Archiv der Kategorie: Sachbuch

[SACHBUCH] Das andere Berlin von Robert Beachy

Autor: Robert Beachy
Taschenbuch:  464 Seiten
ISBN: 978-3-8275-0066-3
Preis: 19,99 EUR (eBook) | 24,99 EUR (Taschenbuch)
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Inhalt:
Der US-Historiker Robert Beachy stellt in seinem Sachbuch „Das andere Berlin“ eine mutige These voran: dass die Homosexualität, bzw. die Auseinandersetzung mit dieser Thematik und das Finden einer homosexuellen Identität, erstmals in Deutschland zur Sprache kam – weit vor den Stonewall Vorfällen im New York der 60er Jahre. Acht Kapitel, die sich von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum Ende der Weimarer Republik erstrecken, umfasst Beachys Beweisführung, angefangen bei dem Vorkämpfer für Homosexuellenrecht Karl Heinrich Ulrichs, der bereits ab 1867 für die Abschaffung des §175 kämpfte und erstmals offen über Homosexualität redete. Das beginnende 20. Jahrhundert in Berlin, das durch Hirschfelds Forschungen und die Gründung des Wissenschaftlich-humanitäre Komitees (WhK) geprägt war, die sich über Jahrzehnte für die Rechte der Homosexuellen einsetzten, nimmt den Löwenteil des Buches ein, ebenso die Ausschweifungen und die offen schwulen und lesbischen Lebensweise nach dem ersten Weltkrieg.

Eigene Meinung:
Robert Beachy hat bereits mehrere Sachbücher veröffentlicht, die sich der deutschen und amerikanischen Geschichte des 18. bis 20. Jahrhunderts widmen, wobei sein Schwerpunkt auf der Historik der Homosexualität liegt. „Das andere Berlin“ erschien 2014 unter dem Titel „Gay Berlin. Birthplace of a Modern Identity“ in den USA.

Auf knapp 380 Seiten (die restlichen Seiten umfassen Anhang und Personenverzeichnis) rollt der Autor die Geschichte der deutschen Homosexualität auf und konzentriert sich dabei vorwiegend auf schwule Persönlichkeiten und Wegbereiter. Seine These, dass die Homosexualität eine deutsche „Erfindung“ sei, versucht er innerhalb der 8 Kapitel zu belegen, die weitestgehend chronologisch aufgebaut sind: „Die deutsche Erfindung der Homosexualität“, „Die polizeiliche Kontrolle der Homosexualität in Berlin“, „Die erste Bewegung für die Rechte der Homosexuellen und die Suche nach Identität“, „Die Eulenburg-Affäre und die Politik des Outings“, „Hans Blüher, die Wandervogel-Bewegung und der Männerbund“, „Sexualreform in der Weimarer Republik und das Institut für Sexualwissenschaft“, „Sextourismus und männliche Prostitution im Berlin der Weimarer Zeit“ und „Die Weimarer Politik und der Kampf um die Strafrechtsreform“. Mit unzähligen Tatsachenberichten, Zitaten und historischen Ereignissen arbeitet er die Geschichte der Homosexualität auf, führt nicht nur die großen Wegbereiter wie Magnus Hirschfeld, Max Spohr oder Adolf Brand auf, sondern auch unbekannte Prostituierte, die ihre Freier erpresst haben oder Ärzte, Autoren und Journalisten, die ab dem beginnenden 20. Jahrhundert von der Polizei in die Cafés und Treffpunkte Homosexueller geführt wurden.

