[INTERVIEW] Paul Senftenberg

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Die Special Week ist fast vorrüber und bevor wir uns dem Leserinterview nebst Gewinnspiel näher, kommt nun das obligatorische Interview mit dem Autoren. Euch erwarten einige tolle Informationen über ihn und seine Werke, ebenso über seine Romane und Novellen.

http://www.paulsenftenberg.at/

Bitte erzähl uns ein wenig mehr von dir. Was machst du in deiner Freizeit?
Ich glaube, meine größte Leidenschaft spiegelt sich in einigen meiner Bücher wider: der Film. In „Eine ganz andere Liebe“ ist ein Freiluftkino, umgeben von alten Gemäuern, ein wesentlicher Schauplatz, und bei einer Vorstellung von „Frankenstein“ kommt es zum ersten Kuss der beiden Protagonisten. Auch der Höhepunkt der Geschichte findet in einem alten Kino, Lichtspieltheater genannt, statt. In „Damals ist vorbei“ ist ein ebensolches ehemaliges Lichtspieltheater der Ort, an dem Martin und seine Frau Margit eine Buchhandlung mit angeschlossener kleiner Galerie betreiben. Wahrscheinlich ist sogar mein Schreibstil, sind die kurzen Kapitel und das Springen zwischen verschiedenen Zeit- und Erzählebenen vom Aufbau von Filmen und besonders auch Fernsehserien à la „Lost“ beeinflusst . Kurz und gut, ich bin ein wahrer Filmfreak, würde ich sagen, wobei ich total auf Horror und Thriller stehe (es aber kaum ein Genre gibt, das ich gar nicht mag), sowohl wirklich gut gemachte Blockbuster (ich liebe James Bond und „Star Wars“), als auch intellektuelles Arthouse mag. Worum es mir geht, ist, überrascht zu werden, sowohl von der Geschichte und den Charakteren her, als auch von der Machart. „Slow West“ war da in jüngster Zeit ein gutes Beispiel – sehr cool der Moment, als der Protagonist mit der bloßen Hand einen Pfeil abfängt.

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Weitere Hobbies von mir sind natürlich Lesen und das Schreiben, ich reise auch sehr gern, wobei das bei mir nicht bedeutet, zwei Wochen am Strand zu liegen, sondern die Kultur und die Menschen eines Landes kennenzulernen. Die Welt ist zu groß und es gibt noch so viele Ziele, die mich interessieren würden, da wäre es mir zu schade, die Zeit mit Nichtstun zu vergeuden. Fotografieren, besonders auf den Reisen, interessiert mich auch, ich bin da aber ein absoluter Amateur. Ich gärtnere auch ein wenig. Und last but not least gehört auch regelmäßiges Fitnesstraining zu meinen Freizeitbeschäftigungen. Du sieht, langweilig wird mir nie!

Welchem Job gehst du hauptberuflich nach?
Ich bin Lehrer, und zwar einer mit Leib und Seele. Die Zusammenarbeit mit den Kindern und Jugendlichen macht mir auch nach so vielen Jahren noch Freude, ich glaube auch, dass sie jung hält, ich lerne da täglich von meinen Schülerinnen und Schülern. Und es ist mir einfach Berufung, jungen Menschen dabei behilflich zu sein, sich Wissen und Können anzueignen. Einem wirklich wissbegierigen jungen Menschen beim Lernen behilflich zu sein, vielleicht die richtigen Anstöße zu geben, ist eine sehr befriedigende Aufgabe. Dass das schulische Umfeld nicht immer so aussieht, ist aber natürlich auch klar.

Wann hast du mit dem Schreiben begonnen? Gab es einen Auslöser, der dich zum Schreiben brachte?
Ich schreibe, seit ich denken kann, wobei es ganz gut ist, dass die ersten Versuche nicht veröffentlicht wurden. An einen konkreten Auslöser kann ich mich nicht erinnern, da waren einfach immer Geschichten in meinem Kopf, die hinaus mussten, sonst wäre er zerplatzt 😉 Als Moment der Erkenntnis möchte ich bezeichnen, als ich als Jugendlicher zu Weihnachten Bodo Kirchhoffs „Mexikanische Novelle“ geschenkt bekam. Wie Schuppen fiel es mir von den Augen, was man mit Sprache, mit schnörkellosen und dennoch extrem kunstvollen Sätzen, mit glasklarem Ausdruck, mit einfach den immer absolut perfekten Wörtern bewirken kann: Whow! Bevor ich mich ins schwule Genre gewagt habe, habe ich Bücher unter einem anderen Pseudonym herausgebracht. Irgendwie sehe ich es aber heute so, dass immer alles darauf hinausgelaufen ist, (auch) über schwule Charaktere zu schreiben.

