Archiv für den Monat September 2015

[ANKÜNDIGUNG] Special Week: Brunhilde Witthaut

SW-Brunhilde

Die letzte Special Week liegt bereits 4 Monate zurück – Zeit sich endlich dem nächsten Autoren und dessen Werken zu widmen. Dieses Mal steht die kommende Woche ganz im Zeichen von Brunhilde Witthaut, die unter den Pseudonymen Corinna und Laurent Bach den schwulen Buchmarkt „unsicher macht“ und sowohl beim Bruno Gmünder und Sieben Verlag, als auch als Selfpublisherin aktiv ist. Freut euch schon jetzt auf Rezensionen zu ihren neuen Werken, einem Charakterinterview mit Claude Bocquillon und Frederic Lambert, dem obligatorischen Autoreninterview und natürlich einem passenden Gewinnsiel am Ende der Woche.

Hier die einzelnen Stationen der Special Week:

05.10. Rezension: “Vancouver Dreams“
06.10. Rezension: “Tod in Montmartre”
07.10. Charakterinterview Claude Bocquillon und Frederic Lambert
08.10. Rezension: “Das Lilienschwert”
09.10. Interview Brunhilde Witthaut
10.10. Gewinnspiel – Leserinterview

Die Autorin und ich freuen uns auf die kommende Woche und wünschen schon jetzt viel Vergnügen 🙂

[ANTHOLOGIE] Love is Love

Autoren: France Carol, Màili Cavanagh, Madison Clark, Sitala Helki, Savannah Lichtenwald, Tanja Meurer, Karolina Peli, Elana Rain, Ani Rid, Juliane Seidel, Angie Snow, Karo Stein, Daniel Swan, Marc Weiherhof
Taschenbuch: 480 Seiten
ASIN: B014TFCH52
Preis: 6,99 EUR (ebook) | 15,00 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Erneut habe ich keine Rezension im Gepäck, sondern eine weitere Anthologie, bei der ich mit einer Kurzgeschichte ebenfalls mit von der Partie bin. Aus diesem Grund gibt es (wie bei „Zusammen finden„) ein paar Textausschnitte aus unserer Benefiz-Anthologie „Love is Love“. Dieses Mal kommt der Gewinn der Organisation „Enough is Enough“ zugute, die sich gegen Homophobie und Transphobie und u.a. für die „Ehe für alle“ einsetzt. Euch erwarten 15 Kurzgeschichten und einige Gedichte, die sich um das Thema Gleichberechtigung, Ehe und Homophobie drehen – hier könnt ihr in die Beiträge reinschnuppern:

Traum oder Albtraum von Carol Francis

Als ich endlich bei ihm angelange, werde ich freudig begrüßt, was ich mit einem erzwungenen Lächeln erwidere. Danach machen wir uns auf den Weg und setzen uns zwei Straßen weiter in einen Biergarten. Nachdem wir die Getränke bestellt haben, lehnt sich Rico gemütlich zurück und mustert mich eine Weile eingehend.
„Also, Marc, dann erzähl mal. Wie ist es dir so ergangen?“, will mein Gegenüber schließlich wissen.
Mit einem Schulterzucken erwiderte ich: „Ganz gut, denk ich mal.“
Es ist unglaublich. Ich fühle mich schon wieder ganz klein neben ihm, was natürlich rein optisch gesehen ja auch stimmt. Aber warum – zum Teufel – schafft es dieser Kerl, mich nach so langer Zeit abermals einzuschüchtern? Habe ich die letzten sechs Jahre nicht mein Leben allein gemeistert und damit mein Selbstwertgefühl gestärkt? Anscheinend nicht!a

Liebe in Zeiten der Homophobie oder Matthias und ich von Màili Cavanagh

Ja, mein Leben ist geteilt. Zerbrochen in ein Vorher und ein Nachher. Die Ereignisse haben mein Leben erschüttert, haben mich kurzzeitig zweifeln lassen.
Ich bin seit Jahren Pastor dieser Gemeinde, habe mich hier immer wohl gefühlt und nie an meiner Berufung gezweifelt. Mein Glaube war stets fest und mein unumstößlicher Fels in der Brandung, mein Hafen, mein Heil. Zweifel waren mir fremd. Ich fühlte mich berufen. Ein Leben für Gott und die Gemeinde in Treue und Glaube, das war alles, was ich wollte und brauchte.
Bis ich ihm begegnete.
Matthias.

Zehn Jahre danach von Madison Clark

Plötzlich sah er in zwei wunderschöne glänzende grüne Augen. Sie kamen langsam näher und zogen ihn förmlich in ihren magischen Bann. Sein Herzschlag beschleunigte sich. Aber erst als Adam ihn an der Schulter anstupste, wurde ihm bewusst, dass er nicht träumte. Es war wahrhaftig Liam, der über das Gras zum Podium lief und kurz davor stehen blieb.
Die Standesbeamtin unterbrach sich und hinter Sarah und ihm wurde Gemurmel laut, aber davon ließ er sich nicht beirren. Liam war zurückgekehrt und nur das zählte. Inzwischen schlug sein Herz in einem wilden Rhythmus, seine Kehle war trocken und ein heißkaltes Kribbeln erfasste seinen Körper. Schmetterlinge wuselten in seinem Bauch umher. Seine Entscheidung war gefallen, er würde Liam nie wieder gehen lassen.
David wandte sich an Sarah, die ihn lächelnd ansah und nickte. Mehr wollte er nicht von ihr. Doch bevor er ging, hauchte er ihr einen sanften Kuss auf die Wange und flüsterte ihr ein »Danke« ins Ohr.
Dann hielt ihn nichts mehr auf. Unter entsetzten Rufen und lautem Stimmengewirr stieg er vom Podium und schritt langsam auf Liam zu. Schließlich standen sich beide gegenüber. Dunkelbraun traf auf Hellgrün und ihrer beider Augen leuchteten.

Leere Versprechungen von Sitala Helki

„Ich hasse Hochzeiten! Ehrlich, was soll dieser ganze Quatsch? Einen Tag lang Stress und Heuchelei und im besten Fall nur ein besoffener Onkel, der einen das letzte Mal als Kind gesehen hat, und nun schön die peinlichsten Geschichten lallend zum Besten gibt. Im schlimmsten Fall: Familienzoff, Häme und manchmal sogar Verletzte und Tote. Wer braucht so etwas schon? Und sich dann auch noch einen Menschen für den Rest seines Lebens ans Bein binden – ganz klasse! Gut, heutzutage bedeutet für viele ›Für den Rest des Lebens‹ eher bis zum nächsten größeren Problem und dann heißt es: ›Tschüss! Wir sehen uns vor dem Scheidungsrichter.‹ Und dafür gibt man ein Vermögen aus? Also wirklich …“

Liebe und Mut im Angesicht der Macht von Savannah Lichtenwald

„Während des Essens unterhielten sie sich über den neuesten Kinofilm, den Nicolas nur aus Trailern im Internet kannte, über Clubs und Gaststätten, in denen er nie gewesen war, und über Marios letzten Urlaub mit Freunden, die es für ihn selbst nicht gab. Im Internat und während des Studiums hatte er zurückgezogen gelebt, wollte bloß möglichst schnell die Approbation erlangen, um seine Praxis eröffnen zu können, bevor sein Vater es sich anders überlegte und das Einverständnis zurücknahm.
Beim Erzählen flogen Marios Hände durch die Luft, seine Augen leuchteten hellblau wie die eines Huskys und bei jedem Lächeln setzte Nicolas´ Herzschlag für einen Moment aus. Nein, an diesem Mann gab es nichts Unangenehmes, das sein Bild aus Nicolas´ Kopf vertreiben könnte. Im Gegenteil, mit jeder Minute, die er in seiner Gegenwart verbrachte, wünschte er sich, der Abend würde nie enden. Oder im großen, weichen Bett seines Schlafzimmers. Er musste gehen, sofort, oder er würde alles verlieren, das ihm wichtig war: seinen Job, seine Wohnung, seine Familie. Sein Herz hatte er schon vor Stunden verloren.“

