[INTERVIEW] Cecil Dewi

Die Specialweek nähert sich dem Höhepunkt und natürlich darf auch ein Interview mit Cecil Dewi nicht fehlen. Die Autorin hat sich freundlicherweise all meinen Fragen gestellt und diese mitunter sehr ausführlich beantwortet. Wer mehr über Cecil Dewi erfahren will, sollte sich auf ihrem Blog umschauen – dort findet ihr Informationen zu ihren Büchern und weitere Infos zu neuen Projekten:

http://www.dewischreibt.blogspot.de/

DEWI SW

Bitte erzähl und ein wenig mehr von dir. Was machst du in deiner Freizeit?
  Ich bin 35 Jahre alt und bin von Beruf Stadtplanerin. Seit zwei Jahren lebe ich mit meinem Mann und drei Katzen in Valparaíso, Chile. Ich schreibe Geschichten, von denen zwei als Romane bei Verlagen erschienen sind. Eine Novelle habe ich kürzlich im Eigenverlag herausgebracht.
Wenn ich nicht schreibe, lese ich gerne. Ich brauche viel Zeit für mich, hänge meinen Gedanken nach, träume. Wenn ich nicht eigenbrötlerisch bin, verbringe ich gerne Zeit mit meinem Mann und meinen Freunden, koche, esse oder stromere durch die Stadt. Lange Zeit habe ich auch regelmäßig geritten, nur habe ich hier derzeit nicht die Möglichkeit dazu.

Wann hast du mit dem schreiben begonnen?
Das war vor gut vier Jahren, also mit Anfang 30.

Wie genau hat es mit dem Schreiben angefangen? Was war der Auslöser?
Es war eine Schnapsidee, das mit dem Schreiben. Auslöser war tatsächlich ein anderes Buch (eine Fantasy-Trilogie), an dessen Ende sich der vermeintliche Bösewicht als der tragische Held entpuppt und stirbt. Mich hat das traurig gemacht, weil ich den Eindruck hatte, ich hätte die Chance verpasst, einen Freund besser kennen zu lernen. Es hat mir keine Ruhe gelassen, bis ich angefangen habe, einzelne Szenen des Buches (oder frei erfundene) aus seiner Sicht zu schreiben. Ich wollte ihn kennenlernen: Was hat er gefühlt und gedacht in diesem oder jenem Moment? Ich habe diese Fragmente dann auf fanfiktion.de online gestellt, weil ich neugierig war, was andere Leute dazu sagen. Es war sehr spannend, sich mit den Lesern und Leserinnen auszutauschen. Bis heute ist das eine der größten Motivationshilfen für mich.

Danach bin ich auf eigene Geschichten umgeschwenkt, weil es mich sonst nicht reizt, mit den Charakteren/Welten anderer Autoren zu arbeiten.

Hast du schon damals beschlossen homoerotische Literatur zu verfassen oder gingen deine Anfangstexte in eine andere Richtung?
Meine ersten freien Geschichten hatten heterosexuelle Protagonisten. „Staub & Stolz“ war mein erster Gehversuch was schwule Protagonisten angeht – und auch das entstand aus einer Laune heraus.DEWI SCHREIBERKITTEN

Ich hatte in einige „slash“-Geschichten im Bereich der freien Geschichten auf Fanfiktion.de hineingeschnuppert, fand aber den Großteil davon nicht so ansprechend. Insgesamt war mir da zu wenig … hm … „Mann“ drin. Aber es hat mich gereizt, zwei sehr archaische Charaktere aufeinander loszulassen. So archaisch, dass sie in einem Gegenwartsroman eher in die Anstalt gemusst hätten. Also bekamen Iain und Forlán ein mittelalterliches Setting, in dem sich die Geschichte und ihre Beziehung entwickeln konnte.

Ich war erstaunt über das Feedback, das ich zu dieser Geschichte bekommen habe, als ich Kapitel für Kapitel eingestellt habe. Zu Anfang hatte ich nur einige Szenen im Kopf, zu denen ich schreibend gelangen musste. Aber nicht zuletzt durch den Leserzuspruch ist die Geschichte auf ihre heutigen Ausmaße gewachsen.

Es war also kein bewusster Entschluss nach dem Motto: „So, ich schreibe jetzt nur noch schwule Geschichten“. Tue ich bis heute übrigens nicht ausschließlich. Aber: Die Szene der Leute, die in diesem Bereich schreiben, ist recht überschaubar, man kommt sowohl mit Leserinnen und Lesern als auch mit anderen Autoren und Autorinnen in Kontakt – und das macht viel Spaß.