Du hast einen sehr belletristischen Stil. Hast du dir das Schreiben selbst beigebracht oder auf anderem Wege gelernt?
Wenn du mit „belletristisch“ den eigentlichen Sinn des Wortes meinst, nämlich „schöngeistig, literarisch, unterhaltend“, dann kann ich sagen, dass ich natürlich hoffe, dass mein Stil in dem Sinne unterhaltend ist, dass er die Geschichte auf die mir bestmögliche Weise in Richtung der Leser transportiert. Mir ist extrem wichtig, dass sich keine oder möglichst wenige sprachlichen Klischees einschleichen. Besonders grauenhaft sind ja viele Vergleiche oder Metaphern, die man allenthalben lesen kann. Hemingway soll ja aus den ersten Fassungen seiner Texte die unnötigen Adjektive (und das waren für ihn sehr viele) herausgestrichen haben. Ich mag in meinen Büchern keine Passagen finden, die man als sprachlich banal bezeichnen könnte. Deshalb arbeite ich an jedem Kapitel so lange, bis aus meiner Sicht wirklich alles sitzt, ich arbeite es wieder und wieder durch, streiche heraus, formuliere um, und erst, wenn es für mich passt, beginne ich mit dem nächsten. Und wenn der ganze Text steht, fange ich nochmals mit dem Korrigieren an – ich kann mich ewig mit der richtigen Wahl eines Satzzeichens beschäftigen. Du wirst jetzt verstehen können, dass mir schlechter, klischeehafter, banaler Stil ein Gräuel ist … Beigebracht habe ich mir das selbst, gutes Schreiben kann man nur durch Schreiben (und natürlich auch Lesen guter Literatur) lernen. Ich denke, es gibt nur wenige Ausnahmeerscheinungen in der Literatur, die das gleich von Anfang an fast perfekt konnten. Ich habe gerade erst die Kurzgeschichten gelesen, die Truman Capote als Dreizehn- und Vierzehnjähriger geschrieben hat – phänomenal! Aber mit einem wie ihm kommt ohnehin kaum jemand mit.

Wie viel Zeit brauchst du, um ein Buch zu schreiben?
Wie du dir nach meinen obigen Erklärungen denken kannst, recht lang. Ich gehe mit einer Idee oft jahrelang im Kopf herum, dann kommt die Phase der unzähligen Notizen und deren Ordnung auf Karteikärtchen. Bei meinem Stil des oftmaligen Wechsels der Zeitebenen wäre es ohne die Kärtchen, die ich dann wie bei einem Puzzle ordnen kann, nicht möglich, Übersicht zu bewahren. Und dann muss der erste Satz hundertprozentig passen, damit die Geschichte daraus herausfließt. Ein schlechter erster Satz kann mich total blockieren. Auf die ersten Sätze aus „Damals ist vorbei“ und „Hände“ bin ich stolz. Wenn aus einem solchen gelungenen, zur Thematik und der Atmosphäre des Textes passenden ersten Satz ein gutes erstes Kapitel geflossen ist, geht’s mit dem Schreiben (trotz des vielen Korrigierens) relativ flott voran. Mehr als zwei Monate brauche ich dann nicht mehr. Aber meine Bücher sind ja auch nicht sehr dick.

Viele deiner Charaktere heißen Paul. Gibt es dafür einen bestimmten Grund?
Da kann ich leider mit keiner geheimnisvollen oder spannenden Erklärung dienen. Ich finde schlicht und einfach den Vornamen Paul wunderschön, das ist für mich der schönste männliche Name überhaupt, kurz und kraftvoll, aber gleichzeitig doch auch sehr weich und anschmiegsam. Deshalb habe ich ihn mir als Künstlernamen gewählt. Und weil er mir so gefällt, heißen auch einige meiner Protagonisten so.

