Archiv der Kategorie: Familie

[ROMAN] Eis bricht langsam von Dima von Seelenburg

Autor: Dima von Seelenburg
Taschenbuch: 452 Seiten
ISBN: 978-3959491228
Preis: 6,99 EUR (eBook) / 16,99 EUR (Taschenbuch)
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Story:
Beim Ausräumen seines Kellers stolpert Aljoscha über eine alte Kiste, die mit einem E markiert ist. Darin sind Erinnerungsstücke enthalten, die sich um seine erste große Liebe Tobias drehen und den jungen Journalisten gedanklich in die beginnenden 90er Jahre und seine Jugend zurückführen. Er beginnt seine Schulzeit zu rekapitulieren, die Probleme, die seine Homosexualität mit sich brachte und das Glück, das er mit Tobias erlebt hat.

Eigene Meinung:
„Eis bricht langsam“ ist Dimas von Seelenburgs Debüt und erschein im Jugendbuchlabel des Main Verlags. Auf beeindruckende, fesselnde Weise entführt der Autor den Leser in die 90er Jahre zurück und lässt die Zeit der Kassettenrekorder, Bravomagazine und Röhrenfernseher lebendig werden. Gerade wenn man selbst in den 90er Jahren aufgewachsen ist, wird man an seine eigene Jugend erinnert – seien es die Songs, die für Aljoscha eine Rolle spielen oder die Beschreibungen der Umgebung und Jugendlichen.

Die Geschichte ist in zwei Zeitebenen angesiedelt – ein kleiner Teil spielt in der heutigen Zeit und präsentiert einen erwachsenen Aljoscha, der sich an seine Jugend zurückerinnert und versucht die Vergangenheit komplett Revue passieren zu lassen, der Hauptteil der Handlung spielt in den 90er Jahren, wo Aljoscha 14 beziehungsweise 16 Jahre alt ist. Auf sehr gefühlvolle und angenehme Art und Weise entführt der Autor den Leser in die Geschichte und lässt ihn Aljoscha und seine Freunde näher kennenlernen. Man ist hautnah dabei, als der junge Hauptcharakter sich erstmal mit dem Gedanken befasst schwul zu sein und sich nach und nach der Kioskbesitzerin Lotte anvertraut, die eine enorm wichtige Person in seinem Leben ist. Auch seine Familie lernt man kennen, die in ihrer Art angenehm aus dem Rahmen fallen und wesentlich moderner und toleranter eingestellt sind, als man es von anderen Familien gewohnt ist.
Natürlich steht die sich langsam entwickelte Beziehung zwischen Aljoscha und Tobias im Zentrum der Geschichte, denn die Liebe zwischen den beiden ist für den Hauptcharakter am wichtigsten. Für Aljoscha ist es die erste große Liebe, sprich für Tobias nimmt er alle Probleme in Kauf – Intoleranz, Beleidigungen und natürlich das Coming-Out vor seiner Familie und seinen Freunden. Auch die Schwierigkeiten, die auf die beiden jungen Teenager zurollen, als Tobias‘ Familie von ihrer Beziehung erfährt, ist eines der Hauptthemen von „Eis bricht langsam“. Dima von Seelenburg begleitet seinen Helden durch eine schwierige Zeit und lässt den Leser daran teilhaben.

Die Charaktere wirken authentisch und handeln in sich logisch. Man kann sich sehr gut mit Aljoscha und seinen Problemen identifizieren, da er ein sehr sympathischer Charakter ist. Auch die üblichen Figuren können überzeugen, allen voran Aljoschas beste Freundin Karolin, die Kioskbesitzerin Lotte und Aljoschas niederländische Mutter Inga, die auf herrlich unkomplizierte Art an Dinge herangeht und sich fernab der üblichen Konventionen bewegt. Auch sein Vater Oliver kann zum Ende hin etliche Pluspunkte sammeln, da ohne Kompromisse zu seinem schwulen Sohn steht und dem jungen Glück sogar den Weg ebnet. Zum Ende hin hat man alle Figuren ins Herz geschlossen und kann sie nur schwer ziehen lassen.

Stilistisch gibt es wenig zu bemängeln – Dima von Seelenburg hat einen sehr schönen, sicheren Stil, der durch tolle Beschreibungen und stimmungsvolle Dialoge besticht. Die wechselnden Zeitebenen sind für den Leser kein größeres Problem, da der Autor die Szenen des erwachsenen Aljoscha in der Gegenwartsform geschrieben hat, für die jugendliche Sicht des Hauptcharakters die Vergangenheitsform gewählt hat. Einzig die Erinnerungen seines Vaters verwirren beim Lesen und sorgen dafür, dass man ein wenig durcheinander kommt, da sie optisch nicht kenntlich gemacht wurden und sie direkt im Dialog zwischen Aljoscha und seinem Vater eingebaut wurden. So kommt es zu einem Dialog im Dialog, was stilistisch ein wenig ungünstig ist – zum einen kann sich kaum einer an Dialoge erinnern, die über zwanzig Jahre zurückliegen, zum anderen fällt es dem Leser schwer aus dieser doppelten Dialogführung herauszukommen. Hier wäre ein anderes stilistisches Mittel passend gewesen, denn die Erinnerungen von Aljoschas Vater sind wichtig und gehören zum Buch.

Fazit:
Dima von Seelenburg legt ein beeindruckendes, gut lesbares Debüt vor, das nicht nur für Jugendliche geeignet ist, sondern an dem auch Leser ihren Spaß haben werden, die ihre Jugend in den 90er Jahren erlebt haben. Mit Aljoscha ist dem Autor ein sehr schöner, gut nachvollziehbarer Jugendlicher gelungen, der sich mit den typischen Problemen herumschlagen muss – erste Liebe, Coming-Out, Probleme mit Eltern und Freunden. Wirklich etwas Neues bietet „Eis bricht langsam“ nicht, aber das muss ein Jugendbuch, in dem es um einen schwulen Charakter geht auch nicht unbedingt. Dafür macht er die 90er Jahre lebendig und zeigt jugendlichen Lesern wie es damals war (ohne Handy und Internet). Allein das lässt sein Debüt aus der breiten Masse herausstechen und macht „Eis bricht langsam“ so empfehlenswert.

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[ROMAN] Meine Mutter, sein Exmann und ich von T. A. Wegberg

Autor: T. A. Wegberg
Taschenbuch: 256 Seiten
ISBN: 978-3499217593
Preis: 10,99 EUR (eBook) / 12,99 EUR (Taschenbuch)
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Story:
Für Joschka bricht eine Welt zusammen, als sich seine Mutter für eine geschlechtsanpassende Operation entscheidet und fortan als Frederik leben will. Während seine Schwester Liska die Entscheidung ihres neuen Vaters akzeptiert, fühlt sich Joschka im Stich gelassen. Kurzerhand zieht er zu seinem Vater und dessen neuer Frau, doch auch dort ist das Leben nicht nur rosig. Erst als Joschka dem stillen Sebastian näherkommt und herausfindet, dass dieser an einer seltenen Krankheit leidet, wird Joschka offener und beginnt sich Stück um Stück zu ändern …

Eigene Meinung:
Der Jugendroman „Meine Mutter, sein Exmann und ich“ stammt aus der Feder T. A. Wegbergs, der sowohl für seine Jugendbücher, als auch für seine Gay Romane bekannt geworden ist. Mit dem vorliegenden Roman wendet er sich erstmals der Thematik Transgender zu, die im Jugendbuchberich bisher nur selten vertreten ist.

