitgenommen, uns aber auch Klarheit verschafft.“

„Das ist das Wichtigste. Und manchmal kann ein Streit wirklich die Luft klären. Aktuell scheint es bei euch wirklich gut zu laufen – eine Hochzeit steht ins Haus und ein geplanter Zusammenzug. Was ist denn sonst noch geplant? Gibt es zur Zeit neue Fälle oder Neuigkeiten, die ihr mit mir teilen wollt?“

Frederic sieht zu Claude hin und sagt leichthin: „Nun ja, dass Bertin sich mit Claudes Mutter eingelassen hat, ist ja hinreichend bekannt.“
„Ja“, brummt Claude missmutig. „Hinreichend. Wehe, der Kerl tut ihr weh.“

Anduze Claudes Hausfassade am Place Notre Dame

Anduze: Claudes Hausfassade am Place Notre Dame

„Ja, das ist inzwischen wirklich bekannt. Ich finde es sehr schön, dass die beiden zueinander gefunden haben. Und ich glaube nicht, dass Bertin ihr weh tun würde.“

„Solange ich nicht Papa zu ihm sagen muss“, murmelt Claude.

„Das bezweifle ich doch stark, oder steht da demnächst eine zweite Hochzeit ins Haus?“

„Nein, das glaube ich nicht. Dazu ist meine Mutter zu schlau“, sagt Claude. Man sieht ihm an, dass er das Thema lieber wechseln möchte.

Juliane überlegt eine Weile und trinkt ihren Wein aus. Sie lässt den Blick über den Platz schweifen und sieht dann zu den beiden: „Ihr wisst inzwischen ja, dass es euer Leben in Buchform gibt und ich frage immer mit Freuden, was ihr von eurem Chronisten – Brunhilde Witthaut alias Laurent Bach haltet. Hat er euch so präsentiert wie ihr seid oder gibt es da einige Beschwerden? Das ist eure Chance.“ Sie zwinkert ihnen zu.

„Unser Chronist denkt sich immer die unmöglichsten Dinge aus und reitet uns oft richtig in die Scheiße. Das könnte er mal lassen“, beschwert sich Claude. „Ich in den Katakomben von Paris, das kann ja wohl nicht wahr sein. Ich hatte echt Schiss da unten.“
„Und mir solche Sorgen zu bereiten, dass ich Amelie nicht beschützen kann, nein Danke“, sagt Frederic schnaubend.

„Das klingt als seid ihr echt sauer. Also hättet ihr lieber ein ruhiges, beschauliches Leben ohne Sorgen, anstatt die verrücktesten Fälle zu lösen? Wäre das nicht echt langweilig?“

„Nein, sauer sind wir nicht. Aber die Fälle bringen mir nicht genug Geld ein. Könnte er sich nicht mal eine nette Wirtschaftsspionage ausdenken oder einen satten Erbschaftsstreitfall? Das bringt Geld in die Kasse“, schlägt Claude vor.
Frederic schüttelt den Kopf. „Hättest du mal lieber was Ordentliches gelernt.“

Anduze: Gardon

„Na, man muss aber bedenken, dass Laurent Bach dir bei deinem vorletzten großen Fall ein großes Erbe zugeschrieben hat. Das hättest du ja auch ein wenig besser anlegen können, als alles in kurzer Zeit auszugeben.“

„Vergiss nicht, dass an diesem Geld Blut klebte. Es war mir ein Bedürfnis, es an eine schwule Organisation zu spenden. Gut, ein bisschen habe ich noch auf der Kante, doch das ist nur meine Altersvorsorge.“
„Hahaha“, Frederic schlägt sich auf die Schenkel.

„Was ist so lustig?“ Juliane schaut verwirrt zwischen den beiden hin und her.

„Altersvorsorge, dass ich nicht lache!“ Frederic schlägt Claude auf die Schulter. „Mann, du bist 30 oder so. Und jetzt klingst du wie ein Versicherungsvertreter.“
„Na und? Das Geld ist eben für Notfälle.“
„Du erbst doch noch den Hof deiner Mutter.“
„Daran denke ich lieber nicht“, sagt Claude düster. „Das hat noch lange Zeit.“

Anduze: Brunnen

„So verkehrt ist es nicht, in die Zukunft zu denken. Machst du das nicht, Frederic? Planen und so weiter? Welche Ziele hast du denn noch im Leben? Stehen vielleicht irgendwann auch einmal Kinder ins Haus?“ Juliane stellt sich gerade Frederic als Vater vor, bringt es aber nicht über sich, das Bild für die anderen zu malen.

Frederics Blick wird weich. „Na, wenn ich schon heirate, dann müssen auch Kinder her. Ein Junge und ein Mädchen, so hübsch wie Amelie.“
„Du klingst ja richtig altbacken“, wundert sich Claude, dann seufzt er. „Ich werde natürlich nie Kinder haben.“
„Ach, ich leih dir dann unsere, du Patenonkel. Die kannst du nach dem Spielen wenigstens wieder abgeben.“
„Danke, sehr großzügig“, sagt Claude, sieht aber nicht sehr verärgert aus. Er lächelt. „Tja, es ist halt, wie es ist.“

Juliane sieht verwundert zu Claude. „Du hättest gern Kinder? Um ehrlich zu sein, habe ich dich gar nicht so eingeschätzt. Das ist nicht abwertend gemeint, okay? Aber Frederic hat recht – du darfst die Kinder immer mal wieder bespaßen und glaub mir, es ist bestimmt ganz erholsam, sie nach 3 Stunden wieder abzugeben. Ich glaube Virenque wird das auch zu schätzen wissen.“

„Mein Kater ist ja irgendwie mein Ersatzkind, das hatte ich ganz vergessen“, schmunzelt Claude. „Er hat ja auch schon einiges leiden müssen unter meinem ersten Fall. Abgesengtes Fell und so, brrr.“ Er schüttelt sich.

„Ja, der arme Kerl. Aber er hat sich ja gut erholt.“ Juliane muss an ihre zwei Katzen denken. „Habt ihr von eurem Chronisten eigentlich schon erfahren, was er für euch als nächstes in petto hat? Werdet ihr eigentlich vorgewarnt, oder lässt er euch komplett auflaufen?“

„Er lässt uns auflaufen. Und seine Leser auch.“ Claude seufzt. „Man ist nie sicher vor ihm. Aber ich habe läuten hören, dass unser Chronist sehr überlastet ist, sodass der nächste Fall noch eine ganze Weile auf sich warten lassen wird. Schon Pech, wenn man so viele Projekte annimmt.“

„Oh, da wisst ihr scheinbar mehr als die Leser. Schade, und ich dachte, er lässt uns an der Hochzeit von Frederic und Amelie teilhaben.“ Juliane wirft einen Blick auf die Uhr. „Du bist hoffentlich nicht zu spät zu deinem Date, Frederic, oder? Wobei ich nichts dagegen hätte, auch mal Amelie auf den Zahn zu fühlen. Oder
Julien. Der treibt sich nicht zufällig hier in der Nähe herum?“

„Nein, der ist noch arm Arbeiten in der neuen Bank.“

„Ja, aber irgendwie hält sich Claude hinsichtlich Julien noch ein wenig bedeckt. Mich interessiert nämlich noch, ob sich der Gute inzwischen mit deiner Arbeit abgefunden hat? Immerhin macht er sich ja (zu recht) Sorgen um dich. Du stürzt dich ja öfters mitten in die Gefahr.“

„Das nervt ihn natürlich gewaltig. Er schimpft immer mit mir, ich solle es der Polizei überlassen und so. Er liebt mich eben, ich verstehe seine Sorge ja auch. Aber dann geht es mit mir durch und ich kann die Finger nicht von einem Fall lassen. Besonders, wenn der Fall mich persönlich betrifft, was ja bisher bei jedem Fall der Fall war.“
„Hehe, gutes Wortspiel.“ Frederic grinst.

„Ja, du hast irgendwie ein Händchen dafür, dich in Schwierigkeiten zu bringen, wobei der 2. Fall ja dein persönlichster war. Hast du eigentlich jemals mit deiner Mutter über deinen richtigen Vater gesprochen?“

„Ja, sie hat mir einiges über ihn erzählt. Wir haben Fotos betrachtet und ein paar Zeitungsartikel über ihn. Im Grunde bin ich mit ihm im Reinen. Er war nett und intelligent, aber jetzt, wo ich Bescheid weiß, berührt es mich nicht mehr so sehr.“ Claude sieht Juliane offen an. „Ich habe eben reichlich Auswahl an Vätern.“ Er grinst.