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Friedhof der Namenlosen – Damals ist vorbei

Einige deiner Bücher behandeln das Thema „Homosexualität und Ehe“, sprich deine Charaktere sind verheiratet und entdecken dann ihre Gefühle für einen Mann. Gibt es hierfür besondere Gründe oder reizt dich einfach nur das Thema? In diesem Zusammenhang: „Damals ist vorbei“ ist dein Debüt – was hat dich bewogen eine solche Geschichte zu schreiben?
Mark Twain soll einmal gesagt haben, seine Bücher seien im Grunde genommen allesamt Autobiografien, da ein Autor immer nur davon gut schreiben könne, was er selbst erlebt habe. Deshalb bezweifelte er auch (wie manch andere) die Urheberschaft Shakespeares: Dass ein einzelner Mensch all diese Geschichten rein aus seiner Imagination verfassen könne, war ihm undenkbar. Im Kern gebe ich Twain recht – man sollte über das schreiben, wovon man auch etwas versteht. Doch ich denke, dass manauch nicht wirklich alles selbst erlebt haben muss, ich glaube schon auch an die Vorstellungskraft des menschlichen Geistes. Ohne jetzt weiter Details meiner eigenen Biografie geben zu wollen, kann ich dir sagen, dass meine Bücher zwar keine Autobiografien sind, sondern Fiktion, diese jedoch schon um einen realen Kern gesponnen wird; wenn ich nicht genau wüsste, wovon ich schreibe, wäre ich besonders bei „Damals ist vorbei“ zweifellos im Oberflächlichen, im Klischee stecken geblieben. Dass die Geschichte reale Wurzeln hat, dass sie mich persönlich berührt hat, war aber auch ganz klar der Anstoß, sie niederzuschreiben.

Mit „Der Stammbaum“ wagst du den Schritt zur klassischen Novelle – war das Absicht oder hat sich die Geschichte von selbst in diese Richtung bewegt?
Ich arbeite meist ganz intuitiv. Ich weiß eigentlich meist schon bevor ich anfange zu schreiben, wie lang ein Text ungefähr werden wird, das sagt mir einfach mein Gespür für die Geschichte und ihre Stimmung. Ich hatte bei „Der Stammbaum“ das Gefühl, dass der Text zu lang für eine Kurzgeschichte werden würde, aber auch zu kurz für einen Roman. Als ich mich daraufhin mit der Gattung der Novelle beschäftigte, um Schulwissen aufzufrischen, stieß ich auf den Ausdruck „Ding-Symbol“. Da wurde mir schlagartig klar, dass es sich bei dem Stammbaum aus Messing, der dem Text den Titel geben sollte, um genau ein solches Ding-Symbol handelte und ich tatsächlich eine Novelle schreiben würde. Später freute ich mich sehr, dass der Homo Littera Verlag das kaufmännische Wagnis einging, sie zu veröffentlichen.

War es schwierig sich stilistisch dieser alten Literaturgattung anzupassen?
Wie gesagt arbeite ich sehr intuitiv. Als die Sache mit dem Titel und dem Symbol und damit die Frage der Gattung geklärt war, habe ich einfach meinen Text geschrieben. Eine kurze Geschichte, quasi abrupt und durchaus schmerzvoll herausgerissen aus der Realität der Charaktere, Ereignisse zwischen zweiMomenten, die ihr Leben geradezu umstülpen, sie zu einem Neuanfang zwingen. Ich habe nicht versucht, den Text mit Gewalt in irgendeine Richtung zu trimmen; nur was natürlich fließt, wirkt als Erzählung auch elegant.

„Hände“ schneidet ein weiteres, eher ungewöhnliches Thema an. Wie bist du auf die Idee gekommen?
StammbaumZweierlei gab den Anstoß für meine Entwicklung der Geschichte. Da gab es vor einigen Jahren mal einen jungen Mann im Fitnesscenter, der nur einen Arm hatte, damit aber extrem geschickt umging. Er war auch ziemlich fesch, muss ich sagen. Und dann besichtigte ich eines Tages durch Zufall die romanische Kirche im Weinviertler Ort Schöngrabern. Die gotischen Fresken im Innenraum und die Steinerne Bibel an der Außenseite der Apsis faszinierten mich. Ich saß in dieser Kirche, und plötzlich begannen sich in meinem Kopf die Gedanken zu drehen – und ich hatte diese Geschichte.