Die Geschichte handelt von Joschkas langsamer Wandlung vom leicht homophoben, intoleranten und engstirnigen Jugendlichen zu jemanden, der offener und toleranter durchs Leben geht und im Laufe der Zeit erwachsen wird. Dass gelingt T. A. Wegberg mit ruhigen Tönen und verschiedenen Figuren, die sehr realistisch und authentisch wirken – allen voran Joschka selbst. Er entspricht dem heutigen Jugendlichen in seiner leicht stumpfen Art sehr gut, ganz besonders was seine vorgefasste Meinung anbelangt und seine Angst vor Ablehnung. Joschka richtet sein ganzes Leben nach seinen Freunden, Schulkameraden und fremden Menschen. Ihm ist es enorm wichtig, nicht aus der Reihe zu tanzen und von allen akzeptiert zu werden. Da nimmt er auch in Kauf seinen neuen Vater zu verletzen und diesem die Schuld an seinem verkorksten Leben zu geben, anstatt sich einen Spiegel vorzuhalten. Erst als er Sebastian näher kennenlernt und in der engagierten, toleranten Emma seine große Liebe findet, ändert er sich Stück um Stück. Dies ist sehr glaubhaft beschrieben, denn natürlich sind es nur kleine Dinge, die er bewegt, die sich für ihn aber wie große Schritte anfühlen. Dass Joschka noch einen weiten Weg zu gehen hat, steht außer Frage, doch die ersten Schritte sind am Ende des Buches gemacht.
Nichtsdestotrotz hätte der Autor einige Dinge vertiefen können. Allein die Tatsache, dass zwischen den Kapiteln zeitlich gesprungen wird und mitunter mehrere Wochen ausgeblendet werden, sorgt dafür, dass man immer wieder neu in die Geschichte eintauchen muss und viele Punkte nicht geklärt werden. Zu Beginn sind es eher kleine, unbedeutende Sachen, zum Beispiel die Kommentare und Aktionen von Joschkas Stiefmutter. Im Fortlauf der Handlung häufen sich einige Dinge und man wartet gezielt auf die Auflösung einiger offener Fäden, die jedoch fallen gelassen wurden, weil Joschka sie scheinbar selbst nicht mehr für wichtig erachtet. Ganz besonders die Tatsache, dass die Schlüsselszene zwischen Frederic und Joschka am Ende des Buches relativ kurz abgehandelt wird und die Probleme zwischen den beiden nur oberflächlich behandelt werden, ist extrem schade. Hier hätte man sich einfach eine detailliertere Darstellung und eine bessere Aufarbeitung gewünscht, gerade bei einer solch wichtigen Thematik wie Transsexualität.

Stilistisch hat T. A. Wegberg einen sehr stimmigen, jugendnahen Schreibstil, der der Zielgruppe die Gefühle und Gedanken gut näherbringt und dafür sorgt, dass man sich mit Joschkas Problemen auseinandersetzt. Auch die Beschreibungen von Berlin, inklusive der Buslinien und des Nahverkehrs sein gut eingebaut, so dass man die Stadt auf eine ganz andere Art und Weise kennenlernt. Der Autor weiß, wie man Dinge in Szene setzt und wie man einen Jugendlichen authentisch und realistisch darstellt, denn Joschka ist zu Beginn kein Sympathieträger und wirkt auch später noch stoffelig und wenig tolerant. Doch so sind viele der Jugendlichen heutzutage, so dass sich gerade diese mit T. A. Wegbergs Charakteren identifizieren dürften und mit Bedacht an die Thematik Transsexualität herangeführt werden, ohne mit Fachbegriffen und moralisch erhobenen Zeigefinger erschlagen zu werden.

Fazit:
„Meine Mutter, sein Exmann und ich“ ist ein gelungenes Jugendbuch von T. A. Wegberg, das die Thematik Transsexualität aufgreift und gut in Szene setzt ohne sich nur auf diese Thematik zu konzentrieren. An einigen Stellen wünscht man sich zwar mehr Tiefgang und eine detailliertere Ausarbeitung der Geschichte, doch die kurzen, sprunghaften Episoden passen gut zum Helden. Gerade Jugendliche, die im selben Alter wie Joschka sind, dürften sich gut mit ihm identifizieren können, da er (und seine Freunde) sehr authentisch wirken und die heutige Jugend widerspiegeln. Wer Jugendbücher aus dem Transgender-Bereich sucht, sollte sich „Meine Mutter, sein Exmann und ich“ auf jeden Fall näher ansehen.

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[KINDERBUCH] Kicker im Kleid von David Walliams

Autor: David Walliams
Illustrator: Quentin Blake
Taschenbuch: 240 Seiten
ISBN: 978-3499217845
Preis: 14,99 EUR (Hardcover) / 12,99 EUR (eBook)
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Story:
Dennis unterscheidet sich kaum von normalen Jungen in seinem Alter – er geht zur Schule, hat viele Freunde und liebt Fußball. Er spielt sogar aktiv und ist einer der Besten der Schulmannschaft. Einzig sein anderes Hobby ist ein Geheimnis, denn weder sein Vater, noch seine Freunde haben dafür Verständnis: Dennis liebt Mode und Kleider. Jeden Monat kauft er sich die neue Vogue und ist von Kleidern, Stoffen und Schnitten fasziniert. In der älteren Lisa findet er unerwartet eine Vertraute, zumal diese selbst schneidert und Dennis irgendwann überredet, probeweise ein Kleid anzuziehen. Aus dem Versuch wird bald mehr, denn Dennis liebt es sich hübsch zu machen und Mädchenkleidung anzuziehen. Als die beiden auf die Idee kommen, Dennis im Kleid der Schule zu präsentieren, hat dies ungeahnte Folgen …

Eigene Meinung:
„Kicker im Kleid“ stammt von David Walliams, der in England kein Unbekannter ist und oft als Nachfolger von Roald Dahl gehandelt wird. Mehrere Kinderbücher stammen aus seiner Feder, u.a. „Gangsta Oma“, „Terror Tantchen“ und „Ratten Burger“. Die Illustrationen stammen von Quentin Blake, der die meisten Romane von Roald Dahl illustriert hat und dadurch bekannt geworden ist. Das vorliegende Kinderbuch erschien 2010 bereits beim Aufbau Verlag, Rowohlt hat „Kicker im Kleid“ 2017 neu aufgelegt.