„Wer kann das schon von sich behaupten? Du hast quasi die freie Auswahl. Um allmählich zu einem Ende zu finden, meine letzte Frage: „Was würdet ihr gerne euren Lesern, eurem Chronisten und euch selbst schon immer einmal sagen?“

Claude: „Also ich finde, dass ich meinem Chronisten gut gelungen bin. Danke Laurent, du hast mich wirklich gut getroffen.“
Laurent Bachs Stimme aus dem Off: „Danke Claude, du bist mir die liebste Figur all meiner Bücher.“
„Jetzt bin ich dran“, sagt Frederic. „Tja, Laurent, ich war ja erst der Buhmann, aber dann habe ich doch noch einen festen Platz in deinen

Anduze Dampflok aus Teil 1

Anduze: Dampflok aus Teil 1

Büchern gefunden. Danke dafür.“
Claude: „Und vielen Dank an alle Leser, die uns mögen. Wir sind auf euch und euer Interesse angewiesen. Und nicht zuletzt Danke an dich Juliane. Wo wäre ich, wenn du uns nicht entdeckt hättest? Echt am Arsch. Du bist die Beste!“

Juliane errötet und weiß zum ersten Mal keine Antwort darauf. Schließlich murmelt sie: „Also ich habe euch nicht entdeckt, sondern der Verlag – aber ich liebe eure Abenteuer und habe echt einen Narren an euren Büchern gefressen. Und ich teile Laurents Meinung – du bist auch einer meiner Lieblingscharaktere, Claude!“

„Also, jetzt ist ein Küsschen fällig.“ Claude steht auf und gibt Juliane links und rechts einen Kuss auf die Wange, wie es Franzosen halt so tun.

„Danke für das tolle Interview. Und ich hab nichts dagegen, jetzt ein paar der Sehenswürdigkeiten, der Tatorte und natürlich Virenque kennenzulernen.“ Juliane steht auf und winkt den Kellner zu sich um zu bezahlen. „Also wie sieht‘s aus, Claude? Hast du noch ein wenig Zeit?“

„Ja, ich führe dich ein wenig herum und zeige dir die Markthalle, den Pagodenbrunnen, die engen Gassen und Virenques Lieblingsbalkon. Kommst du mit, Frederic?“
„Ja klar, auf dem Weg hole ich Amelie von der Arbeit ab. Danke für das interessante Interview.“

„Ich bin dabei und freue mich schon Amelie kennenzulernen…“

Jetzt habt ihr die Möglichkeit Claude und Frederic ebenfalls Fragen zu stellen! Schickt sie einfach an Koriko@gmx.de – ich leite sie entsprechend weiter. Alle, die sich bereits jetzt daran beteiligen, nehmen automatisch am Gewinnspiel teil, das am Samstag startet und bei dem es signierte Bücher von Brunhilde Witthaut alias Corinna/Laurent Bach zu gewinnen gibt.

[CHARAKTERINTERVIEW] Siegfried und Darius aus „Haus der Jugend“

Das folgende Charakterinterview entstand nach dem Lesen von „Haus der Jugend“. Aus diesem Grund lassen sich natürlich Spoiler nicht vermeiden, wenngleich nicht alle Geheimnisse rund um Siegfried und Darius gelüftet werden. Es lohnt sich, das Buch zu lesen – aktuell ist das eBook für 0,99 Euro zu haben!

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Der Schwimmponton an den Hamburger Landungsbrücken, mitten im Gewühl, dort, wo schon der Name des Restaurants Steak und Fisch offeriert, treffe ich mich mit Darius und Siegfried. Ein naheliegender Ort, haben die beiden sich doch dort nach 50 Jahren wieder getroffen. Sie sitzen schon, als ich ankomme. Beide erheben sich sofort, als sie mir die Hand geben. Darius kommt um den Tisch, zieht den Stuhl nach hinten, damit ich mich setzen kann. Wir bestellen uns Kaffee.
„Keinen Grog?“, frage ich Siegfried.
„Nein, es ist ja kein Winter.“

Juliane: Zunächst einmal heiße ich euch beide Willkommen und freue mich sehr, dass ihr euch bereit erklärt habt, mir einige Fragen zu beantworten.

Siegfried und Darius: Wir haben zu danken.

Juliane: Meine erste Frage richtet sich daher auch an euch beide, da mich natürlich brennend interessiert, wie es euch ergangen ist, nachdem ihr Darius „befreit habt“. Da der ein oder andere nicht genau weiß, was mit euch geschehen ist, wäre vielleicht ein kleiner Abriss ganz gut – natürlich ohne zu viel zu verraten.

Darius: Nachdem wir das Haus der Jugend verlassen haben, habe ich immer gewartet, dass irgendwas passiert.
Siegfried: Im Auto habe ich immer nach rechts geschaut. Ich hatte Angst, gleich eine lederne Leiche dort sitzen zu haben und Darius wieder zu verlieren.
Darius: Der kurze Abriss. Wir sind in eine einsame Gegend in Schleswig Holstein gefahren, um dem Haus das aktuellste Gemälde zu opfern, das Siegfried von mir gemalt hatte.

Juliane: Wie viel Zeit ist seitdem vergangen und wie habt ihr inzwischen euer gemeinsames Leben gestaltet. Ich gehe doch recht in der Annahme, dass ihr euch nicht mehr trennen werdet, oder?

Siegfried: Irgendwann werde ich sterben. Ich bin jetzt 80 Jahre alt, damals war ich 70. Wir hatten noch zehn Jahre, das ist viel mehr, als wir während der Rückfahrt damals zu hoffen gewagt hätten.
Darius: Ich altere. Allerdings nicht rapide, sondern ich habe mich einfach wieder in den biologischen Rhythmus gefügt. Ich helfe Siegfried, wo immer ich kann und freue mich, dass er noch so gut beieinander ist.
Siegfried: Die Menschen glauben, du wärest mein Pfleger. Das ist gut. Sonst würden sie dumme Fragen stellen.
Darius: Du brauchst gar keinen Pfleger. Natürlich bleiben wir zusammen und hoffen noch auf viele Jahre.

Juliane: Zehn Jahre also schon – das ist immerhin ein wenig Zeit, die ihr zusammen verbringen könnt, wenn man bedenkt, dass euch fast 50 Jahre trennen. Dass Darius als jugendPfleger angesehen wird, ist da wahrscheinlich wirklich gut, aber ich stelle mir das auch schwierig vor.
Hast du in den letzten Jahren deine damalige Entscheidung eigentlich bereut, Siegfried? Immerhin hättest du auch einen anderen Weg einschlagen können.

Siegfried: Welche Entscheidung hätte ich bereuen sollen? Als wir damals erneut in das Haus der Jugend gefahren sind, um den Fluch zu beenden, wusste ich, ich müsste offen und neugierig sein. Ich hatte keine Gewissheit, was passieren würde. Aber ich würde mich immer wieder so entscheiden.
Schwierig war es erst danach, Darius eine legale Identität zu verschaffen.

Juliane: Ich meinte eigentlich deine Entscheidung aus dem Jahr 1955. Ich stelle es mir schwer vor, wenn dich über 50 Jahre vom Partner trennen.

Siegfried: 1955 hatte ich keine Wahl …
Darius: Das Aloisiushaus hat dir keine Wahl gelassen …
Siegfried: Ob das Haus oder das Leben, ich hatte keine. Bereut habe ich nur manchmal, wie weh ich Heinrich getan habe. Die treue Seele hat mich geliebt und hat sogar das Gespenst Darius ertragen. In jedem Bild.

Juliane: Oh, dann habe ich das falsch verstanden – ich hatte gedacht, dass du 1955 durchaus die Wahl hattest, so zu werden wie Darius, dich aber dagegen entschieden hast.

Siegfried: Nein, das hast du schon richtig verstanden, aber diese Option schreckte mich so sehr, dass ich sie als Wahlmöglichkeit gar nicht wahrgenommen hatte.

Juliane: Das kann ich verstehen – ich glaube, es würde jeden erschrecken ewige Jugend im Austausch für sein Erinnerungsvermögen zu erhalten. Dass du es schwer hattest, Darius, kann ich mir vorstellen. Wie habt ihr das hinbekommen? Immerhin ist es nicht mehr so leicht einen Ausweis zu „fälschen“ wie damals.

Darius: Mit dem Pass hatten wir Glück. Ich hatte ja noch in München einem Toten den Ausweis abgenommen. Komischerweise hatte den nie jemand als verstorben gemeldet. Und mit viel Überzeugungskraft konnten wir das Geburtsdatum als Eingabefehler glaubhaft machen. Vielleicht haben wir auch nur so lange genervt, bis sie ihre Ruhe haben wollten.
Siegfried: Du und deine Geschichten. Ich habe immer noch gute Bekannte …

Juliane: Wie war das bei dir Darius? Jetzt wo du alterst und nicht mehr unter dem Bann des Hauses stehst – ist bei dir die Erinnerung an deine Vergangenheit zurückgekehrt?