Wie viel Zeit brauchst du, um ein Buch zu schreiben? Gibt es irgendwelche festen Prozeduren wenn du schreibst oder ist das bei jedem Buch anders?
Ich bin leider nicht dazu in der Lage, jeden Tag kontinuierlich zu schreiben. Ich bewundere meine Kollegen, die dazu fähig sind! Manchmal verfalle ich in manisches Schreiben – und dann ist wieder wochen- oder gar monatelang Stille. Für „Staub & Stolz“ habe ich insgesamt 14 Monate gebraucht, wobei es auch dort einige kleinere Pausen gab. Aber das Leserfeedback hat mich hier bei der Stange gehalten. Für „Parallelwelt“ habe ich sogar noch länger gebraucht – dabei ist es fast 200 Seiten kürzer. „Tänzer & Schatten“ habe ich hingegen in wenigen Wochen geschrieben. Der Schatten war etwas … vereinnahmend.

Hast Du mit Fanfictions angefangen oder von Anfang an eigene Bücher geschrieben?
Siehe oben. 🙂

Was sind Deine aktuellen Projekte? Auf was können sich die Fans als nächstes freuen?
Ich schreibe derzeit an mehreren Sachen. Eine Geschichte schreibe ich nur für mich, die werde ich wohl nicht veröffentlichen. Dann gibt es da noch zwei Geschichten, die ich derzeit parallel zum (langsamen) Schaffensprozess auf fanfiktion.de online stelle.

Die eine Geschichte, „Freunde“, ist eine Novelle und beleuchtet die Freundschaft eines schwulen Mannes mit einem heterosexuellen Pärchen. Ich gehe in dieser Geschichte der Frage nach, was eigentlich Liebe ist, wo die Grenzen zu Freundschaft liegen und welche Lebens- und Liebesmodelle einem Menschen so etwas wie Glück und Zufriedenheit schenken können. Ob ich diese Geschichte jedoch je als lektoriertes und überarbeitetes Buch herausbringe, ist fraglich. Es ist auch ganz schön, ein paar Sachen als Geschenk an die Leser und Leserinnen online stehenzulassen.

Die andere Geschichte nennt sich „Enemigos“ (spanisch für ‚Feinde’) und spielt zur Zeit der Militärdiktatur in Chile. Seit ich hier lebe und immer wieder mit Zeitzeugen spreche, reizt es mich, die Geschichte zweier schwuler Männer zu erzählen, die auf unterschiedlichen Seiten des Systems stehen: der eine in der Marine aktiv, der andere im studentischen Widerstand. Sie sind keine Helden, keine herausragenden Bösewichte. Sie versuchen nur irgendwie, ihr Leben in einer schwierigen Zeit zu leben – und vertuschen beide in ihren jeweiligen politischen Lagern ihre sexuelle Identität, weil Homosexualität einheitlich abgelehnt wurde. Bis heute ist die katholische / konservative chilenische Gesellschaft nicht offen genug für andere Lebensmodelle. Wenn ich es schaffen sollte, diese Geschichte zu meistern (und ich übernehme da keine Garantie!) würde ich sie sehr gerne als Roman herausbringen. Vielleicht auch in Zusammenarbeit mit einem Verlag.

In den meisten deiner Bücher geht es „heiß“ zur Sache. Wie gehst du beim Schreiben erotischer Szenen vor, bzw. wie informierst du dich darüber?
Das Schreiben erotischer Szenen muss – wie das aller anderen Szenen auch – fließen. Wenn es irgendwo hakt, schreibe ich nicht weiter, lasse den Text ruhen und schaue, ob es ein anderes Mal klappt. Wenn es partout nicht will, passt die Szene nicht, dann muss sie geändert oder verworfen werden. Aber gerade erotische Szenen sollten beim Schreiben Spaß machen. *zwinker*

staub und stolzÖhm. Wie ich mich darüber informiere? Lebenserfahrung?! Gespräche?! *lach*

Klar kann ich manche Empfindungen, die aus der männlichen Sicht geschildert werden, nicht persönlich testen – schlicht, weil ich kein Mann bin. Da müssen dann mein Mann und gute Freunde herhalten, die ich über manche Dinge ausquetsche. Ich war schon immer sehr neugierig und nehme selten ein Blatt vor den Mund … Aber alles andere beruht denke ich auf persönlicher Erfahrung.

Wenn ich jedoch über sexuelle Praktiken schreiben würde, die mir fremd sind, würde ich gründlich recherchieren, Leute befragen und am besten Textpassagen von Leuten gegenlesen lassen, die sich damit auskennen.

