Archiv für den Monat August 2016

[COMIC] Das falsche Geschlecht von Chloé Cruchaudet


Autor: Chloé Cruchaudet
Taschenbuch: 160 Seiten
ISBN: 978-3945034088
Preis: 24,95 EUR
Bestellen: Amazon

Story:
Für die naive Luise und den großmäuligen Paul könnte das Leben in Frankreich zu Beginn des ersten Weltkriegs perfekt sein, würde auf Paul kurz nach ihrer Hochzeit nicht Frontdienst warten. Die Grauen, die er dort erlebt sorgen zunächst dafür, dass er sich einen Finger abschneidet, um abgezogen zu werden und schließlich zu desertieren, als man ihn trotzdem zurückschicken will. Luise unterstützt ihren Mann und versteckt ihn in einem kleinen Zimmer, kann jedoch mit ihrem mageren Gehalt als Schneiderin kaum mehr für ihn tun. Als die Langeweile unerträglich wird, schlüpft Paul in Frauenkleidung, um sich unerkannt auf den Straßen bewegen zu können. Mit der Zeit wird ihm sein neues Alter-Ego immer wichtiger, gerade in den zügellosen goldenen 20er, in denen er als Frau seine Leidenschaften hemmungslos ausleben kann und zu einer Ikone innerhalb der Trans-Szene aufsteigt. So wird es für Paul immer schwieriger zu sich als Mann zurückzufinden, als er endlich seine Verkleidung ablegen kann und ein gemeinsames Leben mit Luise auf ihn wartet …

Eigene Meinung:
„Das falsche Geschlecht“ basiert auf einer wahren Begebenheit und stammt von der französischen Comiczeichnerin Chloé Cruchaudet. Im Jahr 2014 wurde der Comic mit dem Publikumspreis auf dem Comicfestival von Angoulême ausgezeichnet, für die deutsche Fassung zeigt sich der Avant Verlag verantwortlich.

Die Geschichte ist sehr fesselnd und spannend umgesetzt – bereits nach wenigen Seiten ist man in der Handlung und kann die Graphic Novel nur schwer aus der Hand legen. Chloé Cruchaudet hat sich ein interessantes Thema ausgesucht, das eine Menge Potenzial bietet. Die Tatsache, dass die Geschichte auf einer wahren Begebenheit beruht, macht „Das falsche Geschlecht“ doppelt spannend, wenngleich man am Ende (in Form eines Nachworts beispielsweise) gerne mehr über die Originale erfahren hätte, die die Künstlerin zu diesem Werk inspiriert haben. Dennoch ist Chloé Cruchaudets Werk lohnenswert, da es ihr sehr gut gelingt Pauls inneren Kampf mit seiner wirklichen Persönlichkeit und die Auswirkungen auf seine Beziehung zu Luise sehr glaubhaft und mitreißend zu gestalten. Man fiebert mit dem jungen Deserteur mit, entdeckt mit seinem Alter-Ego Suzanne die dunklen Ecken und Parks von Paris, in den nichts unmöglich scheint und jede noch so schrille Obsession erfüllt werden kann. Der Leser ist dabei immer hautnah bei Paul oder Luise, je nachdem wer von den beiden die Handlung vorantreibt.

Die Figuren sind sehr gut in Szene gesetzt, in sich stimmig und nachvollziehbar. Man kann sich mit Paul identifizieren, versteht warum er desertiert und wie sehr ihm seine Frontzeit nachhängt, denn schreckliche Albträume suchen Paul immer wieder heim. Auch seine Wandlung zu einer Frau (inkl. Ausbrennen des Bartes, Lackieren der Fingernägel, Wachsen des Haars) wird sehr gut dargestellt, denn sie geht langsam vonstatten, da Paul sich erst in diese Rolle hineinfinden muss. Eine ganz besonders starke Persönlichkeit ist Luise, die ihren Mann in allen Punkten unterstützt – sei es darin, ihn vor der Polizei zu verstecken, oder ihn später dabei zu helfen, als Frau nach draußen zu gehen. Sie hält zu ihm, ganz egal in welche Richtung er sich entwickelt und welche Probleme sein Alter Ego mit sich bringt. Das macht Luise sehr sympathisch – sie ist fast mehr der Held der Geschichte, als Paul. Die übrigen Charaktere kommen nur am Rande vor, da sich Chloé Cruchaudet vollkommen auf die Geschichten von Luise und Paul/Suzanne konzentriert,

Die Zeichnungen von Chloé Cruchaudet passen perfekt zu der Geschichte – gänzlich in schwarz-weiß-rot gehalten, bestechen sie durch einen sehr dynamischen Stil, der sowohl die Schrecken des Krieges, als auch das Pariser Nachtleben einfängt. Hin und wieder mögen die Figuren ein wenig kantig wirken, doch das passt gut zur Geschichte und der Entwicklung die Paul und Claude durchleben. Dank des spärlichen Einsatzes von Rot oder Orange unterstreicht Chloé Cruchaudet bei die besondere Atmosphäre, die einzelne Szenen umgibt und hebt diese hervor. So ist „Das falsche Geschlecht“ auch optisch ein Hingucker und bietet eine qualitativ hochwertige Umsetzung. Dem wird auch die Aufmachung des 160 Seiten starken Buches gerecht, das in großformatigem Hardcover daherkommt.

Fazit:
„Das falsche Geschlecht“ ist eine wunderbare Graphic Novel, die sowohl durch eine fesselnde, interessante Handlung und authentische, gut nachvollziehbare Charaktere, als auch durch sehr stimmige, einnehmende Zeichnungen besticht. Chloé Cruchaudet gelingt ein mitreißendes Werk über eine auf wahren Begebenheit beruhende Transgender-Beziehung, die lange nachklingt und zum Nachdenken anregt. Wer auf der Suche nach guten Büchern im Trans-Genre ist, sollte sich dieses Werk nicht entgehen lassen. Es ist vielschichtig, spannend und kann voll und ganz überzeugen. Zu empfehlen.

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[ROMAN] George von Alex Gino


Autor: Alex Gino
Übersetzer: Alexandra Ernst
Hardcover: 208 Seiten
ISBN: 978-3737340328
Preis: 12,99 EUR (eBook) | 14,99 EUR (Hardcover)
Bestellen: Amazon

Story:
George ist 10 Jahre alt und weiß genau, dass sie eigentlich ein Mädchen ist. Sie fühlt sich wie eins und träumt davon, dass auch ihr Umfeld sie als so wahrnimmt, wie sie ist. Als die Schule ein Theaterstück plant, setzt George alles daran, die weibliche Hauptrolle zu bekommen, damit sie der Welt zeigen kann, wer sie wirklich ist. Doch dies ist nicht so einfach, denn ihre Lehrerin will nicht akzeptieren, dass ein Junge die Rolle der Spinne Charlotte spielen kann und auch ihre Mutter hat zunehmend Schwierigkeiten mit ihrem „Sohn“ George …

Eigene Meinung:
Mit dem Roman „George“ erschien eines der ersten Transgender Kinderbücher und spiegeln die Erlebnisse und Erfahrungen der Autorin Alex Gino wieder, die in den queeren und transgender Bewegungen aktiv ist. Die deutsche Fassung erschien im Fischer Verlag, der bereits mehrere Romane zum Transgender-Thema auf den Markt brachte (u.a. „Zusammen werden wir leuchten“, „Teddy Tilly“). „George erhielt mehrere Auszeichnungen und Preise.

Die Geschichte handelt von George, die sich schon in jungen Jahren als Mädchen fühlt, jedoch Probleme damit hat, sich anderen gegenüber zu öffnen. Erst als sie sich ihrer besten Freundin Kelly anvertraut und von dieser Unterstützung erfährt, setzt es sich George als Ziel, der Welt zu beweisen wer er ist. Die Handlung ist kindgerecht aufgearbeitet und gibt auch junge Leser die Möglichkeit sich mit George zu identifizieren. Einige Begriffe und Wörter erscheinen mir jedoch etwas unpassend für jüngere Leser, doch insgesamt gelingt es Alex Gino gut, Georges Gedanken und Gefühle darzustellen und jüngeren Lesern zu übermitteln. Aufgrund der Altersgruppe, an die sich das Buch richtet und Georges Alter gibt es natürlich nur einige wenige Probleme, denen sich die Protagonistin stellen muss – das Mobbing durch einzelne Mitschüler, das Unverständnis von Lehrern und Familie. Zudem wirkt alles ein wenig glatt, da die meisten Dinge recht schnell überwunden werden. Auch endet das Buch recht offen, bzw. an einer Stelle, die viele Möglichkeiten offenlässt. Natürlich wäre eine intensivere Behandlung der Transgender-Thematik für ein Kinderbuch nicht geeignet gewesen, doch ein wenig mehr Tiefgang (vielleicht durch ein Gespräch mit der Direktorin) wäre schön gewesen. So lässt Alex Gino leider einiges an Potenzial ungenutzt.

Die Charaktere sind sehr liebenswert und nachvollziehbar gestaltet. George ist sehr sympathisch und man kann sich sehr gut mit ihr und ihren Problemen identifizieren. Sie ist eine stille, ruhige Heldin, die vieles mit sich ausmacht und nur selten Kontra liefert. Ihre beste Freundin Kelly ist wesentlich aktiver und offensiver, allerdings wirkt sie manchmal ein wenig altklug. Die übrigen Figuren wirken ein wenig blass, da der Schwerpunkt auf George und (später) auf ihrer besten Freundin Kelly liegt. Dennoch passen sowohl Georges Mutter und ihr Bruder, als auch ihre Mitschüler gut zur Geschichte und geben der jungen Heldin den perfekten Rahmen um sich zu entfalten.