Viele deiner Bücher haben offene Enden oder laden zum Interpretieren ein. Gibt es ein Buch, das du gerne fortführen würdest oder planst du irgendwann einen zweiten Teil zu deinen Werken?
Ich hasse bis ins letzte Detail vorgefertigte Enden, die den Lesern keinen Spielraum für eigene Interpretationen lassen, keine Möglichkeit, selbst verschiedene Varianten weiterzudenken. Die Zeiten des klassischen Romans des 19. Jahrhunderts sind vorbei, bei Dickens, der seine Charakterporträts sozusagen von der Geburt bis zum Totenbett erzählte, war das natürlich wunderbar, und auch wenn John Irving in einigen seiner Romane auf diese Tradition Bezug nimmt, ist das perfekt (er thematisiert das ja auch). Ein moderner realistischer Roman aber funktioniert nach meinem Empfinden anders. Nimm zum Beispiel „Damals ist vorbei“. Da gibt es am Ende die Variante, dass Martin zu seiner Frau zurückgeht und Thomas verlässt, oder jene, dass er mit Thomas beisammen bleibt und Margit verlässt, oder … Das Leben hat so viele Varianten parat, keine ist die allein gültige. Hätte ich mich für eine entschieden und diese niedergeschrieben, wären die anderen gestorben. Ist es aber nicht so, dass vielleicht gerade die Variante, für die sich zwei Menschen entscheiden, für die Umwelt undenkbar erscheint, für sie aber die beste ist? Und deshalb möchte ich auch keines meiner Bücher fortführen: Sie enden genau an dem Punkt, der für mich der richtige ist. Wenn sich Leser aber darüber hinaus mit der Geschichte und den Charakteren beschäftigen, freut mich das sehr. Und da dies bei der Figur des Manuel in „Hände“ bei so vielen der Fall war, haben wir ihn ja auch für unser Charakterinterview ausgewählt. Und eines möchte ich noch sagen: Ich sehe alle meine Bücher in einem engen thematischen Zusammenhang, und deshalb könnte der Protagonist des einen Buches auch durchaus in einem anderen auftauchen und hätte dort eine nachvollziehbare Rolle. Die Charaktere und Themen meines literarischen Kosmos, wenn man das so großspurig nennen will, sind miteinander sehr eng verwoben. Insofern sind auch keine dezitierten Fortsetzungen notwendig; man könnte sagen, dass jedes Buch in diesem Sinne eine Art Weiterschreibung der anderen ist.

Du arbeitest gerne sprunghaft, anstatt chronologisch. Warum diese Art zu schreiben? Was reizt dich daran zwischen Gegenwart, Vergangenheit und unterschiedlichen Perspektiven hin und her zu springen?
Ich kann mir kaum vorstellen, meine Geschichten einfach chronologisch zu erzählen. Ich finde, dass mein puzzleartiges Erzählen Spannung erzeugt. Wie schon gesagt bin ich hier sehr von Filmen oder besser gesagt Fernsehserien beeinflusst. „Lost“ mit all seinen Sprüngen in die Vergangenheit und dann auch die Zukunft hat hier Standards gesetzt, jüngst auch die Serie „The Missing“ um einen Vater auf der Suche nach seinem verschwundenen Sohn. Ich mag es nicht, wenn Romane Szenen aus verschiedenen Zeitebenen chronologisch erzählen, also die ersten hundert Seiten spielen im Jahr 2000 und die Händenächsten hundert zehn Jahre später oder so. Das empfinde ich als langweilig (wobei Ausnahmen natürlich die Regel bestätigen). Auch der Perspektivenwechsel erzeugt Spannung, zumindest hoffe ich das. Ist es nicht interessant, ein und das selbe Ereignis aus den Augen verschiedener Charaktere zu sehen? Das alles habe ich aber nicht erfunden, das sind gängige Mittel der Erzähltechnik.

Welche Figur ist deine Lieblingsfigur und warum?
Diese Frage kann ich dir beim besten Willen nicht beantworten, Juliane. Ich „liebe“ alle meine Figuren, wenn ich über sie schreibe, ich leide dann mit ihnen, ich empfinde ihre Gefühle so stark, dass ich oft von ihnen träume, als wäre ich sie. Sie sind alle in einem gewissen Sinne meine Kinder, und wenn ich auch keine meiner Figuren mit mir gleichsetzen kann, so ist doch ein Teil von mir (oder das Gegenteil eines Teils von mir) auch Teil ihrer Persönlichkeit.