Darius: Nein, leider blitzen höchstens mal kleine Erinnerungen auf, die Provence, ein Moment am Meer. Meist so, wie es jeder auch von sich kennt. Eine Situation wirkt, als hätte ich sie schon einmal erlebt.
Siegfried: Manchmal kannst du auch im Gespräch mit mir plötzlich etwas erzählen, fast als wäre es wichtig, dass du dich erinnerst.
Darius (lachend): Siegfried, hör auf, den Fluch des Aloisiushaus‘ neu zu beschwören.

Juliane: Das bringt mich zu der Frage: Ist euch in all der Zeit der „Wolpertinger“ eigentlich jemals wieder begegnet?

Siegfried: In den letzten zehn Jahren ist er uns nicht mehr begegnet – oder dir?
Darius: Nein, mir auch nicht, was schade ist. Ich kann nicht mehr einfach in die Taschen greifen und habe das Geld, das ich gerade brauche oder das Stück Schinken.

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Juliane: Haha, das ist natürlich ein Problem. Jetzt musst du wirklich arbeiten, oder? Was machst du denn beruflich, Darius? Jetzt wo du quasi sesshaft geworden bist?

Siegfried: Er müsste nicht arbeiten, er möchte aber.
Darius: Ich möchte es für mich. Ich genieße es, mal keinen Drecksjob zu erledigen. Und du hast mir schon das Studium finanziert. Kannst du dir vorstellen, wie großartig es war, endlich auf dem Papier zu existieren und deshalb studieren zu können?
Siegfried: Er hat Energie- und Umwelttechnik studiert und arbeitet jetzt beim TÜV.
Darius: Und ich fühle mich endlich als Teil dessen, was ich tue. Ich bräuchte tatsächlich nicht zu arbeiten (gibt Siegfried einen Kuss), aber ich freue mich auf die Arbeit, und wenn ich dort bin, freue ich mich darauf, nach Hause zu kommen. Ganz schön spießig, oder?

Juliane: Nachdem man mehrere Jahrhunderte ohne Erinnerungen gelebt hat, ist es verständlich, dass man sich nach Normalität seht. Wie sieht es denn mit deinen Fähigkeiten aus? Früher konntest du doch die Geschichten der Menschen „aus der Haut“ lesen. Geht das jetzt immer noch?

Darius: Nein, das kann ich nicht mehr.
Siegfried: Bei mir machst du es aber immer noch.
Darius: Nur, weil ich dich so gern berühre. Und ich kenne dich gut genug.

Juliane: Vermisst du diese Fähigkeit?

Darius: Nein, ich habe sie selbst, als ich sie hatte, nur ganz selten angewendet. Ich hatte irgendwann keine Lust mehr, mir die Geschichten der Menschen zu erfühlen. Vielleicht habe ich das als eine merkwürdige Art Treue Siegfried gegenüber empfunden, niemandem mehr so nahe zu kommen?
Siegfried: Du hast dich doch nicht mal an mich erinnert.
Darius: Deshalb merkwürdig, weil ich dennoch das Gefühl habe, du warst immer da.

Juliane: Wie war das überhaupt in der Zeit, in der ihr euch nicht gesehen habt – Darius hat ja Siegfried vergessen und umgekehrt. Und was für ein Gefühl war es, als ihr euch eines Tages zufällig wiedergesehen habt.

Siegfried: Ich habe ihn nicht ganz vergessen, sonst hätte ich ihn ja nicht wieder und wieder malen können.
Darius: Es war weniger ein Erkennen, ich wäre ja an ihm vorbeigelaufen. Aber als er mich ansprach, war es eine Gewissheit, wie man sie manchmal hat, bevor etwas geschieht. Jetzt ist es für immer. Als wüsstest du schon bei der Abgabe eines Lottoscheins, du hast mindestens fünf Richtige. Du kannst es nicht wissen, dennoch bist du sicher. Aber erst, wenn du dann wirklich 5 Richtige hast, wird dir vollkommen bewusst, dass du es schon bei der Abgabe gewusst hast.
Siegfried: In Talkshows würde man an dieser Stelle immer sagen, um das zu erfahren, müsste man das Buch nur kaufen.
Darius: Du wirst ganz schön frech auf deine alten Tage.
Siegfried: Ohne Frechheit hätte ich als Schwuler die Sechziger-Jahre nicht überlebt.

Juliane: Na dann sag ich das an dieser Stelle – wer mehr dazu erfahren will, sollte sich das Buch kaufen. Florian hat eure Geschichte immerhin sehr gefühlvoll zu Papier gebracht. Findet ihr, dass Florian eure Geschichte passend erzählt hat? Oder gibt es da Beschwerden?

Siegfried: Ich finde, er hat mir gut zugehört. Manchmal hätte er etwas weniger blumig …
Darius: Hör mal, du bist Maler, das hat er umgesetzt.
Siegfried: So gesehen passt es natürlich.
Darius: Ich kann wenig dazu sagen, auch da hoffe ich, er hat meine Geschichte besser getroffen, als ich sie erinnere. Aber wenn ich das Buch lese, bin ich zufrieden damit.

Juliane: Und? Wird er irgendwann einmal wieder die Ehre haben, etwas über euch zu schreiben? Ich meine 10 Jahre sind vergangen, da ist doch sicherlich auch das ein oder andere passiert.

Siegfried: Wenn ich so sinniere, müsste ich ihm vielleicht noch mal über die Jahre mit Heinrich erzählen …
Darius: Ja, das würde mich auch interessieren. Und du könntest vielleicht etwas bei ihm gutmachen?
Florian06Siegfried: Ja, aber das kann ich auch mit ihm allein ausmachen. Er liebte die Öffentlichkeit nicht so sehr.

Juliane: Ganz entlassen seid ihr damit noch nicht. Ich habe jetzt herausgefunden, was Darius beruflich so treibt, allerdings interessiert mich auch, wie es bei Siegfried aussieht. Was macht die Malerei? Bist du immer noch als Künstler aktiv?

Siegfried: Nein, ich hatte das ja schon aufgegeben, bevor ich Darius wiedergetroffen habe und bin dann nur für dieses letzte Gemälde von ihm ins Atelier zurückgegangen.
Ich zeichne nur noch beim Telefonieren.

Juliane: Wie schade … fehlt dir das Malen und zeichnen nicht manchmal?

Siegfried: Nein, es ist, als hätte ich im übertragenen Sinne mein Haus aufgeräumt und nichts mehr zu tun. Ich habe alles gemalt, was es für mich zu malen gab.
Darius: Dafür entwickelst du bei den Bildern junger Kollegen aber noch ganz schön aktiv Ideen, wie man das Thema auch hätte umsetzen können.
Siegfried: Ideen gehen ja nicht aus. Aber es sind nicht meine Bilder. Und die Jungen haben ein gutes Gespür, was sie annehmen und was überhaupt in die Zeit passt.
Darius schmunzelt.
Siegfried: Er hat ja recht, ich gehe immer noch gern in Galerien und Museen, aber mein Pinsel bleibt an seinem Haken an der leeren Staffelei.

Juliane: Was mich auch interessiert, ist, ob du jemals auch andere Modelle für deine Bilder verwendet hast? Seinen Partner Heinrich zum Beispiel.

Siegfried: Heinrich mochte es nicht, wenn ich ihn malte. Ich habe es mal aus dem Gedächtnis gemacht und ihn auch gut getroffen, nur eine Kohlezeichnung, aber er hat verlangt, dass ich sie vernichte.
Dabei hat er es genossen, die unterschiedlichsten Klänge und Rhythmen mit seinen Fingern auf meiner Haut zu erzeugen. Wie als Kind mit dem Zweig auf meiner Lederhose. Aber malen durfte ich ihn nicht.
Und wahrscheinlich hätte ich das jetzt auch besser nicht erzählt.

Juliane: Warum? Denkst du, dass Heinrich wirklich ein Problem damit gehabt hätte?

Siegfried: Er hielt sich gern bedeckt. Deshalb hat er ja auch lieber als Studiomusiker gearbeitet. Da blieb er im Hintergrund und niemand wurde auf ihn aufmerksam. Nach der Geschichte in der Kinderverschickung vielleicht kein Wunder.

Juliane: Kinderverschickung?

