[ZITATE-FREITAG] Im Zimmer wird es still

Hallo ihr Lieben,

meine Wahl fiel dieses Mal auf ein ernsteres Buch, da ich gerne auch die Werke von Jana Walther im Rahmen des Zitate-Freitags vorstellen möchte. Ich liebe ihre sommerlich-leichten und eindringlichen Romane rund um Benjamin, Phillip, Seth und Christoph, dennoch ist es das Buch „Im Zimmer wird es still“ das mich ganz besonders berührt hat und noch lange in mir nachgeklungen ist. Man braucht, um den Roman zu verarbeiten und sollte sich genügend Zeit nehmen, um über Andreas und Peter nachzudenken. Deswegen habe ich mir dieses Buch rausgepickt, um es hier vorzustellen.

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meine Rezension

Als sie fertig sind, räumt er ab, und obwohl es noch gar nicht richtig dunkel ist, zieht er die Vorhänge zu. Er tritt an Peters Bett, wischt einige Krümel von der Tischdecke. Peters Hand streicht über seinen Unterarm, sucht seine Hand. Er zieht die Decke gerade.

„Ich geh dann mal rüber, ich will mich hinlegen.“

„Ich bin auch müde“, meint Peter leise.

„Brauchst du noch was?“

„Nein.“

Er küsst ihn auf die Wange. Schließt die Tür leise hinter sich, lässt Peter allein. Er geht durch den dunklen Flur hinüber in sein Zimmer, schließt auch hier die Vorhänge, zieht sich um und legt sich auf die Schlafcouch. Er nimmt die Fernbedienung, dreht sie ein paar Mal in der Hand. Das rote Licht an dem kleinen Fernseher leuchtet nicht. Eigentlich müsste er jetzt aufstehen und ihn anschalten, aber er hat keine Lust mehr fernzusehen, löscht das Licht und schließt die Augen.

‚Du schläfst doch manchmal mit Mark?‘ – Peter hatte das schon vor einiger Zeit vorgeschlagen, aber noch nie danach gefragt, wie es darum steht.

„Im Zimmer wird es still“, Seite 22-23 (c) J. Walther

Der Arzt wollte Andreas sprechen. Erst im Krankenhaus hatte er eine Patientenverfügung ausgefüllt. An der Nervosität des jungen Arztes konnte er erahnen, dass dieser keine guten Nachrichten für ihn hatte. Er sah es in Andreas‘ Gesicht, als er zurückkam. Die Behandlungen hörten auf. Er redete sich ein, die Ärzte wollten die Wirkung abwarten. Glaubte, jenes Medikament könne etwas verbessern. Sie würden eine neue Behandlungsmethode, eine ganz neue Medizin finden.

Dann konnte er sich nicht mehr belügen. Er bat den Arzt um Ehrlichkeit. Scheute sich aber, mit Andreas darüber zu sprechen. Was sollte er sagen. Er wusste, dass er selbst Schuld war, hätte viel früher zum Arzt gehen müssen. Er war wütend auf sich. Es blieb ihm nur, seine Krankheit zu akzeptieren, stark zu sein.

„Im Zimmer wird es still“, Seite 47-48 (c) J. Walther

Er nimmt Peters Züge in sich auf. Seine Haut, die blasser geworden ist. Die Linien neben seinem Mund, tiefer jetzt. Seine Lippen, die Genuss und Sinnlichkeit oder Unwillen mit dem Grad ihrer Weichheit ausdrücken können. Peters Gesicht hat sich kaum verändert, bleibt sein Ankerpunkt im langsamen Verfall seines Körpers. Er will nicht, dass sich auch in Peters Gesicht die Zeichen der Krankheit einschleichen.

Die Stimme singt von Verlust, melancholisch, aber mit der Gewissheit, nicht ohne Halt zu sein. Sie flattert um einen Punkt, nur von einem zurückhaltenden Piano begleitet. Sie steigt auf, verhält, schafft Freiräume für Stille, in denen sie weiter schwingt. Die Musik kriecht in sein Ohr, dann weiter in seinen Körper. Er summt leise mit. Peters Hand berührt seine Wange, sein Daumen streicht über seine Lippen.

Er kann die Traurigkeit zulassen, die in ihm ist. Spürt sie in diesem Moment, als einen Teil von sich. Sie nicht wegzuwischen durch tröstende Worte.

„Im Zimmer wird es still“, Seite 69-70 (c) J. Walther

Er dreht sich auf die andere Seite. Hat schon geschlafen, aber jetzt liegt er wach. Es ist noch vor Mitternacht. Er steht im Dunkeln auf, um zur Toilette zu gehen. Im Flur macht er das Licht an, zuckt vor der plötzlichen Helligkeit zurück. Da hört er einen Schrei aus dem Wohnzimmer. Er reißt die Tür auf, stürzt zu Peter.

Peter schreit wieder, macht die Augen auf. Klammert sich an ihn, als er sich hinunterbeugt. Schluchzt und schreit leise. Er versteht ‚Hilfe‘ und ‚Bitte, bitte‘, verzweifeltes Stammeln. Weiß nicht, was er tun soll.