Was sind Deine aktuellen Projekte? Auf was können sich die Leser als Nächstes freuen?
2016 wird bei Homo Littera ein Buch erscheinen, das mich schon seit langem beschäftigt hat und an dem mein ganzes Herzblut hängt: „Gay Movie Moments“ ist eine Sammlung von Essays zu den stärksten Momenten aus schwulen Filmen. Also die bewegendsten, spannendsten, dramatischsten, lustigsten, einfach intensivsten Szenen, meistens Augenblicke, in denen sich die Handlung zuspitzt oder entlädt, Gänsehautmomente des schwulen Films. Klassiker wie „Brokeback Mountain“ und „A Single Man“ finden sich darunter, auch Fernsehserien wie „Brothers and Sisters“ und „Spartacus“, und ich habe auch relativ unbekannte Juwele wie „Contracorriente“ und „Animals“ entdeckt, darunter ist einiges aus Spanien und Lateinamerika. Schreiben bedeutet für mich immer, so etwas wie Ordnung in das Chaos zu bringen, das mich umgibt oder in mir tobt. So habe ich schon vor Jahren begonnen, über Filmszenen, die mich bewegen, kleine Texte zu schreiben: um für mich persönlich eine gewisse Ordnung in die Vielzahl von Filmen zu bringen. Als Vorbild dafür möchte ich Wolf Wondrascheks „Menschen, Orte, Fäuste“ nennen. Darin finden sich einige ganz kurze Texte zu Plantagenhäusern am Mississippi, jeder für sich sprachlich und in der Struktur perfekt. Etwas in der Art schwebte mir vor: in meinen Möglichkeiten perfekt gestaltete Momentaufnahmen von Filmszenen. Ja, und mit der Zeit, je mehr solcher Texte ich gesammelt hatte, kam auch die Idee, sie einmal gesammelt in Buchform zu veröffentlichen. Ich bin froh, dass Homo Littera darauf eingestiegen ist. Es war ziemlich schwierig, die Rechte für die Fotos zu bekommen, aber ein Buch über Filme ohne Bilder kann man sich nicht wirklich gut vorstellen. Ich konnte mir auch nicht vorstellen, dass die Verleihfirmen kaum Interesse an dem Werbeeffekt zu haben scheinen, die ein solches Buch für sie ja auch darstellt. Die Unterstützung, zumindest in Form von Fotos, war gering. Umso toller von Homo Littera, am Ball zu bleiben! Ich habe noch keine Ahnung, wie das Buch gestaltet sein wird, aber die redaktionelle Arbeit daran wird sicherlich keine geringe sein. Dafür glaube ich, dass wir mit dem Projekt Neuland betreten. Ein Buch über schwule Filmszenen gibt es, soviel wir wissen, weltweit noch keines. Ich bin schon sehr gespannt darauf.

Wie gestaltete sich die Zusammenarbeit mit den Verlagen? Wie produktiv war die Zusammenarbeit mit deinen Lektoren und Verlegern?
Wie du vielleicht schon herausgehört hast, sehe ich meine Zusammenarbeit mit Homo Littera und dabei speziell mit der Verlegerin Romy Leyendecker sehr positiv. Sie ist extrem bemüht um ihre „Schäfchen“ – obwohl meine Texte, wenn du sie im gesamten Verlagsprogramm ansiehst, auf den ersten Blick ja nicht unbedingt dorthin zu gehören scheinen. Aber wenn Romy sich für ein Buch entschieden hat, dann steht sie auch dazu. Außerdem schätze ich es sehr, dass es mit Homo Littera nun auch einen österreichischen Verlag gibt, der sich auf schwule Literatur spezialisiert hat. Da habe ich besonders auch was meine Damals ist vorbeiSprache betrifft eine verlegerische Heimat gefunden. Und nicht zuletzt schätze ich die extrem genaue Lektorierung, also die konkrete Arbeit am Text. Als Autor habe ich ja zuweilen das Gefühl gehabt, meinen Text dem Lektor zusagen auszuliefern. Gibt es da kein echtes Einverständnis, kann das sogar zu einer Art „Kampf“ ausarten, das habe ich alles schon früher erlebt. Bei Homo Littera ist das alles anders, sehr konstruktiv und dennoch entspannter. Bei „Der Stammbaum“ gab es mit der Lektorin noch die eine oder andere Unklarheit auszuräumen, doch bei „Hände“ hatte ich das Gefühl, dass sie meine Art zu schreiben voll und ganz verstanden hat und ihre total notwendige kritische und wertvolle Lektorierungsarbeit eben genau darauf aufbaut. Man ist als Autor ja oft sooo betriebsblind! Die Lektorin und auch der Testleser, der bei Homo Littera das Buch ganz kurz vor dem Druck nochmals kritisch durchstudiert, haben zum Beispiel Fehler bei der zeitlichen Abfolge der Geschichte gefunden, die mir gar nicht aufgefallen sind. In diesem Sinne glaube ich, dass auch das anspruchsvolle Projekt meines Filmbuches bei ihnen sehr gut aufgehoben ist.