Herbst von Tanja Meurer

»Raus aus meinem Haus!«, schnappte mein Vater. »Reza, werfen Sie dieses Gesindel hinaus!«
So musste es kommen. Eigentlich hatte ich mit nichts anderem gerechnet. Die Reaktion war erbärmlich. Ihm fehlte die Kraft seine Boshaftigkeit in Worte zu fassen. Was immer in seinem Kopf vor sich ging, er konnte es nicht mehr aussprechen. Solch eine Schwäche kannte ich nicht von ihm. Es erschütterte mich.
»Wenn du meinst“, sagte ich. »Davon wird sich dein Leid nicht minimieren. Die Probleme bleiben, du hast sie nur nicht mehr vor Augen.«
Ich straffte mich und wollte mich gerade abwenden, als Andreas meine Hand packte. »Deswegen sind wir nicht hierhergekommen, Herr von Schwindt!«
Ich sah Andreas an. In seinem schmalen, immer noch schönen Gesicht zeigte sich blanke, tief sitzende Wut, die ihn aufzehrte. Andreas schluckte hart. Seine Halsschlagader pochte sichtbar. Er bebte.
»Warum haben Sie auf ihren Sohn geschossen?!«, fragte er scharf.

Hochzeitsstühle, ein Tafeltisch und erfüllte Träume von Karolina Peli

Er spürte, wie Rafael sich versteifte, in die Knie sank und … schluchzte? Sofort kniete er sich neben ihn. Panisch lauschte er den Schluchzern seines Liebsten. Fühlte sich hilflos. Warum weinte sein Kerl jetzt? Weil er so gestottert hatte? Fand er den Tisch schrecklich? Rafael hob endlich den Kopf. Tränen flossen ihm aus den Augen, aber er wirkte ganz und gar nicht traurig. Im Gegenteil, er lachte schon wieder.
»Oh, was ein tolles Geschenk von meinem zukünftigen Mann! Ich werde ihn ganz gewiss verschönern. Aber warum ich lache, erfährst du gleich.«
Er langte in seine Tasche und legte Laurent etwas in den Schoß. Erwartungsvoll nahm dieser es in die Hand und musste unwillkürlich lachen. Kein Ring! Ein Miniaturstuhl!
»Du hast doch schon immer gejammert, dass wir keine Stühle für unsere Freunde haben. Seit Jahren improvisieren wir mit Campingstühlen, teilweise bringen sie ihre eigenen mit. Wir bekamen es bisher nicht auf die Reihe, uns da zu organisieren. Das hat jetzt ein Ende. Ich bin monatelang herumgefahren und hab nach alten Stühlen Ausschau gehalten. Nach und nach wurde ich fündig. Ich hab so viele aufgekauft, dass ich im Moment gar nicht mehr weiß, wie viel ich zusammen habe.«
Rafael lachte sein typisches Lachen. Tief und ungemein ansteckend wirkend.

Innere Stärke von Elana Rain

»Verpiss dich! Eine Schwuchtel wie du setzt keinen Fuß in meine Wohnung! Es gibt nichts weiter zu sagen! Verschwinde!!«
Schluckend lasse ich meine Hand sinken. Ich habe damit gerechnet, eigentlich glaubte ich sogar, dass es noch schlimmer wird, aber diesmal habe ich nicht vor, aufzugeben.
»Ich werde nicht gehen! Also mach bitte die Tür auf!«
Du schweigst, dennoch bin ich mir sicher, dass du dich nicht von der Tür entfernt hast.
»Anton, bitte! Es ist ja schön, wenn du mir nichts zu sagen hast, aber ich habe etwas zu sagen! Und wenn du nicht diese blöde Tür öffnest, werde ich es auch durch sie hindurch loswerden und mir ist es vollkommen egal, dass die Nachbarn dann alles mitbekommen!«
Ein Knallen ertönt, als von innen irgendetwas gegen den Rahmen geschlagen wird und ich zucke zusammen.
»Ich hab gesagt, du sollst mich in Ruhe lassen! Geh endlich! Geh verdammt noch mal weg!«
Hellhörig geworden halte ich inne. Irgendwas hat sich verändert. Das gerade klang überhaupt nicht nach dir, nicht stark, nicht wütend, sondern … flehend? Die Augen kurz schließend stoße ich die unbemerkt angehaltene Luft aus und mit ihr verlässt der Satz meinen Mund, der mir als Erstes in den Sinn kommt: »Verflucht noch mal, Anton, wovor hast du denn nur solche Angst?!«
Es überrascht mich selbst, denn auf die Idee, dass es Angst ist, die dich zurückhält, bin ich noch niemals zuvor gekommen. Dass ich aber intuitiv irgendetwas richtig gemacht habe mit dieser Frage, wird mir in dem Moment klar, in dem sich erneut die Tür öffnet.

Umweg zum Glück von Ani Rid

Florian stützt sich auf den Ellbogen und sieht zu mir hoch. „Gegenvorschlag: Ich sage meinen Großeltern, dass ich es nicht schaffe dieses Wochenende. Wir bleiben im Bett und die Pizza verschieben wir auf später.“ Meine Antwort hierauf wartet er gar nicht ab, sondern drückt mich stürmisch in die Kissen. Florians Plan ist sogar noch besser als mein eigener Vorschlag.

Satt und zufrieden lümmeln wir am Abend auf der Couch. Florian sitzt hinter mir und hat seinen Arm um meine Brust gelegt. Mein Kopf ruht an seiner Brust und ich lausche dem Schlagen seines Herzens. Jede Sekunde mit ihm ist kostbar. Die Zeit bis zu den Sommerferien erscheint mir unendlich lang. Am liebsten würde ich ihn Tag und Nacht bei mir haben. Jeden Morgen, den ich ohne ihn aufwache, halte ich für verschwendete Zeit. Von den letzten zehn Jahren jetzt mal gar nicht zu reden. Jetzt wo er endlich zu mir gehört, hasse ich es, mich ständig von ihm trennen zu müssen. Ich will mit ihm alt und grau werden. Und vor allem habe ich Angst, dass da draußen jemand sein könnte, der ihn mir doch wieder wegnimmt.

Amelies Vermächtnis von Juliane Seidel

Noah angelte sich eine Tasse und goss erst ihr, dann sich selbst ein. Mechanisch kippte er Milch hinzu und rührte um. Er wusste, dass Fanny auf eine Erklärung wartete, doch es fiel ihm schwer, die richtigen Worte zu finden. Die Scham brachte Tränen mit sich, die ihm nicht zustanden. Gabriel hatte vielmehr Anrecht auf sie.
»Noah? Was ist passiert?«
»Ich hab’s versaut!«, brach es aus ihm heraus. »Gab wird mir nie verzeihen.«
»Was denn?«
»Ich hab ihn betrogen … gestern Nacht.«
Fannys Finger, die sich eben auf seine zitternde Hand legen wollten, verharrten in der Luft. Schlagartig verlor ihr Gesicht alle Farbe. »Aber …«
»Wir haben uns gestritten, er ist mit dem Auto abgehauen und ich hab mich ins Shade aufgemacht. Ich war so verflucht wütend. Eigentlich wollte ich mir nur ein paar Drinks genehmigen, um wieder runterzukommen, doch dann …« Er biss sich auf die Unterlippe. Dass er John oder James auch noch mit in ihre gemeinsame Wohnung genommen hatte, ersparte er Fanny lieber. Es genügte, dass Gabriel sie beide auf dem Sofa erwischt hatte. Gott, er war das letzte Arschloch.