Die Geschichte um den fußballverrückte und modeverliebten Dennis ist kindgerecht aufbereitet und behandelt bei weitem nicht das Thema Transgender. Dennis möchte kein Mädchen sein, er findet lediglich Spaß daran sich zu verkleiden und hübsch zu machen. Es macht ihm Spaß sich zu verkleiden und vertreibt die Langeweile, wenn er in Kleider schlüpft und sich von Lisa hübsch machen lässt. Für ihn ist es ein Hobby, ebenso wie das Fußballspielen. Daher ist „Kicker im Kleid“ kein wirklich queeres Buch, sondern widmet sich eher der Thematik Crossdressing, das in England eine lange Tradition hat. Themen wie Akzeptanz, Toleranz und Respekt werden in „Kicker im Kleid“ behandelt, ebenso der Mut für eine Sache einzustehen und auch mal aus gängigen Rollenklischees auszubrechen und zu sich selbst zu stehen.
Das macht das Kinderbuch zu einer lohnenswerten Anschaffung, ganz besonders, wenn man Kinder im passenden Alter hat. David Walliams legt ein gut gelungenes, gut lesbares Kinderbuch vor, das auf humorvolle, lockere Art und Weise mit dem Thema umgeht und eine positive Botschaft vermitteln will. Da kann man auch verschmerzen, dass die Lösung am Ende im Grunde zu einfach ist und sich nur schwer mit der Realität vereinbaren lässt.

Die Charaktere sind sehr sympathisch – gerade Dennis, der in vielen Punkten ein durchschnittlicher Junge ist und mit den typischen Problemen zu kämpfen hat: der Trennung seiner Eltern, der Trauer über den Weggang seiner Mutter und der Tatsache, dass er recht sensibel ist, dies aber selten gegenüber seinem Vater und seinem Bruder zeigen darf (getreu dem Motto: Jungs weinen nicht!). Dass er sich für Mode und Mädchenkleider interessiert macht ihn nur noch menschlicher und glaubwürdiger, denn David Walliams gelingt es diesen ungewöhnlichen Charakterzug nachvollziehbar und authentisch darzustellen und regt an einigen Stellen zum Nachdenken und Diskutieren an. Denn man versteht den Jungen, der sich fragt, warum Jungs keine Kleider tragen dürfen, auch wenn diese bequem und hübsch sind.
Auch die übrigen Charaktere sind sehr gut dargestellt, allen voran Lisa, die Dennis ermutigt und unterstützt, aber auch dessen Vater und Bruder, die ein wenig brauchen, um ihre Vorurteile beiseitezuschieben.

Stilistisch legt David Walliams ein gelungenes Kinderbuch vor, das durch einen prägnanten, sehr eindringlichen Stil besticht. Der Autor arbeitet mit kurzen, präzisen Sätzen und verzichtet komplett auf schmückendes Beiwerk. So findet man kaum Beschreibungen der Wohngegend, der Schule oder den einzelnen Figuren – stattdessen legt der Autor Wert auf Humor und kleine Hints, die Fans seiner Bücher sofort wiedererkennen. Auch kommt er immer wieder selbst zu Wort, wirft einen knappen Randkommentar ein oder erklärt in wenigen Worten eine Szene genauer. Dieses kurze Eingreifen seitens der Autors in die Handlung ist bei britischen Romanen keine Seltenheit – auch in Büchern wie „Lemony Snicket“ kommt der Autor immer wieder zu Wort.
Die Illustrationen mag man oder man mag sie nicht, denn Quentin Blake hat einen sehr eigenwilligen Stil: flüchtig, skizzenhaft und fast ein wenig schluderig. Dennoch bringt er die Szenen, die er mit Bildern unterlegt gut zur Geltung, denn der Leser erkennt auf einen Blick worum es geht.

Fazit:
„Kicker im Kleid“ ist ein gelungenes Kinderbuch, das eine wichtige Botschaft in unterhaltsamer Form verpackt und für Toleranz, Akzeptanz und Respekt wirbt, ohne mich erhobenem Zeigefinger daher zu kommen. Es ist kein wirklich queeres Buch, doch es streift die Transgender-Thematik und enthält durchaus einige Parallelen. David Walliams legt ein stilistisch stimmiges, lesenswertes Kinderbuch vor, das für Jungen und Mädchen gleichermaßen geeignet ist. Zu empfehlen.

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[ROMAN] Die Welt übt den Untergang und ich grinse zurück von S.J. Goslee

Autor: S.J. Goslee
Hardcover: 320 Seiten
ISBN: 978-3791500300
Preis: 12,99 EUR (eBook) / 16,99 EUR (Hardcover)
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Story:
Mikes Leben ist gechillt, einfach und überschaubar – er hat eine Freundin, eine grottenschlechte Band, mit deren Mitgliedern er eher kiffend abhängt, als wirklich zu proben und in Wallace einen selbsterklärten Erzfeind, der ihm bereits als Zwölfjähriger das Leben zur Hölle machte. All das ändert sich, als Lisa mit ihm schlussmacht, ihn aber dazu zwingt, sich als stellvertretender Schülersprecher zu bewerben. Anstatt mit seinen Freunden herumzugammeln, darf er sich im Planungskomitees des Abschlussballs herumdrücken und mit wildgewordenen Cheerleadern plagen. Zu allem Überfluss ist auch Wallace Teil des Planungsteams und in letzter Zeit komplett anders zu ihm – sein beständiges Grinsen bringt Mike vollkommen aus dem Konzept, zumal er nach und nach feststellt, dass Mädchen gar nicht sein Ding sind und er eher auf Kerle abfährt …

Eigene Meinung:
Das Jugendbuch „Die Welt übt den Untergang und ich grinse zurück“ erschien im Dressler Verlag und ist das Debüt von S.J. Goslee, die bisher vorwiegend Fanfiction geschrieben hat. In den USA kam es unter dem Titel „Whatever“ heraus und erzählt die chaotische Geschichte von Mike, der mit seiner eigenen Sexualität und den damit einhergehenden Problemen zu kämpfen hat.

Die Geschichte des jungen Mike wirkt sehr authentisch und ist nah an der heutigen Jugend mit ihrer Null-Bock-Einstellung, den Partys und dem Herumexperimentieren. So lernt man Mike zunächst als ziemlichen Macho kennen, der gerne auf den Putz haut, insgeheim jedoch nur selten seinen Mann steht. Er ist nicht der typische Held, denn zu Beginn fällt es schwer, zu ihm Sympathie aufzubauen und sich auf ihn einzulassen. Auch die Geschichte holpert an einigen Stellen, da sie nicht genug in die Tiefe geht. Wichtige Ereignisse aus Mikes Leben (wie z.B. der Abschlussball oder sein etappenhaftes Outing) werden viel zu kurz beleuchtet. Man fühlt sich fast um einige Kapitel betrogen, da etliche Reaktionen und Ereignisse einfach nur kurz zusammenfasst werden. Klar – Mike ist teilweise betrunken (oder bekifft), dennoch fehlt dem Leser an einigen Stellen eine tiefergehende Aufarbeitung der Geschehnisse. Zum Ende hin gibt sich das ein wenig, und gerade die Szenen mit Wallace sind sehr gut umgesetzt. Schön ist dabei, dass die Autorin kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Charaktere sind 16 und verhalten sich mit ihren verrücktspielenden Hormonen auch so. Es darf herumgemacht werden und etwas expliziter zur Sache gehen!

