[ZITATE-FREITAG] Bruder

Hallo ihr Lieben,

heute möchte ich euch ein Buch vorstellen, das mich tief berührt hat und das vollkommen zu unrecht so unbekannt ist. Dabei wurde es 1999 mit dem deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet – zu recht, denn der niederländische Schriftsteller Ted van Lieshout hat mich mit seinem gefühlvollen, tiefgründigen und teilweise schwer verdaulichen Jugendroman tief beeindruckt. Leider ist dieses wundervolle Werk inzwischen nur noch gebraucht erhältlich, was ich sehr schade finde.

Die Zitate des Buches stammen aus der alten Ausgabe von Middelhauve, weswegen sie noch in der alten Rechtschreibung verfasst sind – bitte stört euch nicht daran. Und noch ein Hinweis: die fett gedruckten Sätze sind im Original kursiv geschrieben (was man dank der Zitate-Funktion nicht mehr sieht) und kennzeichnen Marius‘ Tagebucheinträge.

Bestellen: Amazon
meine Rezension

Ich sitze nun also doch wieder da, dein Tagebuch vor mir, denn ich beabsichtige, so viel zu schreiben, daß dein Tagebuch eher meines ist als deines. Wenn diese blöde Frau dann meine Seiten herausreißen will, muß sie das ganze Ding kaputtmachen, und darauf ist sie, glaube ich, nicht aus. Trotzdem ist es natürlich seltsam, daß ich in dein Tagebuch schreibe und dich anspreche, als solltest du es jemals lesen.

„Bruder“, S. 19-20 (c) Ted van Lieshout, Middelhauve / Beltz&Gehlberg

Danach habe ich mich noch in Luuks Zimmer umgeschaut …

Wo du überhaupt nichts zu suchen hattest!

…und habe unter dem Löschpapier auf seinem Schreibtisch ein seltsames Briefchen gefunden.

Oh nein! Nicht schon wieder! Wir wollen es an diesem besonderen Tag doch gemütlich haben.

Es ist ein Entwurf zu einem Brief, der an Mam und Pap gerichtet ist. Ich habe ihn gelesen, und es steht drin, was ich mir schon gedacht habe, nämlich daß Luuk Jungen mehr mag als Mädchen …

„Bruder“, S. 55 (c) Ted van Lieshout, Middelhauve / Beltz&Gehlberg

[…] – es war, als wären unsere Körper füreinander gemacht, so genau paßte alles, sosehr waren wir füreinander bestimmt. Ich kann es nicht anders erklären. In Kampffilmen schwingen Kerle ihre Schwerter, um sich gegenseitig niederzustechen – Lex und ich führten auch eine Art Schwertkampf, aber zwischen uns war Frieden.

Ich weiß nun genau, daß es nichts Vorübergehendes ist, daß ich mich in einen Jungen verliebt habe. Es ist etwas Ewiges!

„Bruder“, S. 75 (c) Ted van Lieshout, Middelhauve / Beltz&Gehlberg

Am Montag bist du gestorben. Als Mam es mir sagte, wusste ich es eigentlich schon, aber ich wollte es laut hören. Mein Bruder war für immer kaputt. Keine Garantie. Kein Tausch. Keine Reparatur. Vierzehn Jahre und sechs Monate wurdest du alt. Minus einem Tag.

„Bruder“, S. 132 (c) Ted van Lieshout, Middelhauve / Beltz&Gehlberg

„Als Marius starb, bist du einfach weiter Mutter geblieben, meine Mutter nämlich. Aber ich habe meinen einzigen Bruder verloren. Meine Frage ist: Bin ich noch immer ein Bruder, oder bin ich zu einem Einzelkind geworden?“

„Was für eine Frage am frühen Morgen.“ Ihr Kopf blieb bewegungslos auf dem Kissen liegen. Ich dachte, sie wolle mir keine Antwort geben, dann tat sie es aber doch. „Ich glaube, das mußt du selbst für dich bestimmen.“

„Ich glaube, ich bin immer noch Bruder, aber von niemandem mehr.“

„Bruder“, S. 146 (c) Ted van Lieshout, Middelhauve / Beltz&Gehlberg

„Und da es nun mal nicht anders ist, muß ich mit einem Schlag glücklich sein? Etwa von alleine?“

„Wenn du sicher weißt, daß du homosexuell bist, obwohl du gerade erst sechzehn bist“, sagte Mam geringschätzig, „dann finde ich mich damit ab. Ich würde sagen: Such dir einen Freund. Und wenn du einen hast, bring ihn mit nach Hause. Ich werde kein Theater machen. Ob es nun ein Freund oder eine Freundin ist, es ist und bleibt eine blöde Kuh, nicht gut genug für meinen Sohn.“

„Ja, das ist witzig, Mam.“

„Ich kann auch heulen, aber ich kann es damit doch nicht ungeschehen machen.“

„Und Pap?“ Wieder schaute ich hinauf zu dem Fenster, hinter dem er stand, ohne daß er hören konnte, was wir sprachen.

„Dein Vater hat es eher gemerkt als ich. Der hatte schon einen Verdacht, als du drei warst.“

„Bruder“, S. 167 (c) Ted van Lieshout, Middelhauve / Beltz&Gehlberg

Wie ihr seht konnte ich mich nicht auf 5 Zitate beschränken (und es gibt noch zwei weitere, die ich absolut toll finde, ganz besonders das Schlusszitat – ich liebe Bücher, in denen mir die letzten Sätze im Gedächtnis bleiben). Es ist so wunderschönes Jugendbuch, das ich jedem ans Herz legen möchte. Nächste Woche verlasse ich die niederländischen Jugendbuchautoren und stelle euch anhand von einigen Zitaten den Roman „Der Klub der Ungeliebten“ vor. Bis dahin 🙂

Liebe Grüße,
Juliane

Advertisements

Veröffentlicht am 8. April 2016 in Aktion, Gay, Jugendbuch, Zitate-Freitag und mit , , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: