Archiv der Kategorie: Biografie

[ROMAN] Des Teufels Schreiber von Brunhilde Witthaut

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Autor: Brunhilde Witthaut
Taschenbuch:  400 Seiten
ASIN: 978-3864434525
Preis: 14,90 EUR

Story:
Frankreich 1440: Nachdem Laurent sein Dasein als frommer Mönch auf recht extreme Weise ein Ende gesetzt hat, ergattert er zufällig den Posten eines Schreibers bei dem geachteten und reichen Ritter Gilles de Rais. Im Auftrag des italienischen Priesters Prelati, einem Vertrauten de Rais, soll Laurent ein altes Grimoire abschreiben und die unleserlichen Teile wieder verständlich machen. Geblendet von de Rais Macht, dem Wissen, das in dessen Bibliothek schlummert und dem Traum mit Hilfe alchemistischer Bücher Blei in Gold zu verwandeln, beginnt Laurent mit der anspruchsvollen Aufgabe.

Doch schon bald erreichen ihn Gerüchte, dass immer wieder Kinder verschwinden und de Rais mit dem Teufel im Bunde stehen soll. Als sich das Buch immer schwerer übertragen lässt und er von Prelatis‘ Bemühungen erfährt de Rais von seinem inneren, blutdurstigen Dämon zu befreien, verlegt sich Laurent darauf Wahrsagungen zu schreiben, die auf Gerüchten und Ereignissen basieren, die Laurent zufällig in Erfahrung bringt. Schon bald verstrickt er sich immer tiefer in Probleme, denn de Rais beginnt an Laurents Prophezeiungen zu glauben – und gibt damit dem jungen Mann eine Macht in die Hand, die dieser nur schwer einschätzen kann …

Eigene Meinung:
Der historische Roman „Des Teufels Schreiber“ stammt von Brunhilde Witthaut, die unter Pseudonym schwule Krimi und Gay Romance Bücher verfasst hat. So zeigt sie sich für die „Claude Boqcuillon“-Reihe bei Gmünder verantwortlich (unter dem Namen Laurent Bach), ebenso schrieb sie als Corinna Bach „Bodyguard – Spezialauftrag Liebe“ für den Sieben Verlag. Mit „Des Teufels Schreiber“ erfüllte sie sich einen Herzenswunsch – ein Buch über den mittelalterlichen Massenmörder Gilles de Rais. Auch im vorliegenden Roman gibt es einen schwulen Nebenplot zwischen Gilles de Rais und dem Magier Fransesco Prelati, der ungefähr so viel Aufmerksamkeit erhält wie die Liebesgeschichte zwischen Laurent und der jungen Loan, die sich für den Tod ihres Sohnes an de Rais rächen will.

Inhaltlich hält sich die Autorin recht genau an die historischen Begebenheiten. Sie achtet darauf ihre Handlung in die Monate vor de Rais‘ Verhaftung anzupassen, verknüpft geschichtliche Begebenheiten mit dem Aufbau ihrer Geschichte. So sind viele Dinge, die Laurent vorhersagt oder mit Hilfe des Grimoires mitbestimmt, tatsächlich so geschehen, insbesondere der Überfall auf die Kirche am Pfingstsonntag 1440, der de Rais letztendlich das Genick bricht. Dennoch gestattet sie sich die ein oder andere künstlerische Freiheit, was sich ganz besonders an der Beziehung zwischen de Rais und Prelati zeigt, ebenso am Charakter des Magiers. Während die Aufzeichnungen beweisen, das Prelati ein grausamer, skrupelloser Mann gewesen ist, hat der Leser in „Des Teufels Schreiber“ einen sanften, liebenswerten Charakter vor Augen, der unter den Ereignissen zugrunde geht. Dies kann man natürlich ankreiden, doch es sollte klar sein, dass Brunhilde Witthaut an dieser Stelle mit den Gegebenheiten spielt und sie so abändert, dass sie zu ihrer Geschichte passen.
Diese plätschert am Anfang stark dahin, so dass man seine Mühe hat, in die Geschichte einzutauchen und sich auf die Figuren einzustellen. Die Handlung springt zu oft zwischen den Charakteren hin und her, mitunter sind Passagen enthalten, die nur wenig zum Buch beitragen. Dazu gehört leider auch die Liebesgeschichte zwischen Loan und Laurent, die der Geschichte spürbar den Schwung nimmt. Sie scheint nur enthalten zu sein, weil sie für den Sieben Verlag da sein muss. Das betrifft insgesamt auch Loan, die im Grunde überflüssig erscheint, was man daran merkt, dass sie zwischendurch gut 150-200 Seiten nicht auftaucht und für die eigentliche Handlung rund um das Grimoire überhaupt nicht mehr zum Tragen kommt.