Die Charaktere sind spritzig und lebendig, wenngleich man lange braucht um die vielen Figuren auseinander zu halten – Mikes Freundeskreis ist recht groß und jeder hat einen besonderen Platz in der Geschichte. Mike wird dabei stellenweise von anderen Figuren in den Schatten gestellt, denn letztendlich ist er bei weitem nicht so stark und bedeutend, wie er sich gerne hinstellt. Seine machohafte Art sorgt dafür, dass man ein wenig braucht, bis man sich auf ihn einlässt. Er ist nur bedingt ein Sympathieträger, wenngleich seine eigene Unsicherheit und sein Ungeschicktsein dafür sorgt, dass man ihn nach und nach besser versteht.
Seine Freunde werden sehr ausführlich beschrieben und lebhaft in Szene gesetzt. Seien es sein Kindergartenfreund Cam oder die forsche Lisa – sie sind Teil einer ziemlich coolen Truppe, die man schnell ins Herz schließt. Wallace auf der anderen Seite bleibt leider ein wenig blass, was daran liegt, dass Mike ihn die ersten beiden Drittel des Buches nicht ausstehen kann. Man erfährt nur wenig über ihn, was schade ist. Ein bisschen mehr hätte es schon sein können.

Stilistisch ist „Die Welt übt den Untergang und ich grinse zurück“ Geschmackssache – entweder man mag den rotzig frechen Stil und die Sprache des Protagonisten oder nicht. Dabei bereits S.J. Goslees Wahl, die Geschichte in dritter Person Präsens zu erzählen, die meisten Probleme. Es fällt nämlich wahnsinnig schwer, die Geschichte in einem Rutsch zu lesen, da man immer wieder mit den Figuren durcheinanderkommt. Gerade am Anfang hat man Schwierigkeiten, in die Geschichte einzusteigen, da die Vielzahl an Figuren in Kombination mit dem ungewöhnlichen Schreibstil nur schwer in Einklang zu bringen ist. Da sind Verwechslungen und Irritationen vorprogrammiert.
Dennoch dürfte S.J. Goslee die Sprache der heutigen Jugend gut treffen, denn Mikes Slang und seine lockere Art ist erfrischend neu und mit der Zeit durchaus spannend zu lesen. So dürften sich Jugendliche im Alter von Mike durchaus mit ihm und seiner Art identifizieren können.

Fazit:
„Die Welt übt den Untergang und ich grinse zurück“ ist ein ungewöhnlich erzähltes, gleichzeitig aber auch rotzig-freches Jugendbuch, das gut die Stimme der heutigen Jugend trifft. Leider schöpft S.J. Goslee nicht das Potenzial aus und bleibt bei vielen Problemen und Ereignissen zu oberflächlich. Auch der ungewohnte Stil der Autorin in Kombination mit einem Hauptcharakter, der gerade zu Beginn nur wenig Sympathien gewinnen kann, erschwert den Einstieg in die Geschichte. Wer jedoch auf der Suche nach etwas Anderem ist, dem dürfte das Debüt der amerikanischen Autorin durchaus gefallen – es ist etwas Anderes, sowohl hinsichtlich des Protagonisten und seiner Freunde, als auch in Hinblick auf die sprachliche Umsetzung. Am besten reinlesen und selbst entscheiden.

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[ROMAN] Helga: Als es noch keine Worte dafür gab – Mein Weg vom Mann zur Frau von Helga F. und Sabine Weigand

Autor: Helga F. / Sabine Weigand
Hardcover: 288 Seiten
ISBN: 978-3810525253
Preis: 16,99 EUR (eBook) / 18,99 EUR (Hardcover)
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Inhalt:
Bereits in jungen Jahren weiß der 1931 geborene Hermann, dass etwas mit ihm nicht stimmt – er fühlt sich fremd in seinem Körper und will lieber ein Mädchen sein. Da es so etwas in dieser Zeit nicht geben darf, versucht er ein „normales“ Leben als Ehemann und Vater zu führen. Doch der Drang nach Frauenkleidern und die Sehnsucht nach dem Leben einer Frau wird immer größer und mündet letztendlich in einem Selbstmordversuch, den er nur knapp überlebt. IN der Klinik erfährt er endlich, dass es für seinen Zustand einen Namen gibt – Transsexualität und dass in Casablanca geschlechtsanpassende Operationen durchgeführt werden können. Nachdem er sich gegenüber seiner Familie geoutet hat und Geld für die Teuer Operation gespart hat, wagt er den gefährlichen Schritt um endlich eine vollwertige Frau zu werden. Doch damit beginnen neue Probleme, denn das zweite Leben als Helga ist nicht unbedingt einfacher …

Eigene Meinung:
Der autobiografische Roman „Helga: Als es noch keine Worte dafür gab – Mein Weg vom Mann zur Frau“ erschien im Fischer Verlag. Die bemerkenswerte Geschichte von Helga F. wurde von Sabine Weigand niedergeschrieben, die vor allem durch ihre historischen Romane bekannt geworden ist.

Begleitet von mehreren Fotografien wird die bewegende Lebensgeschichte von Helga F. erzählt, die bereits Ende der 60er Jahre den Schritt einer geschlechtsanpassenden Operation wagte. Sie erzählt nicht nur von ihrer schweren und brutalen Kindheit und Jugend, die sie bei einer lieblosen Ziehmutter verbracht hat, sondern auch von ihrem Leben als Ehemann und ihren beiden Söhnen. Eine der wichtigsten Personen ihres Lebens war ihre Ehefrau Edith, die wie ein Fels in der Brandung wirkt und Hermann/Helga nie im Stich gelassen hat – für diese Frau kann man nur höchsten Respekt empfinden. Man erhält ein sehr authentisches Portrait einer Zeit, in der queere Identität und Selbstbestimmung keine große Rolle spielten und Menschen wie Helga mit vielen Vorurteilen konfrontiert waren. Es ist bewundernswert, wie sie ihr Leben gemeistert hat und trotz diverser Rückschläge an ihrem Teil festgehalten hat. Der Roman ist gerade für Menschen geeignet, die mit dem Thema bisher kaum in Berührung kamen oder die Hintergründe nicht nachvollziehen konnte (bzw. Transsexuelle als abartig oder seltsam empfunden haben), denn man kann die Beweggründe und Gedanken von Helga sehr gut nachvollziehen. Man spürt die Verzweiflung und den Schmerz, mit dem Helga tagtäglich zu kämpfen hatte, als sie noch ein Mann war, versteht erstmals wirklich, was es bedeutet im falschen Körper zu leben.
Aber auch für Transsexuelle ist dieses Buch lohnenswert, erzählt es doch das Leben einer Wegbereiterin und Kämpferin, die als eine der ersten den Schritt wagte sich operieren zu lassen. Zudem macht das Buch Mut und zeigt Wege auf, wie man mit dem Problem im falschen Körper geboren zu sein, umgehen kann.

Stilistisch passt sich die Autorin Sabine Weigand der Erzählung Helgas an. Der leicht fränkische Akzent und die vielen alten, vergessenen Wörter machen die Lebensgeschichte noch lebendiger und lassen den Leser tief in die Ereignisse eintauchen. Man ist Helga auf ungeahnte Art und Weise nahe, kann sich gut in sie hineinversetzen und versteht die Nachkriegszeit besser. Zu Beginn mag der akzentuierte Schreibstil ein wenig gewöhnungsbedürftig sein, doch mit der Zeit kommt der Leser mit Helgas Erzählweise klar. Sehr schön ist auch die Begriffserklärung für einige alte, fränkische Wörter, die man nicht kennt.