Stilistisch legt Alex Gino ein solides Kinderbuch vor, das allein schon aufgrund seiner Thematik ein Muss für junge Leser ist. Er hat einen kindgerechten, sehr schlichten Schreibstil, der lediglich durch einige schwierigere Begriffe etwas unhandlich wirkt. Da stellt sich automatisch die Frage, ob ein 10-jähriges Kind wirklich die gesamte Tragweite des Buches begreifen kann, oder ob einige Punkte doch zu hoch gegriffen sind. Da Alex Gino jedoch auch Themen wie Akzeptanz, Toleranz und den Mut zu sich selbst zu stehen, aufgreift, ist „George“ durchaus auch für Leser ab 10 geeignet, insofern man im Bedarfsfall bereit ist anfallende Fragen zu beantworten.

Fazit:
„George“ ist ein schönes, thematisch wichtiges Kinderbuch, das dazu anleiten soll, zu sich selbst zu stehen und andere Menschen, ganz gleich wodurch sie sich unterscheiden, zu akzeptieren und zu tolerieren. Alex Gino hat ein schönes, wertvolles Kinderbuch erschaffen, das an einigen Stellen ein wenig übers Ziel hinausschießt, an anderen Potenzial ungenutzt verstreichen lässt. Wer junge Leser an die Thematik Transgender heranführen will, ist mit „George“ sehr gut bedient – sowohl die junge Heldin, als auch die Handlung ist passend für 10-Jährige. Zu empfehlen.

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[ZITATE-FREITAG] Irgendwie Top

Hallo ihr Lieben,

ein Zitate-Freitag ohne ein Buch von Chris P. Rolls? Geht irgendwie nicht, deswegen hab ich mir meinen persönlichen Liebling rausgepickt und ein paar Zitate von „Irgendwie Top“ rausgesucht (was bei fast 600 Seiten gar nicht so leicht ist!). Wer gar nicht genug von Markus und Alex kriegen kann, sollte sich auch nach dem Roman „Irgendwie Lions Roar“ umsehen, das die Geschichte aus Alex‘ Sicht erzählt. Mir haben beide Bücher sehr gefallen, da ich Markus und Alex einfach lieb gewonnen habe.

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meine Rezension

Markus lächelte und drehte sich um. Er hatte ihn sofort erkannt: Alex.

„Hey!“ Er versuchte erst gar nicht, gegen die laute Musik anzuschreien und prostete ihm zu. „So wie du.“ Alex gab dem Barkeeper per Handzeichen zu verstehen, dass er auch ein Bier haben wollte.

Markus roch sofort das bekannte Aftershave und sog den Duft tief ein. Darunter lag eine Spur von männlichem Schweiß. Wunderbare Mischung. Alex schob sich dicht neben ihn, in die Lücke zwischen Markus und einem rothaarigen Twink. Er warf ihm über die Schulter einen Blick zu, aber Markus wich nicht zurück. Es war auch gar kein Platz vorhanden und unangenehm fand er den Körperkontakt bestimmt nicht.

Er musterte ihn ausgiebig. Alex sah wirklich gut aus. Er trug eine hellgraue Hose, ein schwarzes Hemd und darüber ein dunkelgraues Sakko. Elegant und doch schlicht, es betonte perfekt die gute Figur und seinen großen Wuchs. Er hatte die dunklen Haare an den Schläfen zurückgestrichen. Ein gepflegter Drei-Tage-Bart gab ihm einen Touch Verruchtheit.

Der Typ sieht echt verdammt gut aus, dachte Markus anerkennend.

„Irgendwie Top“, Seite 24-25 (c) Chris P. Rolls

„Hallo Markus!“ Er zuckte überrascht zusammen. Seine Stimme! Rauchig, mit leicht spöttischem Unterton, dunkel und so erotisch, wie im Video und in seiner Fantasie. Überall würde er sie erkennen; selbst in dem Lärm wusste er genau, wie sie klang. Der Duft seines Aftershaves, leichter Schweißgeruch. Lächelnde Lippen. Langsam sah Markus auf.

Neben ihm stand Alex und lächelte ihn an.

„Hallo Alex.“ Markus bemühte sich hastig ein neutrales Lächeln aufzusetzen und betont lässig einen Schluck seines Drinks zu nehmen. „Wieder unterwegs?“ Alex winkte dem Barkeeper und bestellte sich ein Bier.

„So wie du.“ Alex’ braune Augen wirkten ernster als sonst. Markus sog verstohlen die Luft ein. Da war der frische Duft von Sex.

„Bin gerade eben erst gekommen“, meinte Markus schmunzelnd und prostete Alex zu. „So wie du … anscheinend auch.“ Alex lachte auf, nahm einen Schluck aus der Flasche und leckte sich die Lippen. In Markus’ Unterleib verstärkte sich das Ziehen.

„Oh ja! Ein Neuzugang im Darkroom. Er war nicht schlecht, ich kann ihn dir empfehlen. Er ist nur dieses Wochenende hier, hat er gesagt.“

Markus gewann ein wenig Sicherheit zurück. „Dann gebe ich ihm wohl erstmal ein bisschen Erholzeit.“ Das Lächeln auf Alex’ schönem Mund verbreiterte sich.

„Vielleicht keine ganz dumme Idee“, bestätigte er. „Der da war es.“ Mit der Flasche in der Hand deutete er hin. Markus Blick folgte jedoch nicht seiner Geste, sondern blieb an den feuchten Lippen hängen.

Hastig wandte er den Blick ab, leckte sich nervös seine Lippen und leerte das Glas.

„Irgendwie Top“, Seite 84-85 (c) Chris P. Rolls

Er wollte seine Stimme hören, sein Lachen. Er wollte sehen, wie sich seine Lippen bewegten, seine Augen lasziv blitzten, ihn musterten. Er wollte ihn erleben, wie er ihn mit Blicken ausziehen würde, ihn mit den Augen verschlang. Er konnte tief in ihn blicken, wusste, wie er sich fühlte, wusste, was ihn bewegte, weil er dasselbe empfand, weil sie vom gleichen Schlag waren. Er würde ihn verstehen.

Markus schob sich hoch, griff nach dem Telefon. Er würde es ihm sagen, auch wenn es völliger Blödsinn war. Es war ihm gerade egal. Da war zu viel Alkohol in seinem Blut, um rationell zu denken.

Alex, ich will dich, würde er zu ihm sagen. Ich will dich mehr, als jeden anderen. Ich will dich spüren, will mich in dich versenken und mit dir eins werden, deinen Duft in meiner Nase, dein wunderbarer Körper ganz eng neben meinem.

Tief atmete er ein, wählte mit bebenden Fingern und lauschte auf das Freizeichen. Ich will dich, Alex, murmelten seine Lippen tonlos. Ich will dich, ich brauche dich.

Doch niemand nahm ab. Irgendwann sprang die Mailbox an.

Markus presste die Lider zusammen, als er dem Ansagetext lauschte. Er wollte so gerne hören, wie Alex ihm zuflüsterte: „Ich liebe dich, Markus. Ich begehre dich, ich will dich.“

Stattdessen sagte er: „Hinterlassen Sie mir eine Nachricht, ich rufe zurück.“ Dann war die wundervolle Stimme weg und Markus stöhnte enttäuscht auf.

„Ich will dich“, murmelte er leicht lallend und presste das Handy ganz eng an sein Ohr. „Nur dich …“

Was würde ich dafür geben, wenn Alex jetzt hier wäre. Alles. Markus schloss die Augen und träumte …

„Irgendwie Top“, Seite 122 (c) Chris P. Rolls

„Schön für dich“, kam es weitaus weniger euphorisch von Tim und Markus konnte ein lautes Gähnen vernehmen. „Du hast doch dauernd Sex.“

„Aber noch nie so!“, erklärte Markus entschieden. „Es war … gigantisch, einfach …“ Tief holte er Luft und rang um die passenden Worte, da unterbrach ihn Tim: „Äh, Markus? Du weißt schon, wie spät es ist?“ Wusste er nicht, also sah er auf die Uhr am Armaturenbrett.

„Oh!“ Markus‘ Hochgefühl bekam einen gehörigen Dämpfer.

„Ja: Oh“ Tim ahmte seinen Tonfall nach. „Es ist schon nach drei Uhr und ich habe morgen Schule. Muss eine blöde Matheklausur schreiben.“

„Sorry, Kleiner“, gab Markus zerknirscht von sich. Scheiße, er hatte echt jedes Zeitgefühl verloren.

„Schon gut.“ Tim brummte gähnend. „Hey, ich komme morgen nach der Schule im Studio vorbei, bevor ich zu Mark gehe, ja? Dann kannst du mir alles erzählen.“

Mark. Ja, klar. Tim war fast jeden Tag bei ihm. Junge Liebe eben. Markus kam sich plötzlich dumm, ja überaus peinlich vor.

„Ja! Gut, ja.“ Die Euphorie war verflogen. Hart war er wieder in der Realität gelandet.

„Good night, Markus.“ Tim verabschiedete sich zögernd.

„Yes. Night, Struppi“, antworte Markus mechanisch und er ließ das Handy in seiner Tasche verschwinden.

Das unruhige Hochgefühl kehrte nicht zurück, war nun vernünftigeren Gedanken gewichen. Erst später, in seinem Bett, als Markus schlaflos an die Decke starrte und sich jede Einzelheit seiner Begegnung mit Alex ins Gedächtnis zurückrief, breitete sich erneut ein seliges Lächeln auf seinem Gesicht aus. Es verschwand auch nicht, als er endlich, endlich einschlief.