Dein Debüt „Staub und Stolz“ endet ja nicht unbedingt mit einem Happy End. Was hat dich dazu bewogen?
Das Ende der Geschichte ist ganz klar kein klassisches Happy End, bei dem die Helden händchenhaltend in den Sonnenuntergang reiten. Für mich hat die Geschichte aber durchaus ein gutes Ende, weil Forlán, einer der beiden Protagonisten, seine Reise beendet. Er kann sie nur auf eine Art beenden, vorher ist seine Geschichte nicht erzählt. Und Iain, sein Gegenpart, sorgt dafür, dass Forláns Reise gut endet.

Wie haben die Leser des Buches darauf reagiert?
Ich habe sehr, sehr viele Mails bekommen. Manche haben mir sehr aufgelöst geschrieben, mir Vorwürfe gemacht, mich zur Hölle gewünscht – mir oft aber in der selben Mail für eine sehr intensive Geschichte gedankt, für Charaktere, die sie liebgewonnen haben. Eine Leserin hat mich sogar gefragt, ob sie das Ende umschreiben und anderen ‚traumatisierten’ Lesern zur Verfügung stellen darf.

Ich biete den Leserinnen und Lesern dann immer an, dass ich ihnen erkläre, warum die Geschichte von Forlán und Iain nur ein Ende haben kann. Ich skizziere ihnen mögliche andere Handlungsstränge und deren Konsequenzen. Bis jetzt hat das erstaunlicherweise allen Leuten geholfen und sie getröstet. Nach der ersten Aufruhr erkennen sie die Liebe, das Gute, das in diesem Ende steckt und akzeptieren es.

„Parallelwelt“ scheint ja sehr komplex zu sein. Ist dazu weiteres geplant bzw. gibt es mehr Geschichten über die Traumfänger?
Die Welt der Traumfänger ist tatsächlich meine älteste ausgedachte Welt. Ich träume viel und oft sehr intensiv, was mich schon als Kind zu der Frage gebracht hat, welche der beiden Welten – die wache oder die träumende – eigentlich die „reale“ ist.

„Parallelwelt“ hat eine ältere Schwester, eine Geschichte, die ich begonnen, aber nie abgeschlossen habe: „Traumfänger & Nachtmahr“. In ihr tauche ich tiefer in die Welt der Traumfänger ein. Mich reizt es nach wie vor, die erste Hälfte der Geschichte zu überarbeiten (man merkt meiner Schreibe von damals sehr genau an, dass es meine erste freie Geschichte ist) und sie zuende zu erzählen. Vor allem reizt mich diese Welt, weil es immer schwerer wird, „Gut“ und „Böse“ zu definieren, je weiter man in sie eintaucht. Einen Schimmer davon kann man schon am Ende von „Parallelwelt“ aufblitzen sehen.

„Parallelwelt“ ist stark auf die Beziehung von Leif und Sam fokussiert, und der Leser muss nicht all die kleinen Details wissen, die die Welt der Traumfänger definiert. Der Leser weiß cover_parallelwelt_kleinimmer nur soviel, wie Leif es tut, der ahnungslos dort hineinstolpert. Deswegen wollte ich „Parallelwelt“ nicht mit den ganzen Hintergrundfakten überladen, die ich in einer anderen Geschichte, die einen Fantasy-Schwerpunkt hat, nebenbei einflechten kann.

Wie war die Zusammenarbeit mit der Zeichnerin Janine Sander? Hat sie deine Charaktere so gezeichnet, wie du sie dir vorstellst?
Großartig! Ich hatte schon lange davon geträumt, eine Geschichte von mir mit Illustrationen zu versehen. Nur bin ich leider der totale Zeichen-Trottel. Und Parallelwelt bot sich dafür an, illustriert zu werden.

Ich muss zugeben, dass mir Janines Illustrationen für andere Cursed-Romane zwar gefallen, vom Stil her für meine Geschichte aber zu „mangamäßig“ waren. Insbesondere waren mir die Charaktere zu feminin. Wir haben das gemeinsam mit der Verlegerin besprochen, haben uns andere Werke von Janine angesehen und uns dann entschlossen, es zu versuchen. Und siehe da: Schon Janines erste Zeichnung zu Parallelwelt hat mich umgehauen! Ich hatte die Zeichnung ewig als Bildschirmhintergrund.

Ich hatte Janine einige Referenz-Fotos für die Charaktere geschickt und sie hat die Kapitel parallel zu ihrem Schaffensprozess gelesen, so dass ihre zeichnerische Darstellung fast immer den Nagel auf den Kopf getroffen hat. Manchmal habe ich sie gebeten, insbesondere Leif optisch älter oder markanter zu machen, oder die Kulisse düsterer. Sie hat das immer sehr gut umgesetzt.