 

Mit anderen Verlagen hatte ich ganz andere Erfahrungen. Ursprünglich hatte ich mir meine Art von Literatur bei Verlagen wie Diogenes sehr gut aufgehoben vorgestellt – nur waren die leider nicht ganz meiner Meinung. Ich will damit sagen, dass ich meine Kartons voller Absagebriefe sehr wohl kassiert habe. Aber nicht-schwule Verlage trauen sich ja im Moment gar nichts. Falls sie mal einen schwulen Roman herausbringen, dann ist das zu 95% eine Übersetzung, die im Mutterland schon erfolgreich war, und in der Werbung, selbst auf dem Klappentext, wird der schwule Aspekt der Geschichte meist total verschwiegen. Ach, wie wird da um den heißen Brei herumgeredet, wie wird das Wort „Freundschaft“ strapaziert, wo es eigentlich fehl am Platz ist. Schau dir an, auf welch beschämende Weise der Diogenes-Verlag selbst bei John Irvings „In einer Person“ herumgedruckst hat! Ich habe ein ganzes Regal voller schwuler Romane, denen du ihren schwulen Inhalt nicht ansehen würdest. Und keiner von ihnen ist von einem deutschsprachigen Autor. Nimm zum Beispiel „Barracuda“ (Klett-Cotta) von Christos Tsiolkas, die, laut Klappentext, „berührende Geschichte eines Außenseiters“; oder – das liegt gerade auf meinem Nachtkästchen – „Die Summe unseres Glücks“ von Francois Roux (Piper) – kein Wort von einem homosexuellen Inhalt, bloß die Freundschaft wird wieder strapaziert.

Was mir also blieb, war die Handvoll deutschsprachiger schwuler Verlage. Männerschwarm und Querverlag haben mich an der Nase herumgeführt, das kannst du dir gar nicht vorstellen. Mich hat das damals echt getroffen, ich bin da extrem dünnhäutig und glaube wirklich gleich, meine Texte sind so übel, wie sie von denen gesehen wurden. Mittlerweile weiß ich von anderen Autoren, dass es ihnen genauso gegangen ist. Eine simple freundliche Absage schien hier mit dem Ego der Beteiligten nicht vereinbar zu sein. Und dann Bruno Gmünder! Dort ist ja „Damals ist vorbei“ in der ersten Fassung 2009 herausgekommen. Der Lektor, mit dem ich damals zusammenarbeitete, war ja sehr nett und konnte sich auch gut in den Text hineindenken. Doch dann verpasst der Verlag dem Buch ein Cover, das so ganz und gar nicht zum Inhalt und den Charakteren passte. Schlimm! Und obwohl sich das Buch gut verkaufte, hörte ich dann gar nichts mehr von ihnen. Der Verlag schlitterte dann auch in den Konkurs, neue Leute kamen ans Ruder – und als ein neuer Lektor sich eines Tages erdreistete, mir vorzuschlagen, doch einen Kurs für gutes Schreiben zu belegen, war mir klar, dass dieses Trauerspiel ein Ende haben müsste. Als die Auflage ausverkauft war, bekam ich auf meine Bitte rasch die Rechte an dem Text zurück, Achim Albers von Himmelstürmer stürzte sich darauf, und nach wenigen Wochen war eine Neufassung (ich habe den Schluss ein wenig verändert) mit endlich einem passenden Cover auf dem Markt.

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Die Au – Damals ist vorbei

Würdest du auch den Schritt zum Selfpublishing wagen oder bleibst du lieber bei der Zusammenarbeit mit Verlagen?
Der Hauptgrund, weshalb ich eher zu Verlagen tendiere, ist der Rückhalt, den mir eine gute Lektorierung gibt. Ich habe das oben schon erklärt, weshalb ich das für sehr wichtig empfinde. Vielen Texten, die im Selfpublishing herauskommen, merkt man leider an, dass sie nicht oder schlecht lektoriert wurden. Außerdem – ich bin ehrlich – krault es mein Ego, wenn ich weiß, dass sich ein Verlag für einen Text von mir entschieden hat und dafür nicht zuletzt ein finanzielles Risiko auf sich nimmt. Als ich nach den schlechten Erfahrungen mit den oben genannten Verlagen aber damals ziemlich down war und nicht mehr an die Möglichkeit geglaubt habe, in einem Verlag herauszukommen, habe ich schon an der Idee gebastelt, die Bücher selbst als Books on Demand herauszubringen. Ich wäre mein eigener Herr gewesen, was das Layout, die Schriftgröße, auch das Cover betrifft. Ich war kurz davor, das durchzuziehen, als sich Himmelstürmer für meine Bücher entschied und ich dabei auch ein gewisses Mitspracherecht bekam. Alles in allem ist alles sehr gut gelaufen und ich bin sehr glücklich darüber. Besonders „Hände“ schaut wirklich so aus, wie ich es mir vorgestellt habe.