Womöglich wurde es sogar noch stärker, während ihm das Unterbewusstsein in seinen Träumen sehr glaubhaft die Berührung weicher Lippen vorgaukelte, ihn glauben machte, er würde mit Alex zusammen im Bett liegen. Eng beieinander, mit Armen und Beinen verschlungen, an ihn gepresst, seine Nase in Alex‘ Haaren vergraben, tief seinen Duft einatmend. Wie zwei gezähmte Raubtiere.

Panther und Löwe.

„Irgendwie Top“, Seite 211 (c) Chris P. Rolls

Abermals seufzte Alex auf und kramte plötzlich in seiner Jackentasche. Er zog einen Euro hervor und drehte die Münze nachdenklich in den Fingern. Gebannt schaute Markus auf das glänzende Stück Metall. Sie grinsten sich verstehend an.

„Was wählst du?“ Alex warf die Münze mehrmals hintereinander in die Luft.

„Kopf.“ Markus lächelte süffisanter und er trat einen Schritt auf Alex zu. „Deinen, Faceman!“, raunte er ihm zu. Alex zuckte zusammen und sein schöner Mund zuckte, die Augen blitzten gefährlich auf. Raubtieraugen. Er lachte und meinte: „Nun gut, dann nehme ich die Zahl … oder auch die Zentimeter, mein gut bestückter Muskelmann!“ Beide schmunzelten. Die nächste, die entscheidende Spielrunde war eröffnet. Ihr Spiel!

„Na los!“, forderte Markus in atemloser Spannung. „Beeile dich, du musst zum Flieger.“

„So ungeduldig?“ Alex spielte scheinbar gelassen mit der Münze, aber seine Finger zitterten ganz leicht. Auch Markus‘ Atem beschleunigte sich, als Alex die Münze einmal fest umschloss und ihn direkt ansah. Seine Zungenspitze leckte flüchtig über die Lippen, dann biss er sich in die Wange und warf die Münze hoch.

Markus wandte den Blick nicht von Alex‘ Augen ab, nur aus dem Augenwinkel bekam er mit, wie der Euro in die Luft wirbelte, beinahe in Zeitlupe den Höhepunkt seines Fluges erreichte und zurückkam. Zielsicher landete er in Alex‘ offener Hand. Keiner der Männer hatte den Blick vom anderen gelassen. Sie saugten sich aneinander fest, sahen sich unverwandt an. Langsam senkte Alex den Blick und begann zu lächeln.

„Und?“ Markus vermochte es nicht den Blick von Alex zu lösen. Es ging nicht. Sein Herz raste so schnell und seine Knie fühlten sich verdammt wackelig an. Alex‘ Gesicht blieb ausdruckslos. Er starrte bewegungslos auf die Münze. Langsam senkte auch Markus den Blick.

„Dein Spiel, Markus“, raunte Alex ihm zu, drückte ihm die Münze in die Hand, hob seine Tasche und marschierte hastig davon. Er winkte ihm noch einmal zu, bevor er in der Kontrolle verschwand. Markus sah ihm nach, bis er nichts mehr von ihm sehen konnte. Erst dann senkte er den Blick auf das kleine Stück Metall.

Er hatte es genau gesehen.

So wie Alex.

Das Spiel war entschieden.

Kopf.

„Irgendwie Top“, Seite 279-280 (c) Chris P. Rolls

„Lampenfieber?“ Markus hielt an einer umspringenden Ampel.

„Ich kann nicht gerade behaupten, ich würde gleich einpennen vor Langeweile“, gab Alex betont gelassen, konträr zu seinen Gesten zurück und ergänzte seufzend: „Meistens wird es erst besser, wenn man voll ins Scheinwerferlicht tritt oder in die laufende Kamera schaut.“ Belustigt fuhr Markus wieder an, kaum sprang die Ampel um.

„Zum Glück entscheidet heute auch keiner über den Oscargewinner.“

„Nicht?“, gab Alex gespielt erstaunt zurück. „Und weswegen musste ich dann diese lange Dankesrede auswendig lernen?“

„Na, um meinen Eltern auf den Knien dafür zu danken, dass sie so einen tollen Sohn in die Welt gesetzt haben, der dir als Bodyguard, Krankenschwester und Chauffeur Dienste leistet.“

Alex lachte laut auf. „Du meinst den Teil mit der Nachtschicht und den Überstunden sollte ich allen Ernstes weglassen? Ihr Sohn ist dabei immer so engagiert.“ Markus stutzte einen Moment, überlegte und nickte schmunzelnd.

„Ich glaube, die Details wollen sie beide nicht wirklich wissen. Lass sie besser aus.“

„Gut, dann spare ich aus, wie gut du mir gelegentlich zur Hand gehst und wie eifrig du immer bestrebt bist, mit mir zu kommen.“ Sie grinsten sich an und lachten lauthals los. Nur langsam ebbte das Lachen ab, während Markus sich durch den restlichen Berufsverkehr quälte.

Wir fahren wirklich zu meinen Eltern, kam ihm zu Bewusstsein. Mein Freund und ich. Mit Blumen und einem Geschenk für Dad. Wie ein echtes Schwulenpärchen. Scheiße, wie verflucht noch einmal bin ich noch einmal in diese Situation geraten?

„Irgendwie Top“, Seite 357 (c) Chris P. Rolls

Der Alkohol brannte in der Kehle, brachte leider weitere unliebsame Gedanken. Vielleicht hatte Mum doch ein wenig recht. Alex war so ganz anders als er, lebte in einer völlig anderen Welt. Ob er Markus nicht irgendwann für dumm halten würde, weil ihm mal wieder im richtigen Moment die Worte fehlten? Alex wusste immer, was er sagen wollte, brachte immer das Richtige heraus, ohne stundenlang darüber nachdenken zu müssen.

„Du weißt schon, dass das hier keine Fickwette mehr ist?“ Alex hatte es auf den Punkt gebracht, während Markus noch stammelnd nach Worten gesucht hatte. Viel Muskeln, wenig Hirn.

Markus presste grimmig die Lippen aufeinander. Aber Alex mochte ihn, begehrte ihn und ja Tim hatte gemeint, man würde doch sehen, wie verliebt er ihn ansah. Scheiße ja! Markus hatte die Blicke bemerkt. Blicke, die in ihn drangen, sein Innersten nach Außen kehrten.

Ich liebe ihn wirklich. Er stöhnte innerlich, spülte das ungeliebte Wort gleich wieder hinab. Alex mich wohl auch, glaube ich. Nur wird es so bleiben? Was, wenn er entdeckt, dass ich nicht so toll bin, wie er denkt? Wenn er bemerkt, wie wenig ich von allem weiß? Ich kann ihm nichts mehr vormachen, der durchschaut mich völlig. Keine Chance!

Seufzend rutschte Markus tiefer, stellte die Flasche auf seinem breiten Brustkorb ab und drehte den Kopf, um einen Blick auf das Handy zu werfen. Es lag dunkel da, zeigte keine SMS oder einen Anruf an.

Dummes Teil. Vielleicht ist es defekt? Oder hat keinen Empfang? Verdammt noch einmal ruf endlich an!

Er schloss die Augen. Er wollte Alex hier haben, ihn in seine Arme schließen, ihn halten und sich endlich entschuldigen dürfen. In Alex‘ Nähe kamen alle Zweifel zur Ruhe. Wenn der ihn küsste, dann wusste er einfach, was sie einander bedeuteten, dass alles egal war, was die anderen dachten.

„Es tut mir leid“, murmelte er. „Ich war dumm. Ich bin manchmal halt ein bisschen schwer von Begriff. Nicht so wie du.“ Markus hob den Finger und zog Alex‘ imaginäre Lippen in der Luft nach. „Du bist smart, intelligent, siehst toll aus, weißt immer wie du dich bewegen, was du tun, was du sagen musst.“ Pokerface, Faceman, ein Traummann. Wirklich! Mein Traummann, gestand sich Markus ein und dachte wehmütig an das Gefühl von Alex‘ Lippen auf seinen. Ganz und gar. Es kann nie wieder einen anderen geben, niemanden wie Alex. Wer sollte da je heranreichen können? Dasselbe hatte er auch einmal von Tim gedacht. Aber gegen das, was er für Alex empfand, war das nur eine billige Teenyschwärmerei gewesen.

Scheiße, scheiße!

„Irgendwie Top“, Seite 396 (c) Chris P. Rolls

„Ich wette, jetzt hat er ein gutes Foto. Du warst klasse!“

Scheiße, dieser Spinner! Hat der das mit Absicht gemacht? Markus schaute Alex verwirrt an. Seine Jeans spannte noch immer und er küsste ihn, lachte leise vor sich hin. Verdammt noch einmal!

„Das zahle ich dir heim!“, zischte er Alex zu und erhob sich viel zu hastig. Ja, wer hinsah, konnte genau erkennen, wie sehr ihn das gerade angemacht hatte.

„Denkst du mir geht es anders?“, flüsterte Alex ihm zu und sein cooles Lächeln wirkte etwas gequälter. „Schauspielern ist entschieden einfacher.“

„Fantastisch!“ Dirk winkte sie heran und Markus war nur zu froh, das helle Flutlicht zu verlassen. Zum Glück hatte keiner mehr hingeschaut. Alles hatte sich um Dirks Computer versammelt.

„Perfekt!“ Per strahlte „Es ist perfekt! Das Bild kommt ins Schaufenster! In jede Filiale, das wird die Werbeanzeige. Das ist einfach genial!“

„Gratulation. Das ist wirklich gute Arbeit“, raunte auch Joschi Markus zu, als er den Hals reckte. Hannes rückte etwas zur Seite und ließ Markus und Alex einen Blick auf das Foto werfen. Alex sog hörbar die Luft ein und grinste dann wie ein Honigkuchenpferd. Markus konnte nur starren und sein Herz pochte wie wild. Das Bild war … unbeschreiblich.