Fazit:
Ein wundervolles, mutiges, berührendes und lebensbejahendes Buch, das man unbedingt lesen sollte, wenn man sich mit dem Thema Transsexualität auseinandersetzt. Die Geschichte von Helga F. geht ans Herz und lässt einen nicht mehr los. Sabine Weigand bringt ein faszinierendes Leben zu Papier und gewährt Einblicke in eine Zeit, in der es schwer war anders zu sein. Danke an Helga F. für den Einblick in ein Leben, das heute kaum noch vorstellbar ist und das sie auf eine Art und Weise gemeistert hat, die jeden erreichen und beflügeln sollte. Unbedingt zu empfehlen.

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[ROMAN] Punk like me von JD Glass

Autor: JD Glass
Taschenbuch: 312 Seiten
ISBN: 978-3955336943
Preis: 9,99 EUR (eBook) | 17,90 EUR (Taschenbuch)
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Story:
Bis auf gelegentliche Auseinandersetzungen mit ihren Eltern verläuft Ninas Leben in geregelten und soliden Bahnen – sie geht auf eine New Yorker Klosterschule und bringt gute Noten nach Hause, ist Mitglied des Schwimmteams und hat eine Menge guter Freunde. Selbst ihre leicht punkige Natur wird hingenommen und kann weder Eltern noch Nonnen wirklich schockieren. Das ändert sich, als sie Kerry näherkommt, erkennt, dass sie auch ihrer Schwimmkollegin Samantha nicht abgeneigt ist und letztendlich feststellt, dass sie lesbisch ist. Plötzlich bröckelt die Fassade ihrer Eltern, die ihre Kinder zwar lieben und unterstützen, aber nur so lange sie sich den gängigen Regeln und Konventionen unterwerfen. Für Nina bedeutet das sich zwischen ihrer Familie und ihrer Liebe zu Frauen zu entscheiden, zwischen gelebter, aber sicherer Lüge und befreiender, ehrlicher Wahrheit.

Eigene Meinung:
„Punk like me“ stammt aus der Feder J.D. Glass und erschien erstmals 2004 bei Justice Horse Publishing, bevor der Ylva Verlag das Buch 2016 in den USA neu auflegte und schließlich ins Deutsche übersetzte. Die Geschichte um Nina wird in „Punk and Zen“ fortgeführt, in dem Ninas Leben als Erwachsene beleuchtet wird.

J.D. Glass legt einen klassischen Entwicklungsroman vor, sprich die Heldin der Geschichte schafft im Laufe der Zeit den Sprung zur Erwachsenen und findet für sich heraus, was ihr wichtig ist und welchen Weg sie einschlagen möchte. Dabei wirkt die Entwicklung durchaus authentisch und nachvollziehbar, wenngleich die Autorin immer wieder die thematische Gewichtung falsch zu legen scheint. So werden interessante Punkte und Dialoge nur kurz abgehandelt und zusammenfassend widergegeben, erotische Szenen wiederrum in einer Form ausgewalzt und sogar zusätzlich in einer Rückblende wiederholt, dass man die Passagen genervt überspringen möchte. Auch die ausufernde Beschreibung eines Schwimmwettkampfes (so schön und mitreißend sie auch beschrieben ist) passt nicht zur eigentlichen Thematik des Buches (Ninas Suche nach sich selbst und das Treffen eigener Entscheidungen). Das ist sehr schade, da die Autorin im Gegenzug für wichtige Dialoge und auch eine weiterführende, tiefgängige Auseinandersetzung mit einigen Dingen nur wenig Zeit aufwendet. So wirkt Nina nicht so punkig und überzeugend in ihrer Art, wie vielleicht gehofft, wenngleich sie sich zum Ende hin gegen die gängigen Konventionen stellt. Hinzu kommen einige unlogische Aspekte, die ein wenig an der Handlung zweifeln lassen, z.B. dass die Nonnen der Schule nur sehr zurückhaltend auf die Verletzungen eines Mädchens reagieren, das zusammengeschlagen wurde und blutend zusammenbricht. Sicher tickte man in der 80er Jahren (in dem Zeitrahmen dürfte „Punk like me“ angesiedelt sein) in den USA die Welt noch anders, aber gerade Nonnen sollten christliche Werte leben.
Schade ist auch, dass gerade die expliziten, ausgeschmückten Erotikszenen dem Buch die Möglichkeit nimmt für Jugendliche geeignet zu sein, denn Ninas Entwicklung und ihre Ansichten wären für ein Jugendbuch ideal und stimmig gewesen.

Die Charaktere wiederum wirken sehr authentisch und gut ausgearbeitet, insbesondere Nina, die im Laufe der Geschichte einiges hinter sich bringen muss. Ihre punkige Natur mag vielleicht nicht überzeugen, dafür jedoch ihre Beweggründe und die Art und Weise, wie sie mit Problemen umgeht. Sie ist eine sympathische Figur, die aus dem Rahmen fällt und gerade durch ihre ungewöhnliche Art Pluspunkte sammelt. Im Gegensatz dazu wirkt Kerry von Anfang an unsympathisch, man fragt sich als Leser, warum Nina so extrem an ihr festhält, selbst als einige unschöne Geheimnisse gelüftet sind. Lediglich Samantha kann punkten, ist ihre ruhige, ausgeglichene Art der perfekte Gegenpol zu Nina. Die übrigen Charaktere bleiben unheimlich blass – gerade Ninas Geschwister kommen nur am Rande vor und nehmen kaum eine tragende Rolle ein, was sehr schade ist. Auch sonst lernt man außerhalb der Protagonistin, Kerry und Samantha niemanden wirklich kennen.

Stilistisch passt sich die Autorin ihrer offenen und ungewöhnlichen Heldin an – frech, lockerleicht und sehr direkt wird die Geschichte aus Ninas Perspektive geschrieben. Dabei wendet sie sich immer wieder direkt an den Leser indem Gedankengänge in Klammern gesetzt werden oder einige Punkte auf diesem Weg erklärt werden. Dadurch ist „Punk like me“ jugendlicher und direkter und passt von der Erzählerstimme her eher zu einem Jugendbuch, als zu einem Roman für Erwachsene. JD Glass‘ lockerleichter, fast schon rotziger Stil unterstreicht die Diskrepanzen zwischen jugendlichem Grundtenor und expliziter Erotik, die nur bedingt zusammenpassen.

Fazit:
„Punk like me“ lässt sich nur schwer einem Genre zuordnen und passt von Stil und der inhaltlichen Ausrichtung am ehesten in die Gattung Jugendbuch. Dass dafür die Erotik zu stark gewichtet ist und einige interessante Punkte nur kurz beleuchtet werden, ist das größte Manko an JD Glass‘ Debüt „Punk like me“. Schade, das Buch hätte durchaus Potenzial gehabt, gerade durch die ungewöhnliche Heldin und den lockeren Stil. Am Besten reinlesen und selbst entscheiden …

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[ROMAN] Ich gebe dir die Sonne von Jandy Nelson

Autor: Jandy Nelson
Hardcover: 480 Seiten
ISBN: 978-3570164594
Preis: 13,99 EUR (eBook) / 17,99 EUR (Hardcover)
Bestellen: Amazon

Story:
Die Zwillinge Noah und Jude sind unzertrennlich, bis Jude Make-Up, Kleider und Jungs für sich entdeckt und ihr Bruder sich in seine Traumwelten zurückzieht, nur noch für das Malen lebt und sich in den Nachbarsjungen Brian verliebt. Wenige Jahre später reden sie kaum noch miteinander und haben nach Hausen hin die Plätze getauscht – aus der Draufgängerin Jude ist eine introvertierte Außenseiterin geworden, die auf eine Kunsthochschule geht; Noah hat sich angepasst, das Malen aufgegeben und sich selbst hinter einer Mauer versteckt.