Allgemein tut man sich schwer mit den Charakteren zurechtzukommen. Weder Laurent noch Loan sind wirklich sympathisch und gut nachvollziehbar. Bei Laurent liegt das an seinem Egoismus, seiner Arroganz und dem Unwillen, etwas zu unternehmen, obwohl er über de Rais‘ Machenschaften Bescheid weiß. Er ist durch und durch unsympathisch, so dass man ihm am Ende nicht einmal sein Happy End gönnt. Auch Loan kann nicht überzeugen – sie springt zu sehr hin und her, ihre Person ist einfach zu undurchsichtig und ihr Rachefeldzug wirkt irgendwie aufgesetzt. Auch kann man einige ihrer Reaktionen nicht nachvollziehen, ebenso Laurents Entscheidungen.
Es ist seltsam, dass dem Leser Prelati und de Rais mit am sympathischsten sind, wenn man bedenkt, welche Grausamkeiten sie verbrochen haben. Dennoch liegen Brunhilde Witthaut die beiden Männer und deren homosexuelle Beziehung mehr, als der eigentliche Protagonist.

Stilistisch gibt es nur wenig zu bemängeln – Brunhilde Witthaut hat einen soliden, sehr ausgereiften Schreibstil. Leider hat man das Gefühl, dass sie ihr Können nicht ganz ausschöpft, wenn man „Des Teufels Schreiber“ mit anderen Werken aus ihrer Feder vergleicht. Sie mag bei den Beschreibungen der Landschaft und der Menschen auftrumpfen und überzeugen, doch so recht springt der Funke nicht über. Zudem hüpft sie dieses Mal zu sehr in den Perspektiven. Der Leser bekommt vier Hauptperspektiven präsentiert (Loan, Laurent, de Rais und Prelati), ebenso die Sichtweise etlicher Nebenfiguren (der Bischoff, de Rais‘ Cousin, etc.). Mitunter wechseln die Perspektiven innerhalb weniger Sätze und auch wenn diese mit Sternchen hervorgehoben sind, fällt es zunehmend störend ins Gewicht. Man kann sich schwer auf eine Person konzentrieren, zumal die Geschichte nicht unbedingt kontinuierlich erzählt wird. Hier wäre es zwingend notwendig gewesen, sich auf wenige Figuren zu konzentrieren, um diese besser kennenzulernen.
Leider schleichen sich zum Ende hin auch zunehmend Rechtschreibfehler ins Buch, was sehr schade ist.

Fazit:
„Des Teufels Schreiber“ ist ein spannenden, ambitioniertes Buchprojekt, das leider nicht komplett überzeugen kann. Am meisten schaden die Figuren Laurent und Loan dem Buch, da diese zu ungreifbar und unsympathisch sind, und man ihre Beweggründe und Reaktionen nur schwer nachvollziehen kann. Die künstlerische Freiheit, die sich Brunhilde Witthaut bei der Bearbeitung des historischen Grundthemas nimmt, ist Geschmackssache, doch es gelingt ihr ihre Charaktere mit den realen Persönlichkeiten zu verknüpfen und eine eigene Geschichte zu schreiben, die sich eng an die historischen Begebenheiten hält. Da es dennoch stilistische Mängel gibt und das Ende doch sehr übereilt erscheint, kann ich nicht mehr als 3 Sterne geben. Schade, da hätte man mehr herausholen können.

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[BIOGRAFIE] Ein gutes Leben ist die beste Antwort von Friedrich Dönhoff

Autor: Friedrich Dönhoff
Taschenbuch:  176 Seiten
ISBN: 978-3257069020
Preis: 19,99 EUR

Story:
Gerald B. Rosenstein, genannt Jerry, ist 86 Jahre alt und einer der letzten Zeitzeugen des Holocausts. Als 15-jähriger Jude überlebten sein Vater und er mit viel Glück Auschwitz und fanden zusammen mit Jerrys Mutter in den USA eine neue Heimat. In San Francisco erkämpfte er sich zudem finanzielle und sexuelle Freiheit, hatte er es doch aufgrund seiner Homosexualität nicht immer leicht. Er blickt auf ein bewegtes Leben hinter sich, das er gemeinsam mit dem Autoren Friedrich Dönhoff aufarbeitet, als sie 2013 mit dem Auto die Städte und Orte aufsuchen, in denen Jerry seine Kindheit und Jugend verbracht hat …

Eigene Meinung:
Mit der Biografie „Ein gutes Leben ist die beste Antwort“ legt der Diogenes Verlag das Portrait eines beeindruckenden Mannes vor: eine Lebensgeschichte, die unter die Haut geht. Friedrich Dönhoff, Autor und Begleiter des 86-jährigen Jerry Rosenstein, verfasste bereits mehrere Biographien und schrieb den Bestseller „Die Welt ist so, wie man sie sieht – Erinnerungen an Marion Dönhoff“. Zudem ist er für deine Kriminalromane um den jungen Kommissar Sebastian Fink bekannt.