Liebe, ein anderes Wort für Heimat von Angie Snow

»Was unternehmen wir heute?«, fragte Peter überdreht seine Freunde, die noch etwas müde ihren Kaffee schlürften.
»Mich würde eher interessieren, was du schon wieder hier machst? Gibt es bei dir daheim kein Frühstück?«, erwiderte Andy leicht sauer. Er konnte es nicht abhaben, wenn jemand bereits am frühen Morgen so hektisch war. Peter zuckte mit den Schultern und gab so etwas wie »Morgenmuffel« von sich.
»Ich bin kein Morgenmuffel! Du bist nur nervig um die Zeit«, fauchte Andy und wurde durch einen Blick seiner Mutter sofort eingebremst.
»Eigentlich wollten wir heute zu diesem Fest gehen, das sie zum Ende der Saison immer machen, oder? Aber jetzt weiß ich nicht, ob das so eine gute Idee ist«, brachte sich Sam ein. Er wusste, dass Andy morgens immer länger brauchte, um auf Touren zu kommen. Da konnte auch schon mal ein erwarteter Morgenquickie schiefgehen.
»Wir gehen alle dahin. Wäre doch gelacht, wenn wir uns wegen ein paar Minderbemittelten verstecken würden«, bestimmte Ludwig und beendete das Thema.
»Bist du dir sicher, Paps? Ich habe keine Lust auf Ärger mit den Typen«, murmelte Andy.
»Die sollen ruhig kommen, die Rotzlöffel. Ich kannte die bereits, da haben sie noch in die Windel geschissen. Vor denen fürchte ich mich sicher nicht«, bestätigt Ludwig noch einmal sein Vorhaben.
»Okay. Wie wäre es vorher mit einem Spaziergang? Wir könnten diesen Rundweg gehen, von dem du immer so geschwärmt hast, Schatz.« Sam stand auf und begann den Tisch abzuräumen.

Vom Mondlicht, Rotkäppchen und goldenen Ringen von Karo Stein

»Dann sind es jetzt 28 Jahre. Mein Gott, wie die Zeit vergeht. Das ist ja echt unglaublich. Dabei fühle ich mich noch gar nicht so alt.« Sie seufzt theatralisch.
»Du bist ja auch noch nicht alt«, sage ich und zwinkere ihr zu.
»Warum interessiert dich das? Du planst doch nicht etwa irgendwas für unseren Hochzeitstag?«
»Nein … du kennst mich doch. Ich … keine Ahnung. Hast du es jemals bereut?«
»Was? Geheiratet zu haben? Was denkst du, weshalb ich meine Haare ständig färbe? Dein Vater hat dafür gesorgt, dass sie längst grau sind.« Sie lacht, dann greift sie nach meiner Hand und sieht mich ernst an. »Unsinn, es war genau richtig für uns. Und noch mal: Weshalb interessiert dich das?«
Ich zucke ratlos mit den Schultern, trinke einen großen Schluck Kaffee und schaffe es nicht, meine Gedanken zu sortieren. Warum habe ich ausgerechnet bei meiner Mutter das Thema angesprochen? Ein lauter Aufschrei reißt mich aus meiner Starre. »Du willst Lennard heiraten?« Sie quietscht so laut, dass es in meinen Ohren dröhnt.
»Was? Nein, ja … ähm …« Ich unterbreche mein Stottern und sehe sie hilflos an.
»Wo liegt das Problem? Hast du Angst, dass Lennard nicht will?«
»Ich weiß, dass er will. Ich glaube, er wünscht es sich schon eine ganze Weile.«

Schwanentanz von Daniel Swan

Nach der sechsten Stunde war Schulschluss. Zusammen mit Damian verließ ich das Gelände. Kaum waren wir um die Ecke gebogen, um zu unseren Fahrrädern zu gehen, ertönten hinter uns Rufe.
»Hey Schwuchtel! Du hast ja direkt den Neuen an der Angel!«
»Hat ja nicht lange gedauert«, schrie ein anderer.
Nervös drehte ich mich um und sah drei Typen auf uns zukommen. Einen erkannte ich sofort. Es war Christian. Er bedachte uns mit einem teuflischen Grinsen.
»Lasst mir meine Ruhe«, gab Damian zurück. »Ich schreie auch nicht ständig herum, wenn du eine andere fickst.«
Christian verengte die Augen zu Schlitzen. »Ich kann dir mal zeigen wen ich ficke und wen nicht.« Er eilte auf Damian zu.
Dann ging alles ganz schnell. Christian stellte sich vor Damian, holte aus und schlug ihm mit der Faust ins Gesicht. Ich erschrak so sehr, dass ich erst einmal nicht reagieren konnte. Prompt holte er ein weiteres Mal aus, doch jetzt war Damian schneller. Er drehte sich zur Seite weg und schlug ihm mit der Faust in den Magen. Keuchend krümmte Christian sich.
»Das wirst du büßen, Schwuchtel.«
»Wenn du meinst.« Damian zuckte unbeeindruckt die Schultern.
Erneut kam Christian auf Damian zu, doch dieses Mal hielt ich mich nicht heraus. Ich positionierte mich zwischen den beiden und spürte die Wucht des Schlages mitten auf die Brust. Ich japste nur ganz kurz und hielt mich ziemlich gut. Es war eine gute Idee gewesen, dass ich in München Kampfsport betrieben hatte.

Traumhochzeit mit Tücken von Marc Weiherhof

»Ja … du hast ja recht. Ich wollte halt nur, dass … dass alles perfekt wird. Du weißt ja, wie ich bin …«, kommt es verlegen und noch immer ziemlich atemlos.
»Ja, du bist ein kleiner Perfektionist und sowas von sensibel … Aber weißt du was? Genau dafür liebe ich dich doch so!«, bestätigt Greg liebevoll, als er Ray eine feuchte Strähne aus der Stirn streicht.
»Wi-wirklich? Hast du noch nicht genug von mir?«, flüstert Ray mit wässrigen Augen. Er bemüht sich um ein Lächeln, scheitert aber kläglich.
»Ach, Schatz. Wieso sollte ich genug von dir haben? Ich liebe dich und ich werde dich heiraten. Das heißt natürlich, wenn du bis dahin noch lebst! Du solltest es unbedingt ruhiger angehen lassen! Ich möchte nicht, dass du mit knapp Dreißig einen Herzinfarkt erleidest!«
»Ja, ich weiß. Ich … ich werde mir Mühe geben.«
»Okay, mehr kann ich wohl nicht erwarten!«, gibt Greg zurück, bevor er seinem Verlobten ein Küsschen auf die Stirn haucht und zur Arbeit geht.