Erst als Jude sich entschließt bei dem Steinhauer Garcia ein Praktikum zu machen und sie auf den charismatischen Fotografen Oscar trifft, bröckeln die Fassaden und offenbaren Geheimnisse, die das Leben von Jude, Noah und deren Familie auf den Kopf stellen – und mit etwas Glück zurück in normale Bahnen lenken …

Eigene Meinung:
Mit „Ich gebe dir die Sonne“ erschien der zweite Roman von Jandy Nelson bei cbj, wo ihr Debüt „Über mir der Himmel“ ebenfalls erhältlich ist. Das vorliegende Buch befand sich mehrere Wochen in den Bestsellerlisten und erhielt mehrere Auszeichnungen und Preise. Die Filmrechte wurden bereits an Warner  Bros. verkauft.

Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen – Noahs Sicht erzählt die Ereignisse der Familie als die Zwillinge ungefähr 13/14 Jahre alt sind; Judes Perspektive greift den Faden zwei Jahre später auf und zeigt die aktuellen Geschehnisse und enthüllt Geheimnisse. Auf sehr eindringliche Art und Weise offenbart Jandy Nelson, was mit den Zwillingen und ihrer Familie geschehen ist und gibt nach und nach Einblick in das Leben von Jude und Noah. Für beide spielt die Mutter eine zentrale Rolle, denn sie ist der Antrieb für die Geschwister; ganz besonders für Noah, der sich stark über seine Bilder und Träume ausdrückt, während Jude zu Beginn ihrer Pubertät eher Schwierigkeiten mit ihr hat. Für beide ist es ein Schock, als sie tödlich verunglückt und einen Scherbenhaufen zurücklässt, den die Geschwister allein kaum bewältigen können, insbesondere da sie wie Fremde nebeneinander her leben und stumm geworden sind.
Für den Leser ist es toll, wie die Geheimnisse und Hintergründe Schicht für Schicht offenbart werden und die Wahrheit mit jeder Seite offenbart wird. Dabei reifen die Figuren, allen voran Jude, die sich selbst aus einem selbstgewählten Käfig befreien muss, um ihrem Bruder Noah und ihrem Vater zu helfen. Jandy Nelson gelingt es den Leser von der ersten Seite an zu fesseln, wenngleich man ein wenig Zeit braucht, um den Einstieg in „Ich gebe dir die Sonne“ zu schaffen.

Ein ganz besonderer Pluspunkt sind die authentischen, gut ausgearbeiteten Charaktere, die einen schnell ans Herz wachsen. Sowohl Noah, der für die Kunst lebt, in seinem Kopf Bilder malt und jede Sekunde dafür nutzt, um seine Träume auf Papier zu bannen, als auch Jude, die mit dem Geist ihrer Großmutter redet und den abergläubischen Regeln der Familienbibel genauestens folgt, sind unheimlich sympathisch und sehr gut nachvollziehbar. Man erlebt mit Noah den Zauber der ersten Liebe zu Brian, der für Astronomie und den Weltraum lebt und ist nah bei Jude, als sie auf Oscar trifft und dessen Charme nur schwer entkommen kann.
Auch die Nebencharaktere sind sehr angenehm in Szene gesetzt und können überzeugen. Seien es Garcia, Oscar, Brian oder die Eltern der Zwillinge – man kann jeden gut nachvollziehen und die einzelnen Beweggründe verstehen. Sie passen gut zu Noah und Jude, die abwechselnd und auf verschiedenen Zeitebenen die Geschichte erzählen.

Stilistisch ist „Ich gebe dir die Sonne“ gut geschrieben, auch wenn man zu Beginn ein wenig braucht um in das Buch zu kommen. Hat man den Einstieg jedoch geschafft, fällt es dem Leser schwer das Buch aus der Hand zu legen – Jandy Nelson hat einen sehr lebendigen, fesselnden und bunten Stil, ganz besonders wenn es um die fesselnden und farbenfrohen Beschreibungen von Noahs Bildern und seinem unsichtbaren Museum geht. Allgemein hat Jandy Nelson ein Händchen dafür die Gedanken und Gefühle der Künstler zu Papier zu bringen und auf diesem Weg auch der Kunst ein passendes Denkmal zu setzen – denn „Ich gebe dir die Sonne“ ist in vielerlei Hinsicht ein Liebesbrief an die Kunst.

Fazit:
„Ich gebe dir die Sonne“ ist ein wundervolles Jugendbuch, das sowohl durch tolle Charaktere als auch durch eine schöne, fesselnde Handlung überzeugen kann. Jandy Nelson hat eine wundervolle, bildhafte Sprache, die das Herz berührt und dafür sorgt, dass man den Roman nicht so schnell aus der Hand legen kann. Wer Jugendbücher im Stil von „Die Mitte der Welt“ mochte, dem wird auch „Ich gebe dir die Sonne“ gefallen – sie ähneln einander und sind doch auf wundervolle Art und Weise anders. Bedenkenlos zu empfehlen!

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[ROMAN] Der Klippenspringer von Barbara Corsten

Autor: Barbara Corsten
Taschenbuch: 392 Seiten
ISBN: 978-3960890539
Preis: 13,95 EUR (Taschenbuch) / 5,99 EUR (eBook)
Bestellen: Amazon

Story:
Der junge Kroate Ante verbringt sein Leben in Angst und Schrecken, ist er doch anders als die anderen Männer des kleinen Fischerdorfes. Von Gleichaltrigen gejagt und verprügelt, während die dörfliche Gemeinschaft wegsieht, schöpft er Hoffnung als er den Klippenspringer Kristijan besser kennenlernt und sich in diesen verliebt. Doch obwohl seine Gefühle erwidert werden, haben die beiden keine Chance. Die Angriffe auf Ante werden schlimmer, bis dessen Mutter schließlich nur einen Ausweg sieht – die Flucht nach Zagreb, wo ihr Sohn das Glück hat zu sich selbst zu finden und endlich Freunde findet, die ihn so akzeptieren wie er ist. Während Ante endlich zu sich selbst findet und sich ein neues Leben aufbaut, kann er seine erste Liebe Kristijan nicht vergessen, von dem er sich verraten fühlt …

Eigene Meinung:
„Der Klippenspringer“ ist ein dramatisches, sehr tiefgründiges Buch von Barbara Corsten und erschien im Dezember 2016 im deadsoft Verlag. Nach „Trust – Eine Frage des Vertrauens“ ist dies der zweite Roman der Autorin.