Insgesamt war die Zusammenarbeit herrlich produktiv und es war spannend für mich, auf einmal gezeichnete Charaktere vor meinen Augen zu haben, während ich an einzelnen Szenen schrieb.

Wie kommt die Komplexität Deiner Welten zustande?
Ich glaube, die Komplexität meiner Welten erschließt sich mir selbst ganz langsam. Das ist so, als würde man im dichten Nebel umherlaufen. Man kann gerade mal die nächsten fünf Meter überblicken. Aber mit jedem Schritt, den man tut, wird die Welt größer.

Als Autor halte ich mich dabei größtenteils an meinen Charakteren fest. Was denkt, fühlt, sieht, riecht mein Protagonist? Wie bewertet er Geschehnisse vor seinem eigenen Erfahrungshintergrund? Ein gutes Beispiel dafür ist Forlán, der die Welt der Nordländer kennen lernt. Oft ist sie ihm fremd, manche Bräuche oder Wesensarten erschließen sich ihm nur langsam. Wichtig ist, dass alle Charaktere konsistent handeln, ihrer eigenen Logik folgen, genauso wie die Welt möglichst konsistent sein muss, in der sie leben.

Soll es Reihen zu Deinen Welten/ Büchern geben?
Nein, wirkliche Reihen habe ich nicht geplant. Es kann durchaus vorkommen, dass ich meine erschaffenen Welten weiter nutze, dass Geschichten sogar Berührungspunkte haben werden. Aber ein klassisches Reihenformat wird dabei nicht rauskommen. Ich bin ja schon froh, wenn ich EINE längere Geschichte erfolgreich beende. 😉

Wer ist dein Lieblingscharakter?
Uff, eine schwere Frage! Ich denke, ich liebe alle meine Protagonisten, auch viele meiner Nebenfiguren. Besonders am Herzen liegen mir die gebrochenen, rauen Charaktere; die, die nicht mit sich im Reinen sind. Aber ich denke, um den Platz auf dem Treppchen prügeln sich Iain, Forlán, Noirin, der Schatten, Sam, Tjark und Josh (letztere sind Protagonisten aus zwei Online-Geschichten). Jetzt kannst Du Dir ausrechnen, wer gewinnt.

Gibt es zu Deinen Charakteren lebende Vorbilder?
Nicht eins zu eins. Aber manche meiner Charaktere bekommen Anleihen von tatsächlich lebenden Menschen. Charakterzüge, oder auch anatomische Kleinigkeiten. Forlán hat zum tanzer und schattenBeispiel die Augenbrauen meines Mannes verpasst bekommen. *grins* In meinen Gegenwartstexten sind auch einige biographische Elemente eingewoben, aber meist so verfremdet, dass die nur noch wenige Menschen zuordnen könnten.

Mit welchem deiner Bücher verbindest du etwas Besonderes?
Mit allen, denke ich. Jedes auf seine Art.

Was hat Dich bewogen die Novelle „Tänzer & Schatten“ im Eigenverlag herauszubringen?
Ich hatte schon lange mit dem Gedanken gespielt, das mit dem Eigenverlag einmal auszuprobieren. „Tänzer & Schatten“ ist für Verlage glaube ich nicht so interessant, weil es schlichtweg zu kurz ist. Außerdem ist es von der Thematik und wahrscheinlich auch von Stil kein Buch, von dem jeder sagen würde, dass es sich bestimmt gut verkauft. Die Urfassung der Geschichte gab es lange Zeit online umsonst zu lesen. Die Reaktionen der Leser und Leserinnen waren sehr gut. Also dachte ich, das wäre mal ein Testballon. Bisher fliegt er ganz gut.

Dank der vorherigen Zusammenarbeit mit dem Incubus-Verlag und dem Cursed-Verlag habe ich auch viel übers „Buchmachen“ gelernt. Viele dieser Erfahrungen konnte ich bei „Tänzer & Schatten“ nutzen. Und gerade Julia vom Cursed-Verlag hat mir mit Tipps & Tricks geholfen.

Ich wusste, dass ich auch einiges an Geld und Zeit investieren musste, um „Tänzer & Schatten“ auf einem professionellen Niveau herauszubringen, mit dem ich zufrieden bin. Also habe ich der Geschichte ein professionelles und kostenpflichtiges Lektorat gegönnt, Geld für ein tolles Coverfoto und ein gründliches Korrektorat ausgegeben. Das Coverdesign war ein Freundschaftsdienst einer Grafikerin (Ich denke immer noch, dass ich sie dafür bezahlen sollte! Ich LIEBE das Cover! Nächstes Mal, Manu …), den Buchsatz habe ich selber gemacht, weil ich etwas Erfahrung mit dem Setzen von Texten hatte.