Schlechtes zum Guten von Detail

»In meinem Auto … in der Nebenstraße vom Club … hab mich eingeschlossen«, hörte ich meine eigene Stimme, die so fremd klang.
Tränen stiegen in mir hoch. Ich unterdrückte sie, weil ich nicht wehleidig klingen wollte.
»Bin gleich da. Rühr dich nicht vom Fleck!«, vernahm ich Manuels beruhigende, aber auch aufgewühlte Stimme, wobei ich seinen Haustürschlüssel klimpern hörte.
»Hab ich nicht vor«, bestätigte ich ihm, bevor ich auflegte.
Die nächsten Minuten zogen sich zäh wie Kaugummi. Manuel wohnte nicht allzu weit weg vom Club und der Verkehr sollte es ihm möglich machen, schnell hier zu sein. Immerhin wusste er mittlerweile sehr vieles von mir, auch wo ich grundsätzlich parkte.
Meine Finger hatten sich wieder um das Lenkrad geschlossen, so sehr verkrampft, dass meine Fingerknochen gewiss weiß hervortraten, was ich aber auf Grund der Dunkelheit nicht sehen konnte. Zaghaft sank mein Kopf nun ebenfalls aufs Lenkrad, damit ich mir keine Schattengestalten in der Dunkelheit einbildete, die sowieso nicht da waren. So musste ich nicht länger nach draußen starren.
Das verletzte Auge pochte wie blöd in kleinen, hitzigen, hämmernden Schlägen und langsam ließ der Blutgeschmack im Mund nach, weil alles weggespült worden war. Die Schmerzen in der Seite waren auszuhalten, solange ich einfach nur ruhig sitzen blieb und nicht zu tief ein und aus atmete.
Erst ein anderes Pochen ließ mich hochschrecken. Manuel stand vor meinem Auto und hatte gegen das Fenster geklopft.

Feuersturm von Alex Kenny

Das Gespräch mit der Direktorin am nächsten Tag verlief nicht sonderlich gut – für keines der Mädchen. Aber es war auch nicht so schlimm, wie sie erwartet hatten. Nachsitzen konnten sie nicht – waren ja Ferien – und die Direktorin war auch nicht zu strengen Maßnahmen aufgelegt. Also durften die zwei während der gesamten Ferien die Arbeiten der Putzfrauen übernehmen und dafür sorgen, dass alles sauber blieb. Wirklich alles – also auch die Jungentoiletten und das war nun wirklich kein angenehmer Job. Dabei waren gerade mal nur vier Jungs im Internat.
Wenn Anna nach dem Mittagessen wieder zur Arbeit verschwand, kümmerte sich Karo darum, dass sie nicht aufflog, und nachts lagen sie noch lange wach und quatschten. Sie hatten mehr gemeinsam, als sie am Anfang gedacht hätten, und sie mochten sich auch wesentlich mehr. Anna stellte fest, wie angenehm es ist, mit jemandem zu reden, der nicht über alles und jeden lästerte. Und Karo verliebte sich Tag für Tag mehr in ihre Mitbewohnerin und gestand es sich allmählich auch ein. Schließlich – die Ferien waren beinahe zu Ende – wagte Karo einen Versuch, Anna ihre Liebe zu gestehen.
Sie saßen rauchend auf der Fensterbank ihres Zimmers. Mondlicht fiel in den Raum und spendete gerade so viel Licht, dass Karo Annas silberglänzendes Haar und die leuchtend blauen Augen erkennen konnte. Nach einer Weile nahm sie sämtlichen Mut zusammen.
»Kannst du ein Geheimnis für dich behalten?«

Vatersein – der schönste Wahnsinn der Welt! von Michael Schwarz

Ich kann mich noch gut erinnern, wie so manche vermeintlich dicke Freundschaft auf die Probe gestellt wurde, als es mich plötzlich nur noch im Doppelpack gemeinsam mit meinem geliebten Mann gab. Einige, die damals noch nicht aus der Kurve der Freundschaft flogen, haben sich dann nach Louis‘ Eintreffen von der gemeinsamen Piste verabschiedet oder gefragt, ob es mich auch mal einen Abend ohne Kind gibt. Wirklich spät ist es an diesen Abenden nie geworden. Andere Freundschaften wurden dafür plötzlich viel bedeutender und ein tatkräftiges, liebevolles Netzwerk entwickelte sich rund um die Bedürfnisse von Louis und seinen Papas. Natürlich von anderen Eltern, aber auch von eher flüchtigen Bekannten, die plötzlich zu Tanten, Onkeln, Omas und Opas wurden.
Haben wir unsere Familien vielleicht etwas überfordert? Überrascht allemal und für den einen oder anderen ist es wohl etwas schwierig, sein Verhältnis zu Louis zu finden. Vielleicht fehlt aber auch einfach nur die Schwangerschaft als Reifezeit und an Louis Taufe im Sommer findet sich die eine oder andere Rolle noch.

Wat is?! Gayopa! von Dieter Wischnewski

»Aber guck ma‘, wenn du zum Beispiel siehst, dat die jetzt in der Grundschule den Kindern beibringen, wie Arschficken geht und dat es gut ist, wenn die Eltern schwul sind, dann is dat doch nicht in Ordnung!«
»Also, erstens: In der Grundschule geht’s nicht um Analsex. Dat kommt erst so ab Klasse sieben. Zweitens: Es wird nicht gesagt, dass das gut ist und dass die Kinder Analsex haben oder homosexuell werden sollen, sondern es wird dargelegt, dass das einfach normale Dinge sind.«
»Aber dat müssen die in dem Alter doch nicht wissen!«
»Na, meinste denn im Ernst, die wissen dat noch nicht? Auch bei den Eltern der Grundschüler gibt es gleichgeschlechtliche Paare. Findeste, die sollten nicht erklärt bekommen, warum dat so ist? Wenn die lernen, dass dat normal ist, hilft dat den Kindern.«
»Wie soll denen dat denn helfen? Die werden doch nur frühsexualisiert!«
»Die haben doch Augen und Ohren, Manni! Zum einen hilft das allen: Weil die dann merken, dass das okay ist. Und keine Angst vor dem Kind mit zwei Vätern haben. Und zum anderen: Stell dir mal vor, wie sich ein Kind fühlen muss, das gemobbt wird, weil die Eltern nicht Mann-Frau sind. Das macht Kinder kaputt und zerstört dat Verhältnis zu den Eltern. Mal daran gedacht?«

Ich sei von Jens Rettberg

Und mein Seelenheil?
Die kruden Sprüche passen
zu dem Vorurteil,

mit dem sie die hassen,
die Gott, wie sie verkünden,
nicht ins Weltbild passen,

schuldig schwerer Sünden.
Ich frage, wohin führt
mich, was sie verkünden?

Ich hoffe, dass ich euch die Anthologie ebenfalls ein wenig schmackhaft machen konnte – das eBook findet ihr in allen großen Onlineshops, auch die Printausgabe kann man schon bestellen. Wir freuen uns über eure Unterstützung.

[NOVELLE] Der Krähenwolf von Lonna Haden

Autor: Lonna Haden
Taschenbuch:  144 Seiten
ISBN: 978-3944737850
Preis: 3,99 EUR (ebook)7,99 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Der junge Bejran entgeht nur knapp dem Tod, als seine Mutter und er auf dem Nachhauseweg von einem riesigen Wolf angegriffen werden. Gerettet wird er von einer riesigen schwarzen Krähe, die den gefährlichen Angreifer in die Flucht schlägt. Die folgenden Tage und Wochen schwebt Bejran zwischen Leben und Tod, während sich der Heiler des Dorfes um ihn kümmert und er nachts von dem seltsamen Corvin besucht wird, der ebenfalls alles daran setzt, ihn am Leben zu halten. Erst später erfährt Bejran, dass der Fremde in Wirklichkeit ein Gestaltwandler ist und ihm als Krähe das Leben gerettet hat. Corvin offenbart ihm auch, dass er von einem Werwolf gebissen wurde und fortan ebenfalls den Fluch in sich trägt, sich bei Vollmond zu verwandeln. Die einzige Möglichkeit sein Schicksal zu ändern, besteht darin, den Werwolf, der ihn gebissen hat, zum Duell zu fordern – eine gefährliche Maßnahme, bei der Corvin den jungen Mann unterstützen will …

Eigene Meinung:
Die Novelle „Der Krähenwolf“ stammt von der Autorin Lonna Haden, hinter der sich eine deutsche Kinderbuchautorin verbirgt. Der bei deadsoft erschienene Kurzroman ist ihr Debüt im (Gay) Erotik Genre, dem im September 2015 die Novelle „Der Künstler und seine Musen“ folgte, bei der sie sich Erotik in all ihren Facetten (schwul, lesbisch, hetero) zuwendet.

Inhaltlich ist die Novelle durchaus interessant und bietet eine Menge Platz für Fantasy, Dramatik und Liebe, denn Lonna Haden wartet mit einer spannenden, gut durchdachten Grundidee auf. Allerdings wird der geringe Umfang der Geschichte schnell zum Verhängnis, da zu viele Punkte ungeklärt bleiben und „Der Krähenwolf“ nicht den Tiefgang erreicht, den er erreichen könnte. So wirkt das schmale Büchlein eher wie der Auftakt einer längeren Geschichte, da er offen endet und viele Fragen unbeantwortet bleiben. Leider ist nicht ersichtlich, ob es in absehbarer Zeit eine Fortsetzung gibt, denn bisher wurde beim Verlag nichts Entsprechendes angekündigt. So kann „Der Krähenwolf“ leider nicht vollkommen überzeugen, da zu viel Potenzial ungenutzt bleibt.

So spannend die Geschichte um Bejran und Corvin ist, so interessant ihre Liebesgeschichte in der Fantasywelt Lonna Hadens in Szene gesetzt wird – es fehlt einfach der Tiefgang, zumal das Ende recht schnell herbeigeführt wurde. Die Hälfte des Bandes begleitet man den Protagonisten durch seine Fieberträume oder seine Gefühlswelten, die vorwiegend von dem Krähen-Gestaltwandler bestimmt werden. Das ist durchaus stimmungsvoll geschrieben und sorgt dafür, dass man Bejran sehr gut kennenlernt, doch die Autorin konzentriert sich zu stark auf die beiden Männer. Bis auf den Heiler wird keine Nebenfigur näher beleuchtet, die gesamten Dorfbewohner bleiben blass, fast unnützes Beiwerk. Dabei haben die anderen Menschen Bejran bei einem Kuss mit einem anderen Mann erwischt, was zu heftigen Reaktionen führte. wird zwar in einem Nebensatz beschrieben, aber es kommt nie aktiv zum Tragen. So wird der junge Mann zwar (seiner Meinung nach) verachtet und gemieden, doch der Leser bemerkt es kaum: keiner der Bewohner wirft ihm einen angeekelten Blick zu, als er in die Schänke geht, niemand beschimpft ihn oder gibt ihm die Schuld am Tod seiner Mutter. Dem Leser kommt es so vor, als seien die anderen Dörfler gar nicht da. Sie wirken wie leblose Statisten, ohne Persönlichkeit und Charakter.

Dafür lernt man Bejran sehr gut kennen, immerhin wird die Geschichte aus seiner Perspektive erzählt. Man fiebert mit ihm mit, durchlebt mit ihm seine Krankheit und lernt Corvin durch seine Augen kennen. Dieser ist mysteriös und geheimnisvoll, und schlägt nicht nur Bejran in seinen Bann. Auch der Leser kann sich der Ausstrahlung des Gestaltwandlers nur schwer entziehen, was dafür sorgt, dass er dem eigentlichen Helden schnell den Rang abläuft.

Stilistisch liefert Lonna Haden eine stimmungsvolle, flüssig geschriebene Novelle. Sie hat eine sehr bildhafte, abwechslungsreiche Sprache – sei es bei Beschreibungen, Dialogen oder erotischen Szenen – es wird niemals langweilig. Die leicht düstere, märchenhafte Novelle weiß zu fesseln und man hofft zwangsweise, dass es irgendwann weitergehen wird, denn der märchenhafte Schreibstil macht definitiv Lust auf mehr.

Fazit:
„Der Krähenwolf“ ist eine gut geschriebene, stimmungsvolle Novelle, die mit einer guten Grundidee und interessanten Charakteren aufwartet, jedoch zu oberflächlich gehalten ist. Viele Fragen bleiben offen, die Fantasywelt nebst Bewohnern zu blass und teilweise konzentriert sich Lonna Haden zu sehr auf die Charaktere und vergisst die Spannung. Nichtsdestotrotz kann das kleine Buch unterhalten und macht Lust auf mehr – es bleibt zu hoffen, dass Bejrans Geschichte irgendwann fortgeführt wird, dann mit der passenden Sorgfalt und Ausführlichkeit.

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[ROMAN] Flüstern der Ewigkeit von Tanja Bern

Autor: Tanja Bern
Taschenbuch:  273 Seiten
ISBN: 978-9963529452
Preis: 4,99 EUR (ebook)11,99 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Frankreich, 19. Jahrhundert: Andreis komplettes Leben wird auf den Kopf gestellt, als Vampire in sein Dorf einfallen und nahezu alle Bewohner töten oder verschleppen. Auch der junge Mann und seine Verlobte werden von Orvills Gefolgsleuten mitgenommen, allerdings mit dem Ziel sie in Vampire zu verwandeln. Andrei wird hierbei im Rahmen eines Experimentes zum Vampir, was bedeutet, das er sich grundlegend von den übrigen Vampiren unterscheidet: er ist nicht nur in der Lage sich Orville zu wiedersetzen, er ist auch wesentlich menschlicher.

Als es ihm gelingt mit der Gefangenen Sabienne zu fliehen, ist es die Vampirin, die ihm das Leben als Wesen der Nacht näherbringt und an seiner Seite bleibt. Lediglich Sabiennes Gefühle kann er nicht erwidern, da er sich eher zu Männern hingezogen fühlt. Als er zufällig dem jungen Sam begegnet und sich Hals über Kopf in ihn verliebt, ahnt er nicht, mit wem er es eigentlich zu tun hat. Denn Sam entstammt einer alten Linie von Vampirjägern und hat unzählige von Andreis Artgenossen getötet …

Eigene Meinung:
Die Autorin Tanja Bern ist für ihre historischen, romantischen Bücher bekannt und legte mit „Nah bei mir“ bereits einen Gay Romance Roman vor. Mit „Flüstern der Ewigkeit“ wagte sie sich einmal mehr in die Vergangenheit vor, wenngleich sie mit den Vampiren dieses Mal eine deutlich fantastischere Komponente gewählt hat, als mit der dezenten Geisterthematik in „Nah bei mir“.