Ihre Lippen berührten sich fast. Alex‘ Hand hatte das Sakko zur Seite geschoben und gab den Blick auf seine kräftigen Brustmuskeln frei. Man konnte förmlich ihren Atem hören, vermeinte das Herzklopfen zu spüren. Es war sexy. Es war atemberaubend und es wirkte total echt. Was es ja auch war.

Begeisterte Stimmen rauschten in Markus‘ Ohren. Er fühlte sich verwirrt, nahm kaum die vielen Hände wahr, die ihm anerkennend auf den Rücken und die Schultern klopften. Jeder gratulierte ihm und Alex, der mit seinem wissenden, zufriedenen Lächeln dastand und immer wieder auf dieses perfekte Bild sah.

Das waren sie, eindeutig, auch wenn es ihm ein wenig fremd vorkam. Zwei Männer, die sich innig ansahen, deren Gefühle aus jedem Pixel dieses Bildes sprangen. Verliebt. Völlig verknallt. Einander verfallen. Es war unglaublich. Das perfekte Bild zweier sich liebender Männer.

„Irgendwie Top“, Seite 506-507 (c) Chris P. Rolls

Das war’s für diese Woche – ich hoffe, die Zitate gefallen euch und machen Lust auf mehr. Kommende Woche könnt ihr euch auf „Tajo@Bruns_LLC“ von Bianca Nias freuen. In gewisser Weise ist ein Zitate-Freitag mit ihr auch schon überfällig 🙂

Liebe Grüße,
Juliane

[KINDERBUCH] Teddy Tilly von Jessica Walter und Dougal MacPherson


Autor: Jessica Walter
Illustrator: Dougal MacPherson
Übersetzer: Anu Stohner
Hardcover: 32 Seiten
ISBN: 978-3737354301
Preis: 14,99 EUR (Hardcover)
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Story:
Teddy Thomas ist unglücklich, denn er fühlt sich schon seit langer Zeit nicht als Teddybär, sondern als Teddybärin. Nach einigem Zögern offenbart er seinem besten Freund Finn sein Geheimnis und ist ehrleichtert, dass Finn sich an seinem Wunsch nicht stört, sondern ihm versichert, dass er ihn immer liebhaben wird. So wird aus Thomas Tilly und die Freundschaft der beiden wird immer tiefgründiger und stärker …

Eigene Meinung:
Das Bilderbuch „Teddy Tilly“ entstand im Rahmen einer Crowdfunding Kampagne der australischen Mutter Jessica Walter, die ihren Kindern gerne eine kindgerechte Geschichte über Transgender vorlesen wollte. Unterstützt von Dougal MacPherson, der die Geschichte illustriert hat, wurde die Kampagne ein Erfolg und das knapp 40-seitige Buch erschien. Im August 2016 veröffentlichte der Sauerländer Verlag „Teddy Tilly“ und präsentiert damit ein weiteres Transgender-Werk.

Die Geschichte ist kindgerecht aufgearbeitet und komplett illustriert. Jessica Walter behandelt Themen wie Akzeptanz, Toleranz und Vertrauen. Sie zeigt, dass sich zwischen Finn und Tilly nichts ändert, nachdem sich Thomas entschieden hat eine Teddybärin zu sein. Beide spielen nach wie vor zusammen, klettern auf ihr Baumhaus und trinken Kakao wenn es draußen regnet. Ihr gelingt eine zauberhafte Bilderbuchgeschichte, die vollkommen unkompliziert das Thema Transgender aufgreift und sehr einfühlsam jungen Lesern näherbringt. Das macht das Bilderbuch zu einem der wenigen existierenden Transgender Kinderbüchern, die aktuell auf dem Markt zu finden sind.

Ein wenig gewöhnungsbedürftig sind die Illustrationen von Dougal MacPherson, der mit seinem „15 Minute Drawings“ bekannt geworden ist. Sie wirken ein recht kantig, unsauber und kindlich, doch das passt recht gut zum Stil des Buches, da sich ein Kind in den recht einfachen, groben Zeichnungen rasch wiedererkennen dürfte. Teddy Tilly ist sehr liebevoll in Szene gesetzt, ebenso ihr bester Freund Finn.

Gelungen ist auch die Aufmachung der deutschen Ausgabe – ein stabiles Hardcover, vollfarbig und in einem sehr angenehmen Format.

Fazit:
„Teddy Tilly“ ist ein gelungenes Kinderbuch, das ein wichtiges Thema anschneidet und für Akzeptanz und Toleranz wirbt. Wer Kinder im passenden Alter hat und über das Thema Transgender aufklären will, sollte sich das Werk von Jessica Walter und Dougal MacPherson nicht entgehen lassen. Zu empfehlen.

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[ZITATE-FREITAG] Two Boys kissing

Hallo ihr Lieben,

nachdem ich letzte Woche eine Pause einlegten, bin ich wieder mit einem neuen Zitate-Freitag am Start und habe mir eines der schönsten Jugendbücher rausgesucht, das ich bisher gelesen habe – „Two Boys kissing“ von David Levithan. Der Roman hat mich tief beeindruckt, zum einen wegen der tollen Geschichte, zum anderen wegen den ungewöhnlichen Erzählern, die dem Buch einen Tiefgang gegeben haben, den ich bei vielen Büchern vermisse. Solltet ihr das Buch nicht kennen, solltet ihr das dringend ändern. In meinen Augen ist es ein Must-Read.

Bestellen: Amazon
meine Rezension

Wenn ihr jetzt im Teenageralter seid, werdet ihr wohl kaum etwas von uns wissen. Wir sind eure Schattenonkel, eure Engelpaten, der beste Freund eurer Mutter oder Großmutter aus Collegezeiten, der Autor des Buchs, das ihr in der Schwulen- und Lesbenabteilung der Bücherei gefunden habt. Wir sind Figuren aus einem Stück von Tony Kushner oder Namen auf einer Quiltdecke, die nur noch selten aus dem Schrank genommen wird. Wir sind die Geister dessen, was von der älteren Generation noch übrig ist. Ihr kennt ein paar von unseren Songs.

Wir wollen euch nicht zu schwer im Nacken sitzen. Was wir hinterlassen, soll euch nicht bedrücken. So würdet ihr nicht leben wollen, und so soll man sich auch an euch nicht erinnern. Es wäre ein Fehler, unser Sterben als unsere große Gemeinsamkeit anzusehen. Das Leben bis dahin war wichtiger.

Wir haben euch Tanzen gelehrt.

„Two Boys kissing“, Seite 9-10 (c) David Levithan, KJB

Es hat viele Überlegungen zu der Frage gegeben, wo Craigs und Harrys Kuss stattfinden soll.

Wenn Bequemlichkeit der ausschlaggebende Faktor gewesen wäre, hätte die Wahl ganz eindeutig lauten müssen: bei Harry zu Hause oder im Garten. Harrys Eltern hätten absolut nichts dagegen einzuwenden gehabt und gern die nötigen Vorkehrungen getroffen. Aber Craig und Harry wollten sich damit nicht verstecken. Der Kuss hat erst einen Sinn, wenn andere daran teilhaben.

Schließlich schlug Craig die Rasenfläche vor ihrer Highschool vor – ein öffentlicher Ort und zugleich vertraut. Die Schule ist an Wochenende normalerweise aus dem einen oder anderen Grund offen – Footballspiel, Theaterproben, ein Debattierwettbewerb. Aber auf der Rasenfläche sind sie niemandem im Weg. Es gibt keine Probleme, sich mit Wasser und Strom zu versorgen. Und ihre Freunde wissen, wo sie zu finden sind.

„Two Boys kissing“, Seite 48-49 (c) David Levithan, KJB

Harry und Craig haben für die kommenden zweiunddreißig Stunden, zwölf Minuten und zehn Sekunden ein letztes Mal die Toilette aufgesucht. Die Kameras sind bereit. Ms Luna hält die Stoppuhr in der Hand. Es sind noch weitere Freunde gekommen. Harrys Eltern sehen zu den beiden hin und heben den Daumen.

Es ist Zeit.

Harry beugt sich zu Craig und flüstert ihm ins Ohr: „Ich liebe dich.“

Craig beugt sich zu Harry und flüstert ihm ins Ohr: „Ich liebe dich auch.“

Niemand außer uns hört sie.

Dann ist es soweit. Monatelange Vorbereitungen, wochenlanges Üben und jahrelanges Leben haben zu diesem Augenblick geführt.

Sie küssen sich.

„Two Boys kissing“, Seite 68 (c) David Levithan, KJB

Harry bleibt stehen. Zieht Craig fester an sich. Craig malt ein Fragezeichen auf Harrys Rücken. Aber Harry kann nicht darauf antworten. Er küsst Craig nur inniger, schlingt die Hand um seinen Nacken, um ihn zu warnen, dass er bei der Sache bleiben und sich nicht umdrehen soll.

Dann hört Craig es. Seinen Namen. Die Stimme seiner Mutter. Seinen Namen.

Wir sehen alle zu der kleinen Frau hin, die bis vor zehn Minuten dachte, Craig sei übers Wochenende zum Zelten gefahren. Sie wirkt eher verwirrt als aufgebracht, und wir wünschten, wir könnten ihr die Sache erklären. Wir würden sie gern beiseite ziehen und ihr erklären, was wir wissen – was unsere Mütter verkehrt und was sie richtig gemacht haben. Ihr Sohn ist am Leben, möchten wir sagen. Ihr Sohn lebt.

