[CHARAKTERINTERVIEW] Gwenael und Jaleel aus „Die Seelenlosen“

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Dieses Interview ist mitten im Roman „Die Seelenlosen“ angesiedelt, daher ist es am Besten, man kennt die Geschichte schon – allerdings wird auf große Spoiler verzichtet, sprich man kann das Gespräch zwischen Gwenael, Jaleel und mir auch genießen, wenn man die Steamfantasy-Romane noch nicht kennt. Vielleicht bekommt ihr ja Lust, auf die Bücher – ein kurzes Zitat versteckt sich ebenfalls im Dialog. Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen – und ja, man kann das von Gwenael und Jaleel signierte Buch am Ende der Special Week gewinnen 😉

Foto

Mit Buch und Kuli im Gepäck in fremden Welten 🙂

In dem kleinen Raum staut sich die Hitze. Sonne flutet durch die geben Rautenscheiben und verwandelt die ausgetretenen Dielen des Holzbodens in ein weißgraues Flimmern, über dem der Staub tanzt. Der grobe Hocker vor dem Schreibtisch ist unbequem, genauso wie die beinah aufdringliche Nähe des fetten Mannes in Pluderhose und Wams. Er unterschreitet jede gebotene Grenze. Seine Körperwärme, der Geruch nach Schweiß und kaltem Rauch, überfluten Juliane. Sie hustet trocken und rutscht auf die Kante des Hockers, nur um etwas Abstand zu dem ungepflegten Kerl zu gewinnen.

Er ruckt nach – wenigstens sein Wanst, über dem sich der ungepflegte, filzige Bart wie ein Teppich ausbreitet. Er leckt sich über die Lippen, als die Tür aufschwingt und eine kleinwüchsige, massige Frau in der gleichen, wenn auch wesentlich saubereren Kleidung eintritt, dicht gefolgt von einem sonnengebräunten, jungen Mann, auf dessen Stirn zwei kleine, aber auffällige Hörner hervorragen.

Der Soldat schreckt zurück und sucht Abstand. Ein infantiles, zugleich lüsternes Grinsen huscht über seine Lippen, während sein Blick an der Frau hängenbleibt.

Juliane dreht sich auf ihrem Hocker um. Das muss Jaleel sein. Im Gegensatz zu den Zeichnungen ist er kleiner, aber muskulöser und sieht herb und entschlossen aus. Seine eigenartigen rotschwarzen Augen aber irritieren. Damit ist schon eine der beiden relevanten Personen anwesend.

Jaleel (c) Tanja Meurer

Der dicke Soldat deutet auf einen Schreibblock und den Stift, aber auch auf das schmale, silberne Aufnahmegerät.

„Vielleicht ist sie eine von den Wanzen, die für die Zeitungen arbeiten.“

„Eine Zeitungsschmiererin?“, fragt der gehörnte Mann stirnrunzelnd und zieht drohend die Lippen zurück. Eine Vielzahl feiner, scharfer Zähne kommt zum Vorschein.

Beeindruckend, fast wie das Gebiss einer Katze. Aber Zeitungsschmiererin? Nein, das nun wirklich nicht. Bevor sie sich verteidigen kann, fährt Jaleel fort: „Wo hast du das Weib gefunden, Rim?“ Er verengt die Augen zu Schlitzen.

„Vor der Garnison.“ Der Fettwanst befeuchtet seine Lippen. „Sie ist da herumgeschlichen und hat irgendetwas mit diesem Silberding gemacht.“ Mit einer Kopfbewegung deutet er auf einen schwarzen Samtbeutel, auf dem eine Kamera liegt.

Juliane stöhnt auf und rollt die Augen. „Darf ich vielleicht auch mal was sagen?“

„Schweig!“, pflaumt Rim, wobei seine Hand wie zufällig über ihren Rücken tastet.

„Hey, lass das!“ Juliane weicht nach vorne aus und springt auf. Sie fährt herum, sodass ihr langer Rock gegen Tisch und Stuhlbeine schlägt.

Die Soldatin rammt die Fäuste in die ausladenden Hüften und macht eine scharfe Kopfbewegung über die Schulter. „Rim, raus mit dir!“

„Aber Marianne …“

„Verschwinde!“

Mit einem ärgerlichen Blick zu Juliane, trollt er sich, nur um sich in der Tür an einem großen, muskulösen Mann vorbeizudrängen, der ihm mit kritischem Blick hinterher sieht.

„Ist das das Mädchen?“, fragt er ruhig.

Marianne löst sich von der Tür und tritt zu Juliane. In ihre kleinen, hellen Schweinsäuglein tritt ein Lächeln. „Mach dir keine Sorgen, Kind“, sagt sie leise. „Der Commandant ist ein netter Mann. Er wird dich nicht bedrängen.“

„Na da bin ich ja beruhigt.“ Juliane sieht zu Gwenael Chabod, niemand sonst ist der Commandant … Ein dunkler Mann, angespannt und bis zu einem gewissen Grad verlebt.

„Also gut.“ Er schließt die Tür hinter sich und sperrt die grelle Morgensonne aus. „Seid Ihr von Mademoiselle Rollier oder einem anderen Zeitungsschreiber geschickt worden?“

Juliane starrt verdutzt zu ihm hoch. Für einen Moment zögert sie, dann murmelt sie: „Eigentlich bin ich hier, um Fragen zu stellen, nicht um welche zu beantworten. Aber nein, ich wurde nicht von Mademoiselle Rollier geschickt, sondern … wurde von … jemandem hierher geholt, um eine Reihe von Fragen an Euch …“, sie deutet auf Jaleel und Gwenael und zückt Block und Stift, „… zu stellen.“

Gwenael tritt hinter seinen Schreibtisch und stützt sich mit beiden Händen auf der Platte ab. „Ach, und von wem, Mademoiselle …?“ Seine Brauen zucken hoch. Er schaut auffordernd zu Juliane. „Marianne, holst du vielleicht mal rasch Radur?“ In Jaleels Stimme schwingt Anspannung mit. Sie zögert, löst sich von Juliane und nickt dann. „Mache ich.“

Juliane zögert, nickt dann jedoch. „Ich wüsste nicht, was dagegen spricht Großmeister Lysanders Namen zu nennen – ich kenne ihn schon eine Weile, allerdings wird es zu kompliziert, das alles zu erklären. Zusammenfassend sei gesagt – ich komme nicht von hier, habe aber großes Interesse an einem Gespräch mit Jaleel und Euch.“ Mit einem Grinsen fügt sie hinzu: „Es wird auch nicht in den hiesigen Zeitungen erscheinen.“

Überrumpelt lässt Gwenael sich in seinen Stuhl Fallen. „Bitte?“ Er sucht den Blick seines Gefährten. Nach einem Moment murmelt er: „Könnt Ihr das Beweisen, Mademoiselle Indiscret (französisches Adjektiv für Naseweis)?“

„Verzeiht, dass ich mich nicht vorgestellt habe – mein Name ist Juliane. Ich kenne Meister Lysander und Aycolén schon seit langer Zeit. Ich weiß um ihre besonderen Verdienste zur Zeit des Großen Krieges vor 250 Jahren und bin auch darüber in Kenntnis, warum Lysanders Familie bei Prinz Mesalla in Ungnade gefallen ist. Allerdings kann ich das hier schwerlich zur Sprache bringen.“ Sie überlegt kurz. „Was würde Euch denn überzeugen? Ihr könnt gerne etwas vorschlagen.“

Der Commandant zögert, richtet sich wieder auf und verschränkt die Arme vor der Brust. „Dann kennt Ihr sicher auch Maître Shion!“ In seiner Stimme schwingt Unsicherheit.