Darius: Davon hat Florian im Roman auch geschrieben. Unter den Nazis wurden Heinrich und Siegfried aufs Land geschickt. Und nachdem Heinrich beim Wandern mit einem Zweig immer auf Siegfrieds Lederhose geschlagen hat, gab es eine drastische Strafe. Im Roman wird es ein bisschen als Traum dargestellt.

Juliane: Ah – ich erinnere mich. Dann will ich da gar nicht weiter nachhaken, sondern verweise mal ganz dreist auf den Roman. Zurück zu Heinrich. Über ihn erfährt man ja leider nicht viel. Könntest du uns mehr über ihn verraten? Wie hast du ihn kennengelernt und wie habt ihr gemeinsam gelebt?

Siegfried: Ich kannte ihn ja seit meiner Kindheit. Als er später in einer Zeitung von meiner ersten Ausstellung las, meldete er sich bei mir. Er trommelte immer noch auf allem, spielte immer noch Klavier.
Aber wir konnten erst zusammenziehen, als ich mir das Haus leisten konnte. Er war da. Er verkaufte meine Bilder, handelte die Preise aus, telefonierte mit den Galerien und Museen. Und ab und zu spielte er für irgendwelche Sänger die Klavierparts auf die Schallplatte. Nur zu den Konzerten fuhr er für niemanden mit.
Darius: Ich habe ein paar Aufnahmen gehört. Deutscher Schlager.
Siegfried: Den hat er gehasst. Aber er spielte so gerne Klavier, dass es ihm egal war.
Darius: Er hat gut gespielt.

Juliane: Lebt er noch? Und wenn ja, hat er Darius jemals kennengelernt?

Siegfried: Nein, er ist schon lange, bevor Darius wieder aufgetaucht ist, gestorben.

Juliane: Das tut mir leid. Wie glaubst du, hätte er auf den Mann reagiert, der dich zu all diesen Bildern inspiriert hat?

Siegfried: Ich weiß es nicht. Ich habe ja auch Heinrich wirklich geliebt, nur ist die Sehnsucht eben so viel heißer als die Liebe der Gegenwart. Die Liebe zu Heinrich war so selbstverständlich, deshalb brannte sie nicht so sehr.
Und das hat er sicher gespürt, auch, wenn er es sich nie anmerken lassen hat. Vielleicht hätte er Darius‘ Rückkehr als Erlösung empfunden, vielleicht als Bedrohung seiner

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Der Autor – Florian Tietgen

Sicherheit. Wir waren bis zu seinem Tod zusammen.
Darius: Mach dir kein schlechtes Gewissen, ich konnte an deiner Haut fühlen, wie sehr du ihn geliebt hast.

Juliane: War Heinrich der einzige Mann, mit dem du zusammen warst, von Darius einmal abgesehen? Es ist schon etwas Besonderes, mit jemandem eine solch lange Zeit sein Leben zu teilen.

Siegfried: Es war es vor allem zu dieser Zeit. Trotz der Bedrohung durch Gesetze und Erpresser haben wir sie ja genossen. Keine Konzentrationslager mehr, keine rosa Winkel. Und wenn auch als Subkultur, es gab Läden, in denen wir uns aufhalten konnten. In München und auch in Hamburg. Und wo man Freiheit empfindet, selbst, wenn sie nicht wirklich da ist, feiert man sie zunächst. Und das natürlich auch mit Männern.
Darius: Ich beneide dich immer um Heinrich, um die jahrelange Treue. Ich hatte das nie. Und ich glaube, auch die nicht verfluchten Männer, mit denen ich schlief, hatten das häufig nicht. Viele gingen hinterher nach Hause zu ihrer Frau, die sie sicher schätzten, bei der ihnen aber immer etwas fehlte. Und niemand konnte dafür. Ihr musstet ja immerhin noch 13 Jahre in der Gewissheit durchhalten, dass eure Liebe eine Straftat war.
Siegfried: Das machte uns komischerweise nur selten Angst.

Juliane: Dennoch ist das eine harte Zeit gewesen – für heutige Maßstäbe nur schwer vorstellbar. Was denkt ihr über die aktuelle Entwicklung – es wird ja viel diskutiert: Homo-Ehe, Adoption etc. Hättet ihr gedacht, dass ihr das einmal miterleben würdet?

Siegfried: 1955 sicher nicht, auch später nicht, als 68 das Gesetz dann endlich gemildert wurde. Aber irgendwann um die Jahrtausendwende schien es ja schon fast, als wäre der Kampf vorbei und gewonnen.
Darius: Ich kann dazu nichts sagen. Mein wirkliches Gedächtnis setzt erst mit der Fortsetzung der Alterung wieder ein. Alles andere ist bruchstückweise mal da, dann wieder weg. Und 2005 war ja eines der Jahre, in denen selbst die CSD-Paraden von Familien mit Kindern besucht wurden.
Siegfried: Verzeihung, die Frage war ja, was wir von der Entwicklung halten. Die finde ich natürlich großartig. Und ich wünsche den Jungen von heute, dass es weiter so zügig vorangeht.

Juliane: Ah, da mischt sich der Autor ein – das muss ich doch gleich nutzen, um mal eine Frage der etwas anderen Art zu stellen: Findet ihr, dass Florian eure Geschichte passend erzählt hat? Oder gibt es da Beschwerden?

Siegfried: Ich finde, er hat mir gut zugehört. Manchmal hätte er etwas weniger blumig …
Darius: Hör mal, du bist Maler, das hat er umgesetzt.
Siegfried: So gesehen passt es natürlich.
Darius: Ich kann wenig dazu sagen, auch da hoffe ich, er hat meine Geschichte besser getroffen, als ich sie erinnere.

Juliane: Hast du dich eigentlich jemals mit deiner Mutter aussöhnen können, Siegfried? Und wie ist deine Beziehung zu deinem Vater gewesen, nachdem du in Hamburg dein Studium begonnen hast?

Siegfried: Ich habe meine Mutter seit München nie wieder gesehen. Ich weiß nicht mal, wann mich ein Notar anrief, weil sie gestorben ist. Das war so weit weg, dass ich ihm nur gesagt habe, ein Erbe würde ich ablehnen. Und gefragt habe ich ihn, ob die Bestattungskosten gedeckt wären. Das immerhin muss man ihr lassen. Sie hat auch, als meine Bilder bekannter wurden, nicht versucht, sich wieder anzubiedern.

Meinen Vater habe ich, bis er starb, ab und zu besucht, er ist aber nie nach Hamburg gekommen, obwohl es hier so schön ist. Erstaunlicherweise war er, der einst überzeugte Nazi, viel offener. Vielleicht kann man eine Überzeugung leichter infrage stellen und sogar aufgeben, wenn es wirklich eine Überzeugung war, nicht nur Mitläufertum? Vielleicht war er aber auch ein Meinungschamäleon, dass immer die Überzeugung teilte, die es ihm an leichtesten machte, vorwärtszukommen. Nazi unter Nazis, Demokrat unter Demokraten. Und in der DDR wäre er möglicherweise Kommunist unter Kommunisten geworden. Aber den Moment, in dem er mir half, habe ich als ehrlich empfunden. Und viele andere später auch.

Juliane: Das ist schade. Aber ich denke, du hast in Hamburg auch viele Freunde gefunden. Gibt es jemanden, der euer Geheimnis kennt und Bescheid weiß?

Siegfried: Nein, nicht mehr. Einen mussten wir wegen Darius‘ Ausweis einweihen. Er ist aber wie die meisten meiner Freunde schon gestorben. Das ist der Fluch des Alters.
Darius: Ich bin es ja nicht gewohnt, Freundschaften von Substanz und Dauer zu schaffen. Ich hatte immer Angst um mein Geheimnis. Und jetzt lerne ich erst langsam, Menschen zu vertrauen. Aber so tolerant ist unsere Gegenwart auch noch nicht, dass niemand das Gesicht verziehen würde, wenn er von unserer Beziehung hört.

Juliane: Ja, das ist schon logisch – euch trennen ja „optisch“ knapp 50 Jahre. Was denkst du, wie es weitergehen wird, wenn Siegfried irgendwann nicht mehr da ist (natürlich wünsche ich euch noch viiiiele gemeinsame Jahre, aber man weiß ja nie…)?

Darius: Das lasse ich auf mich zukommen. Dank des Studiums bin ich ja sicher, nicht vor Langeweile umzukommen. In dem schönen Haus hier werde ich wohnen bleiben können.
Ich hoffe, wenn es in vielen Jahren mal wirklich so weit sein sollte, bin ich in der Lage, Freundschaften zu schließen. Aber von mir aus kann Siegfried gern so alt werden, wie ich es bin.
Siegfried: 150? Oder wie alt bist du?
Darius: Ich kann mich doch nicht erinnern.