Welches Genre bevorzugst Du?
Beim Lesen? Eher sehr realistische Gegenwartsgeschichten. Und dabei kommt es mir extrem auf die Sprache und auf die innere Logik der Charakterentwicklung an.

Nicht nur – auch beim Schreiben. Würdest du dich auch einmal an (für dich) ungewöhnliche Genres heranwagen, wie z.B. Krimi, Thriller oder Fantasy?
Das kann ich mir jetzt eigentlich nicht so recht vorstellen. Da müsste ich auch wohl sehr viel recherchieren, was ich nicht gern tue. Ich erzähle einfach Geschichten aus dem realen Leben, wie ich es kenne, that’s my cup of tea.

Was empfiehlst du Jungautoren?
Sich einerseits nicht entmutigen zu lassen von einem verlegerischen Umfeld, das unter Umständen nicht das geringste Interesse für sie aufzubringen vermag. Und zweitens: Sich immer genug Selbstkritik zu bewahren, nicht allzu hingerissen von etwas zu sein, nur weil man es selbst geschrieben hat. Ich möchte nicht brutal klingen, aber man sollte versuchen, nicht allzu schnell mit dem Geschriebenen zufrieden zu sein. An sich selbst zu wachsen, erfordert ein großes Maß an Selbstdisziplin und die Bereitschaft, immer weiter an sich zu arbeiten, also zu schreiben und zu schreiben und dabei als Ansporn auch immer die Literatur anderer im Hinterkopf zu haben, die zu lesen und zu verstehen man sich auch zuweilen anstrengen muss.

Wie wichtig ist das Thema Liebe?
Natürlich sehr wichtig, keine Frage. Könnten wir ohne Liebe leben? In allen meinen Büchern geht es letztlich nur um Beziehungen, um Liebe in ihren verschiedensten Spielarten. Meine Bücher sind Liebesgeschichten, auch wenn man ihnen das nicht immer auf den ersten Blick ansieht. Ich bin ja auch ein sehr romantischer Mensch, viel zu dünnhäutig, denke ich mir manchmal.

Liest du Gay Romance oder realistische Gay-Romane?
Jeder soll mit den Büchern oder Filmen glücklich werden, die ihr oder ihm gefallen. Ich selbst aber will überrascht werden. Gay Romance, soweit ich das in der Form von Leseproben festgestellt habe, spult immer nur das Standardrepertoire ab, in sprachlicher und auch inhaltlicher Hinsicht, und besonders auch, was die Entwicklung der Charaktere betrifft. Das funktioniert im Grunde genommen genauso wie Pornos. Die „Handlung“ ist nur Vorwand für das Standardprogramm. Das ist mir persönlich bei einem Roman zu langweilig. Romantik ja, aber dann im Umfeld eines Bruches mit Klischees. „Brokeback Mountain“ (übrigens besonders auch die tolle Kurzgeschichte von Annie Proulx) setzt die sehr romantische Liebesgeschichte in den Bruch des Klischees vom Macho-Cowboy; erst das macht sie so interessant. Aber „suum cuique“, wie der Lateiner sagt: Jedem das seine.

Welche Autoren schätzt du besonders? Welche Vorbilder hast du?
Ich habe Lieblinge von der Kinder- und Jugendliteratur bis hin zu Büchern für Erwachsene. Christine Nöstlinger, Josef Holub, Gabi Kreslehner, die frühen Romane von John Irving, fast alles von Patricia Highsmith, Ray Bradbury, Gabriel Gacia Marquez – den tollsten ersten Satz der Literatur findest du in „Hundert Jahre Einsamkeit“ –, Truman Capote, Ian McEwan, Hemingway und Bodo Kirchhoff, um zu sehen, wie klar Sprache sein kann. Die Liste ist auf jeden Fall unvollständig, ich lese wahnsinnig viel, aber wenn mich die erste Seite nicht überzeugt, packt und in den Text hineinzieht, bin ich schon beim nächsten Buch. Um dir zu zeigen, dass ich die Vielfalt liebe: Ich habe auch „Harry Potter“ verschlungen, die Bücher sind ja extrem gut geschrieben.