„Soll ich ihn wecken lassen, Gwenael?“, fragt Jaleel.

„Ja, mach …“

Die Stufen und die umlaufende Galerie der Wachstube beben unter raschen, schweren Schritten. Jaleel tritt zur Seite und lehnt sich neben der Tür gegen die Wand. Ein großer, grober Mann mit Bart und Unterkieferhauern stürmt in den Raum. Er trägt nur Hosen, Sandalen und Schmiedeschürze. Sein Gesicht ist schweißnass und dünne Rinnsale laufen über seine muskulösen Arme und die breite Brust.

Gwenael (c) Tanja Meurer

Außer Atem keucht er: „Ihr wolltet mich sehen, mon Commandant?“

„Ich hatte nach dir geschickt, Radur.“ Jaleel löst sich und sieht zu dem riesigen Halborc hoch.

„Ist wieder was mit Magie?“, fragt der Schmied.

Jaleel wiegt den Kopf. „Diese junge Frau behauptet, eine Vertraute der Grand-Maîtres Lysander und Aycolén Amaro zu sein.“ Ein Funkeln tritt in seinen Blick. „Was meinst du, wird Shion sie erkennen?“

Radur grinst breit. „Schauen wir einfach. Ich hole ihn.“

Juliane seufzt und verkneift sich einen Gruß Richtung Radur, um die Situation nicht noch komplizierter zu machen. „Könnten wir wenigstens schon mal mit den Fragen anfangen? Es dauert sicherlich, bis Shion wirklich wach ist.“

Radur verlässt das Kartenzimmer. Langsam kommt Jaleel zum Schreibtisch und setzt sich auf die Kante. Seine Aufmerksamkeit gilt den beiden mattsilbernen Geräten, während Gwenael betont ruhig nach dem Notizblock greift und sich die Zeilen ansieht. Keiner von beiden reagiert. Aber der Commandant hält eine Hand erkennbar über der Pistole.

„Ich weiß, Ihr mögt Journalisten nicht, aber nicht alle sind so unangenehm und herausfordernd wie Mademoiselle Rollier. Ob Ihr es nun glaubt oder nicht, ich komme von einer anderen Welt – das Prinzip der Portalmagie kann Euch Shion erklären – und dort gibt es Teile Eurer Abenteuer in Buchform. Die Leser dieser Bücher interessieren sich nun brennend für Euch zwei …“ Sie macht eine Pause und fügt leise hinzu. „Gerade jetzt, wo Ihr Euch näher gekommen seid …“

Jaleel fällt der Fotoapparat aus der Hand. „Was?!“ Er kneift die Augen zusammen. „Habt Ihr etwa gelauscht?!“

Juliane ist entsetzt, dass der Parhur das Gerät aus den Fingern verliert. Rasch hechtet sie vor und fängt es auf. „Idiot!“

Gwenael hat sich besser unter Kontrolle. Er wirft den Block auf den Tisch zurück und legt deutlich sichtbar die Waffe auf den Tisch, nur um beide Hände darüber zu verschränken. „Wenn Euch diese Hirngespinste legitimieren sollen, müsst Ihr Euch …“

Die aufgestoßene Tür unterbricht ihn rüde. Shion steht im Nachthemd, mit nackten Füßen und wirren Haaren in der Tür. „Julie? Was machst du denn hier?“ Er klingt verzweifelt. „Wo hast du deine Zeichnerin gelassen?“

„Shion, wie schön dich zu sehen.“ Juliane geht lächelnd auf den großen Magier zu und umarmt ihn. „Hat Luca dir nichts davon gesagt, dass ich vorbeikomme, um die beiden zu interviewen?“ Sie tritt einen Schritt zurück. „Tanja hatte keine Zeit mitzukommen – in gewisser Weise hat sie genug damit zu tun, die Geschichte der beiden fortzuführen.“ Sie wirft Jaleel und Gwenael einen verärgerten Blick zu. „Nicht, dass sie es verdient hätten …“, nuschelt sie.

„Sei nicht zu hart mit ihnen, sie müssen noch viel lernen“, entgegnet er, während er sie kurz drückt.

„Ihr legitimiert dieses Mädchen?“, fragt Chabod steif.

Shion löst sich von ihr und nickt. „Die beiden Frauen begleiten uns bereits ein Leben lang.“

„Euer mystisches Gefasel hilft hier wenig.“ Der Commandant räuspert sich. „Also gut.“ Langsam und tief atmet er ein. „Ich verstehe zwar gar nichts und wüsste auch nicht, je einen Chronisten beauftragt zu haben, aber ich vertraue Euch, Maître.“ Er zögert kurz. „Was ist eigentlich ein Inter…wiu?“

Jaleel nickt. Er hat sich wieder des Fotoapparates bemächtigt und drückt auf den Knöpfen herum, bis das Objektiv ausfährt und die Linse freigibt.

Juliane nimmt ihm das Gerät aus der Hand. „Nicht kaputtmachen! Ich hab nur den einen mit.“ Sie schaltet ihn aus und steckt ihn weg. Dann wendet sie sich an Gwenael. „Ein Interview ist etwas Ähnliches wie ein Gespräch, das mitnotiert und später veröffentlicht wird – nicht unbedingt nur in Zeitungen, aber das würde zu weit führen. Wer den Chronisten beauftragt hat, kann ich nicht sagen, aber Eure Abenteuer sind in unserer Welt erschienen und werden gelesen.“ Sie zuckt die Schultern. „Vielleicht ein Raum-Zeit-Paradoxon. Das kann am ehesten Shion erklären.“ Sie wehrt ihn jedoch ab und fügt hinzu: „Aber nicht unbedingt jetzt: Lysander hat mir nur eine begrenzte Zeit gegeben – irgendwann muss ich ja wieder nach Hause.“

„Wenn davon was hier in den Zeitungen erscheint“, Jaleel unterbricht sich und schüttelt den Kopf.