„Was hast du?“, er merkt, dass er selbst fast schreit. Peters Gesicht ist schweißnass und er ist zu weit weg, um zu antworten. Versucht, sich loszumachen, um den Notarzt zu rufen. Aber Peter lässt ihn nicht los: „Bitte, es tut so weh!“

„Wo? Wo tut es weh?“, fragt er ängstlich.

„Überall.“ Tränen laufen über Peters Gesicht.

„Im Zimmer wird es still“, Seite 86-87 (c) J. Walther

Er geht rüber in die Küche und beginnt, das Abendessen vorzubereiten. Drüben erläutert Mark Peter, wie er in den nächsten zwei Wochen Dienst haben wird, zählt Nachtdienst, Bereitschaft und Doppelschichten auf. Er hört nur mit einem Ohr zu, findet sich auch nicht richtig hinein, bekommt aber trotzdem mit, dass der Dienstplan anstrengend klingt. Nimmt Wurst und Käse aus dem Kühlschrank, verteilt sie auf Teller.

Dann wirft er einen Blick auf die beiden. Mark hat die Decke wieder zurückgeschlagen. Er sitzt jetzt neben Peter auf der Bettkante und flüstert mit ihm. Sie wirken vertraut, fast als hätten sie ein Geheimnis vor ihm. Er fühlt sich ausgeschlossen, als er die beiden so sieht. So wie ihn die Selbstverständlichkeit ausschließt, mit der Mark Peters Decke zurückschlägt, seine Beine massiert. Ihm wird die Kleinlichkeit dieser Gefühle bewusst. Als ob er irgendeinen Grund hätte, sich zu beschweren.

„Im Zimmer wird es still“, Seite 115 (c) J. Walther

„Der Tod wird kommen und deine Augen haben“, flüstert er in Andreas‘ Haar. Andreas legt die Hand an seine Wange. Er genießt Andreas‘ Nähe, ihn ganz bei sich zu haben. Trotzdem kann er den stechenden Schmerz nicht unterdrücken, der ihm plötzlich die Luft nimmt. Er keucht auf, muss husten, aber das Husten tut weh. Andreas hält seinen Kopf. Als der Hustenreiz sich beruhigt hat, sinkt er zurück ins Kissen. Andreas wischt ihm den Speichel vom Mundwinkel. Er versucht, ruhig zu atmen. Andreas streicht über seine Brust.

„Geht schon.“ Der Schmerz ist etwas erträglicher geworden und er versucht, ihn nicht zu beachten. Andreas legt den Kopf auf seine Schulter, sagt nichts.

„Wenn es unerträglich wird, würdest du mir dann helfen?“, fragt er Andreas leise.

„Andreas holt Luft, zögert, drückt dann seine Hand. „Ja.“

„Im Zimmer wird es still“, Seite 157 (c) J. Walther

Ich hoffe sehr, dass ich euch ein wenig neugierig machen konnte und ihr Lust bekommt, dieses ungewöhnliche Büchlein zu lesen – es lohnt sich auf jeden Fall, insbesondere da es gerade erst neu aufgelegt wurde.

Kommenden Freitag setzt der „Zitate-Freitag“ leider aus – stattdessen gibt es ab Donnerstag ein kleinen Special rund um Xenia Melzers „Gods of War“-Reihe, die bei Ullstein Forever erscheint. Freut auf auf drei kleine Specials und natürlich eine Rezension zum ersten Teil der Fantasy-Reihe „Casto – Gefährte des Feuers“. Die Woche drauf gibt es natürlich wieder eine neue Ausgabe des Zitate-Freitags.

Liebe Grüße,
Juliane

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Veröffentlicht am 5. August 2016 in Alltagsroman, Drama, Gay, Zitate-Freitag und mit , , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 3 Kommentare.

  1. Vielen Dank, liebe Juliane! Übrigens erscheint der Roman auch gerade auf Englisch.
    Liebe Grüße
    Jana

    PS Im vorletzten Zitat habe sich zwei Fehler eingeschlichen: So wie ihn die Selbstverständlichkeit ausschließt, mit der Mark Peters Decke zurückschließt (zurückschiebt), seine Beine massiert. Ihm wird die Kleinigkeit (Kleinlichkeit) dieser Gefühle bewusst.

    • Hi du,
      Tut mir leid – ich weiß schon, warum ich lieber aus PDF-Dateien kopiere. Beim abtippen schleichen sich halt doch Fehler rein.

      Ist korrigiert.

      LG Juliane

  2. Vielen Dank, liebe Juliane! Der Roman erscheint auch gerade auf Englisch.
    Liebe Grüße
    Jana

    PS: Im vorletzten Zitat haben sich zwei Fehler eingeschlichen – So wie ihn die Selbstverständlichkeit ausschließt, mit der Mark Peters Decke zurückschließt (zurückschiebt), seine Beine massiert. Ihm wird die Kleinigkeit (Kleinlichkeit) dieser Gefühle bewusst.

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