Bei „Tänzer & Schatten“ scheint es ja auch eine komplexere Hintergrundwelt zu geben – planst du mehr dazu (eine Serie mit unterschiedlichen Charakteren vielleicht)?
Nein, „Tänzer & Schatten“ bleibt ein Einzelwerk. Die Geschichte wurde vom Schatten, seinem Charakter und seiner Nicht-Menschlichkeit angetrieben. Und seine Geschichte ist erzählt.

Wird es weitere Projekte geben, die du im Self Publishing herausgeben wirst?
Konkret geplant ist noch nichts, aber das kann durchaus noch kommen. Meine Erfahrungen bisher lassen sich wie folgt zusammenfassen: Selfpublishing ist sehr viel Arbeit, macht aber Spaß und zumindest bei „Tänzer & Schatten“ geht auch ökonomisch die Rechnung auf. Ich denke, gerade für meine Geschichten, die für Verlage zu kurz sind, könnte das eine Möglichkeit sein. Und ich muss gestehen, dass viele meiner Geschichten kürzer (so zwischen 30.000 und 40.000 Worte) sind. Also besteht da durchaus Potenzial.

Hast Du als Autorin Vorbilder?
Vorbilder im Sinne, dass ich ihnen nacheifere: nein. Vorbilder im Sinne von: „Für diesen Satz möchte ich vor Dir auf die Knie gehen und dem Boden huldigen, auf dem Du wandelst“: ja, einige.

Jeanette Winteson für ihren Schreibstil.
Mario Vargas Llosa hat die Fähigkeit, mit nur einem Satz einen Protagonisten zu umschreiben, und man weiß alles, was man wissen muss.
Raik Thorstad bewundere ich für das Einfühlungsvermögen für seine Protagonisten und grandiose Stimmungsbeschreibungen.
Andrew Davidson huldige ich für den Satz „There I lay, wearing dead people as armor against death.“ aus seinem Roman „The Gargoyle“. Er steht auf Seite 9 und spätestens mit diesem Satz hatte er mich an der Angel.
Oh, und Aleksandr Voinov für diesen Satz aus „Special Forces“: „“You are…” like a faun, a reclining marble faun, only alive, that I’ve seen on a postcard. Somewhere in a museum in Europe. Naked, spread legs, face showing the agony of lust, of wanting. Your eyes are places of shadows, deep and true and secret. “Beautiful. I mean…handsome.”” DA schlägt mein Romantikerherz in süßem Schmerz“

Was inspiriert Dich?
Träume, Landschaften (insbesondere die chilenischen), Menschen, manchmal auch Fotografien. Oft genug spaziert aber auch einfach ein Protagonist in mein Hirn und bleibt da, bis ich mich mit ihm beschäftige. Der Schatten ist dafür ein Beispiel. Oder Tjark, der sture Bock. Stand wochenlang im Türrahmen und hat mich angeschwiegen. Hört sich psychisch gestört an? Ist es wahrscheinlich auch.

Wie stehen Dein Mann und Deine Familie zu Deinen Büchern?
Insgesamt wissen vergleichsweise wenige Menschen aus meinem direkten Umfeld, dass ich Geschichten schreibe. Noch weniger Leute kennen mein Pseudonym. Das hat damit zutun, dass ich grundsätzlich ein schüchterner Mensch bin und Schreiben eine sehr intime Sache ist. Mir behagt der Gedanke nicht sonderlich, dass Menschen, die mich auf einem anderen Weg kennen, in meinen Geschichten nach Teilen von mir suchen. Ich schreibe ohne Filter und möchte mich nicht selbst zensieren. Was die anonymen Leser hingegen aufgDEWI SCHREIBTISCHrund meiner Werke über mich denken, ist mir egal, denn sie kennen mich ja nicht.

Mein Mann unterstützt mich in meiner Schreiberei, liest aber meine Geschichten nicht. Er ist der absolute Lesemuffel, seine Welt ist die Musik. Er hat allerdings schon häufiger angeregt, dass Peter Jackson doch mal „Staub & Stolz“ verfilmen könnte, dann würde er sich den auch einmal die Woche ansehen. Vielleicht sollte ich den Peter wirklich mal anrufen … Scherz bei Seite, mein Mann findet es cool, dass ich schreibe. Er hält meine Schreiblaunen aus, was für mich wahres Heldentum definiert.

Hast Du auch vor „lesbische“ Romane zu schreiben oder dich irgendwann einmal gänzlich anderen Genres zuzuwenden?
Im Moment macht es mir sehr viel Spaß, mich mit männlichen Protagonisten zu beschäftigen. Ob die hetero- oder homosexuell sind, ist mir dabei nicht so wichtig. Ich habe schon mal eine Kurzgeschichte mit lesbischen Protagonistinnen („Tomboy“) geschrieben, die hat viel Spaß gemacht. Aber grundsätzlich plane ich mein Schreiben nicht. Was kommt, das kommt. Was nicht, muss auch nicht erzählt werden.

Wie tief geht Deine Recherche zu Deinen Büchern?
Das kommt ganz auf die Geschichte an. Oft recherchiere ich nebenbei. Wenn die Nordländer in „Staub & Stolz“ über mögliche Schlachtentaktiken reden, recherchiere ich, wie das im Mittelalter wahrscheinlich ablief. Der Hinterhalt, den Forlán in dieser Runde vorschlägt, wurde z.B. angeblich von mongolischen Reiterhorden angewendet. Genauso musste ich mich viel tiefer mit Limnologie beschäftigen, als mir lieb ist, damit Biologiestudent Leif in „Parallelwelt“ keinen Scheiß verzapft in seiner Abschlussarbeit.

Die einzige Geschichte, für die ich wirklich, wirklich viel und im Vorfeld recherchieren muss, ist „Enemigos“. Immerhin ist es in der jüngeren Vergangenheit angesiedelt. Allerdings in einem Land und in einer Kultur, die mir fremd sind. Und das ist wirklich exzessiv. Dabei geht es nicht nur um Faktenwissen, das man aus Dokus abstauben kann.

Ich möchte wissen, ob ein mittelloser Student im Jahr 1972 mit dem Bummelzug am Mittwochabend noch aus der Stadt aufs Land gekommen ist. Wie die beliebteste Brause in dem Jahr hieß. Wann die jungen Leute angefangen haben, Schlaghosen zu tragen, und wie die älteren Leute darauf reagiert haben. Wie der Lehrplan an der Architekturfakultät aussah, welche Professoren inspirierend waren. Welche von ihnen später verschleppt und umgebracht wurden. Wie es sich angefühlt hat, durch die Straßen zu gehen im Jahr 1972, als der Sozialist Allende an der Macht war – und wie am Ende des Jahres 1973, wenige Monate nach dem Putsch.

Teilweise geht das durch das Lesen (spanischsprachiger) Bücher, insbesondere von Zeitzeugenberichten. Ich sauge aber auch viel aus Gesprächen mit Freunden und Bekannten, die im Widerstand aktiv waren. Viele waren damals Studenten und sind heute in ihren sechzigern. Schwieriger wird es mit der „Gegenseite“. Denn nach wie vor ist die chilenische Gesellschaft geteilt in Putschbefürworter und -gegner. Und auch die muss ich verstehen, wenn ich Álvaros Sicht, seine Welt glaubhaft schildern möchte. Von den tatsächlichen Praktiken innerhalb der chilenischen Marine mal ganz zu schweigen.

Hatte ich schon mal erwähnt, dass ich für die Fertigstellung von „Enemigos“ keine Gewähr gebe? Jetzt wisst Ihr einen Grund dafür.

Wie wichtig ist das Thema Liebe und Romantik für Deine Bücher/ Dich?
Ich denke Liebe und auch Sehnsucht sind wichtige treibende Kräfte für viele meiner Protagonisten. Gerade die Themen „Ankommen“ und „Zuhause“ sind auch sehr stark damit verknüpft.

„Romantik“ im Sinne von „haaach-jaaa“-Momenten und Kerzenschein ist für mich hingegen nicht so wichtig. Ich glaube, meine Protagonisten spüren ihre Liebe oft eher, weil sie auch immer ein wenig – oder mehr – weh tut. Jeanette Winterson hat einmal geschrieben: „Das Maß aller Liebe ist Verlust.“. Und ich fürchte, da ist eine Menge dran. Man könnte also sagen, ich finde die Romantik auf dem schmalen Grat zwischen Sehsucht und Erfüllung, zwischen Liebe und Verlust.

Wie stehst Du zum klassischen romantischen „Gay Romance“? Könntest Du in diesem Bereich schreiben?
Hm. Es kann durchaus vorkommen, dass ich mal in der Stimmung für eine sehr romantische Geschichte bin, dann kommt auch „Gay Romance“ für mich infrage. Allerdings muss es dann dennoch eine Geschichte sein, bei denen ich den Protagonisten a) abkaufe, dass sie Männer sind und b) dass sie schwul sind.