Sie begreift nicht, warum er nicht antwortet. Warum er weiter diesen anderen Jungen küsst, obwohl sie direkt hinter ihm steht und ihn beim Namen ruft.

„Two Boys kissing“, Seite 117 (c) David Levithan, KJB

Cooper ist schon ein paar Minuten vor halb acht wieder im Starbuck’s, nur für den Fall das Antimatter – Julian – früh dran sein sollte. Zwischendurch hat er bei Subway gegessen. Und jetzt hört er endlich seine Nachrichten ab. Genauer gesagt, die erste Nachricht. Was ein Fehler ist.

Sieh zu, dass du schleunigst wieder herkommst, sonst wird es ungemütlich für dich. Ich schleppe dich eigenhändig zurück nach Hause, wenn ich –

Cooper drückt auf Löschen. Insgesamt vierzehn Mal.

Wir würden ihn gern schütteln. Ihm sagen, was wir aus trüber Erfahrung gelernt haben: Man darf die erste Nachricht nicht ignorieren, aber es ist die letzte, auf die es ankommt. Wutanfälle können sich legen. Zorn kann sich ausgetobt haben. Menschen können wieder zu Verstand kommen.

„Two Boys kissing“, Seite 137-138 (c) David Levithan, KJB

„Wie könnt ihr das nicht hören?“, fragt er seine Mutter. „Wie könnt ihr einfach dasitzen, wenn so was im Radio kommt?“

Sein Vater schlägt einen versöhnlichen Ton an. Er ist immer der „gute Bulle“. Neil hat es satt, dass seine Eltern überhaupt wie Bullen sind.

„Wir haben wirklich nicht hingehört. Sonst hätten wir es ausgeschaltet. Wir haben die Nachrichten zur vollen Stunde gehört und es weiterlaufen lassen.“

„Wenn jemand so was sagt, solltet ihr aber hinhören!“ Neil wird laut.

Seine Mutter mustert ihn wie einen unfähigen Angestellten. „Warum sollten wir denn da hinhören?“

Weil ihr einen schwulen Sohn habt.

Miranda klappte der Unterkiefer herunter. Das ist die interessanteste Unterhaltung im Familienkreis, die sie jemals erlebt hat. Ein unanständiges Wort aus Neils Mund hätte sie alle nicht weniger schockiert.

Er hat den Waffenstillstand gebrochen.

„Two Boys kissing“, Seite 189-190 (c) David Levithan, KJB

Harry versucht für Craig da zu sein. Mit aller Macht. Eben in dem Moment, als es für sein Gefühl mit dem Kuss nichts Neues mehr zu sagen gibt, versucht er ihm das zu sagen. Und Craig hört es. Craig zeichnet Linien auf seinen Rücken. Erst denkt Harry, es ist ein P, oder ein e. Doch dann bekommt es eine zweite Hälfte – ein Herz.

Harry antwortet mit einem Ausrufezeichen.

„Du bist nicht allein“, sagt er, Mund an Mund mit Craig.

„Was?“, fragt Craig.

„Du bist nicht allein“, sagt Harry noch mal.

Und dieses Mal hört Craig es.

„Two Boys kissing“, Seite 251-252 (c) David Levithan, KJB

Die letzte Minute.

Die letzten dreißig Sekunden.

Bei uns war das Ende nie so präzise.

Wir möchten die Augen schließen. Warum können wir es nicht? Wir, die wir nur träumten und liebten und vögelten – warum sind wir hierher verbannt worden, warum hat die Welt hierfür noch immer keine Lösung gefunden? Warum müssen wir zusehen, wie Cooper zu diesem Geländer geht? Warum müssen wir zusehen, wenn ein Zwölfjähriger sich eine Waffe an der Kopf hält und abdrückt? Warum müssen wir zusehen, wie ein Vierzehnjähriger sich in der Garage erhängt und zwei Stunden später von seiner Großmutter gefunden wird? Warum müssen wir zusehen, wie ein Neunzehnjähriger am Rand eines leeren Highways aufgeknüpft und dem Tod überlassen wird? Warum müssen wir zusehen, wie ein Dreizehnjähriger sich mit Pillen vollstopft und dann eine Plastiktüte über den Kopf zieht. Warum müssen wir zusehen, wie er sich erbricht und schließlich erstickt?

Warum müssen wir immer wieder sterben?

„Two Boys kissing“, Seite 269 (c) David Levithan, KJB

 

Damit verabschiede ich mich für dieses Mal von euch. Ich hoffe sehr, euch gefällt meine Auswahl, und ihr holt euch dieses wundervolle Jugendbuch. In diesem Sinne noch ein letztes Zitat aus dem Buch: „Seid mehr als Staub.

Liebe Grüße,
Juliane

[ROMAN] Eisprinz und Herzbube von Elena Losian

Eisprinz
Autor: Elena Losian
Taschenbuch: 448 Seiten
ISBN: 978-3945118955
Preis: 6,99 EUR (eBook) | 16,90 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Der 15-jährige Emilio hat seit jeher mit seinem explosiven Temperament zu kämpfen, was sein Leben in der Schule nicht sonderlich einfach macht. Da er zudem von zwei Männern großgezogen wird, hat er einen schweren Stand bei seinen Mitschülern – sie halten ihn für schwul, obwohl er eine Freundin hat und alles daran setzt, normal zu sein. Lediglich sein bester Freund Etienne hält in allen Punkten zu ihm, ebenso sein Ziehvater Phil, mit dem sich Emilio mit wachsender Begeisterung in den Haaren liegt. Richtig problematisch ist jedoch seine Hass-Beziehung zu dem 17-jährigen Nicholas, der offen schwul und trotzdem an der Schule sehr beliebt ist. Nick geht fest davon aus, dass Emilio homophob ist, was für eine Menge Zündstoff zwischen den beiden sorgt. Ihre Grabenkriege gipfeln irgendwann in einem zornigen Kuss in der Umkleidekabine, mit dem Nicholas unfreiwillig mehr in Gang setzt, als er gedacht hat. Plötzlich ist sich Emilio nämlich nicht mehr so sicher, dass er hetero ist und auch Nicholas‘ Gedanken drehen sich immer mehr um seinen ehemaligen Erzfeind …

Eigene Meinung:
„Eisprinz und Herzbube“ erschien bei der Polygon Noir Edition, dem Jugendbuch/All Age Label des Main Verlags und markiert sowohl die erste Veröffentlichung innerhalb des neuen Labels, als auch die der Autorin Elena Losian. Es handelt sich um eine typische Coming-of-Age Geschichte mit einer gelungenen Mischung aus Romantik, Familiendrama, Problembewältigung und jugendlichem Gefühlschaos.

Die Geschichte um Emilio und Nicholas braucht ein wenig um in Fahrt zu kommen, doch je weiter man liest, umso mehr fesseln den Leser die jugendlichen Probleme der beiden Protagonisten, das chaotische Auf und Ab in ihrem Leben und ihre wachsenden Gefühle füreinander. Dabei geht Elena Losian nicht nur auf die Beziehung von Emilio und Nick ein, sondern beleuchtet auch das familiäre Umfeld der beiden und die die vielen Probleme, die sich daraus ergeben. Während Emilio mit den Vorurteilen zu kämpfen hat, die ihm wegen seiner beiden schwulen Väter entgegen gebracht wird, muss sich Nicholas um seine verwirrte Mutter kümmern, die nach dem Tod ihrer Tochter mental abgerutscht ist und intensive Betreuung braucht. Auch die Probleme von Etienne finden Beachtung und werden mit angeschnitten, ebenso erhält man über Phils Tagebücher einen Einblick in die Vergangenheit von Emilios Väter. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf Emilio, der sich im Laufe der Zeit auch mit seiner Mutter auseinandersetzen muss, die noch immer mit seinem Vater Julian in Kontakt steht. Die daraus resultierenden Probleme bringen sein gewohntes Umfeld ordentlich durcheinander und sorgen dafür, dass man liebend gern mehr über Phil und Julian erfahren möchte, da die beiden ungleichen Männer eine Menge Potenzial bieten.
Ob es sich bei „Eisprinz und Herzbube“ um ein klassisches Jugendbuch handelt, muss jeder selbst beurteilen – mir persönlich ist es an einigen Stellen doch zu explizit, was die erotischen Szenen anbelangt, da diese für eine jugendliche Zielgruppe doch recht detailliert geschrieben sind. Sicher gibt es auch Jugendbücher, in denen Sex vorkommt, doch da werden solche Szenen eher kurz abgehandelt und ab einem gewissen Punkt ausgeblendet.

Die Charaktere sind sehr sympathisch und wachsen dem Leser schnell ans Herz. Allerdings ist Emilios Wandlung gegenüber Nick (von Hass zu Freundschaft) fast ein wenig zu schnell, denn es kommt einem so vor, als begraben sie ihren Zwist binnen weniger Stunden, nachdem sie sich ewig nicht ausstehen konnten. Ansonsten sind die Figuren gut gezeichnet – man versteht sowohl Emilio, als auch Nicholas, ebenso die vielen Nebencharaktere, die mal mehr, mal weniger wichtig sind. Sie haben alle ihre Ecken und Kanten, was sie lebendig und authentisch macht. Während Emilio mit der Zeit erwachsen wird, müssen sich auch seine Väter ihren eigenen Dämonen stellen und mit ihrer Vergangenheit klarkommen. Nicholas‘ Probleme werden ebenfalls intensiv beleuchtet, was dem jungen Mann einen gewissen Tiefgang verleiht und dafür sorgt, dass der Leser automatisch mit ihm mitleidet.