Inhaltlich verspricht das Buch Spannung, Romantik und eine ordentliche Portion Drama – all das bekommt der Leser auch, jedoch muss man sich schnell damit abfinden, dass die Handlung recht schnell vorangetrieben wird. Es geht Schlag auf Schlag, mitunter einfach zu schnell, um sich alles bildlich vorstellen zu können. Dabei ist man leider nie nah am Charakter sondern erlebt die Ereignisse aus einer gewissen Distanz. Dadurch wirkt die Geschichte stark „heruntererzählt“, mitunter recht gehetzt. Es wäre schön gewesen, wenn sich Tanja Bern mehr Zeit gelassen hätte, Dinge und Ereignisse zu beschreiben und auch auf ihre Charaktere einzugehen. Gerade von diesen und ihren Gefühlen erfährt man in bestimmten Situationen nichts. Hat Andrei Angst bei der Wandlung, welche Schmerzen durchlebt er, wie fühlt er sich, als sich Orville an ihm vergeht? All das bleibt außen vor, was sehr schade ist. Das Buch hat Potenzial, doch es wird einfach zu schnell und zusammenfassend erzählt. Gerade beim Finale wird dies deutlich – es fehlen der Spannungsaufbau und das Einstimmen auf den Endkampf, so dass dieser auf den letzten Seiten spürbar am Leser vorbeizieht. Kurz vor Schluss flaut die Spannungskurve enorm ab, so dass sich die letzten 50 Seiten ziemlich in die Länge ziehen. Hier fehlt einfach die Action und Spannung, die eigentlich vorhanden sein müsste – immerhin dürfen sich Andrei und Sam einer Gruppe Vampirjäger entgegenstellen.
Lediglich bei den Erotikszenen, die nur dezent angedeutet werden, wirkt sich dieser Stil positiv aus, da Tanja Bern auf ausufernde Sexszenen verzichtet und stattdessen alles in angenehme, sehr sinnliche Worte packt.

Die Charaktere bleiben dem Leser leider ebenso fern, wie die Geschichte – man lernt sie recht oberflächlich kennen, auch wenn ihre Hintergründe sehr genau beschrieben und die Beweggründe ebenso gut begründet werden. Das liegt vor allem daran, dass man gefühlstechnisch nie wirklich beim Charakter ist, wenn etwas geschieht. Der Leser hat immer eine gewisse Distanz zu den Figuren, die es schwer macht, sie zu begreifen und wirklich mit ihnen mitzufiebern. Sie kommen ein wenig kühl rüber, was sehr schade ist. Gerade Andrei bleibt auf eine seltsame Art und Weise blass, obwohl er der Dreh- und Angelpunkt der Handlung ist und man viel über ihn und seine Gedanken erfährt. Es ist schwer zu beschreiben, wieso man mit ihm nicht warm wird. Zumeist entzieht er sich dem Leser, ebenso wie Sam, der erst in der zweiten Hälfte wirklich wichtig wird und aus dessen Perspektive die Geschichte ab diesem Zeitpunkt ebenfalls erzählt wird.

Dafür sind die Nebenfiguren gut beschrieben und lebendig in Szene gesetzt, wenngleich man ihre Beweggründe nicht immer nachvollziehen kann. Warum Sams Vater so extrem handelt, weswegen Orville einem solchen Experiment zustimmt und weshalb Castielle diese Experimente durchführt, bleibt weitestgehend im Dunkeln. Es fehlt an Tiefgang, Erklärungen und gut 300 weiteren Seiten, um die Geschichte stimmungsvoll und atmosphärisch umzusetzen und alle Seitenstränge und Grundideen auszubauen, die Tanja Bern eingeführt hat.

Stilistisch ist „Flüstern der Ewigkeit“ gut gelungen – Tanja Bern hat einen schönen, schlichten, etwas altmodischen Stil, der zur Geschichte passt. Leider birgt dies die Gefahr, dass es an Tiefgang mangelt und viele Szenen zu kurz abgehandelt werden. Allein die Tatsache, dass Andreis Entführung durch Vampirjäger nicht aus seiner Sicht beschrieben wird (sondern aus Sams in Form einer Rückblende), nimmt unheimlich viel Dynamik und Spannung aus der Geschichte – Tanja Bern umgeht etliche Actionszenen und nutzt lieber die Perspektive des anderen Protagonisten, was dem Buch den Schwung nimmt. Genau dieser Punkt sorgt dafür, dass der Roman so schwergängig und distanziert bleibt – zu oft ignoriert die Autorin die Regel „Show, don’t Tell“ und zu sehr wird die Handlung zusammengefasst.

Fazit:
„Flüstern der Ewigkeit“ ist ein historischer Vampirroman, der mit interessanten Grundideen und einigen spannenden Figuren punkten kann, es jedoch nicht schafft diese Aspekte überzeugend auszubauen. Die Geschichte wird zu gehetzt runtererzählt, die Charaktere bleiben recht blass und konturlos, und eine kontinuierliche Spannungskurve sucht man vergeblich. So stilsicher Tanja Bern auch ist, in diesem Fall scheitert sie an den Actionszenen, was dem Roman den Schwung und die Dynamik raubt. Schade – hier hätte man mehr herausholen können: mit mehr Seiten, mehr Gefühl und mehr Action.

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[ROMAN] Herrlichkeit von Margaret Mazzantini

Autor: Margaret Mazzantini
Taschenbuch:  500 Seiten
ISBN: 978-3-8321-9786-5
Preis: 17,99 EUR (ebook)22,90 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Guido und Costantino wachsen im selben Palazzo, jedoch in unterschiedlichen Milieus auf. Während Guidos Leben von Einsamkeit und einem gewissen Standard geprägt ist, ist gleichaltrige Costantino der Sohn des Hausmeisters des gutbürgerlichen Wohnhauses. Ihre kindliche Abneigung ändert sich während einer Klassenfahrt nach Griechenland und schnell entwickeln die beiden Gefühle füreinander – ein Unding in Italien der 70er/80er Jahre. Keiner der beiden wagt ihre Liebe offen auszuleben: Guido verschlägt es nach London, wo er Kunst unterrichtet und die Japanerin Izumi heiratet; Costantino ehelicht eine Jugendfreundin und eröffnet ein Restaurant in Rom.

Im Laufe der Jahrzehnte treffen sich die beiden Männer immer wieder und versuchen ihrer Liebe Ausdruck zu verleihen, doch nur selten gelingt es ihnen, die gesellschaftlichen Zwänge abzuschütteln und sie selbst zu sein …

Eigene Meinung:
Der Roman „Herrlichkeit“ ist die 8. Veröffentlichung der italienischen Schriftstellerin Margaret Mazzantini, deren frühere Werke sowohl vielfach ausgezeichnet, als auch teilweise verfilmt wurden. Mit dem vorliegenden Roman wagt sie sich an die Geschichte einer schier unmöglichen Liebe, die von Trennungen, kurzen Treffen und der Sehnsucht nach Normalität und Akzeptanz geprägt ist.

„Herrlichkeit“ ist keine leichte Kost – der Leser wird von Anfang an gefordert und es dauert ein wenig, bis man in die Geschichte von Guido und Costantino eingetaucht ist. Diese beginnt Mitte der 60er Jahre, wobei man die Zeit nur anhand der politischen Ereignisse, bekannter Musikstücke und aktueller Gegebenheiten einschätzen kann, und zieht sich bis in unsere heutige Zeit. Man begleitet die beiden Jungen auf ihrem Weg und bei der Entdeckung ihrer Gefühle füreinander, die in dem ersten hilflosen Versuch einer geheimen Beziehung gipfeln. Nach ihrer Trennung verläuft das Leben für beide in unterschiedlichen Bahnen, doch nie können sie wirklich voneinander lassen. Immer wieder begegnen sie sich, lassen ihre Liebe aufflammen und versuchen in aller Heimlichkeit ihrer Liebe Ausdruck zu verleihen – obwohl sie verheiratet sind und Kinder haben.
Mit der Zeit wird die Beziehung der beiden Männer immer verzweifelter: immer mehr spielt Schuld und Scham in ihre Treffen hinein, nie scheinen sie wirklich frei zu sein. So steuern beide haltlos auf eine Katastrophe zu, die beider Denkweise umkrempelt und alles ändert.