Juliane: Das würde mich jetzt auch interessieren. Das kann man allerdings im Buch zumindest erahnen, wenn man sich die Passagen über Darius genau ansieht – finde zumindest ich.

Darius: Ganz genau weiß ich es wirklich nicht, dazu reichen die schlaglichtartigen Erinnerungen nicht aus. Ich kann es auch höchstens ahnen.

Juliane: Vielleicht kommt ja irgendwann mehr zurück. Es wäre auf jeden Fall interessant.
So langsam will ich euch aber mit meinen Fragen in Ruhe lassen – ihr habt mehr als genug Geduld mit mir gehabt und euch viel Zeit für mich genommen – ich danke euch.

Darius und Siegfried: Wir haben zu danken, es hat Spaß gebracht.

Juliane: Ich wünsche euch noch alles erdenklich Gute und viele schöne Jahre zusammen – vielleicht ist ja auch irgendwann eine Zeit gekommen, in der wir mehr von Heinrich hören – ich bin mir sicher, Florian wird dann ein geduldiger Zuhörer und Chronist sein.

Darius und Siegfried: Das wird er.


Jetzt habt ihr die Möglichkeit Siegfried und Darius ebenfalls Fragen zu stellen! Schickt sie einfach an Koriko@gmx.de – ich leite sie entsprechend weiter. Alle, die sich bereits jetzt daran beteiligen, nehmen automatisch am Gewinnspiel teil, das am Samstag startet und bei dem es signierte Bücher von Florian Tietgen zu gewinnen gibt.

[CHARAKTERINTERVIEW] Steffen und Alex aus „Zerrspiegel“

Das folgende Charakterinterview entstand nach der Lektüre von „Zerrspiegel“. Daher enthalten sowohl die Fragen, als auch die Antworten Spoiler auf den gesamten Roman. Wer das Buch noch nicht kennen sollte, sollte dringend vorab die Geschichte von Steffen und Alex lesen – allen anderen wünsche ich viel Spaß beim Interview 🙂

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Alex und Steffen, der seinen Künstlernamen Steve Simon weitestgehend abgelegt hat, treffen Juliane in einem ruhigen Strandcafé an der Weser. Sie sitzen nebeneinander in einem der Strandkörbe, die sich tief in den künstlich aufgeschütteten Sand gegraben haben. Ein gewaltiger Sonnenschirm mit dem Logo eines Bierherstellers verdeckt die freie Sicht für die anderen Gäste.

Juliane beginnt mit der ersten Frage, nachdem sie an ihrem Latte genippt hat: „Es ist toll, dass ihr beide euch die Zeit genommen habt, uns ein wenig mehr über euch zu erzählen und „Like a Dream“ Rede und Antwort zu stehen. Nur um klare Verhältnisse zu schaffen: Das ist eher ein Buchblog, denn ein Musikblog, sprich Alex wird sich wahrscheinlich wohler fühlen, oder?“

Alex scheint ein bisschen nervös zu sein. Es ist mit Sicherheit sein erstes Interview. Steffen grinst ihn an und wendet sich der ersten Frage zu: „Früher hätte ich dir da blind zugestimmt. Ich kann mich nicht erinnern, dass ich mal was anderes als eine Bedienungsanleitung für einen Amp gelesen hätte. Aber inzwischen ist das ziemlich anders. Lesen ist schon eine tolle Angewohnheit.“
„Und seitdem er die Bücher einmal für sich entdeckt hat, ist es manchmal echt schwer, ihn davon loszueisen“, fügt Alex hinzu.

„Das klingt danach, als sei er Stammgast in der Bücherei, oder füllt sich eure Wohnung mehr und mehr mit Romanen und Büchern?“ Juliane sieht zwischen den beiden hin und her. Im Stillen fragt sie sich, ob die neu entdeckte Lesewut Steffens nicht auch anderweitig für Unstimmigkeiten sorgt. Sie entscheidet sich die Frage später zu stellen.

„Wie, füllen?“, fragt Alex lachend. „Ich meine, klar werden es mehr. Aber ich hab ja schon genug Zeug mitgebracht. So ist es ja nicht. Ehrlich gesagt bin ich meistens immer noch derjenige, der die neuen Sachen anschleppt und dabei schrecklich übertreibt.“
„Genau.“ Steffen nickt und nippt an seiner Cola. „Ich besorge eher die Sachen fürs Studium. Und ehrlich, das meiste ist sowieso schon da. Wenn auch in irgendeiner Ecke. Keine Ahnung, wie oft ich schon mit irgendetwas nach Hause gekommen bin und Alex dann gesagt: ,Das haben wir doch schon.‘ Ich hab da noch null Überblick. Gerade bei den ganzen Standardsachen. Goethe und sowas.“ Er verzieht das Gesicht. „Das brauche ich ja eigentlich sogar gar nicht.“

„Na wenigstens ist sie Alex in dieser Beziehung treu geblieben.“ Juliane grinst. „Ich teile da die Bücherleidenschaft, und mal unter uns: Ich habe nicht einmal einen Überblick über meine eigenen Bücher. Ich habe sogar des öfteren Romane gekauft, die schon bei mir daheim stehen und die ich jetzt doppelt habe.“ Juliane schaut einigen Mädchen hinterher, die sich den Hals in Steffens Richtung verrenken. „Seid ihr eigentlich umgezogen, oder habt ihr noch immer die kleine Wohnung in der Innenstadt? Wie lang lebt ihr jetzt schon zusammen?“

Steffen lächelt den Mädels kurz zu, verzieht sich aber gleich darauf tiefer in die Ecke des Strandkorbs. Seine Hand ruht dabei mit großer Selbstverständlichkeit auf Alex‘ Bein. Eine Bedienung fragt die Mädchen nach ihren Wünschen und drängt sie freundlich zu einem freien Platz. Anschließend zwinkert sie den Jungs zu. Anscheinend gibt es hier eine Absprache …
„Das kann mir nicht passieren. Ich habe eine Liste im Web, auf die ich über Handy immer Zugriff habe“, erzählt Alex. „Berufskrankheit quasi.“
„Er wird hysterisch, wenn ich nicht alles brav eintrage, was ich gekauft habe“, verrät Steffen mit einem teuflischen Grinsen. Alex nimmt den kleinen Seitenhieb nicht übel. Er lacht und streckt seinem Freund die Zunge raus. „Wir sind inzwischen umgezogen“, fährt Steffen fort. „Wir leben inzwischen in einem kleinen Haus im Außenbereich von Bremen. Nichts Dolles. War aber nötig.“
„Genau. Wir brauchen einen Raum für die ganzen Instrumente.“
„Und für die Reste von der Bibliothek von Alex‘ Großvater.“ Steffen macht ein betroffenes Gesicht. „Ist ja leider nicht mehr so viel übrig.“ Sie wechseln einen Blick.
„Naja, und die Nachbarn waren auch nicht so begeistert, einen Musiker im Haus zu haben“, sagt Alex schnell. Das Thema Großvater scheint ihm nicht zu behagen.
„Oh, und es sind jetzt … öh …“
„Etwas über ein Jahr“, ergänzt Steffen.

„Das freut mich sehr für euch. Und keine Sorge, ich frage jetzt nicht nach der Adresse.“ Sie grinst und hebt die Schultern. „Das heißt, dass Steffen jetzt schon im dritten Semester ist, oder? Wie ist das Studium? Ich habe das Gefühl, Klassiker sind nicht so ganz deins – wenn man deinen Kommentar zu Goethe nimmt, aber mich interessiert doch, welche Bücher du besonders gern magst?“ Mit einem kurzen Blick zu Alex fügt sie hinzu: „Die Frage ist für euch beide – mich interessiert brennend, was ihr so lest.“