„Das mit den anderen Welten macht mich nervös“, fügt Chabod hinzu. Er wirkt unentschlossen. „Derzeit haben wir schon so viele Probleme, und was, wenn wir damit nichts Gutes für uns alle herbeiführen?“

Shion tritt an dem Commandanten vorüber und nimmt Becher vom Bord.

Langsam hebt Gwenael den Kopf. „Ahh“, er erhebt sich und nimmt eine Karaffe Wasser. „Verzeiht, ich bin unhöflich.“

Erneut sieht er zu Jaleel, der seine Hand nach der Tasche ausgestreckt hat. In der Bewegung hält er inne. „Ich weiß auch nicht …“

„Macht Euch keine Gedanken“, wiegelt Shion ab. „Das, was Julie und Tanja in ihrer Welt tun, hat auf uns gar keinen Einfluss.“

Gwenael schiebt Juliane einen Becher Wasser zu. „Wirklich?“ Er sieht ihr in die Augen.

Cover „Die Seelenlosen“

„Wirklich“, bestätigt Juliane Shions Worte. Sie hält seinem Blick stand, ohne mit der Wimper zu zucken. „Es ist nun einmal so, dass viele Leute Eure Abenteuer verfolgen und natürlich Fragen haben.“ Sie schielt zu Jaleel und ergreift die Tasche, bevor er es tun kann. „Bei mir gibt es nicht zu holen, Jaleel.“ Sie zieht ein dickes, braunes Buch hervor und hält es Gwenael unter die Nase. „Das ist das erste Buch Eurer Chroniken. Ihr werdet es leider nicht lesen können, aber ich kann Euch versichern, dass darin nur Positives steht.“

„Und WAS steht darin?“ Der Commandant nimmt ihr das Buch ab und dreht es in der Hand. Er tippt auf das Bild mit der Dampfratte. Seine Augen werden groß. „Ist das nicht das Metalltier von Laroche?“

„Richtig. Sie kommt ja schließlich im Buch ebenfalls vor. Fing nicht mit Laroches Vorführung alles an?“ Sie nippt an ihrem Wasser. „Kurz darauf ist ja der Sariner auf Euch draufgefallen.“ Sie zwinkert Jaleel zu. „Und Ihr habt das alles mit einem Grinsen beobachtet.“

Gwenaels Kopf fliegt zu Jaleel herum. „Du hast …“ Seine Lippen zucken. Nach einem Moment fügt er rau hinzu: „Der peinlichste Moment meines Lebens und das hier drin!“ Er lässt seine große Hand darauf niederfahren.

Jaleel seufzt. „Aber es hat dich sehr menschlich gemacht. Das Bild des Kriegshelden hat ziemliche Risse bekommen und verdeutlicht, dass du ein ganz normaler Mann bist.“ Sacht tastet er nach Gwenaels Fingern.

Shion wiegt den Kopf. „Die Rollier hat sich auch nicht darum gekümmert. Das war ihr egal. Seltsames Weib …“ Er schüttelt den Kopf. „Gestattet, dass ich mir etwas anziehe.“

Gwenael nickt resigniert. „Geht ruhig.“

„Jaleel hat recht – es hat den Bewohnern der Stadt zumindest gezeigt, dass Ihr Humor habt.“ Sie sieht nachdenklich zwischen den beiden hin und her. „Ihr wusstet nicht, dass er anwesend war, Gwenael?“
„Der Humor hat mir nicht gerade gut getan.“ Mit einer Hand streicht der Commandant über seine Schulter. „Ich weiß, dass er anwesend war. Davon hatte er mir erzählt. Und es ist schließlich egal, wer lacht.“ Er grinste halbherzig. „Ich glaube, trotzdem, dass ich mich noch nie so dumm verhalten habe.“ „Was wollt Ihr eigentlich noch alles wissen?“ Jaleel schien die Situation unangenehm zu werden. Er schlug das Buch auf und legte die Stirn in Falten. „Offenbar habt Ihr doch schon alle Antworten, was auch immer hier steht.“

„Der Chronist hat nicht alles erwähnt“, beginnt Juliane. Sie greift nach einem Stift und schlägt ihren Block auf. „Die Sache mit Orin hat Euch doch sicher ziemlich mitgenommen, Gwenael. Immerhin habt Ihr ihm sehr lange vertraut. Denkt Ihr, dass Ihr ihm irgendwann verzeihen könnt?“

Jaleel presst die Lippen aufeinander. Sein Blick hängt an Gwenael, der plötzlich älter und eingefallen wirkt. „Falsche Frage!“

„Nein, nein, schon gut, Jaleel.“ Gwenael strafft sich. „Ich weiß es nicht. Das hängt von den Ergebnissen unserer Ermittlungen ab … und der Zeit, die ich dafür brauche, um mir zu vergegenwärtigen, wie wir zueinander stehen. Als Lebensgefährten sicher nicht mehr.“ Er lächelt Jaleel beruhigend zu, zwischen dessen Hörnern eine steile Falte entstanden ist.

„Tut mir Leid, da bin ich wohl mit der Tür ins Haus gefallen.“ Juliane streicht etwas von ihrem Block. „Vielleicht sollten wir uns eher auf die Vergangenheit konzentrieren – nicht auf Eure mit Orin, sondern allgemein.“ Sie wirkt ein wenig verunsichert, während sie die Notizen auf ihrem Zettel überfliegt. „Hm, irgendwie sind viele Fragen eher unpassend, da sie sich um Orin und Eure Familie drehen.“ Sie wendet sich an Jaleel. „Aber zu Euch ist noch nicht so viel bekannt. Daher sollte es kein Problem sein, wenn Ihr mir mehr über Eure Vergangenheit und Kindheit erzählt.“ Sie setzt ein Lächeln auf.

„Meine Vergangenheit?“ Verlegen kratzt er sich am Kopf. „Äh, ja. Steht das nicht da drin?“

„Nein, leider nicht.“ Juliane zückt ihren Stift. „Ich glaube, Gwenael weiß auch nicht sonderlich viel über Euch, oder?“

„Er ist ein Parhur aus dem Grenzgebiet im Süden und seit sieben Jahren hier.“

Jaleel grinst. „Das ist weniger als ich dir gesagt habe.“

„Aber vielleicht ist es dir nicht recht?“

Mit einem Kopfschütteln stützt sich Jaleel auf seinen Oberschenkel. „Nein, da gibt es nichts, wofür ich mich schämen muss.“ Er senkt die Lider. „Ich bin ein einfacher Bauernsohn. Meine Eltern sind unfrei, und ich habe ein ganzes Rudel Schwestern.“ Wesentlich leiser und ernster fügt er hinzu: „Und eine ganz wunderbare Großmutter hatte ich. Sie war klug, sprach allein fünf Sprachen und schrieb sie, malte, tanzte, sang und dichtete. Sie war ganz anders als andere Bäuerinnen. Sie konnte anpacken, zugleich war sie eine Dame …“ Er wandte sich an Gwenael. „Du hättest sie sicher gemocht. Sie war das unangefochtene Oberhaupt der Familie, und wir wurden erst nach ihrem Tod unfrei.“
„Sie klingt nach einem wunderbaren Menschen. Sie hat Euch auch das Schreiben beigebracht, oder?“ Juliane notiert fleißig auf ihrem Block mit. „Was geschah nach ihrem Tod? Wie muss ich mir das unfrei vorstellen?“