Robert Beachy wirft nicht nur einen Blick auf die Historie, sondern widmet sich auch medizinischen, soziologischen und kulturellen Aspekten. Seien es die vielen Beispiele, die er in „Das andere Berlin“ anführt, um die Geistes- und Ideengeschichte und die Rechtsgeschichte der entsprechenden Zeit widerzuspiegeln, die Zitate und Berichte ausländischer Journalisten und Autoren oder der Blick in die damaligen Treffpunkte – dem Autor gelingt ein umfangreiches Werk, das die Dynamik der Homosexuellenbewegung in Deutschland sehr gut wiedergibt und den Leser mit unbekannten Aspekten überrascht, z.B. die vielfältigen homosexuellen Zeitschriften, die ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert in Berlin und Deutschland erschienen, die ersten Filme, die sich dem Thema widmeten und den unterschiedlichen Bündnissen und Vereinigungen, die sich in ihren Ansichten zwar unterschieden, jedoch alle für die Abschaffung des §175 kämpften. „Das andere Berlin“ zeigt wie fortschrittlich Deutschland hinsichtlich der Erforschung und der Akzeptanz von Homosexualität im Vergleich zum Rest der Welt war. Gerade Leser, die sich über die historische Entwicklung der Homosexualität informieren wollen, werden an „Das andere Berlin“ nicht vorbei kommen.

Robert Beachy hat einen angenehmen Schreibstil, der nicht zu trocken geraten ist und mit vielen Fallstudien, Anekdoten und Geschichten angereichert ist, die seine historischen Betrachtungen auflockern. Nie hat man das Gefühl seinen Ausführungen nicht mehr folgen zu können. Zudem vermeidet Robert Beachy es in irgendeiner Form wertend zu schreiben, so dass sich jeder selbst ein Bild von den Persönlichkeiten und Zuständen der damaligen Zeit machen kann. Er konzentriert sich einzig und allein darauf seine These mit Fakten und historischen Belegen zu untermauern.

Fazit:
„Das andere Berlin – Die Erfindung der Homosexualität: Eine deutsche Geschichte 1867 – 1933“ ist ein gelungenes, sehr informatives Sachbuch, das nicht nur Robert Beachys These untermauert, sondern auch einen sehr fundierten und gut recherchierten Überblick über die Entwicklung der Homosexualität vor dem zweiten Weltkrieg in Deutschland liefert. Wer historischen Sachbüchern nicht abgeneigt ist und mehr über die schillernde Zeit der 20er Jahre erfahren will, sollte sich dieses Werk nicht entgehen lassen. Sehr zu empfehlen.

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[SACHBUCH] Tadzios Brüder: Der schöne Knabe in der Literatur

Herausgeber: Guido Fuchs
Taschenbuch:  260 Seiten
ISBN: 978-3940078421
Preis: 26,95 EUR (Taschenbuch)
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Inhalt:
Der Untertitel des Sachbuches „Der schöne Knabe in der Literatur“ weist bereits auf den Inhalt des Buches hin – eine umfangreiche Textsammlung, in denen die außergewöhnlich schönen Jungen auftauchen und umschrieben werden. Dabei wird der Leser durch alle möglichen Zeitepochen von den Klassikern bis zur modernen Belletristik geführt und lernt längst vergessene und wohlbekannte Autoren kennen.
Nach einer sehr umfangreichen und interessanten Einleitung, in dem Herausgeber Guido Fuchs einen ausführlichen Einblick in die Thematik gewährt, folgen Textbeispiele diverser Autoren, von Hermann Hesse über Thomas Mann, Theodor Fontane, Rainer Maria Rilke bis hin zu Astrid Lindgren und Johann Wolfgang von Goethe. Anstatt die Beispiele zeitlich zu ordnen, wählt der Herausgeber eine Unterteilung nach Inhalt und Thema der Ausschnitte: „Begegnung“, „Betrachtung“, „Erinnerung“, „Erwählung“, „Erscheinung“, „Beziehung“, „Verheissung“, „Verbeugung“, „Verschwendung“, „Versuchung“, „Veränderung“ und „Verwandlung“.

Eigene Meinung:
Das Sachbuch „Tadzios Brüder – Der schöne Knabe in der Literatur“ erschien 2015 als edle Hardcoverausgabe mit Lesebändchen im Monika Fuchs Verlag und umfasst knapp 260 Seiten, von denen fast 40 die Quellenangaben umfassen. Jedes Kapitel wird mit einem passenden Gemälde oder Bild untermalt, ebenso befinden sich einige weitere ausgewählte Fotografien bekannter Statuen in der Einleitung des Buches und am Ende. Mit knapp 27 Euro bewegt sich der Band im oberen Preissegment, jedoch ist er aufgrund seines Inhaltes und der schönen Aufmachung durchaus sein Geld wert.