„Ganz genau. Drittes Semester. Mal ehrlich: Ich habe nicht allgemein was gegen Klassiker. Aber manches Zeug … Weißte, da hat irgendwer irgendwann mal entschieden, dass das tooootal wahnsinnig literarisch wertvoll ist. Mag ja auch sein, dass da der Zeitgeist irgendwie eine Rolle spielt. Aber wenn ich mir die „Leiden des jungen Werthers‘ anschaue … meine Fresse, was ein Geheul! Überhaupt, man hat manchmal das Gefühl, dass die Literaten nur das gut finden, wo am Ende alle über den Jordan gehen“, plappert Steffen los. Alex sieht aus, als ob er gleich in Ohnmacht fällt. „Andere Sachen sind richtig cool. Ich steh auf die alte Droste-Hülshoff. Und ich könnte stundenlang die Sachen von Poe, Lovecraft, Stoker und Stevenson lesen. Oder auch Mary Shelley. Die hatte viel mehr zu sagen, als die Leute immer so schnallen, glaube ich. Und sonst bin ich noch ziemlich am Anfang. Das ist wie eine Entdeckungsreise… ich mag Krimis. Thriller. Horror. Und solche Sachen wie Christopher Moore.“
„Moore ist klasse“, stimmt Alex zu. Er scheint sich halbwegs erholt zu haben. „Und was du für ein Problem mit Goethe hast, werde ich nie verstehen.“
„Zu viel Drama für mich.“
Alex winkt ab. „Banause. Jedenfalls: Ich mag Goethe. Faust, Clavigo … Tolle Sachen. Ich lese allgemein ziemlich quer. Mich sprechen ganz unterschiedliche Bücher an. Ich meine, in der Bücherei komme ich einfach mit ganz viel Material in Kontakt. Und da wird man automatisch neugierig. Ich sehe da auch kein Problem drin, heute ,Maurice‘ zu lesen und morgen ,Harry Potter‘. Möchtest du übrigens noch einen Kaffee, Juliane?“

Juliane muss sich ein Lachen verkneifen, während sie Steffens Ausführungen lauscht und stimmt einigen Punkten insgeheim zu. Allerdings entscheidet sie sich dafür, nicht noch mehr Öl ins Feuer zu gießen. ‚Man will ja keine Beziehungskrise auslösen‘, denkt sie, während sie der Kellnerin zuwinkt und sich einen Latte bestellt. „Wollt ihr noch etwas?“ Nachdem die beiden ihre Bestellung aufgegeben haben, fährt sie fort: „Ich bin auch jemand, der quer durch den Garten liest. „Maurice“ habe ich mal als Teenager angefangen und nach 10 Seiten aufgegeben. Gut 10 Jahre später, habe ich dem Buch eine zweite Chance gegeben und siehe da: Ich fand es unheimlich toll. Für einige Bücher muss man reif genug sein oder es zu einer passenden Gelegenheit lesen. Man ist nicht immer in der Stimmung für Klassiker und alte Geschichten.“ Sie wendet sich an Alex: „Du hast ja von deinem Großvater eine wahre Bibliothek geerbt und auch wenn viele Werke verloren sind, gibt es unter den Schätzen eines, was dir besonders viel bedeutet?“

Zwei Colas und ein Windbeutel werden bestellt. Während Juliane sprach, haben die Jungs beide genickt. Als die Frage nach der Bibliothek des Großvaters gestellt wird, verdüstert sich Alex‘ Miene. Auch Steffen wirkt plötzlich ein wenig angespannt.
„Naja, im Grunde hat mir ja die ganze Sammlung einfach viel bedeutet. Unabhängig vom Inhalt.“ Alex presst die Lippen aufeinander. „Auf jeden Fall bedeuten mir die Bücher viel, die mein Opa mir früher vorgelesen hat. Aber da gibt es noch so ein Buch, einen ganz alten Schinken über Tiere und Pflanzen in den heimischen Wäldern. Das ist auf ganz dickem Papier gedruckt, mit Zeichnungen aller Tiere und Pflanzen. Ich kann mich erinnern, dass ich früher stundenlang in meinem Zimmer gesessen und darin geblättert habe. Lange bevor ich lesen konnte.“
„Oh, und die gebundene Lederausgabe vom Herrn der Ringe“, merkt Steffen an. „Oh ja, da hast du recht. Das ist wirklich ein Prachtstück. Gehört eigentlich in eine Vitrine.“

Juliane überlegt, ob sie weiter nachbohren soll. Sie wirft Alex einen mitfühlenden Blick zu. „Es tut mir sehr leid, was da passiert ist. Ich denke, ich verlagere meine Fragen lieber in eine andere Richtung, okay?“

„Da wäre ich echt nicht bös drum.“ Dankbar lächelt Alex Juliane zu.

„In Ordnung, dann gehen wir doch mal in eine andere künstlerische Richtung, bevor ich euch zu eurer Beziehung ausfragen werde – ich hoffe, ich darf das.“ Sie zwinkert beiden zu. „Steffen, du hast ja vor über einem Jahr dein Pseudonym Steve an den Nagel gehängt. Was für ein Gefühl war das für dich, diesem Lebensabschnitt ein Ende zu setzen? Gibt es Zeiten, wo du den Rummel und all das vermisst?“

Alex und Steffen tauschen einen verschmitzten Blick aus. „Kommt auf die Fragen an“, sagen sie zeitgleich und lachen.
Steffen schnappt sich seine Cola und fängt an, den Strohhalm zu zerkauen, bis er ganz platt ist. „Ehrlich?“, beginnt er. „Ich habe immer noch keine Ahnung, wie das jetzt wirklich ist und was es für mich bedeutet. Ich meine …“, er verdreht die Augen, „… es ist ja schon genug darüber geschrieben worden. War echt spannend zu lesen, was die Leute alles über mich wissen wollen, ohne je mit mir gesprochen zu haben. Egal. Es ist auf jeden Fall zwiespältig. Musik war mein Leben. Und ich dachte immer, dass ich sie verliere, wenn Steve Simon untergeht. Das ist natürlich Bullshit. Aber wenn man bis Unterkante-Oberkante in der Scheiße sitzt, schnallt man das nicht. Ich hab die Kontrolle verloren. Das heißt, erst wurde sie mir weggenehmen in Sachen Musik und dann habe ich die Kontrolle über mich selbst verloren. Trotzdem war es immer noch, als würde ich mir die Pulsadern aufschneiden.“
Alex rückt fast unmerklich näher an Steffen heran.
„Alles stand Kopf. Alles, was wichtig war, war dreckig geworden. Und nichts war mehr echt. Also war es am Ende trotz allem eine Erleichterung, dem ein Ende zu machen. Klar vermisse ich es. Ich vermisse die Bühne, die Fans, die Touren. Aber ich vermisse es nicht, gejagt zu werden und mir von jemandem, der keine Scheißahnung von Musik hat, in meine Mucke reinreden zu lassen.“

Juliane nickt leicht. „Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das ist, so verfolgt zu werden und keinen sicheren Ort mehr zu haben. Aber ich bin froh, dass du den Absprung geschafft hast und dich in letzter Sekunde von dem ganzen Dreck befreien konntest. Ich will gar nicht wissen, wie hart das gewesen sein muss, alles, was einem etwas bedeutet hat, aufzugeben.“ Sie lächelt und nickt Alex zu. „Wobei du ja nicht alles aufgegeben hast, oder? Immerhin hast du Alex zurückgewonnen und das ist immerhin wie ein Sechser im Lotto, nicht?“

Oh, ich habe noch viel mehr gewonnen als das. Mir kommt es inzwischen vor, als wäre ich während der heißen Jahre dauernd stoned in der Gegend rumgelaufen. Mit Scheuklappen drauf DSC04326obendrein. Und Alex habe ich nicht nur zurückgewonnen. Er hatte viel mehr mit dem Prozess zu tun, mich selbst zu erkennen und mir klarzumachen, dass ich so auf Dauer nicht zurechtkomme. Glaub mir, es ist ein ätzendes Gefühl, eines Tages aufzuwachen und dir klarzumachen, dass du nur noch aufrecht stehen kannst, wenn du betrunken bist oder Tabletten intus hast. Man steht auf der Bühne und erzählt den Leuten, dass sie aufrecht zu sich stehen sollen, dass sie ihren Weg gehen sollen und selber ist man dieser kleine Pisser, der sich wie ein Ochse am Nasenring durch die Arena führen lässt.“ Steffen hat sich in Rage geredet. Seine Nase ist ein bisschen rot geworden. Offenbar regt ihn das Thema immer noch auf.