Sein Lächeln verliert seinen Glanz. „Sie trug einen Namen, das heißt, einen Nachnamen. Der vererbt sich bei uns aber nicht. Es ist die Bezeichnung dessen, was sie für unser Volk und Land war.“ Langsam nickt Gwenael. „Wenn dieser Name wegfällt, geht das Gut oder Gehöft in den Besitz des Landesherrn über.“ Er drückt kurz und kräftig Jaleels Schulter. „Vielleicht bist du derjenige, der deiner Familie irgendwann auch einen Namen gibt.“

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Juliane in geheimer Mission 😉

„Dazu müsste ich zurück wollen.“ Jaleel schüttelt den Kopf. „Nein, besser nicht.“

„Also habt Ihr nie den Wunsch verspürt, nach Hause zurückzukehren? Um herauszufinden, was mit Euren Schwestern und Eltern geschehen ist?“ Juliane runzelt die Stirn. „Steht ihr denn miteinander in Kontakt?“

„So lang sie sich wie Wasser verhalten, überleben sie den Krieg unbeschadet. Das heißt, sie passen sich an, fließen mit der Strömung und nehmen an, was ihnen geboten wird. So war das auch in meinem letzten Jahr auf dem Hof.“

„Parhur sind in den meisten Ländern dazu verurteilt, das zu schlucken, was ihnen die Menschen aufbürden“, fügt Gwenael hinzu. „Es ist egal, ob es der Landesherr, der Großbauer oder ein Heer ist. Sie werden nicht als Gefahr wahrgenommen, aber auch nicht als Freund. Deswegen hat sich dieses Volk angewöhnt, mit dem Strom zu fließen, obwohl es in ihrer Natur liegt, zu brennen, sich zu wehren und ihren vollen Stolz zu beweisen.“ Er lächelt knapp. „Ich will, dass Jaleel den Kopf hoch erhoben tragen kann und seine Natur leben soll.“ Jaleel lacht auf. „Das ist, was mir an dir gefällt!“

„Das habt Ihr wirklich schön gesagt, Gwenael. Ich glaube, Ihr habt Euch beide gefunden und verdient einander.“ Juliane trinkt etwas Wasser und stellt den Becher auf dem Tisch ab.

„Ist das eigentlich etwas ganz Neues für dich Jaleel, oder ward Ihr schon einmal in einer richtigen … kann ich es schon Beziehung nennen?“

„Beziehung?“ Er zieht demonstrativ die Brauen hoch. „Gwenael und ich sind in erster Linie Freunde.“ Er sieht sich um und grinst. „Freunde mit starkem Vertrauen ineinander.“ Gwenael blinzelt, sagt aber nichts. „Alain war kein Partner, er hat sich mit mir nur vergnügt.“ Das letzte Wort spuckt er förmlich aus. Nach einem Moment fährt er fort: „Ich hatte immer Partner, deren Namen ich nicht kannte.“

„Ich wollte nicht in Abrede stellen, dass ihr Freunde seid. Dennoch verbindet euch doch inzwischen mehr als z.B. mit Rim oder Marianne.“ Sie zwinkert ihm zu. „Außerdem war euer Chronist sehr detailliert, was das anbelangt hat … was die Frage vorhin beantwortet: Ich habe nicht gelauscht, sondern gelesen!“ Sie deutet grinsend auf das Buch.

„Um eine Beziehung zu führen, muss man sich richtig kennen. Wir lernen uns gerade erst kennen.“ Gwenaels Stimme klingt belegt. „Aber es stimmt, was Ihr in Beziehung auf Jaleel, Rim und Marianne sagt.“

Jaleel erhebt und streckt sich. „Gwenael hat recht. Wer von mehr redet, weiß nicht, wie schwer es ist zu lieben und geliebt zu werden. Diesen romantischen Unsinn, der immer auf den Wanderbühnen aufgeführt wird, und in dem sich ein Mädchen beim ersten Blick unsterblich in einem Mann verliebt … Nein, daran glaube ich nicht, schon gar nicht, dass der Mann ihr gegenüber sofort Feuer fängt, außer hiermit.“ Er nickt zu seinem Gemächt. „Um zu lieben, und darin bin ich mir sicher, muss man sich kennen.“

Gwenael seufzt und steckt endlich seine Waffe weg. „Wie wahr.“

„Dann hat euer Chronist zumindest diesen Punkt sehr realistisch und genau wiedergegeben. Und ihr habt auch noch eine Menge zu tun. Der Fall hält euch ziemlich in Atem, vor allem, da es eine solch komplexe Angelegenheit ist. Da ihr jedoch mitten in den Ermittlungen steckt, will ich gar nicht nach zu viele Details fragen. Es sei denn, Ihr wollt mir davon berichten.“

Gwenael schüttelt sofort den Kopf. „Nein, allein schon über unser Privatleben und unsere Gefühle freimütig zu reden, ist nicht einfach, aber das würde doch ein wenig zu weit führen, zumal Ihr vielleicht ein Inter … ein Gespräch mit der Chronistin führen solltet, scheinbar weiß sie sehr viel mehr.“ Er nimmt einen großen Schluck Wasser und greift nach seinem Tabakbeutel. „Verdammt, kein Krümel mehr drin.“ Er lässt ihn sinken.

Jaleel hat sich zu ihm umgedreht und lächelt. „Wir sollten vielleicht etwas Essen kommen lassen. Das beruhigt dich.“

„Mademoiselle, wollt Ihr etwas?“, fragt Chabod.

„Also wenn Ihr mich so fragt …“ Juliane erinnert sich an die Art, wie in der Garnison Essen zubereitet wird – ekelhaft. „… nein danke. Bei dem Essen hier sind mir zu viele Dinge enthalten, die ich lieber nicht essen möchte.“ Sie grinst. „Aber lasst Euch von mir nicht aufhalten. Ich warte so lange hier.“

„Nein, bevor mir hier sensible Informationen fehlen – nein.“ Langsam neigt Gwenael sich vor und blättert im Buch. „Was steht alles in diesem …“ Er zuckt mit den Schultern und dreht es in den Händen. Dann huscht ein böses Grinsen über seine Lippen. „Wir können diese Worte alle nicht lesen, also wäre es doch nur recht und billig, wenn Ihr uns vorlest. Dann entscheiden wir, ob Ihr, Mademoiselle, Euren Bericht über uns veröffentlichen dürft.“

Juliane sieht ihn verdutzt an. „Ihr wollt, dass ich 700 Seiten vorlese? Das kann ich gerne machen, insofern ihr eine gute Woche Zeit mitbringt und mir freie Kost und Logis besorgt. Ich werde das kaum an einem Stück vorlesen.“ Sie schlägt das Buch auf und grinst. „Oder interessiert euch nur die Stelle von letzter Nacht?“

Gwenael wird blasser, doch Jaleel verschränkt die Arme vor der Brust. „Sicher, lest!“

„Also gut.“ Juliane schlägt das Buch auf und beginnt in der Mitte des Kapitels „Berührt“:

Tanja

Der Chronist

Der unausgesprochenen Einladung zu folgen war so einfach.

Gwenael streckte die Hand nach ihm aus, legte sie auf seine Brust, fand ein paar wenige Haare auf

glatter, schweißfeuchter Haut. Er streifte über Jaleels Brustwarze. Immer wieder. Bei jeder Berührung verhärtete sie sich weiter. Mit dem Daumen rieb er über die weiche Haut, spürte das leichte Springen unter seiner Fingerkuppe.

Stockend atmete Jaleel ein. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Er brummte zufrieden und legte den Kopf in den Nacken. Seine Bauchdecke straffte sich, fiel ein. Jede Rippe trat hervor. Die Muskulatur zuckte.

Gwenael fühlte es mehr, als dass er es sah.

Jaleel war ein einziges sehnsüchtiges Angebot.

Der erahnte Anblick entlud sich in purer Hitze, die in Gwenaels Lenden explodierte.

Bei „Der erahnte Anblick entlud sich in purer Hitze, die in Gwenael Lenden explodierte“ unterbricht Gwenael, ziemlich rot, fächelt sich Luft zu und sagt: „Ich hoffe darin steht nicht mehr!“

Juliane grinst ihn breit an. „Viel mehr.“ Sie sieht zu Jaleel. „Soll ich weiterlesen, oder lassen wir das lieber?“

„Was steht denn sonst noch da?“, fragt Jaleel verunsichert. „Irgendwas über unsere Zukunft?“

„Das auch, aber das sollte man ja nicht weitergeben. So etwas kann dann wirklich Unglück bringen.“ Sie lehnt sich zurück und tippt mit dem Stift auf das Papier. „Was für ein Gefühl ist das, dass jemand eure Abenteuer aufgeschrieben hat (in dieser detaillierten Form) und sie von Männern und Frauen gelesen werden?“

„Von Frauen?“ Jaleel schaut sie zweifelnd an.

„Mich beunruhigt eher, dass jemand all das schreibt, vor ALLEM unsere Zukunft. Das macht den Eindruck, als seien wir alle nicht Herr unserer Selbst. Findest du das nicht auch unangenehm?“, murmelt Gwenael.

Jaleel schluckt trocken. „Ja.“ Er mustert Juliane. „Ist das so? Sind wir nicht unsere eigenen Herren?“

„Da müsst ihr euch keine Sorgen machen – Ihr seid ganz Ihr selbst und bestimmt über Euer Handeln. Es ist schwer zu erklären – da es sich um Magie handelt, müsste das Shion erklären.“ Juliane sieht zur Tür. „Wo steckt der eigentlich?“

„Shion, unser Allwissender.“ Jaleel klang nicht besonders begeistert.

Jaleel und Gwen

Gwenael und Jaleel – heimlich aufgenommen! (c) Tanja Meurer

Schwerfällig stemmte sich Gwenael auf die Füße und ging zur Tür, während er seine Halb-Savonette aufklappte. „Shion ist schon eine Weile abgängig. Das wundert mich.“ Er legt die Stirn in Falten.

Als er die Tür öffnet, dringt eine Wolke trockenen Staubs in das Büro. Die Ausrufe der Wachsoldaten dringen vom Südtor her, untermalt von dem Rumpeln eisenbeschlagener Räder auf dem Pflaster. De grellen Geräusche des Schmiedehammers bringen die Luft zum Vibrieren. Gwenael wendet sich Juliane zu. „Was sind das eigentlich für seltsame Apparate, die Ihr mit Euch führt? Sie scheinen von Wert zu sein.“

Juliane zieht das Aufnahmegerät aus der Tasche, ebenso den Fotoapparat. „Damit kann man Geräusche und Stimmen aufnehmen.“ Sie schaltet ihn ein und fordert Gwenael auf etwas zu sagen. „Und was soll ich sagen?“

„Der Klassiker!“, entgegnet Juliane grinsend, spult ein Stück zurück und drückt auf Play.

„Und was soll ich sagen?“, klingt es verzerrt und sehr leise aus dem Gerät.

Gwenael sieht sie skeptisch an. „Das kann unsere Mechanik bereits?“

Jaleel strahlt. „Das brauchen wir dringend! Dann muss Marianne wesentlich weniger schreiben!“

„Das stammt aus meiner Welt – und ich werde es wieder mitnehmen, tut mir leid.“ Sie greift nach dem Fotoapparat und schaltet ihn ein. „Dieses Gerät macht … Momentaufnahmen, man kann sagen Bilder einer bestimmten Situation.“ Wegen der Düsternis im Raum klappt sie den Blitz heraus. „Nicht erschrecken.“ Sie richtet die Kamera auf die beiden und schießt ein Foto.

Jaleel reißt die Augen auf. „Sie ist doch eine Magierin!“ Er springt auf sie zu, während Gwenael nach seiner Waffe greift, aber die Hand wieder sinken lässt. „Nein, der Blitz hat uns nichts getan.“

„Ups – entschuldigt, bitte.“ Sie betrachtet das Bild auf dem Display und schüttelt den Kopf. „Doch zu hell“, murmelt sie. Sie klappt den Blitz zu, lässt die Kamera aber sinken. „Das ist die Technik unserer Welt. Und um das noch zu betonen: Bei uns gibt es gar keine Magie – nicht einmal einen Hauch davon.“

Irritiert bleibt Jaleel stehen, fängt sich aber schnell, nur um Juliane die Kamera zu entreißen. Sein Kiefer klappt herunter. Stumm reicht er das Gerät an Gwenael.

„Das bräuchten wir“, murmelt der Commandant düster. Es würde mir das mühsame Zeichnen ersparen.“ Er räuspert sich und reicht Juliane die Kamera. „Also gibt es bei Euch keine Magie, dafür aber Hilfsmittel, mit denen man Stimmen aufzeichnen und Bilder aus der Bewegung einfangen kann, interessant.“

 

„Zusammen mit ihrem Wissen und dem des Chronisten, könnten wir den Fall sehr schnell lösen“, fasst Jaleel zusammen. „Wenn Ihr auf unserer Seite wäret, Mademoiselle, könnten wir weitaus schneller und leichter mit der Arbeit voranschreiten.“

Gwenael weist auf Jaleel. „Ihr habt ja gelesen, wie ich meinen Stab zusammengesetzt habe. Warum dann nicht auch jemand wie Euch?