Inhaltlich bietet sich dem Leser eine beeindruckende, sehr umfangreiche Sammlung verschiedenster Textausschnitte, die sich dem schönen Knaben als Protagonisten, Nebenfigur oder flüchtiger Erscheinung widmen. Beginnend im späten 18. Jahrhundert reichen die Passagen und Beispiele bis in die heutige Zeit. Guido Fuchs fördert ein Phänomen zu Tage, das in der heutigen Belletristik kaum noch vertreten ist, da es im Laufe der Zeit verloren ging. Teils mag das an den heutigen Konventionen liegen, teils gilt es als verpönt (gerade als Mann) über einen schönen Knaben zu sprechen, denn damals war es bis zu einem gewissen Grad kein Problem, eine derartige Erscheinung sehr blumig in Worte zu packen. So ist es interessant zu sehen, dass nahezu alle großen Dichter und Autoren derartigen Jünglingen einen Platz in ihren Werken einräumten, ohne dass jemand daran Anstoß nahm. Erst Oscar Wilde, dessen Umschreibungen von Bosie denen der großen Schriftsteller nicht unähnlich waren, scheint dem Thema aufgrund des Prozesses und seiner Homosexualität einen negativen, fast schon schwulen Beigeschmack gegeben zu haben; ein Stempel der Männern heutzutage schnell aufgedrückt wird, wenn von schönen, engelsgleichen Knaben gesprochen wird. Das diesen Umschreibungen keinerlei sexuelle oder erotische Komponente zugrunde liegt, wird in dabei den Hintergrund gestellt. Aus diesem Grund verzichtet der Herausgeber vollkommen auf jegliche Textpassagen und Umschreibungen, die einen schwulen, erotischen oder sexuellen Kontext haben, worauf auch im Vorwort hingewiesen wird. In „Tadzios Brüder“ geht es nicht um die Knaben, die man in der modernen schwulen Literatur finden mag, sondern um die unantastbaren, schönen Kinder und Jugendlichen, die man von der Ferne zwar lieben und bewundern darf, aber nicht verletzen und beschmutzen soll.

Stilistisch erwartet den Leser eine große Bandbreite unterschiedlicher Stile, Genre und Gattungen, je nach Alter des Textes. Natürlich wird auf die Originaltexte Wert gelegt, so dass sie aus heutiger Sicht fehlerhaft (die Rechtschreibung war nun einmal gänzlich anders), schwülstig und sehr blumig wirken, teilweise vielleicht sogar schwer zu verstehen sind. Außerdem sind die Beschreibungen der hübschen Knaben dem Leser mit der Zeit fast zu viel, da sich die Ausschnitte ähneln und sich die Wortwahl der Autoren wiederholt. Daher ist das Buch nur bedingt dazu geeignet, in einem Rutsch gelesen zu werden, sondern vielmehr ein schönes Nachschlagewerk, zu dem man immer wieder greift. Zudem entdeckt man möglicherweise neue (alte) Autoren für sich, deren Werke man bisher nicht auf dem Schirm hatte.

Fazit:
„Tadzios Brüder“ ist eine sehr schöne Textsammlung zum Thema „Der schöne Knabe in der Literatur“ und bietet Liebhabern klassischer Romane einen Fundus an überraschend vielseitiger Texten und Passagen unterschiedlicher Art. Guido Fuchs hat eine beeindruckende Sammlung erstellt, die über mehrere Epochen reicht, unterschiedliche Stilrichtungen und Genre abdeckt und bekannte und unbekannte Autoren präsentiert, ohne jemals in einen (schwul) erotischen Subkontext abzurutschen. Für hektisches Durchlesen ist „Tadzios Brüder“ nicht geeignet, es empfiehlt sich mehr Zeit mitzubringen, um die Fülle an Texten über schöne Knaben wirklich genießen zu können. Zu empfehlen!

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