Stilistisch ist „Eisprinz und Herzbube“ gut geschrieben und kann durchaus unterhalten Elena Losian hat einen sehr angenehmen Stil, der ein wenig an Katja Kobers „Chaosprinz“ erinnert, wenngleich der vorliegende Roman nicht ganz so viel Situationskomik und Comedy zu bieten hat. Dennoch bietet das das Buch lockerleichte Unterhaltung, die man nicht so leicht aus der Hand legen kann. Die Autorin hat ein Händchen für ihre Figuren und deren Gefühle, ebenso für Dialoge und Beschreibungen.

Fazit:
„Eisprinz und Herzbube“ ist ein schöner Coming-of-Age Roman, der durch sympathische Charaktere, eine lockerleichte Geschichte und einen angenehmen Schreibstil besticht. Elena Losian legt ein lesenswertes Buch über jugendliche Probleme, Familiendramen und erste Liebe vor, das man gerne liest und das durchaus Lust auf mehr macht. Wer lockerleichte Sommerromane mag und Bücher wie „Chaosprinz“ liebt, dem wird auch „Eisprinz und Herzbube“ gefallen. Zu empfehlen.

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[ROMAN] Neustart Berlin von Franziska Kirchhoff

Autor: Franziska Kirchhoff
Taschenbuch: 374 Seiten
ISBN: 978-3955336158
Preis: 9,99 EUR (eBook) | 15,89 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Nachdem ihre Tonis einzige, langjährige Beziehung den Bach runterging, zieht sie Hals über Kopf nach Berlin um dort zur Ruhe zu kommen und vielleicht ihr Glück zu finden. Bei ihrer neuen Arbeitsstelle lernt sie die Designerin Doro kennen, die hetero ist, wenig für Beziehungen übrig hat und lieber ohne Verpflichtungen in den Tag hinein lebt. Dennoch ist Toni fasziniert von der jungen Frau und freundet sich schnell mit ihr an. Als sie kurz darauf auf einer Lesbenparty die verständnisvolle, charismatische Punkerin Paula trifft, die ihr Avancen macht, fühlt sich Tony mehr als geschmeichelt. Sie beschließt es langsam angehen zu lassen und sich auf Paula einzulassen. Im Gegenzug zu Doro sucht diese nämlich durchaus nach etwas Festem – für Toni perfekt, denn auch sie ist eher der Beziehungstyp. Doch dann eröffnet ihr Doro, das sie das Gefühl hat, ebenfalls an Frauen interessiert zu sein und bittet Toni, sie in die Berliner Lesbenszene zu begleiten. Für Toni beginnt eine Achterbahnfahrt der Gefühle, denn es fällt ihr immer schwerer sich zwischen Doro und Paula zu entscheiden …

Eigene Meinung:
„Neustart Berlin – Einfach verrückt“ erschien 2016 im Ylva Verlag und stammt von Franziska Kirchhoff, die mit dem lockerleichten Liebesroman ihr Debüt gibt. Thematisch geht es um Liebe, Freundschaft und Selbstfindung, angereichert mit einer Dreiecksbeziehung und einer Menge Chaos.

Die Geschichte ist recht einfach gestrickt und plätschert die meiste Zeit ereignislos vor sich hin, wenn man von Tonis chaotischen Gefühlen für zwei grundverschiedene Frauen einmal absieht. Gerade der Anfang wirkt sehr langatmig, da bis auf das Kennenlernen von Toni und Doro bzw. Paula kaum, dem üblichen Arbeitsalltag und der ein oder anderen Lesbenparty kaum etwas passiert. Die Gewichtung liegt ganz klar auf der Liebesgeschichte zwischen Toni und ihrem Herzblatt, die durch das Einbinden einer Dreiecksgeschichte aufgepeppt wird. Diese ist im Grundsatz zwar gut umgesetzt (gerade was die unterschiedlichen Gefühle anbelangt, die diese in Toni auslösen), liefert jedoch kaum Spannung, da der Leser von Anfang an weiß, für wen sich Toni entscheidet. Dementsprechend mühselig ist es sich durch das Buch zu lesen, nur um alle Vermutungen bestätigt zu finden. Auch sonst läuft alles recht stereotyp ab – Eifersüchteleien, Missverständnisse, Drama. Man hätte hin und wieder ein wenig aus dem typischen Handlungsverlauf ausbrechen oder die Charaktere ein wenig lebendiger gestalten können, um den Leser bei der Stange zu halten. So ist „Neustart Berlin“ leider nur eine nette Liebesgeschichte für Zwischendurch, der schnell die Puste ausgeht.

Die Charaktere sind sehr stereotyp geraten und können nur bedingt überzeugen. Toni ist im Grunde sympathisch, doch im Laufe der Zeit büßt sie einige Sympathiepunkte durch ihr Spiel mit Paula ein. So gut man sie und ihre wechselnden/unterschiedlichen Gefühle nachvollziehen kann, es stößt dem Leser dennoch sauer auf, wie schnell sich ihre Gefühle um 180°drehen und in welcher Form sie agiert. Das macht sie leider zu einer eher unsympathischen Heldin, der darüber hinaus ein wenig der Tiefgang fehlt. Auch Doro tut sich mit ihrer Art und Denkweise nur bedingt positiv hervor. Sie ist wahnsinnig unsensibel und egoistisch, gerade wenn es um die Gefühle anderer geht. Zudem ist es schade, dass man so wenig über sie erfährt – immerhin glaubt sie hetero zu sein und ist komplett neu in der Lesbenszene. Doch wirkliche Probleme scheint sie damit nicht zu haben, ebenso wenig ihre Freunde und Kollegen. Das ist ein wenig schade, da man hier mehr hätte rausholen können. Sicherlich „Neustart Berlin“ ist ein leichter Roman, doch einige ernstere Themen (neben Tonis Gefühlschaos) hätte man schon anschneiden können.
Lediglich Tonis beste Freundin Leo und Paula bleiben positiv in Erinnerung, da sie dank ihrer offenen, direkten Art wesentlich sympathischer erscheinen. Die übrigen Charaktere wirken ein wenig wie Statisten, da sie nur am Rande in Erscheinung treten und selten eine Meinung nach außen tragen.

Stilistisch liefert Franziska Kirchhoff solide, aber einfache Kost, die sich gut für einen sommerlichen Leseabend eignet. „Neustart Berlin“ ist aus der Ich-Perspektive Tonis geschrieben, so dass man ihre Gedanken und Gefühle sehr direkt und genau mitbekommt. Man kann sich gut in sie hineindenken und nachvollziehen, gerade wenn sie darüber nachgrübelt, wen sie wirklich liebt. Auch die Dialoge sind gut lesbar und in sich stimmig, ebenso die erotischen Szenen, die nur am Ende vorkommen und keineswegs so prominent sind, wie in manch anderem queeren Roman.

Fazit:
„Neustart Berlin – Einfach verrückt“ ist ein leichter, lesbischer Liebesroman für Zwischendurch, dem es spürbar an Tiefe mangelt und der zu vorhersehbar geraten ist. Die Hauptcharaktere sind teilweise unsympathisch und stereotyp und die Auflösung kann den Leser nach knapp 300 Seiten nicht wirklich überraschen. Schade – Franziska Kirchhoff hätte durchaus mehr aus dem Roman machen können, wenn sie sich getraut hätte, die klischeebeladenen Wege zu verlassen und ihren Figuren ein wenig mehr Hintergrund und Eigenständigkeit gegeben hätte. Wem humorvolle Liebesromane mit Dreiecksbeziehung gefallen, sollte dennoch einen Blick riskieren, denn die Autorin hat einen angenehm lesbaren Schreibstil und einen guten Sinn für Humor.

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[SPECIAL] Casto – Gefährte des Feuers

Hallo ihr Lieben,

kommen wir zum letzten Teil des kleinen Specials über Xenia Melzers „Casto – Gefährte des Feuers“. Dieses Mal erklärt die Autorin mehr über das Thema „Dynamische Dreier“. Damit endet meine kleine Special-Aktion rund um „God of Wars“ – das Buch ist seit Freitag überall als eBook erhältlich – solltet ihr neugierig sein, könnt ihr den ersten Teil der Fantasy-Reihe überall als eBook erwerben. Viel Spaß beim Lesen.

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meine Rezension

Dynamische Dreier

Als ich damit anfing, Casto zu schreiben, habe ich mir keine allzu großen Gedanken über die anderen Beziehungen gemacht, die es in der Geschichte noch geben könnte. Das war, bevor Kalad, Aegid und Daran auf den Plan getreten sind. Bis zu diesem Zeitpunkt stellte das Konzept einer Dreierbeziehung einen fremden Planeten für mich dar. Ich war zufrieden damit, andere Leute darüber nachdenken und schreiben zu lassen. Glücklicherweise hat sich das geändert.

Meine erste Begegnung mit Dreierbeziehungen hatte ich an der Universität, als wir in einem Kurs Goethes Stella lasen. Trotz der beiden Möglichkeiten des Endes – eine in Verzweiflung, die andere in Glück – fand ich die Geschichte unbefriedigend. Sie war zweifellos äußerst provokant für die damalige Zeit, dennoch hatte ich das Gefühl, dass die wichtigen Probleme entweder nicht angesprochen wurden oder zu sehr von der Anlage der Charaktere vorbestimmt waren.

Um ehrlich zu sein, haben Aegid, Kalad und Daran mich ziemlich eingeschüchtert. Ich habe in meinem Kopf zahllose Varianten und Implikationen ihrer Beziehung durchgespielt. Nachdem mein Hirn eine Zeit lang heiß gelaufen war, entschied ich mich, meinen Instinkten zu vertrauen und den Figuren die Führung zu überlassen. Eine der weisesten Entscheidungen meines Lebens, auch wenn ich das selbst sage. Die drei Männer zeigten mir schnell, wozu sie fähig sind und entwickelten sich in kürzester Zeit zu meinem Vorbild für eine gesunde, funktionierende, stetig wachsende Beziehung – ganz im Gegensatz zu dem Chaos zwischen Renaldo und Casto. Dieser krasse Gegensatz hat sich auch zu einem Running Gag in meinen Büchern entwickelt.