„Beruhige dich, okay?“ Juliane nippt unentschieden an ihrem Latte und überlegt, wie sie das Gespräch in ruhigere Bahnen lenken kann. „Es gibt immer Momente im Leben, wo man sich für einen falschen Weg entscheidet. Wichtig ist doch, dass man es schafft, seine Fehler zu erkennen und einen Weg hinaus findet. Dir ist das gelungen. Und ich denke doch, dass du die Musik nicht verloren hast. In eurer neuen Wohnung gibt es doch einen passenden Raum, wo du wieder das machen kannst, was dir etwas bedeutet – deine Musik, ganz einfach Steffens Musik. Kein Zwang, keine Idioten, die dir etwas vorschreiben und erst recht niemand, der die in eine Richtung drängen will, die dir nicht liegt.“
Sie überlegt und fügt hinzu: „So geht es mir als Autor auch: man will eigene Geschichten schreiben, eigene Ideen umsetzen, nicht das, was die großen Verlage gerne copy’n’paste mäßig auf den Markt werfen wollen.“

„Ich schätze, das ist ganz ähnlich“, schaltet Alex sich sein. „Es gibt eine bestimmte Mode, die dann endlos reproduziert wird. Ob es ja jetzt um Musik oder Bücher geht, ist wahrscheinlich gar nicht so wichtig. Es sind jedenfalls Kaufleute, die die Entscheidungen treffen. Keine Künstler. Es wird wohl immer schwierig, wenn die anfangen, gegeneinander statt miteinander zu arbeiten.“

„Ja, leider.“ Juliane spielt mit ihrem Lippenpiercing und betrachtet die beiden nachdenklich. „Spielst du denn noch, Steffen? Ich meine im kleinen Kreis? Oder ist dir sogar das momentan zu viel?“

Steffen sieht fragend auf. Offenbar waren seine Gedanken in andere Richtungen abgewandert. „Nein, nein. Im Moment nicht. Also für mich allein schon. Es tut einfach gut, die Gitarren mal wieder richtig jaulen zu lassen. Aber in Sachen Band habe ich noch nichts unternommen.“ Er zuckt die Achseln. „Es läuft mir nicht weg. Es gibt so viele Musiker, nach fünf oder sechs Jahren wieder aufgetaucht sind, mit frischem Material. Ich treibe mich da gerade nicht.“

„Kann ich verstehen. Was mich natürlich interessiert, ist, ob du inzwischen nicht mal den Versuch unternommen hast, mit den Jungs von „Terrific“ in Kontakt zu treten? Immerhin habt ihr gemeinsam angefangen und hattet eine Menge Dinge, die ihr zusammen gemacht habt.“

Er wiegt den Kopf. „Ja, habe ich. Mit teilweise unterschiedlichen Ergebnissen. Ein zwei von denen … naja, sie sind mir böse. Und ich kann’s verstehen.“
„Naja, deswegen hätten sie nicht so klar sagen müssen, dass sie froh sind, dass du auf die Schnauze gefallen bist“, grummelt Alex.
„Ach, ich kann’s verstehen“, gibt Steffen zu. „Wo war ich? Also ja. Nicht alle sind begeistert gewesen. Marcel war ja sowieso nie das Problem. Aber zwei von den anderen … mit denen habe ich inzwischen wieder Kontakt. Sie haben kaum noch mit Musik zu tun. Sind inzwischen beide Papa.“ Er grinst. „Auch, wenn ich es mir das noch nicht richtig vorstellen kann. Wir reden ab und zu und wollen irgendwann mal eine Jam Session machen. Nur so aus Spaß“.

„Das klingt doch prima. Ich freue mich sehr, dass es sich zumindest in der Richtung wieder eingerenkt hat. Und manchmal dauert es bei anderen länger, bis sie einem verzeihen.“ Er wirft Alex einen Blick zu und grinst. „Da dich Alex ja erfolgreich zu den Büchern gebracht hat, wie sieht es umgekehrt aus? Hast du Alex denn ein wenig zur Musik bringen können, Steffen? Ich gebe zu es interessiert mich brennend, ob Alex nicht mal den Versuch unternommen hat, Gitarre zu spielen.“

Die Bedienung bringt die Bestellungen. Steffen stürzt sich sofort mit glänzenden Augen auf seinen Windbeutel. Bevor man sich versieht, hat er den Mund voll. Alex guckt ein bisschen verdutzt, übernimmt dann aber schmunzelnd die Frage. „Es hat auch anders herum funktioniert. Ich überrasche mich selbst dabei, dass ich genauer hinhöre und mich mehr mit Musik beschäftige. Mein Gehör ist aber zum Beispiel nicht so gut wie Steffens. Ich würde es nie heraushören, ob die Streicher in einem Lied zum Beispiel echt sind oder von einem Synthesizer stammen. Und ich merke mehr und mehr, dass ich total gerne Sachen mag, die nicht aus der Konserve kommen.“
„Ich hab ihn neulich dabei erwischt, wie er in voller Lautstärke Manfred Mann’s Earth Band gehört hat, als ich heimkam“, wirft Steffen mümmelnd ein. „Er hat übrigens eine echt schöne Stimme. Ich bin total begeistert.“
„Naja, hält sich.“ Alex bekommt ein bisschen rote Ohren. „Gitarre spielen habe ich nicht versucht. Mich irritiert das mit den Saiten. Oder ich hab zu dicke Finger. Aber Steffen hat ein E-Piano mitgebracht. Und da habe ich mich mal dran versucht. Die Ergebnisse halten sich noch in Grenzen, aber es macht Spaß.“

„Wow, das finde ich echt toll. Und jetzt würde ich zu gerne hören, wie du singst. Wer weiß, vielleicht komme ich ja irgendwann mal in den Genuss“, sagt sie lächelnd und stibitzt sich einen Windbeutel. „Ihr scheint wirklich gut zusammen zu passen. Das bringt mich gleich darauf, euch zu fragen, wie es in eurer Beziehung läuft? Für Steffen ist es ja die erste richtige Beziehung, für dich Alex die zweite, oder?“

„Keine zehn Pferde kriegen mich auf eine Bühne, keine Chance.“ Alex lacht herzlich, schaut von seinem Freund zu Juliane und bestellt einen zweiten Teller Windbeutel.
Steffen zwinkert ihm zu. „Du kennst mich sooo gut.“
Dann wendet er sich an Juliane. „Stimmt schon. Meine erste. Alex‘ zweite. Und tja. Eh. Wie läuft es denn?“
Alex schaut auch ein bisschen hilfesuchend. „Ja, gut, ne? Würde ich sagen. Oder?“
Steffen nickt. „Ich denke schon.“ Sie fangen an zu lachen.
„Ich glaube, du musst ein bisschen genauer fragen“, sagt Alex lachend. „Wie du siehst, sind wir zusammen. Und glücklich darüber. Oder wolltest du wissen, wer die Wäsche wäscht?“ Er grinst breit und klaut sich auch einen Windbeutel.

„Also ich will ja nicht zu sehr in eure Privatsphäre dringen – bin ja keiner dieser Journalisten, die Menschen so extrem auf die Pelle rücken. Ihr verratet, was ihr verraten wollt und gut ist. Dass ihr glücklich seid, freut mich sehr – ich mag es einfach, wenn sich zwei Menschen finden und trotz diverser Widerstände zusammen bleiben.“ Sie blinzelt Alex zu „Und Bühne muss ja bei einem Song nicht sein – eine Privatvorstellung in Wiesbaden reicht – sprich fühlt euch eingeladen.“

„Ach, das passt schon. Solange man gefragt wird, kann man Nein sagen. Das ist okay für mich“, erklärt Steffen entspannt. „Schwierig wird es nur, wenn du wirklich bei jeder Gelegenheit bestürmt wirst. Zum Beispiel auf dem Weg zum Arzt oder so. Dann schleppst du dich dahin, mit einer dicken Influenza, siehst aus wie eine Wasserleiche und jemand fotografiert dich. Am nächsten Tag steht in der Zeitung, dass du AIDS hast.“
„Zum Beispiel. Ich hab ja auch einmal dran glauben müssen. In Sportklamotten, nachdem ich vom zerrspiegelLaufen kam. Danach hatte Steffen einen „ungepflegten Freund“.“ Alex scheint sich darüber eher zu amüsieren als zu ärgern. „Und das mit der Privatvorstellung überlege ich mich. Wenn du mich mit Essen lockst, könnte das sogar glatt klappen.“

„Diesen Worten entnehme ich, dass eure Beziehung unterdessen bekannt ist. Wie haben es denn deine alten Fans wirklich aufgenommen, Steffen? Deine alte Plattenfirma hatte ja wirklich Probleme, deine Homosexualität öffentlich zu machen.“

Steffen nickt. „Das war so eine Sache für sich. Es gab viele sehr unterschiedliche Reaktionen. Die Fans waren größtenteils ganz cool, klar, gab ein paar böse Aktionen von einigen Mädels. Die meisten konnten damit aber besser als die Plattenfirma damals befürchtet hat. Die Öffentlichkeit, das war eine andere Geschichte. Einige waren total genervt. So nach dem Motto: ,Ach nö, noch einer. Die kriechen jetzt ja überall aus den Löchern.‘ Andere Leute, von denen ich es vielleicht auch gar nicht erwartet hätte, haben sehr positiv reagiert und mir gratuliert. Es gab aber auch ein paar echt hässliche Aktionen.“
„Ein paar Leute haben sich zusammengetan und Steves Alben öffentlich verbrannt“, erzählt Alex leise. „Gab einen ziemlichen Tumult. CDs fangen nicht so gut Feuer. Also haben sie einen Brandbeschleuniger benutzt und damit das ganze Plastik von den Hüllen in die Luft gejagt. Die Feuerwehr war nicht begeistert.“
Steffen schüttelt den Kopf. „Das war schon eine doofe Erfahrung. Auch die Shitstorms, die es hier und da gab, waren echt übel. Zumal auch welche ausgerechnet aus den LGBT-Community kamen.“