Juliane ist so verdutzt, dass sie im ersten Moment nicht

Karte Äos (c) Tanja Meurer

weiß, was sie sagen soll, dann nickt sie. „Wenn ich helfen kann, dann liebend gern. Allerdings müssten wir auch Tanja, den Chronisten, nach Äos holen. Sie kann viele Dinge noch viel besser als ich.“

„Tanja? Wer ist das, Ihr habt den Namen zwar schon erwähnt, aber …“ Gwenael zuckte die Schultern. Interessiert tritt auch Jaleel wieder näher, als sich schnelle Schritte nähern.

„So haben wir nicht gewettet, Madamchen!“, fährt ihr Shion dazwischen. „Du hast deinen Platz andernorts!“

„Ach Mist!“, entfährt es Juliane, und sie sieht zu Shion. „Ausgerechnet jetzt musst du zurückkommen. Dabei war das ein Angebot, das ich nicht ablehnen konnte.“

„Du …“ Er droht kurz, grinst dann aber. „Wenn ich es mir recht überlege, wäre es gar nicht so dumm. Nur will ich dich mal auf Verbrecherjagd sehen. Du kannst ja leider nicht kämpfen, und darauf sollten wir uns fraglos einstellen.“

„Ach und Jaleel kann kämpfen? Ich will mal sehen, wie er sich im Schwertkampf mit Gwen schlägt. Gut, er kann einbrechen und ist ein geschickter Taschendieb, aber im Kampf ist er jetzt auch nicht besser als ich.“ Sie stemmt die Hände in die Hüften. „Außerdem könnte ich dann noch viel mehr recherchieren – über Äos, den großen Krieg, die ganzen Geheimnisse, die diese Welt umgeben.“

Shion, der ohnehin wenig Farbe hat, verliert noch ein bisschen mehr davon. „Sei still!“ Prüfend schaut er sich um, als ob er erwarte, dass etwas Außergewöhnliches geschieht. Selbst Gwenael und Jaleel halten die Luft an, entspannen sich aber nach einer Weile.

Der Commandant hat sich als erster wieder im Griff. „Was wollt Ihr über Äos wissen? Eure Chronistin hat sicher auch dazu alles aufgeschrieben, oder?“

„Nun ja, das Land hat sie nicht bereist.“ Sie sieht zu der Landkarte die an der Wand hängt. „Wie sind die verschiedenen Länder? Wie sieht es in Paresh aus? Immerhin ward ihr bis vor kurzem dort.“

Gwenael will gerade zu einer Antwort ansetzen, als Shion die Hand hebt. „Geht das nicht langsam etwas zu weit, Julie?“ Er schüttelt sacht den Kopf. „Ich glaube, wenn du mehr hören willst, solltest du vielleicht meinen Vätern diese Fragen stellen.“

„Waren die beiden in Paresh?“, fragt Jaleel scharf.

Shion sieht über die Schulter und schüttelt den Kopf. „Nicht so lang wie Ihr, das gebe ich zu.“ Gwenael winkt den Magier zu sich und flüstert ihm etwas zu, was in Jaleels Worten untergeht. „Paresh ist ein heißes Land, mal sehr feucht, mal von Dürre heimgesucht“, sagt der Parhur. „Es ist auch ein gläubiges Reich, im Gegensatz zum Rest der Welt, aber zugleich ist es ungerecht. Es gibt mehr Leibeigene als Bürger, und der Herrscher ist zugleich der Herr über eine Stadt, in der nur der Adel frei ist. Alle anderen leben wie in einem Gefängnis, nur dass es mehr als vier Wände hat und sich auf das Areal von Dahla ausdehnt. Es ist ein stolzes, aber auch verrottendes Reich.“ Er sucht Gwenaels Blick, der still nickt. Auch Shion senkt die Lider.

„Deshalb kämpfen so viele unserer Soldaten dort unten. Ihnen sind die Grenzen egal, ebenso das alte Reich Kalesh. Ihnen geht es um die Freiheit“, führt der Magier an.

„Unsinn!“, fährt Gwenael dazwischen. „Viele Soldaten gehen mit falschen Vorstellungen in die Schlacht. Vertut Euch nicht darin. Ich war rund zwanzig Jahre dort unten. Das hat nichts mit Revolution und Heldentum zu tun, nur mit verbissenem Starrsinn, Fassungslosigkeit und dem Wunsch, irgendwann davon befreit zu werden.“ Er sieht zu Juliane. „Aber das war nicht Eure Frage, Mademoiselle.“

„Nicht ganz, aber diese Richtung ist auch nicht verkehrt. Ich höre gerne zu, wenn ihr mehr dazu sagen wollt.“ Sie sieht zu Shion. „Allerdings habe ich das Gefühl, dass meine Zeit fast vorüber ist, oder?

Langsam nickt der Magier. „Ja. Du gehörst nicht hierher, meine Liebe.“ Er tritt zu ihr und legt ihr beide Arme auf die Schultern. Sie reicht dem hageren Mann gerade bis zur Brust. „Wenn du einen Aufschub willst, gerne, aber den können dir nur meine Väter gewähren, nicht ich.“

„Gibst du mir wenigstens die Möglichkeit, ein Bild von uns dreien zu machen?“ Sie deutet auf Jaleel und Gwenael. „Das wäre wirklich toll.“

Er stöhnt und hebt beide Hände. „Wenn es denn sein muss … Aber dafür schuldest du mir etwas!“ Er nimmt die Kamera. „Platziert euch wenigstens so, dass ich nicht gegen die Sonne ankämpfen muss.“ Gwenael wirkt verunsichert und stellt sich in den schattigen Zugang zum Nebenraum.

„Ob er das gemeint hat, wage ich zu bezweifeln“, sagt Jaleel mit einem Augenzwinkern. Er positioniert sich dekorativ auf der Tischkante. „Sehe ich gut so aus?“

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Exklusives Foto mit Gwenael und Jaleel (c) Shion (Tanja Meurer)

„Ja, sehr ansprechend und dekorativ“, kommentiert Juliane und stellt sich neben ihn. Sie winkt Gwenael herüber. „Ihr werdet zwar sowieso aussehen, als hättet Ihr einen Zaunpfahl verschluckt, aber versucht trotzdem, ganz locker zu bleiben und nicht zu verkrampfen … klingt fast ein wenig anzüglich.“

Gwenael scheint es vorzuziehen, nicht darauf zu antworten. Er setzt sich links von ihr auf die Tischkante und verschränkt die Arme vor der Brust.