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Friedhof der Namenlosen – Damals ist vorbei

Was die schwule Schiene betrifft: David Leavitts „Die verlorene Sprache der Kräne“ hat mir vor vielen Jahren gezeigt, wo ich thematisch einmal hin will; Alain Claude Sulzer, da freue ich mich auf jedes neue Buch; Philippe Besson – „Eine italienische Liebe“ und „Sein Bruder“ sind wahnsinnig schön; André Acimans „Ruf mich bei deinem Namen“ – grandios; „Missouri“ von Christine Wunnicke ist eines meiner Lieblingsbücher. Und dann natürlich Jana Walther: „Benjamins Gärten“ ist für mich die vielleicht schönste schwule Liebesgeschichte der deutschsprachigen Literatur überhaupt – Jana erschafft mit ihrer ganz eigenen Sprache ihre ganz eigene Welt, die man von jener aus anderen Büchern blind unterscheiden könnte; ich schätze die Ruhe, die Gelassenheit ihrer Sätze. Jüngst habe ich, um nur ein Beispiel zu geben, “Das Ende von Eddy“ von Édouard Louis gelesen – sehr berührend und bei S. Fischer auch sehr schön in der Ausstattung.

Wie findest du den deutschen Markt im Gay Bereich? Wo siehst du ihn (und dich als Autor) in ein paar Jahren?
Seit der Veröffentlichung von „Damals ist vorbei“ 2009 hat sich der Markt sehr gewandelt: Stichwörter E-Books und Selfpublishing. Wir werden von neuen Büchern geradezu überschwemmt, viele davon werden zu Dumpingpreisen angeboten. Wenn du dir überlegst, wie viel Arbeit vom Autor über den Lektor und Verleger in der Herausgabe eines Buches stecken, wie viele Stunden um Stunden, die ohnehin niemand wirklich abgelten kann, dann ist es eigentlich eine totale Frechheit, wenn Leser heute ein E-Book um fünf Euro kaufen, es lesen und dann wieder zurückgeben und sich das Geld zurückholen. Das darf doch nicht wahr sein! Vielleicht setzt hier wieder mal ein Wandel ein, ich habe von einer Neugründung gelesen, der Albino-Verlag als Imprint von Gmünder, der literarisch anspruchsvolle und sehr schön ausgestattete Bücher herausgibt, die dann natürlich auch ein wenig mehr, aber keinesfalls zuviel, kosten. Mal sehen, ob die finanziell überleben können, ich wünsche es ihnen … Und ich selbst? Ich würde gern mit dem Schreiben meines neuen Romans in diesem Sommer beginnen. Ich habe eine Idee, ich habe drei Charaktere, ich habe sogar schon einen ersten Satz und einen Titel – „Ein Lächeln mit Zukunft“. Mal sehen, ob ich ins Schreiben hineinkomme, ob der Moment der richtige ist. Das kann ich im Vorhinein nie sagen.

Kannst du dazu schon mehr verraten – vielleicht sogar den ersten Satz, der ja für dich immer etwas Besonderes ist?
Naja, es wird einen Vater geben und seinen Sohn und eine ziemliche Konfliktsituation zwischen den beiden und dann auch eine Leiche, die aber keiner der beiden ist. Und dann ein Zusammenhalten. Gemäß deiner Frage oben würde ich das aber trotzdem nicht oder höchstens ansatzweise als Krimi bezeichnen. Und der erste Satz – natürlich nur, sofern sich das nicht noch ändert – lautet: „Als er aufwacht, regnet es noch immer.“ Ich finde, der setzt uns direkt in die Geschichte hinein.

Was würdest du deine Leser fragen?
Wo, wie und wann lest ihr meine Bücher? Ich würde mir das gern vor meinem inneren Auge ausmalen können – die Umstände, wenn jemand eine gewisse Zeitspanne ihres oder seines Lebens mit dem meiner Figuren verbringt. Das zu wissen, wäre für mich wahnsinnig interessant, vielleicht bin ich da ein bisschen der Voyeur, der etwa in Hitchcock-Filmen durch Fenster späht.

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Deine Worte an die Leser?
Danke, dass ihr einen Teil eurer Lebenszeit einem Text von mir widmet. Das ist wunderbar und für mich der Ansporn, mich immer wieder dem lustvollen, aber auch ziemlich anstrengenden Prozess des Schreibens zu stellen.

Vielen lieben Dank für das tolle, informative Interview.

Danke auch dir, Juliane, dass du dir Zeit für die Fragen genommen hast, und ganz allgemein für dein Engagement bei dieser Special Week.

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Veröffentlicht am 15. Januar 2016 in Gay, Interview, Special Week und mit , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. Hinterlasse einen Kommentar.

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