Juliane schaut ungläubig drein. Man sieht ihr an, dass sie diese Aktionen weder mitbekommen noch erwartet hat. „Moment mal, da sind wirklich Leute hingegangen und haben deine CDs verbrannt??? Ich fasse es nicht!“ Sie knirscht mit den Zähnen. „Und dass auch aus der LGBT.-Community böse Worte kamen, finde ich jetzt auch nicht so toll. Man, da will man doch nie im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehen – also wirklich.“ Sie beruhigt sich und überlegt einen Moment: „Und deine Eltern, Steffen? Wie haben die darauf reagiert?“

„Ein paar Querschläger gibt es immer.“ Alex scheint zu warten, dass Steffen etwas sagt. Als der keine Anstalten macht, antwortet er selbst: „Weißt du, das Problem war wohl, dass Steffen zu lange im Schrank war. Es gab so viele Berichte über Frauen, mit denen er was hatte. Das sieht jetzt natürlich aus, als hätte er absichtlich allen etwas vorgemacht. Klar, dass es dann heißt, dass er eine Klemmschwester ist, die erst
dann an die Öffentlichkeit geht, wenn es schick ist.“
„Man muss dazu sagen, dass ich nie Berichte über irgendwelche Frauen bestätigt habe. Aber natürlich auch nicht dementiert. Das muss ich schon zugeben.“ Steffen lächelt nicht mehr. Erst, als Alex ihm locker den Arm um die Schulter legt, fährt er fort: „Meine Eltern? Das war noch so eine Sache. Meine Mutter … man sagt ja immer, dass Eltern Bescheid wissen. Sie wusste es. Mein Vater ist aus allen Wolken gefallen. Ich glaube, das erste, was er sagte, war: Das auch noch.‘ Okay, das war nicht gerade das, was ich mir gewünscht habe. Aber ich schätze, man muss das Eltern erst mal zugestehen. Inzwischen sind sie ganz entspannt. Und mögen Alex sehr gern.“

„Das freut mich sehr. Ich finde ihr seid ein tolles Paar. Und man muss wirklich anerkennen, wie viel ihr schon gemeinsam durchgestanden habt. Ich denke mal, dass du unterdessen auch Alex‘ Freunde kennengelernt hast, oder Steffen?“

„Vielen Dank, finde ich auch.“ Steffen nimmt in einer rührenden Geste, die irgendwie nicht zu seiner abgewetzten Lederhose passt, Alex‘ Hand und drückt einen Kuss darauf. „Und klar kenne ich Alex‘ Freunde. Unsere Freunde. Und wir haben auch noch eine Menge anderer Leute kennen gelernt. Vor allen Dingen Männer. Aber das lassen wir hier lieber. Au!“ Steffen hat gerade einen Ellbogenhieb von Alex kassiert.

„Oha, kommt da Eifersucht auf, oder irre ich mich da?“ Juliane grinst und leert ihren Kaffee.

„Ne, absolut nicht. Aber wir wollten ja nicht ins Eingemacht gehen“, grinst Alex zurück. „Ich bin verdammt froh, dass Steffen und ich da auf einer Wellenlänge schwimmen.“

„Das heißt es gibt da nicht das ein oder andere Abenteuer, das wir jetzt besser nicht so detailliert erörtern?“

Der nervende Chronist – Raik Thorstad

„Wir mögen Abenteuer“, antwortet Steffen mit unschuldiger Miene. „Nicht immer, nicht überall. Aber manchmal …“

Juliane neigt sich ihnen verschwörerisch zu. „Wird es irgendwann wieder etwas von euch zu lesen geben – nicht in Form von Zeitungsberichten und Skandalen, sondern in Form von einer netten kleinen Episode von euch?“

Verwirrtes Schweigen. Steffen zieht die Nase kraus, Alex runzelt die Stirn. Dann erhellt sich Steffens Miene. „Ach, ich weiß, was du meinst. Der Chronist. Oh Gott. Keine Ahnung. Raik war zwischendurch anhängliche wie eine Schmeißfliege.“ „Wie Filzläuse“, wirft Alex ein. „Ich weiß nicht, ob da jetzt noch einmal etwas aufgeschrieben wird. Ich würde es nicht für ganz unmöglich halten. Vielleicht so ein paar Seiten Kurzgeschichte. Mehr aber garantiert nicht. Wir sind ja jetzt quasi in ruhigem Fahrwasser. Das interessiert doch auch keinen.“ Er zwinkert Juliane zu.

„Och, das würde ich nicht sagen.“ Juliane zwinkert zurück und räuspert sich dann. „Fans interessieren auch ruhigere Zeiten und wenn es die Chance gibt, mehr über Alex‘ ungeahnte Talente beim Singen zu erfahren, wären bestimmt viele gespannt, auf mehr. Aber da wir gerade bei eurem Chronisten sind – was haltet ihr denn von Raik? Wie ist sie so bei der Recherche?“

„Nicht viel“, gibt Alex umunwunden zu. „Raik ist ein elender Schnüffler. Da wird wirklich alles bis zum Exzess untersucht. Aber zumindest muss man sagen, dass sie nichts dazu gedichtet hat.“
„Das stimmt. Was sie aufschreibt, ist auch wirklich so passiert. Auch, wenn das eine oder andere ein bisschen peinlich ist. Aber ich glaube, das ist immer so, wenn man jemanden seine Geschichte aufschreiben lässt“, stimmt Steffen zu.

„Na, dann bin ich gespannt, ob ihr beide ihr noch einmal die Möglichkeit gebt, eine Episode aus eurem Leben niederzuschreiben.“ Juliane wirft einen Blick auf die Uhr und zuckt zusammen. „So langsam wird es Zeit, euch mit meinen nervigen Fragen in Ruhe zu lassen, oder? Gibt es etwas, was ihr gerne noch wissen wollt – von mir, z.B.? Oder ist da etwas, was ihr den Lesern gerne mitteilen möchtet, oder von ihnen erfahren wollt? Im Anschluss dürfen nämlich die Leser noch Fragen stellen, sprich haltet euch für weitere Rückfragen bereit – dann aber via Mail?“

„Ich glaube, im Augenblick haben wir keine weiteren Fragen, oder Alex?“
„Nein, ich denke auch nicht“, bestätigt Alex. „Ich bin mal gespannt, wie das Interview am Ende aussehen wird. Ist ja auch mein erstes. Und was die Rückfragen angeht: Immer raus damit. Wie Steffen schon sagte: Nein sagen können wir ja immer noch, wenn uns was zu privat ist.“
Steffen winkt der Bedienung zu und bezahlt ohne Einwürfe zu dulden die gesamte Rechnung. Er blinzelt in die Frühlingssonne. „Vielen Dank, Juliane. Es war schön, einfach mal offen in einem Interview sprechen zu können. Ich, das heißt, wir wünschen dir ganz, ganz viel Erfolg mit deinem Blog und auch für deine Bücher.“
Alex streckt und rekelt sich. „Und den Lesern kannst du sagen, dass wir uns auf sie freuen.“

„Vielen Dank ihr Zwei. Es war toll, euch einmal privat kennen zu lernen und mit euch zu plaudern.“ Sie lächelt, schiebt ihnen ihre Visitenkarte zu und steckt diskret die von Alex ein. „Ich melde mich garantiert nochmal, wenn ich im Nachhinein noch Fragen habe und um einen Termin für Wiesbaden fertig zu machen – ich koche zwar nicht, aber meine Freundin Tanja ist eine wirklich tolle Köchin. Wir würden uns freuen, euch mal bei uns begrüßen zu dürfen.“ Sie atmet tief durch und packt ihre Sachen zusammen. „Ich wünsche euch noch einen wundervollen Sonntag – vielen Dank für das tolle Gespräch.“


Jetzt habt ihr die Möglichkeit Alex und Steffen mit Fragen zu bombardieren! Es gibt Dinge, die ihr noch unbedingt über die beiden Wissen wollt? Sachen, die ihr loswerden oder den beiden sagen wollt? Immer her mit euren Fragen. Schickt sie an Koriko@gmx.de – ich leite sie entsprechend weiter. Alle, die sich bereits jetzt daran beteiligen, nehmen automatisch am Gewinnspiel teil, das am Freitag startet.