Ich mag es nicht gern, wenn männliche Figuren klischee-feminsiert (klein, zart, übersensibel, nah am Wasser gebaut, zickig) werden oder ich das Gefühl habe, der Autor oder die Autorin hätte z.B. keine Ahnung von Analsex. Übrigens mag ich gar keine Geschichten lesen, in denen solche Dinge vorkommen. Das beträfe auch eine Hetero-Liebesgeschichte, in der sich eine Frau aufführt wie mein Albtraum aller pubertierenden Mädchen und der erste (Anal-)Sex, den sie hat, supereinfach ohne Vorbereitung abläuft und absolut orgiastisch ist. Glaub ich nicht, reißt mich aus dem Lesevergnügen, macht mir keinen Spaß. Aber wenn der Autor/die Autoren sein/ihr Handwerk versteht, lese ich auch fluffig-romantische Geschichten ab und an ganz gern.

„Gay Romance“ selber schreiben – keine Ahnung. Wenn mir mal die richtigen Protagonisten über den Weg laufen und mich ihre Geschichte reizt? Wieso nicht? Wobei ich bezweifele, dass ich richtigen „Zucker“ schreiben kann. Vielleicht bin ich dafür zu sehr Romantik-Maso …

Liest Du Gay Romance oder eher realistische Gay-Romane?
Wenn Gay, dann eher nicht die „Romance“-Schiene. Fantasy, Mystery, Historisches oder Gegenwartsliteratur mit schwulen Protagonisten – gerne. Aber ich glaube, ich lese eh nicht so viel und explizit gay.

Was hat Dich/ Euch dazu gebracht, nach Chile auszuwandern?
Die Liebe. Im weitesten Sinne. *grins* Mein Mann ist Chilene, lebte aber 12 Jahre in Deutschland, wo wir uns auch kennen gelernt haben. Vor fast drei Jahren hat er dann hier in Valparaíso ein Jobangebot bekommen. Wir dachten, eine Luftveränderung wäre mal ganz interessant, also haben wir unsere Zelte in Deutschland abgebrochen.

Wie ist das Leben in Chile (Land, Kultur, Lebensart)?
Um Himmels Willen! Darüber schreiben andere Leute Bücher. Auf den ersten Blick ist das Leben gar nicht so anders, als man das z.B. in Spanien sieht. Als ich das erste Mal nach Chile gereist bin, war ich fast ein wenig enttäuscht, wie „normal“ oder europäisch/nordamerikanisch die Städte auf mich wirkten. Chile ist eben nicht Peru oder Mexico. Vergesst Euer Bild vom panflötenspielenden Ponchoträger.

Doch je länger ich hier lebe, um so mehr Unterschiede fallen mir auf. Unterschiede, die sich in Kleinigkeiten zeigen. Die chilenische Gesellschaft ist deutlich konservativer und katholischer/religiöser als die deutsche. Beispielsweise werden mein Mann und ich mit großen Augen angesehen, weil wir keine gemeinsamen Kinder haben und auch keine planen. Da kommen dann Gespräche auf, in denen man sich fast dafür rechtfertigen muss.

Chilenen sind sehr familienbezogene und auch kinderfreundliche Menschen. Das ist echt schön. Ich mag die mehrmals im Jahr stattfindenden Zusammenkünfte meiner chilenischen Familie. Wenn sich der engere Kreis trifft, kommen locker 25 Personen zusammen. Es wird getrunken, gegessen (vorzugsweise gegrillt – und zwar gutes Rindfleisch) und alle reden durcheinander. Zu Anfang war ich damit sprachtechnisch hoffnungslos überfordert.

DEWI BUSYChile ist ein sehr wirtschaftsliberales Land. Faktisch haben sehr wenige sehr reiche Familien das Sagen im Land. Jeder Chilene kann Dir die Namen dieser Familien nennen. Natürlich hat Chile eine demokratisch gewählte Regierung, aber der Einfluss des Staates ist stark begrenzt, viele Sektoren sind privatisiert, insbesondere das Bildungswesen. Seit Jahren protestieren die jungen Menschen in Chile für ein kostenfreies Bildungssystem. Die guten Schulen und Universitäten sind größtenteils privat und die Schüler und Studenten müssen (wenn sie kein Stipendium haben), mehrere hundert Euro pro Monat an Studiengebühren zahlen. Wenn man gleichzeitig bedenkt, dass der Mindestlohn für einen Vollzeitjob derzeit bei gut 300 Euro liegt, wird klar, dass weite Teile der Bevölkerung sich keine gute Bildung leisten können.