Kalad und Aegid sind schon sehr lange auf Ana-Darasa, sie dienen Renaldo und Canubis schon seit mehr als achthundert Jahren und haben in dieser Zeit gelernt, wie schmerzhaft es ist, einen Sterblichen zu lieben. Aus diesem Grund bevorzugen sie rein sexuelle Beziehungen, zumindest bis sie Daran begegnen.

Daran ist ein junger Mann, der in den Straßen von Kwarl lebt und versucht, Aegid und Kalad zu bestehlen, woraufhin sie ihn als Sklaven mit ins Tal nehmen. Im ersten Buch finden die Männer ihre jeweilige Rolle in dieser neuen Beziehung und fangen an, sich miteinander vertraut zu machen. Zu Anfang ist Daran in einer schwächeren Position, weil Aegid und Kalad um so vieles älter sind und sich schon so lange kennen. Das Einzige, was ihm gegen die überwältigenden Persönlichkeiten der beiden Krieger hilft, ist die Tatsache, dass sie von ihm hingerissen sind. Als er sie kennenlernt, hat Daran Schwierigkeiten, sowohl mit der Aggressivität seiner neuen Herren, als auch mit ihrem sexuellen Appetit. Doch Daran bleibt sich selbst treu, was sich als die beste Verteidigung gegen Aegid und Kalad erweist, die, wie sich herausstellt, vom Typ her besitzergreifend und fürsorglich zugleich sind.

Im Laufe der Geschichte ändert sich ihre Beziehung, sie wächst mit ihnen, und für mich ist es eine Freude, über sie zu schreiben, weil die Dynamik zwischen den drei Partnern sehr ausgewogen ist.

Natürlich gibt es, was Dreierbeziehungen angeht, ein sehr breites Spektrum an Kombinationen und Möglichkeiten. Ich möchte auch nicht ausschließen, dass diese drei nicht die einzige Menage in Gods of War bleiben. Mir macht es jedenfalls Spaß, Aegid, Kalad und Daran auf ihrer Reise zu begleiten.

[SPECIAL] Casto – Gefährte des Feuers

Hallo ihr Lieben,

nachdem ihr gestern meine Kritik zu „Casto – Gefährte des Feuers“ lesen konntet, gibt es heute einen kurzen Einblick in die Welt des Romans, genauer gesagt in die Handlungsorte. Wer mehr über die Gründe erfahren will, warum Xenia Melzer M/M Geschichten schreibt, kann hier ihre Gründe nachlesen.

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meine Rezension

Orte in Casto

Einen Roman zu schreiben, kann eine komplizierte Angelegenheit sein, und manchmal stolpert man über Probleme, die im ersten Moment unwichtig erscheinen, bis sie dann in jedem neuen Kapitel auftauchen. In meinem Fall waren das die Schauplätze. Obwohl ich eine überbordende Fantasie besitze und in der Lage bin, die verschiedensten Wendungen in eine Geschichte einzubauen, bin ich wirklich schlecht darin, mir Landschaften oder Häuser vorzustellen und sie zu beschreiben. Von realistischen Maßen für Entfernungen ganz zu schweigen. Ich bin keine geborene Pfadfinderin und wenn ich eine Karte benutze, halte ich sie zusammengefaltet in der Hand, während ich nach jemandem suche, der mir die richtige Richtung weisen kann. Vorzugsweise mit Anweisungen wie: »Wenn sie an der großen Kirche mit dem Ziegenstall links abbiegen, dann …« Erklärungen in der Art von »In dreihundert Metern biegen sie links ab und nach zwei Kilometern werden sie …« sind eine Garantie, dass ich mich verlaufe. Wie also kann jemand wie ich eine ganze Welt erfinden und kartieren?

Einzelne Orte in meine imaginäre Karte zu bekommen, war nicht schwierig. Das Tal, einer der wichtigsten Schauplätze, hatte ich schnell gebaut, auch wenn ich meine Beschreibung mehr als einmal anpassen musste. Der Rest des Kontinents, auf dem die Geschichte sich abspielt, war nicht so einfach, weil die Orte der Story dienen, nicht umgekehrt. Ich bin eine ›schlampige‹ Autorin. Ich schreibe einzelne Szenen, wie sie mir in den Sinn kommen, und verbinde sie dann wie bei einem ›Malen nach Zahlen‹-Set. Natürlich habe ich eine übergeordnete Geschichte im Kopf, aber wo ich anfange und wie ich am Ende dahin komme, wo ich hinwill, sind zwei verschiedene Paar Schuhe. Darum war es sinnlos, sich Gedanken über Schauplätze zu machen, bevor ich wusste, wie sich die Story entwickelt. Ich musste meine Welt unterwegs zusammenbauen.

Wie bereits erwähnt, war das Tal relativ einfach. Ich lebe nah an den Bergen, darum musste ich nur aus dem Fenster schauen, meine Fantasie ein bisschen spielen lassen, und dann beschreiben, was ich sah. Mir gefällt auch der Gedanke, dass meine geliebte Heimat ein Teil der Bücher ist.

Die Häuser im Tal waren da schon um einiges schwieriger zu erfinden, und ich erkannte schnell, dass meine ursprüngliche Idee, eine Art Dorf zu kreieren, nicht funktionieren würde. Darum entschied ich mich, ein Zentrum zu schaffen, das aus dem Haupthaus, in dem Renaldo, Canubis und die Emeris leben, der Großen Halle, wo alle wichtigen Versammlungen stattfinden (ja, hier habe ich mich an die Wikinger angelehnt), und einem Cluster mit den Ställen und der Schmiede, besteht. Die anderen Häuser sind lose darum herumgruppiert, um den animalischen Aspekt des Rudels zu spiegeln.

Was das Innenleben der Räume angeht, wollte ich, dass sie die Charaktere jener, die dort leben, reflektieren. Bei den Bädern habe ich mich von diversen Spas, die ich besucht habe, inspirieren lassen.

Renaldos Gemächer sind exquisit, aber nicht übertrieben. Sie betonen seine Schönheit, geben einen Hinweis darauf, wie er selbst Schönheit empfindet und bewertet, und bieten die perfekte Kulisse für die explosive Beziehung zwischen Renaldo und Casto.

Aegids und Kalads Gemächer sind dagegen ›lauter‹. Sie spiegeln das bewegte Leben der beiden Krieger. Vor allem Kalads Charakter ist sehr extrovertiert und offen, bis zu dem Punkt, an dem er einschüchternd und überwältigend wirkt. Genau das nimmt Daran wahr, als er die Gemächer zum ersten Mal betritt. Im Laufe der Geschichte werden auch noch andere Räume beschrieben, und für gewöhnlich heben sie entweder eine bestimmte Person hervor oder einen Teil der Geschichte.

Elam, die Goldgräberstadt, habe ich erschaffen, nachdem ich einen Dokumentarfilm über reiche Firmen gesehen hatte, welche die Ressourcen der Erde mit Gift und Chemikalien ausbeuten, ohne sich darum zu kümmern, ob ihre Taten ganze Länder ruinieren. Nicht zu vergessen die armen Menschen, deren Dienste sie für ein paar Cent am Tag erwerben. Für mich ist Elma ein Symbol dafür, was wir unserem Planeten antun, und das zeigt sich in der Art, wie ich die Stadt beschreibe. Nachdem ich diesen Teil zum ersten Mal durchgelesen hatte, dachte ich, vielleicht bin ich zu hart zu einem Ort, der nur in meinem Kopf existiert, doch als ich die Geschichte weiterspann und veränderte, wurde Elam noch schrecklicher. Es soll definitiv ein Ort sein, der den Leser abschreckt und ihn dazu bringt, Elam ebenso sehr zu hassen, wie ich es tue.

Natürlich gibt es auch Städte, die ich voller Freude gebaut habe. Sie ähneln in vieler Hinsicht den utopischen Vorstellungen, die ich als Schülerin in diversen Unterrichtsprojekten erfunden habe. Je weiter die Geschichte voranschreitet, umso dichter wird Ana-Darasa mit neuen Schauplätzen bestückt, und ich hoffe, die Leser erfreuen sich daran, denn ich selbst habe viel Freude daran, sie zu erfinden.

[ROMAN] Casto – Gefährte des Feuers von Xenia Melzer

9783958181298

Autor: Xenia Melzer
Taschenbuch: 346 Seiten
ASIN: B01J7L1W6I
Preis: 4,99 EUR (eBook)
Bestellen: Amazon

Story:
In seinem bisherigen Leben ist dem Halbgott Renaldo nahezu alles geglückt: er gilt im Kampf als unbesiegbar und dank seiner Schönheit liegen ihm Männer und Frauen zu Füßen. Einzig die Tatsache, dass ihm sein „Herz“ fehlt (die Person, die ihm seine wahren Kräfte zurückgibt, insofern er und sein Bruder Canubis alle Emeris finden, die ebenfalls einen Teil ihrer Macht ausmachen), macht dem Kriegsgott zu schaffen. Da nimmt er mit seinen Kriegern in einer Oase den sturen, widerspenstigen Casto gefangen und macht ihn zu seinem Sklaven. Dass dieser sich unter keinen Umständen unterordnen will sorgt für eine explosive Mischung, die tagtäglich Spannungen mit sich bringt. Während die übrigen Männer des Heeres die Auseinandersetzungen skeptisch beobachten, bringen die Sklaven Casto nur wenig Freundschaft entgegen. Dennoch ist Castos Stand hoch, da er es mit Renaldo länger aushält, als jeder andere vor ihm …

Eigene Meinung:
Der erste Band der „Gods of War“ Reihe von Xenia Melzer und erschien Juni 2016 in englischer Sprache bei Dreamspinner Press. Nur zwei Monate später veröffentliche Ullstein Forever die deutsche Fassung des Fantasy-Romans unter dem Titel „Casto – Gefährte des Feuers“. Weitere Bände sind in Arbeit und sollen im Dezember 2016 und Sommer 2017 in englischer Sprache erscheinen.