Der Leser begleitet den jungen Ante ungefähr ein Jahr lang bei seiner Suche nach einem Platz im Leben und erfährt dabei einiges über Kroatien und die historischen Ereignisse des Landes. Gerade letzteres macht den Roman so authentisch und sorgt dafür, dass man ihn ab einem gewissen Punkt nur schwer aus der Hand legen kann. Man merkt, dass die Autorin eine Menge Recherche für „Der Klippenspringer“ betrieben hat, um gesellschaftlichen Hintergründe und historische Fakten von Kroatien passend einzuweben und gerade ältere Charaktere auf diesem Weg lebendig zu machen. Natürlich liegt der Schwerpunkt auf Ante, aus dessen Sicht erzählt wird, aber Barbara Corsten beleuchtet auch die Nebencharaktere und gibt ihrer Vergangenheit Platz. Spannend ist auch, dass die sexuelle Orientierung des Protagonisten im Laufe des Romans teilweise in den Hintergrund rückt – natürlich ist es Antes Homosexualität Dreh- und Angelpunkt, dennoch spielt auch seine Entwicklung vom Prügelknappen zum Mann eine wichtige Rolle, denn er fasst Mut und Vertrauen, lernt sich selbst besser kennen und entwickelt eine Stärke, die man ihm zu Beginn kaum zugetraut hätte. Einzig die Tatsache, dass all das binnen eines Jahres passiert, wirkt ein wenig unrealistisch, denn es geht fast zu schnell. Hier wäre es realistischer gewesen, wenn die Autorin ihrem Helden mehr Zeit zugestanden hätte.

Wie bereits erwähnt sind die Charaktere sehr lebendig und authentisch. Der Leser kann sich sehr gut in Ante hineinversetzen und durchlebt mit ihm den Schrecken und die Angst, die er vor den Männern des Dorfes hat. Man erlebt seine Wandlung hautnah mit und ist immer an seiner Seite, ganz gleich ob er vor seinen Peinigern flieht, oder in Zagreb neue Freunde findet. Besonders gelungen sind Barbara Corsten Richard und Miro, die für Ante und dessen Mutter sehr wichtig werden. Beide haben eine bewegte und dramatische Vergangenheit hinter sich, die im Grunde ein eigenes Buch verdient hätte und Antes Geschichte teilweise den Rang abläuft. Sie sind tolle Figuren, die „Der Klippenspringer“ ungemein aufwerten und den Leser mit den Schrecken des Krieges konfrontieren.

Stilistisch legt die Autorin einen sehr schönen, stimmigen Roman vor, der vorwiegend aus Antes Sicht erzählt wird. Nur hin und wieder mischt sich eine andere Erzählperspektive ein – zu Beginn berichtet Kristijan aus seiner Sicht über Antes Probleme, später verliert sich seine Stimme, was ein wenig irritiert, denn man hat mit einem beständigen Wechsel der Perspektiven gerechnet. Das wirkt ein wenig unstimmig – vielleicht wäre es besser gewesen, die Geschichte nur aus Antes Sicht zu schreiben. Dennoch hat Barbara Corsten einen sehr eindringlichen, bildhaften Stil, der den Leser berührt und gut zu den Figuren und den Geschehnissen passt.

Fazit:
„Der Klippenspringer“ ist ein gelungenes, sehr intensives Drama, das durch tolle Charaktere und einen sehr schönen, stimmungsvollen Schreibstil besticht. Hin und wieder laufen einige Figuren dem Helden den Rang ab, nichtsdestotrotz ist man immer nah am Protagonisten und seiner Entwicklung zum Mann. Barbara Corsten legt einen gefühlvollen Roman vor, der sich aufgrund des Handlungsortes (Kroatien) und der damit einhergehenden historischen Ereignisse angenehm von anderen Dramen im Gay Romance Genre abhebt. Zu empfehlen.

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[ROMAN] Zur Strafe: Krippe! von Kaye Alden und Eli Berg

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Autoren: Kaye Alden / Eli Berg
Taschenbuch: 348 Seiten
ISBN: 978-1541093485
Preis: 3,99 EUR (eBook) | 12,99 WUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Etliche Missverständnisse und falsche Verdächtigungen sorgen dafür, dass Jonte, sein bester Freund Niki, der punkige Piet und dessen ruhiger Zimmergenosse Simon bei einer Auseinandersetzung die schuleigene Krippe zerstören. Um den Schaden wieder gut zu machen, schlägt Jonte vor, die Krippe bis Weihnachten zusammen neu aufzubauen, was zu Beginn niemandem gefällt. Da Piet weiß, dass Simon schon seit einer Weile in Jonte verliebt ist, stimmt er dem Vorschlag dennoch zu. Während sich Simon und Jonte näherkommen und schon bald eine geheime Beziehung miteinander führen, finden Piet und Nikki Gefallen an einer harmlosen Sexbeziehung. Doch schon bald gehen bei beiden die Gefühle füreinander tiefer, was für einigen Trubel sorgt. Zu allem Überfluss werden auch Jonte und Simon geoutet, die ihre Liebe zueinander eigentlich geheim halten wollten, da Simons Vater extrem konservativ ist und im Nachhinein für eine Menge Ärger sorgt …

Eigene Meinung:
Der weihnachtliche Roman „Zur Strafe: Krippe“ stammt von Kaye Alden und Eli Berg. Es handelt sich um die erste Zusammenarbeit der Autoren, doch es sollen weitere Teile der „lots of love“-Reihe folgen. Neben der vorliegenden Weihnachtsgeschichte hat Kaye Alden weitere Gay Romance Romane im Selbstverlag veröffentlicht, darunter die „NuR“-Kurzromanreihe und den Gay Fantasy „Der Feuervogel“.

Die Geschichte ist von Inhalt her recht stereotyp gehalten und läuft in den üblichen Bahnen – beide Pärchen finden recht schnell zusammen und haben anschließend mit dem ein oder anderen Problem zu kämpfen. Fans von romantischen Geschichten kommen dabei auf jeden Fall auf ihre Kosten, denn die beiden Pärchen stehen die ganze Zeit hindurch im Vordergrund. Andere Handlungsstränge werden nur kurz angerissen und zusammengefasst (darunter auch der Krippenbau an sich oder auch die weihnachtliche Komponente, die im Grunde fast gar nicht zum Tragen kommt), oder werden kaum zur Sprache gebracht. So gibt es für Vielleser des Genres keinerlei Überraschungen, denn die Handlung hangelt sich an den üblichen Ereignissen und Problemen entlang, nur um im Happy-End zu münden. Das ist keineswegs verkehrt – eine Weihnachts-Liebesgeschichte sollte nicht unbedingt traurig enden – doch es ermüdet ein wenig, da man selbst die kleinen offenen Punkte schnell herausfindet und das ein oder andere Geheimnis zu schnell durchschaut.

Die Charaktere sind liebenswert, aber auch recht klischeehaft – Simon ist der stille, unsichere Junge, der nur schwer aus sich herauskann, Jonte der Bauernbursche, naiv und gutmütig, Piet herrlich durchgeknallt und angenehm aus dem Rahmen fallend und Nikki der lockere Frauenschwarm, der am liebsten in den Tag hineinlebt. Eine wirkliche Weiterentwicklung ihrer Persönlichkeiten erlebt der Leser nicht – einzig Simon taut ein wenig auf. Das liegt vor allem daran, dass viele Probleme nicht wirklich zum Tragen kommen (mit Ausnahme einiger gewählter und selbst da wird der Konflikt zugunsten des Happy-Ends sehr schnell beigelegt): So bekommt Simon ordentliche Probleme mit seinem Vater; während Jontes Familie dessen sexuelle Orientierung plötzlich sehr locker nimmt, obwohl zu Anfang angesprochen wird, dass dessen Vater ebenfalls eher der konservativen Schiene angehört. Jontes Outing läuft dennoch so unproblematisch ab, dass man sich irgendwie um einen Teil der Geschichte betrogen fühlt. So ungern ich ein weiteres Klischee in „Zur Strafe: Krippe“ ich gelesen hätte, es wirkt doch irgendwie „out-of-character“ wie die Bauernfamilie reagiert.