Zwischen Jerry Rosenstein und dem 45-jährigen Friedrich Dönhoff liegen zwei Generationen, als sich die beiden kennenlernen und 2013 gemeinsam von Amsterdam (wo Jerry in direkter Nachbarschaft mit Anna Frank lebte) aus die Orte bereisten, in denen Jerry aufgewachsen ist. Dabei berichtet Jerry Rosenstein, wie er als Jude in Deutschland, später Holland, aufwuchs und nach und nach die Auswirkungen von Hitlers Übernahme und seinem selbsterklärten Krieg gegen die „Nicht-Arier“ miterlebte. Auch von seinen Erlebnissen in Auschwitz, dem mühsamen Weg ins Leben zurück und dem Neustart in Amerika erzählt er und gibt dem Leser einen Einblick in eine unvorstellbar grausame, menschenverachtende Zeit und in das schwierige Leben danach. Es ist bewundernswert, dass Jerry Rosenstein nie seinen Lebensmut verloren hat, sich entschieden hat, glücklich zu sein und bereit ist, zu vergeben.

Seine Geschichte ist berührend und erschütternd, aber auch lebensbejahend und aufmunternd, denn Jerry Rosenstein hat sich nie unterkriegen lassen – egal ob als Jude im Dritten Reich oder als Homosexueller im Amerika der 50er/60er Jahre. Er hat seine eigene Antwort gefunden: ein gutes Leben zu führen, das nur ihm gehört und sich selbst nie zu verraten.

Friedrich Dönhoff begleitet den Holocaust-Überlebenden auf seiner Reise, hört zu und schreibt einen Teil von Jerrys Erzählungen auf. Daher wechseln sich im Buch die beiden Zeitebenen ab – mal begleitet man die beiden Freunde auf ihrem Weg durch Amsterdam, Darmstadt oder Bensheim, mal berichtet Jerry aus der Zeit des Holocausts, seinen Erlebnissen in den unterschiedlichen Lagern und Auschwitz. Hierbei wird nicht explizit beschrieben, welche unvorstellbaren Grausamkeiten die Menschen erleiden mussten, sondern nur einige Dinge herausgegriffen, die Jerry wichtig waren. Auf diesem Weg lernt man ihn sehr genau kennen, wenngleich er zum Leser immer eine gewisse Distanz wahrt und nie zu viel von seinen Gefühlen offenbart.

Dennoch sind gerade die Passagen, die sich Jerrys Vergangenheit widmen, sehr dicht und tiefgehend. Man kann sich zwar immer noch nicht vorstellen, wie extrem die damalige Zeit gewesen ist, doch man bekommt einen Eindruck der Ereignisse, der erschreckend genug ist. Den Rest kann man in unzähligen Sachbüchern nachlesen, in „Ein gutes Leben ist die beste Antwort“ geht es um Jerrys Leben. Dementsprechend intensiv erlebt man die schrecklichen Ereignisse aus seiner Sicht, was den Vorteil hat, dass man den Roman schwer aus der Hand legen kann und zeitgleich den Nachteil, dass die Passagen aus der Gegenwart den Lesefluss fast ein wenig stören.

Wie wichtig diese Biografie ist, zeigt sich am Ende des Buches, als eine Frau auf Jerry Rosenstein zutritt und fragt, ob es Auschwitz wirklich gegeben hat. „Ein gutes Leben ist die beste Antwort“ ist ein Buch gegen das Vergessen und bietet einen Einblick in ein außergewöhnliches Leben.

Teilweise hätten die Einblicke in Jerrys Vergangenheit umfangreicher ausfallen können, doch die Kürze der einzelnen Passagen und der geringe Gesamtumfang der Biografie, fallen nicht weiter ins Gewicht. Friedrich Dönhoffs klare, präzise und doch einfühlsame Sprache geht unter die Haut und sorgen dafür, dass man lange über Jerrys Leben und die Botschaft, die am Ende des Buches mitschwingt, nachdenkt. Positiv ist, dass der Autor nur erzählt und schildert, nicht wertet oder gar seine eigene Meinung präsentiert. So muss sich der Leser selbst entscheiden, wie er Jerry Rosensteins Biografie zu werten hat und welchen Nutzen er nach dem Lesen für sich aus dem Roman zieht.

Fazit:
„Ein gutes Leben ist die beste Antwort“ ist ein sehr bewegendes, tiefgründiges Buch, das zum Nachdenken anregt und das man unbedingt lesen sollte. Mit viel Feingefühl erzählt Friedrich Dönhoff die Geschichte von Jerry Rosenstein, einem der letzten Überlebenden des Holocausts. Ein beeindruckendes, lebensbejahendes Zeitportrait, das berührt. Zu empfehlen.

Diese Rezension erschien zuerst auf dem Rezensionsportal “Splashbooks“.

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