Der Leser begleitet Guido rund fünfzig Jahre lang, sieht ihn heranwachsen, Erfahrungen sammeln und sich für ein bestimmtes Leben entscheiden – mal mit Costantino, mal ohne. „Herrlichkeit“ ist daher ein klassischer Entwicklungsroman, wobei die Geschichte nicht an dem Punkt endet, wenn aus den Kindern junge Männer geworden sind. Getreu dem Motto, dass man sich immer weiterentwickelt und verändert, führt Margaret Mazzantini die Geschichte der beiden Männer weiter, lässt den Leser an ihren weiteren Leben teilhaben. Dabei schneidet sie etliche wichtige Ereignisse an, die das Leben von Schwulen über die Jahre hinweg geprägt hat: die fehlende Akzeptanz gegenüber Homosexuellen im Italien der 70/80er Jahre, das Totschweigen der eigenen Sexualität, die Entdeckung von AIDS mit all den Konsequenzen und die Versuche die persönlichen Präferenzen auszuleben, ganz gleich welche Probleme damit einhergehen.

Natürlich ist der Hauptteil des Romans dramatisch, dank Guidos Selbsthass zumeist sehr deprimierend und zerstörerisch – dennoch gelingt der Autorin auch ein positiver Grundtenor, der den Titel des Buches rechtfertigt. „Herrlichkeit“ zeigt nämlich, dass eine Liebe auch über Jahre hinweg anhalten kann und trotz aller Umstände und Probleme Bestand haben kann. Dies erkennt auch Guido, wenngleich es nur selten in seine Gedankenwelten Einzug hält:

Ich sehe ihm zu, und er macht es. Macht drei Schritte und einen Hüpfer. Und dieser Hüpfer sind wir, glaube ich.

Margaret Mazzantini erzählt von einer Liebe, die von Anfang an zum Scheitern verurteilt ist und präsentiert mit Guido einen Hauptcharakter, der authentischer und greifbarer nicht sein kann. Es ist bewundernswert, wie real dem Leser diese Figur erscheint, mit all ihren Leiden, ihrem mangelnden Selbstbewusstsein, ihrem Hass und ihrer Scham. Man ist Guido nicht nur nah, man sieht durch seine Augen, fühlt und leidet mit ihm – dabei ist er nicht einmal sonderlich sympathisch. Er ist in gewisser Weise ein Antiheld, der sich mitunter gern selbst geißelt und nur selten in der Lage ist glücklich zu sein.
Costantino ist von Anfang an sympathischer, weil er die treibende Kraft ihrer jugendlichen Beziehung ist, wenngleich er sich später der Normalität einer Familie versteckt. Obwohl er seine Liebe zu Guido mitunter wesentlich brutaler zum Ausdruck bringt, erkennt man allein an der Tatsache, wie er mit seinem behinderten Sohn umgeht, dass er sensibler und offener ist als Guido. Während letzter sich oftmals selbst bemitleidet und gerne aus der Wirklichkeit flieht, steht Costantino mit beiden Beinen im Leben und weiß, wie schwer es sein kann, aus dem Rahmen zu fallen.
Auch die übrigen Figuren sind sehr authentisch und realistisch, seien es Costantinos Eltern und seine Schwester, Guidos Ehefrau Izumi und seine Ziehtochter. Sie geben einen perfekten Rahmen und sind dabei vor allem eines: menschlich.

Stilistisch bietet Margaret Mazzantini belletristisch hochwertige, sehr nüchterne Kost, bei der die meisten Dinge zwischen den Zeilen stattfinden. Dementsprechend konzentriert sollte man beim Lesen von „Herrlichkeit“ sein – es ist kein Buch für Zwischendurch, da man sich auf den Stil der Autorin einlasen muss. Ist der Einstieg gelungen erwartet einen ein sehr dichter, teils schnörkelloser und atmosphärischer Schreibstil, der die Geschichte perfekt beschreibt und das Dilemma der Figuren glaubwürdig zu Papier bringt. Auch die historischen Ereignisse und die vielen Beschreibungen lassen Guidos Welt lebendig werden. Mitunter gibt es längen, gerade im letzten Teil des Romans, doch das fällt kaum störend ins Gewicht, da Margaret Mazzantini durchaus zu fesseln weiß.

Fazit:
„Herrlichkeit“ ist ein atmosphärisches, dichtes Meisterwerk, das durch sehr lebendige, menschliche Charaktere und einen faszinierenden Schreibstil besticht. Die Geschichte von Guido und Costantino geht zu Herzen, ohne kitschig oder übermäßig dramatisch zu wirken und man leidet mit den Figuren. Margaret Mazzantini gelingt ein zeitloses Portrait über eine ausweglose Liebe, die trotz aller Widrigkeiten nicht vergeht und Bestand hat – etwas was in der heutigen Zeit nur selten der Fall ist. Leser, die realistische, belletristische Kost bevorzugen, sollten sich „Herrlichkeit“ nicht entgehen lassen. Es lohnt sich und bietet viel Stoff zum Nachdenken und Diskutieren.

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[ROMAN] Micah von Tina Filsak

Autor: Tina Filsak
Taschenbuch: 486 Seiten
ISBN: 978-1512078640
Preis: 6,99 EUR (ebook) | 16,08 EUR (Taschenbuch)
Bestellen: Amazon

Story:
Der junge Musiker Micah hat mit seinem Leben abgeschlossen, seitdem bei ihm Lungenkrebs im Endstadium festgestellt wurde. Ohne Freunde und Verwandte sieht er dem Ende entgegen, lediglich die wöchentlichen Besuche in einer Bar gönnt er sich. Dort lernt er auch den geheimnisvollen Darius kennen, zu dem er sich schnell hingezogen fühlt. Dieser erwidert die Gefühle nicht nur, er ist auch kein einfacher Mensch, wie Micah irgendwann feststellen muss. Er hat sich mit einem Vampir angefreundet, der in Micah seinen Gefährten erkennt und diesen schließlich ohne Einwilligung an sich bindet. Dass er damit Micahs verborgene Dhampir-Seite weckt, ahnt niemand, doch der junge Musiker verwandelt sich kurz darauf zu einem Halbvampir. Damit ist nicht nur Micahs Leben gerettet und er hat unfreiwillig einen Gefährten an seiner Seite – er findet bei den Vampiren von L.A. ein neues Zuhause. Dies beinhaltet auch den Vampir Dio, der Micahs zweiter Gefährte wird und den selbstzerstörerischen Rodney, der sich nichts sehnlicher wünscht als der Lakai (Sklave) eines Vampirs zu werden …

Eigene Meinung:
Der Roman „Micah“ stammt aus der Feder Tina Filsaks und markiert den Auftakt einer längeren Reihe, in der es um Micah, seine Freunde und die Geheimnisse seiner Vergangenheit geht. Aufgrund der detaillierten, expliziten Sex- und BDSM-Szenen ist der Roman nichts für zarte Gemüter: man wird mit Gewalt, Dominanz, Unterwerfung und harter Erotik konfrontiert.