Stilistisch ist „Zur Strafe: Krippe“ Geschmackssache – Kaye Alden und Eli Berg haben einen sehr lockeren, leichten Stil, der sich im Grunde schnell weg liest. Allerdings schleichen sich immer wieder Fehler ein – sei es ein seltsamer Satzbau oder auch mal fehlende Worte, die den Lesefluss hemmen. Das ist schade, denn es sorgt zusätzlich für Verwirrung. Ein wenig gewöhnungsbedürftig sind auch die vielen Perspektivsprünge zwischen den Charakteren, aber das mag jeder Leser anders sehen. Ich persönlich mag es nicht, wenn innerhalb weniger Sätze die Sichtweise hin- und herspringt, da ich mich lieber auf die Gedanken und Gefühle einer Person konzentriere.

Fazit:
„Zur Strafe: Krippe“ ist eine nette, romantische Weihnachtsgeschichte für Zwischendurch, die Gay Romance Fans gleich zwei Pärchen bietet und mit einer Menge Irrungen und Wirrungen daherkommt. Neue Ideen und ungewöhnliche Charaktere wird man als Vielleiser hier nicht finden – Kaye Alden und Eli Berg legen eine typische, mitunter klischeehafte Liebesgeschichte vor, in der die üblichen Probleme abgehandelt werden. Wer auf der Suche nach romantischer Gay Romance Lektüre ist und kein Problem mit leicht stereotypen Charakteren hat, ist bei „Zur Strafe: Krippe“ an der richtigen Adresse. Im Zweifelsfall reinlesen.

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[COMIC] Die Favoritin von Matthias Lehmann

9783551728166
Autor: Matthias Lehmann
Hardcover: 160 Seiten
ISBN: 978-3551728166
Preis: 17,99 EUR
Bestellen: Amazon

Story:
Constances Leben wird durch ihre strenge Großmutter bestimmt, die jeden ihrer Schritte überwacht. Spielen mit Gleichaltrigen ist ebenso verboten, wie das alte Herrenhaus zu verlassen, das sich abseits einer französischen Kleinstadt befindet. Für Constanze bleibt lediglich ihre Fantasie um die öden Tage zu überstehen und ihre Umwelt auf ihre Art für sich zu entdecken. Als das alte Ehepaar eine neue Verwalterfamilie anstellt, die sich fortan um das Anwesen kümmern soll, lernt Constance erstmals Kinder in ihrem Alter kennen und beginnt sich mehr und mehr gegen die Regeln ihrer Großmutter zu stellen. Doch ihre stille Rebellion und ihre steigende Aggressivität gegen die herrische Frau haben ungeahnte Folgen und sorgen dafür, dass ein schreckliches Geheimnis ans Licht kommt …

Eigene Meinung:
Mit der Graphic Novel „Die Favoritin“ legt der Carlsen Verlag das Debüt des französischen Zeichners Matthias Lehmann vor, der mehrere Jahre an der Umsetzung der Geschichte arbeitete. Der Comic wurde u.a. 2016 für den Comicpreis Angoulême nominiert, einer der wichtigsten europäischen Comicpreise.

Matthias Lehmann erzählt die Geschichte der jungen Constance, die wahrlich kein leichtes Leben hat. Sie steht unter der herrischen Fuchtel ihrer Großmutter, die den Haushalt wie ein General führt und auch vor drakonischen Strafen nicht zurückschreckt. Das wahre Ausmaß wird erst nach und nach ersichtlich, denn der Autor versteht es zunächst dezent darauf hinzuweisen und erst im Laufe der Zeit zu zeigen, wie schwer Constances Leben eigentlich ist. Auch die Tatsache, dass es sich bei der jungen Heldin in Wahrheit um einen Jungen handelt, der von dem alten Ehepaar als Mädchen aufgezogen wird, kommt erst relativ spät ans Licht. Den Leser erwartet eine tieftraurige Geschichte, in der es um Geschlechtsidentität, Kindesmissbrauch und psychischen Krankheiten geht, um Angst und Trauer, aber auch um Fantasie und Hoffnung. Dabei spielt natürlich auch die Zeit, in der die Geschichte spielt, eine große Rolle, denn nicht nur Constances Leben ist davon geprägt (Frankreich der 70er Jahre), auch die Persönlichkeiten ihrer Großeltern sind durch die Vorkriegsjahre geprägt, in denen man alles getan hat, um „geistige“ Krankheiten zu verschweigen oder ganz zu ignorieren. Nahezu alle Figuren sind Opfer ihrer Zeit und nur wenige gehen am Ende des Buches als Gewinner hervor – selbst Constance nicht.

Die Figuren hinterlassen einen tiefen Eindruck beim Leser. Gerade der kleine Junge, der so lange als Mädchen leben musste und nicht einmal seinen richtigen Namen kannte, bleibt im Gedächtnis. Man fragt sich, wie es mit ihm weitergeht, denn Matthias Lehmann lässt sein Werk recht offen enden und regt zum Nachdenken an. Auch stellt man sich zwangsläufig die Frage, wie die Sache ausgegangen wäre, wenn Constances Großvater eher den Mut gefunden hat, die Wahrheit ans Licht zu bringen oder die Familie der alten Frau auf ihre psychischen Probleme anders reagiert hätte, anstatt sie einfach zu verheiraten.

Die Zeichnungen sind gewöhnungsbedürftig, da Matthias Lehmann einen sehr groben Strich hat, der ein wenig an alte Holzschnitte erinnert. Man braucht ein wenig, um sich mit den manchmal etwas starren schwarz/weiß-Zeichnungen anzufreunden. Die dicken Linien und die groben Schraffuren strahlen eine gewisse Düsterheit aus, die sehr gut zum Inhalt des Buches passt und die gedrückte Atmosphäre passend widerspiegelt. Sie vermitteln die richtige Stimmung und sorgen dafür, dass man auch bei den fantasievolleren Szenen, in denen Constance einfach nur Kind sein kann, nicht vergisst, wie schrecklich und deprimierend die Hintergrundgeschichte ist und welch furchtbare Dinge in dem alten Herrenhaus passieren.

Fazit:
„Die Favoritin“ ist ein ungewöhnlicher Comic, der durch eine sehr traurige Geschichte und einen recht eigenwilligen Zeichenstil besticht. Matthias Lehmann legt ein sehr düsteres Debüt vor, das zum Nachdenken anregt und Kindesmissbrauch und Geschlechtsidentität thematisiert. Wer schwere Kost mag und kein Problem mit einigen verstörenden Szenen hat, sollte der Graphic Novel eine Chance geben und einen Blick in „Die Favoritin“ werfen. Allein aufgrund des Endes und der Aufdeckung der Geheimnisse lohnt sich die Geschichte um den kleinen Jungen, der fast sein gesamtes Leben als Mädchen gelebt hat.

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