„Würde es Euch umbringen zu lächeln?“, fragt Shion spöttisch. „Im Übrigen hat sie vollkommen recht, mon Commandant, Ihr macht den Eindruck einen Zaunpfahl verschluckt zu haben.“

„Ach, ich fühle mich einfach in dieser Situation nicht wohl“, entgegnet Chabod leise. „Nach meinem Gefühl bin ich nicht mehr Herr meiner Selbst, wir haben es hier mit magielosen Automaten zu tun, gegen die unsere Entwicklung noch in den Kinderschuhen steckt, außerdem macht mich diese Chronistin nervös. Mir wäre es lieber solche Menschen auf unserer Seite zu wissen. Fehlt Euch dafür etwa auch das Verständnis, Maître?“

Shion schüttelt den Kopf. „Natürlich nicht, aber vielleicht tut es uns allen gut, dass wir einmal mehr lernen, dass wir nicht die Krone der Schöpfung sind und es noch viel gibt, was außerhalb unserer Vorstellung liegt. Das schärft unsere Sinne.“

Jaleel legt Juliane eine Hand auf die Schulter. Er neigt sich zu ihr und senkt die Stimme: „Wenn Ihr Aufschub gewährt bekommt, würdet Ihr uns in dem Fall helfen?“

Juliane lächelte leicht. „Natürlich – da müsst Ihr aber Shion überzeugen. Oder mit Meister Lysander sprechen. Er ist ein wenig offener, was das betrifft. Allerdings ist das hier Euer erster großer Fall – vielleicht solltet Ihr ihn gemeinsam mit Gwenael bestreiten, zumal Euch das einander näherbringen würde. Ihr wollt ihn doch besser kennenlernen, oder?“

Jaleel stockt. „Ähm, na ja, also … ich wäre nicht böse darum. Aber das ergibt sich, oder?“

„Natürlich doch – aber wenn wir hier alles aufklären, bliebe dafür wenig Zeit oder? Ich könnte alles offenbaren, was hinter den Automaten steht, was das alles mit den Mordfällen von vor dreißig Jahren zu tun hat und wie das mit Gwenaels Familie zusammenhängt, aber das wäre nicht das Abenteuer, was Euch zusammenschweißen würde.“ Sie lächelt Shion an, der mehrere Bilder macht. „Aber vielleicht darf ich wiederkommen – zusammen mit dem Chronisten, der Eure Abenteuer verfasst. Sie würde gewiss gerne mal ein Gespräch mit Euch führen.“

Unterdessen ist Jaleel bis zu den Ohrspitzen rot und achtet nicht mehr auf Shion. „Das ist wahr.“ Er lächelt. „Vielleicht ist es nicht zu klug, allzu viel über die Zukunft zu wissen. Alles wird seinen Weg finden, wie das Wasser.“

Gwenael erhebt sich. Seine Knochen knacken in den Gelenken. „Jetzt ist es aber mit den Bildern genug. Wir haben noch einiges zu tun.“ Mit einem Blick zu Juliane fügt er hinzu: „Auch ich will lieber meine Zukunft und mein Schicksal selbst heraus finden. Wenn Ihr in der Lage seid, alles was Ihr wisst, für Euch zu behalten, seid Ihr hier bei uns willkommen. Wie ich schon sagte: ich würde Euch einen Platz hier anbieten, aber so lang Ihr dazu nicht in der Lage seid, würde ich Euch bitten zu gehen.“

„In der Lage wäre ich schon …“ Ihr Blick huscht zu Shion, und sie hebt die Hand. „Aber ich denke, ich würde es nicht dauerhaft in dieser Welt aushalten. Es ist anders als meine Welt – da liegen Jahrhunderte an Entwicklung und Zeit dazwischen und mir würden doch einige Annehmlichkeiten meiner Zeit fehlen.“ Sie nimmt ihre Sachen und packt sie in die Tasche. „Aber vielleicht darf ich irgendwann mal wiederkommen. Später, wenn ihr mehr Zeit habt und dieser Fall hinter euch liegt.“ Sie greift zum Buch.“Hm … eine Sache wäre aber toll – könntet Ihr dieses Buch nicht mit Euren Namen schmücken – eine Signatur quasi? Der Chronist oder einer der Leser würden sich freuen.“

Der bereits vertraute, irritierte Gesichtsausdruck auf Gwenaels Zügen verschwindet nach einem Augenblick. Er legt die Stirn in Falten. „Mit welcher Feder kann man auf diesem seltsam rauen und weichen Papier schreiben, ohne dass sie verläuft?“

„Ihr habt ihn gut an der Angel“, wispert Jaleel und grinst Juliane zahnig an.

„Von mir könnt Ihr lernen“, wispert sie ihm zwinkernd zu. „Versucht es damit.“ Sie zieht einen Kugelschreiber aus der Tasche. „Sieht seltsam aus, funktioniert aber wie eine Feder, ohne dass die Schrift verläuft.“

„Das ist kein Metall, auch wenn es danach aussieht.“ Gwenael betrachtet die kleine Öffnung am vorderen Ende und dreht ihn neugierig in der Hand. Die roten Ecken auf schwarzem Grund scheinen ihn zu faszinieren. Er drückt auf das hintere Ende, sodass die Miene herausschießt und zurückspringt. Mit gefurchter Stirn mustert er Juliane: „Schreibt man mit der Spitze?“

„Ja, genau so.“ Sie nickt ihm zu und schiebt ihm das Buch hinüber. „Einfach Euren Namen hineinsetzen. „Jaleel, Ihr könnt Euch gleich anstellen – ich weiß, dass Ihr schreiben könnt.“

Gwenael neigt sich vor und malt seine akkuraten, stark rechts gewendeten Buchstaben hinein. „Richtig so?“

„Wird wohl“, entgegnet Jaleel und zeichnet sein eigenes, fast ornamentiertes Namenssymbol hinein. Er nimmt das Buch und hält es hoch. „Sagt, Julie, wie bin ich in dem Buch? Auch so steif wie mein lieber Freund hier?“ Er blinzelt Gwenael zu.

SIgnatur

einmalige, von den Charakteren signierte Ausgabe – gibt es am Ende der Special Week zu gewinnen!

„Ihr seid frech und sehr liebenswert. Also ich mag Euch sehr – Parhur hin oder her. Ihr habt sogar einige Fans.“ Sie zwinkert ihm zu und nimmt das Buch an sich. Behutsam steckt sie es in ihre Tasche.

„Fans? Was ist das?“ Jaleel kratzt sich am Kopf.