Durch ihre Vergangenheit ist die chilenische Gesellschaft auch sehr gespalten. Im Alltag übergehen die meisten Menschen diese Spaltung mit Höflichkeit. Ein Beispiel, das mich aus den Latschen gehauen hat: Eine Nachbarin von uns, Mitte sechzig, war im Widerstand aktiv, ihr damaliger Lebensgefährte wurde in den Wochen nach dem Putsch umgebracht. Bei einem Konzert, das wir gemeinsam besuchen, treffen wir auf eine andere ältere Frau. Beide Frauen begrüßen sich höflich und tauschen einige Worte aus. Später erzählt mir meine Nachbarin, dass es sich bei der älteren Frau um eine Ärztin handelt, die in den Konzentrationslagern Pinochets bei der Folter politischer Gefangner assistiert hat.

Insgesamt sind die Chilenen im „Erstkontakt“ deutlich zugänglicher und freundlicher als die Deutschen, gerade europäischen Ausländern gegenüber. Richtige Freunde zu finden dauert aber genauso lange wie sonst auf der Welt auch. 😉 Aus Sicht der Chilenen sind „Klischeedeutsche“ ‚cuadrado’ – Quadratköpfe, sehr korrekt, fleißig, pünktlich. Preußische Tugenden eben. Aber auch kühl und nicht sehr lustig. Ich arbeite daran, dieses Klischee zumindest in Teilen zu revidieren.

Chilenen fluchen laut und viel, ein Sammelsurium an Schimpfworten (meist bezogen auf Geschlechtsteile oder sexuelle Attribute) findet Eingang in ganz normal Sätze. Beliebt ist z.B. „Cocha tu madre!“ – ‚Möse Deiner Mutter’ oder „Güeón“ – wortwörtlich ‚Dickeier’, wird aber wahlweise wie ‚Arschloch’ oder ‚Kumpel’ genutzt, je nach Situation und Stimmung. Es gibt eine Unzahl an Chilenismen – Worte, die es nur im chilenischen Spanisch gibt und von denen ich vielleicht 5 % beherrsche.

Noch Fragen?

Hast du Familie?
Ich bin verheiratet mit meinem Mann Jaime, habe aber keine Kinder. Mein Mann hat eine elfjährige Tochter, die in Deutschland bei ihrer Mutter lebt.

Schreibst Du ausschließlich oder hast Du den klassischen „Brot-Job“?
Nein, vom Schreiben leben könnte – und wollte! – ich nicht. Ich bin derzeitig freiberuflich als Stadtplanerin tätig.

Was würdest du die Fans fragen, wenn du etwas wissen möchtest?
Können wir „Fans“ in „Leser meiner Geschichten“ umändern? Ich bin doch nicht Robbie Williams.

Was ich immer von meinen Lesern wissen möchte: Was haltet Ihr von meinen Geschichten? Was hat Euch berührt? Was fandet Ihr doof? Worüber wollt ihr mehr lesen?

Deine Worte an die Fans?
„Danke“, denke ich.

Danke dafür, dass Ihr mit mir auf Reisen geht. Danke dafür, dass Ihr meine Geschichten in Euren Köpfen zum Leben erweckt. Danke dafür, dass Ihr mit meinen Protagonisten mitfiebert, mit ihnen leidet und lacht, sie liebgewinnt. Und danke für jede Rückmeldung, die zu einer meiner Geschichten bei mir eintrudelt. Eine bessere Motivation gibt es nicht.

Vielen Dank für das wundervolle und sehr umfangreiche Interview.

Morgen endet die Specialweek leider schon, allerdings habt ihr dann die Chance eines der Bücher der Autorin zu gewinnen – also schaut vorbei.

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Veröffentlicht am 5. November 2014 in Aktion, Interview, Special Week und mit , , , , getaggt. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink. 2 Kommentare.

  1. Auch wenn Cecil Dewi in Genres schreibt, die mich – ich gebe es offen zu – nicht sehr interessieren, habe ich dieses Interview mit Freude gelesen. Ich finde es immer wieder interessant und faszinierend einen kleinen Einblick in das Leben und Schaffen von Autoren-Kolleginnen und Kollegen zu erhalten. Wie kamen sie zum Schreiben, was fasziniert sie daran, was treibt sie an, wie gehen sie an ihre Geschichten ran und all die anderen Fragen, die nicht nur die Leser interessieren. Die Antworten sind so unterschiedlich und spannend, wie diese Menschen selber. Natürlich steht und fällt ein Interview auch mit den Fragen und Antworten der Beteiligten. Dieses fand ich großartig, danke Cecile Dewi und Juliane. 🙂

    • Danke, Alex. Ich freue mich sehr, dass dir das Interview gefallen hat. Ich habe die Tendenz, immer sehr viele Fragen zu stellen, weswegen einige Autoren mir den aufgestellten Fragebogen nicht zurückschicken, doch die, die es tun, haben immer tolle Dinge geschrieben. Und das mit Dewi hat mir sehr viel Spaß gemacht.

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