Die Geschichte spielt in einer fiktiven Welt in der den Kriegsgöttern Canubis und Renaldo ihr Ruf vorauseilt. Regelmäßig überfallen und plündern sie mit ihren Kriegern Städte, zumeist im Auftrag mächtiger Herrscher. Ansonsten leben sie in einem Tal abseits der übrigen Menschen. Sie sind auf der Suche nach ihren Emeris (Kriegern) und ihrem „Herzen“, um ihre wahre Macht zu erlangen und irgendwann die Herrschaft über die Menschen erringen zu können. Während Canubis sein Herz bereits gefunden hat, ist Renaldo noch auf der Suche. Währenddessen entspinnt sich im Hintergrund eine Intrige, denn nicht jeder ist den beiden Söhnen der Schöpfergöttinnen wohlgesonnen und manche setzen alles daran zu verhindern, dass Renaldo sein Herz findet.
Was spannend und fantastisch klingt, kann leider so gar nicht fesseln, denn es passiert fast gar nichts. Es ist bewundernswert, dann die Autorin fast 350 Seiten geschrieben hat, auf denen zu 90% nichts geschieht. Wer Action, Abenteuer und spannende Intrigen erwartet, kommt hier gar nicht auf seine Kosten, denn Xenia Melzer schafft lediglich einen Einstieg in ihre Welt, ohne Fragen zu beantworten und auf die kommenden Bände neugierig zu machen. Dabei setzt sie mit einem Prolog über die Entstehung der Welt durch die beiden Göttinnen an und beschreibt die Hintergründe zu den beiden Halbgöttern Canubis und Renaldo (etwas, was man auch im Laufe der Handlung hätte einfließen lassen können, was wesentlich mehr Spannung erzeugt hätte). Anschließend betritt Casto die Bühne und setzt mit seinen 16 Jahren im berittenen Kampf einfach so drei Jahrhunderte alte Krieger aus dem Gefecht – ob das wirklich logisch ist, muss jeder selbst entscheiden. Es folgen endlose Kämpfe und verbale Gefechte zwischen Renaldo und Casto, die irgendwann miteinander im Bett enden. Letzteres macht schließlich den Hauptteil der Geschichte aus – der Halbgott und sein neuer Sklave scheinen fast nichts anderes zu machen, als die Nächte durchzurammeln und tagsüber ihren „wichtigen“ Geschäften nachzugehen (natürlich findet sich auch da genügend Zeit für einen kurzen Quickie). Glücklicherweise werden die erotischen Szenen nicht ausgeschrieben, sondern an passender Stelle ausgeblendet, dennoch hat man das Gefühl, dass die beiden kaum etwas anderes machen. Wer denkt, dass sie sich dabei näher kommen oder zumindest irgendwann Vertrauen zueinander aufbauen, irrt sich – die Beziehung der beiden ist einfach nicht gesund, da sie zumeist durch Gewalt und Hass dominiert wird und auch in leichten BDSM-Zügen endet. Wirkliches Knistern, aufeinander zu bewegen und kennenlernen gibt es bei den beiden nicht – sie definieren ihre Gefühle zueinander übers Bett, zumeist nachdem sie sich zuvor fast an die Gurgel gegangen sind und ihr Hass in Lust umschlägt.

Da selbst Xenia Melzer irgendwann die Ideen auszugehen scheinen, führt sie schließlich einen anderen Charakter ein – Daran, einen jungen Dieb, der schließlich Sklave bei den beiden Wüstenkriegern wird, was in einem entsprechend erotischen Dreier endet. Welchen Sinn Darans Geschichte für die Haupthandlung hat, kann man nur schwer beurteilen, denn mehr als eine Einführung und entsprechende Sexszenen sind auch hier nicht vorhanden. Ansonsten bekommt man einige Info-Dumps über die Vergangenheit einzelner Emeris (Darans zwei Wüstenkrieger und eine Attentäterin), während man von Casto fast gar nichts erfährt. Xenia Melzer streut zwar vereinzelt Hinweise auf seine Herkunft und Vergangenheit, doch es wird nahezu nichts verraten. Nach 350 Seiten weiß man über ihn genauso viel wie am Anfang – fast nichts. Genauso ergeht es dem Leser mit der Handlung – es ist fast nichts passiert. Die angesprochenen Intrigen der Gegner werden in zwei knappen Szenen angedeutet, kommen im Buch jedoch nicht zum Tragen. Man hat weder Kämpfe, noch Intrigen, keinerlei spannende Hintergründe oder Charakterentwicklungen. Es passiert einfach nichts. Selbst das Ende des Buches ist vollkommen unspektakulär – kein Endkampf, kein Cliffhanger. Es endet einfach mittendrin und man fühlt sich fast um die Lesezeit betrogen, die man in „Casto – Gefährte des Feuers“ gesteckt hat.

Die Charaktere können ebenfalls nicht wirklich überzeugen. Casto und Renaldo wirken sehr unsympathisch, arrogant und überheblich. Gerade Casto, der in Gefangenschaft gerät und im Grunde keinerlei Rechte mehr hat, kommt oftmals zu eigensinnig daher, sowohl gegenüber Renaldo, als auch gegenüber anderen Sklaven. Seine temperamentvolle Art wirkt eher kindisch störrisch und nervt mit der Zeit einfach nur. Im Grunde ist er selten in der Position so große Töne zu spuken und es ist seltsam, dass er dafür nicht zur Rechenschaft gezogen wird. Auch wirkt er mit der Zeit arg „Gary-Sue“-mäßig, weil er nebst schrecklicher, geheimnisvoller Vergangenheit nahezu alles kann. Wer darauf hofft, dass sich Casto weiterentwickelt, wird leider ebenfalls enttäuscht – er ist zum Ende des Buches genauso unausstehlich und arrogant, wie am Anfang. Renaldo ist da wesentlich erträglicher, auch wenn er als perfekter Krieger und überirdisch schöner Mann ebenfalls sehr überheblich daherkommt und kaum Fehler hat. Warum er so extrem an Casto hängt, kann man nur schwer nachvollziehen, denn sein Sklave untergräbt seine Autorität im Grunde permanent.

Die übrigen Figuren kommen mal verstärkt, mal am Rande vor, haben aber keinerlei größere Bewandtnis für die Handlung. Canubis und seine Frau spielen kaum eine Rolle, Daran ist nur dafür da, um den Wüstenkriegern als Sklave zu dienen und so etwas wie Castos Freund zu werden und die übrigen Emeris und Sklaven wirken wie Staffage. Es ist nicht abzusehen, welchen Platz sie in der eigentlichen Handlung aufnehmen, da im ersten Band keinerlei Hinweise gegeben werden.

Stilistisch ist Xenia Melzers Buch Geschmackssache. Das liegt vor allem an den Sprüngen in der Perspektive. Mit der Zeit hat man zunehmend Probleme der Geschichte zu folgen, da mal aus der Sicht eines Charakters geschrieben wird (Casto oder Ranaldo, später auch Daran, die Wüstenkrieger und einige Sklaven), dann plötzlich zu einer auktorialen Erzählweise gewechselt wird und dann wieder zurück. Es ist ein ewiges Hin und Her, wodurch man sich auf nichts einstellen kann und sich mit keinem der Charaktere wirklich identifizieren kann. Auch die Kämpfe sind sehr holprig beschrieben – zumeist weiß man nicht genau, wer was macht und wer welche Attacke ausführt. Gerade bei Kämpfen zwischen mehr als zwei Figuren verliert man schnell den Überblick. Leider wird auch die Welt nicht wirklich bildlich und greifbar – dazu erfährt man einfach zu wenig von den Ländern, Städten, den übrigen Bewohnern und den gesellschaftlichen Hintergründen. Dadurch wirkt die Welt teils mittelalterlich, teils moderner (letzteres liegt auch an der modernen Sprache), so dass man kein genaues Bild einer Fantasywelt im Kopf hat.

Fazit:
„Casto – Gefährte des Feuers“ ist ein Buch, das viel verspricht und wenig hält. Wer eine spannende, abgeschlossene Geschichte (oder zumindest einige Antworten auf aufgeworfene Fragen) erwartet, wird definitiv enttäuscht werden, denn mehr als Sex und einige (am Rand vorkommende) Kämpfe hat Xenia Melzers Buch nicht zu bieten. Auch die Charaktere können nicht überzeugen, da sie zu unsympathisch und arrogant daherkommen und sich kein Stück weiterentwickeln. Es mangelt an Action, Spannung, Intrigen und wirklichen Gefühlen innerhalb der Sklaven-Herr-Beziehung von Casto und Renaldo, denn die beiden scheint lediglich Gewalt und Lust aneinander zu binden, keinerlei wirkliche Sympathie oder gar Liebe. Trotz einiger guter Ansätze kommt die Geschichte nicht in Schwung und dümpelt ereignislos vor sich hin, denn weder die geheimen Intrigen der Gegner, noch die Geschichte um die Göttinnen kommt wirklich zum Tragen. Schade – da hätte man wesentlich mehr draus machen können.

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