„Ähm, Leute die dich gerne haben und mögen – zumindest anhand der Geschichte und der Beschreibungen des Chronisten.“ Sie sieht zu Shion. „Ich könnte in den nächsten Tagen ein Exemplar bei Luca abgeben, dann kann er es entsprechend lesen bzw. übersetzen.“

 

„Wenn er Zeit hat, macht er das sicher auch.“ Shion nickt mit dem Kopf zu Chabod. „Er wird es nur nicht befürworten.“

„Nicht vor der Zeit“, stimmt der Commandant zu. „Aber generell würde es mich schon interessieren.“ „Liebenswert“, murmelte Jaleel. Er streckte sich. „Und Gwenael …?“

„Das führt doch langsam zu weit!“ Gwenael schüttelt tadelnd den Kopf. „Mademoiselle Julie hat noch einen weiten Weg bis zum Orden. Wir sollten Ihr einen Wagen kommen lassen, damit sie unbeschadet zu Grand-Maître Lysander kommt.“ Er nickt Juliane zu. „Nichts für ungut, Ihr seid mir auch willkommen, aber ich will lieber meine Zukunft nicht wissen, auch nicht lesen. Versteht ihr das?“ In seine Stimme schleicht sich Milde.

„Natürlich verstehe ich das. Vielleicht kommen Tanja und ich einmal vorbei, wenn alles vorüber ist – dann können wir wirklich über alles sprechen, die Chroniken, Eure Abenteuer und alles weitere.“ Sie schultert ihre Tasche und sieht zu Gwenael. „Vielen Dank, dass Ihr Euch Zeit für mich genommen habt – ich weiß, wie viel Ihr noch zu tun habt.“ Sie schenkte ihm ein Lächeln. „Und die Leser mögen Euch auch sehr, da könnt Ihr Euch sicher sein.“

„Vielen Dank. Habt in jedem Fall einen guten Weg und übersendet den Magiern des Ordens meine besten Wünsche.“ Gwenael deutet eine leichte Verneigung an.

„Wenn wir uns wiedersehen, würde ich Euch gern die Stadt zeigen, Mademoiselle Julie, die, fern ab der großen, lauten Märkte. Ich glaube, das wäre auch in Gwenaels Sinn, oder?“ Jaleel wirft ihm einen fragenden Blick zu.

Der Commandant nickt. „Wenn alles wieder unter besseren Vorzeichen steht, Mademoiselle.“

„Das nennt sich einen glatten Rausschmiss“, sagt Shion mit einem Augenzwinkern. „Aber einen mit Hintertüre zu uns zurück.“

„Ist schon in Ordnung, Shion.“ Sie wendet sich an Jaleel und reicht ihm die Hand „Und ich komme gerne auf das Angebot einer Stadtführung zurück, Jaleel. Es hat mich wirklich sehr gefreut dich kennenzulernen.“ Sie grinst den Parhur an. „Euch ebenso, Gwenael. Es war mir eine Ehre.“

Als sie sich umdreht und neben Shion über den weiten Exerzierplatz in Richtung des Tores geht, murmelt der Magier: „Du warst sehr offenherzig mit den Errungenschaften deiner Welt. Das kann ich so einfach nicht durchgehen lassen, und das weißt du auch.“

Juliane seufzt und zieht den Kopf ein Stück zwischen die Schultern. „Ich weiß, aber das Interview ist vollkommen aus dem Ruder gelaufen.“ Sie hebt den Blick und fixiert den Magier. „Ich wusste, dass es schwer wird mit den beiden zu reden, aber dieser fette Sergeant hat es ja nur noch verschlimmert. Rim ist so ein …!“ Sie presst die Lippen aufeinander und kickt – sehr wenig damenhaft – einen Stein davon, der an dem Stiefel eines Soldaten abprallt. Der Mann dreht sich kurz um, reagiert aber nicht. Wahrscheinlich liegt es an Shions Gegenwart.

Juliane schluckt trocken, bevor sie sich ein Lächeln auf die Lippen zwingt. „Was wirst du nun machen, Shion?“ Ihre Stimme schwankt leicht. Die Antwort wird ihr sicher nicht zusagen.

„Am einfachsten ist es, ihre Erinnerungen zu löschen.“ Er überblickt den Kasernenhof. „Wie viele haben dich denn gesehen?“

„Gwen, Jaleel, Marianne, Rim, Radur und gute vierzig Soldaten.“

Shion rollte mit den Augen. „Wunderbar – du weißt aber, dass Rim deine Anwesenheit sicher schon in der Kantine und überall sonst herumgetragen hat?“ Ohne auf eine Antwort zu warten, fährt er fort: „Das kostet mich verdammt viel Kraft. So viel Beherrschung über so viele Menschen auszuüben, das ist nicht einfach.“ Er reibt sich das Kinn.

shion

Shion (c) Tanja Meurer

„Soll heißen?“, fragt Juliane herausfordernd. „Was willst du als Gegenleistung?“

 

Er zuckt mit den Schultern. „Vielleicht mal wieder ein ruhiges Film-Wochenende bei dir und Tanja?“

„Sicher das … mit den „Men in Black“!“

Er hebt die Schultern und verschränkt beide Hände hinter dem Rücken. „Wenn du nicht willst, auch gut …“

„Ach verdammt, ich weiß nicht, was ich will!“ Juliane reißt die Arme hoch und ballt die Fäuste. „Einerseits weiß ich, dass ich viel zu viel verraten habe, anderseits will ich mit Tanja das alles hier auch mal direkt erleben können. Verstehst du das nicht?“

„Doch.“ Er klingt nachdenklich. „Egal wie, du fährst jetzt erst mal zu Ayco und Luca, redest mit den beiden und konzentrierst dich auf andere Dinge, einverstanden?“

„Muss ich wohl sein.“ Sie folgt ihm vor das Tor, wo er die nächste Kutsche anhält.

„Fahr zum Orden, rede mit meinen Vätern und warte, bis ich mich melde.“ Seine Stimme hat etwas Beschwörendes.

Mit einem Gefühl von Ärger, Verlust und Erschöpfung besteigt Juliane die Kutsche. Als das Gefährt durch das Tor hinaus auf die Handelsstraße rumpelt, dreht sie sich um. Sie kann sich nicht von der großen Stadt lösen. Es ist, als bliebe etwas von ihr dort. Die sandfarbenen Türme, Mauern und Zinnen, dieses wundervolle Gefühl in einer Welt fern der Realität zu sein …

Sie dreht sich mit brennenden Augen um und greift in ihre Tasche. Immerhin hat sie die Fotos, die Bandaufnahme und ihre Notizen. Beinah wehmütig betrachtet sie die kleine Version der Bilder auf dem Monitor. Als sie die Kamera zurücksteckt und die Notizen heraus zieht, um noch ein paar Anmerkungen, ihre eigenen Gefühle in diesem Moment hinzuzufügen, bemerkt sie, dass der rot-schwarze Incubus-Kuli fehlt. Ihr wird kalt. Sie weiß sofort wo er liegt: auf Gwenael Chabods Schreibtisch …

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Veröffentlicht am 4. Mai 2016 in Fantasy, Gay, Interview, Special Week und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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