Inhaltlich beginnt das Buch durchaus spannend, wenngleich man eine Weile braucht, um in Micahs Welt einzutauchen und sich auf die Figuren einzustellen. Dennoch kommt es immer wieder zu kleineren und größeren Logiklöchern, die das Lesevergnügen schmälern. Zudem schweift Tina Filask irgendwann von der Hauptgeschichte ab und widmet sich fast ausschließlich der Erotik und den vielen BDSM-Szenen. Spätestens ab der Hälfte spielen die Hintergrundgeschichte, die Intrigen innerhalb der Vampirgesellschaft und die vielen interessanten Ansätze keine Rolle mehr, denn es geht nur noch um das Eine: Sex, Gewalt, Unterdrückung und BDSM. Sicherlich weiß der Leser im Vorfeld, worauf er sich einlässt (immerhin wird ja ausführlich darauf hingewiesen), doch die schiere Masse wirkt einfach erschlagend. Weder die Rahmenhandlung noch die Charakterentwicklung spielt noch eine Rolle, stattdessen darf man Micah eine gefühlte Ewigkeit bei Rodneys Probewoche zum Sklaven begleiten. Inwiefern das realistisch ist, vermag ich nicht zu beurteilen, da ich mich mit der Szene nicht auskenne, doch es ist weder unterhaltsam noch spannend. Da hilft auch die Aussicht auf einen zweiten Teil nicht, da zu viele Dinge offen bleiben und man nicht einmal sicher sein kann, dass sie im zweiten Band geklärt werden.

Unangenehm fällt auch auf, dass bei Problemen fast sofort eine Lösung gefunden wird – zumeist ohne, dass es im Vorfeld passende Hinweise gibt. Auch die Tatsache, dass fast immer Micah derjenige ist, der die zündende Idee hat oder plötzlich die passende Fähigkeit entwickelt/aufweist, fällt mit der Zeit auf die Nerven. Der Rat will eine apathische Frau befragen und braucht einen Empathen, der die Verbindung zu ihren Gedanken und Erinnerungen herstellt (eine seltene Fähigkeit, wie man erfährt) – Micah kann dies natürlich ohne vorherige Übung oder einer Andeutung, dass er diese Dinge vorher beherrscht hat. Dio sucht einen perfekten Dom, um sich selbst zu geißeln – Micah ist der perfekte Mann für den Job, obwohl in der Geschichte (zu diesem Zeitpunkt, später wird gesagt, dass er durchaus Erfahrungen als Meister hat) niemals etwas Derartiges angedeutet oder gesagt wurde. Konflikte und mögliche Spannungskurven können sich überhaupt nicht entwickeln. Das Problem taucht auf und wird drei Seiten später mit neuen Kenntnissen und Fähigkeiten von Micah aus der Welt geschafft.

Neben der eher mauen Geschichte können auch die Charaktere nicht überzeugen. Das Hauptproblem ist Micah, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird. In ihm finden sich nahezu alle Züge einer typischen Gary Sue (Mary Sue) vereint, die es gibt: er wird von einer schrecklichen Vergangenheit gebeutelt, hat zu Beginn keine Freunde und ist traumatisiert. All das ändert sich, als er von Darius gebissen wird und sich in einen Vampir verwandelt (oder doch Dhampir?): er wird stärker, optisch wesentlich hübscher, seine Fähigkeiten sind schlagartig so überragend, dass er ohne Probleme Aufgaben bewältigt, an denen alte Vampire scheitern, er hat einen großen Freundeskreis und mehrere Männer verlieben sich in ihn. Es gibt nichts, was ihm nicht auf Anhieb gelingt – perfekte Kontrolle über seinen neuen Körper, empathische Aufgaben und Aktionen gelingen ihm ohne Probleme, der perfekte Dom für jeden Sub in L.A. Er scheint keine Fehler zu haben und keine zu machen, als seien Darius, Dio und all die anderen nur Randfiguren, die vollkommen unsicher durch die Geschichte stolpern. Dadurch wird Micah dem Leser immer unsympathischer – er hat keine Macken oder Fehler, die ihm ein wenig Tiefgang verleihen. Selbst seine extreme Vergangenheit und die vielen Probleme seiner Kindheit scheinen nie wirklich Einfluss auf seinen Charakter genommen zu haben.

Das sorgt leider dafür, dass die übrigen Figuren mitunter dämlich und unlogisch daherkommen: Darius‘ Unsicherheit passt nicht zu einem solch alten, gestandenen Krieger. Er wirkt die Hälfte der Zeit verunsichert und kindisch, auch Micah denkt im Grunde selten positiv von ihm. Man fragt sich wirklich, was genau Micah an ihm liebt, so deutlich er immer wieder seine Abneigung zur Sprache bringt. Einzig Dio ist ein angenehmer Lichtblick, wenngleich er zu devot und unterwürfig ist, für einen Krieger. Dennoch ist der stille, zurückhaltende Vampir der einzige, den man halbwegs nachvollziehen kann. Dass er im Laufe der Handlung stark zurückstecken muss, ist bedauerlich, doch die Szenen mit ihm zählen zu den Highlights des Buches. Der dritte Mann in Micahs Leben ist Rodney, der den Dhampir als Meister auserkoren hat und alles daran setzt diesen von seinen Qualitäten zu überzeugen. Ihn kann man leider fast gar nicht nachvollziehen, zu extrem sind dessen Wünsche und Ansichten für Leser, die sich nicht in der BDSM-Szene auskennen und diese nicht nachvollziehen können.
Die restlichen Figuren sind sehr blass und haben kaum Tiefgang. Das betrifft sowohl die Vampire um Micah, als auch die anderen Wesen. Sie wirken weder lebendig, noch authentisch – sowohl ihre Gedanken und Hintergründe bleiben im Verborgenen. Der zentrale Dreh- und Angelpunkt ist Micah, um ihn herum sind alle anderen Charaktere ausgerichtet und um ihn zirkulieren sie, sowohl in ihren Dialogen, Aktionen und Handlungen.

Stilistisch ist „Micah“ Geschmackssache – Tina Filsak hat durchaus einen soliden Stil, doch zumeist beschränkt sie sich zu sehr auf erotische Szenen. Gerade Dialoge und Kampfszenen glücken ihr nicht, Beschreibungen der Umgebung sind ebenfalls nicht ihr Ding. So weiß man zu Beginn lange nicht, wo die Geschichte spielt und kann sich das Umfeld und die Gegebenheiten nur schwer vorstellen. Mitunter sind die Szenen auch verworren aufgebaut, so dass man der Handlung teilweise nicht folgen kann, insbesondere wenn Logiklücken vorhanden sind oder Figurenplötzlich Dinge können, die sie vorher nicht beherrscht haben.

Fazit:
Alles in allem kann „Micah“ nicht überzeugen, da Tina Filsak zu viel Zeit für BDSM, Erotik und Drama aufwendet, anstatt die Rahmenhandlung voranzutreiben. Zudem hat sie mit Micah einen Übercharakter erster Güte generiert – ein Gary Sue, der alles kann und jede andere Figur, gleich wie alt oder mächtig, überflügelt. Das macht die Geschichte leider weder spannend noch gut lesbar, so dass ich für „Micah“ so gar keine Empfehlung aussprechen kann. Mag sein, dass BDSM-Fans die Schilderungen spannend und ansprechend finden, zartere Gemüter und Romantikfans werden mit „Micah“ sicher nicht glücklich.

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