Archiv für den Monat August 2014

[ROMAN] Lavat von Stephan Klemann

Autor: Stephan Klemann
Taschenbuch: 178 Seiten
ISBN: 978-3902885548
Preis: 12,60 EUR

Inhalt:
Als sich der 18-jährige Student Rashno eingesteht, homosexuell zu sein und sich seinem besten Freund Hamid offenbart, ahnt er nicht, welch schwerwiegende Folgen dieses Geständnis mit sich bringt. Dass Hamid ebenfalls schwul und sogar in ihn verliebt ist, ändert wenig an der Gefahr, die die brutale, religionsfanatische Regierung des Irans verkörpert. Folterung und Hinrichtung drohen Homosexuellen, die vom Staat erwischt werden. Ein Versteckspiel beginnt, dass schon bald endet, als Rashnos Familie ihm seine zukünftige Ehefrau präsentiert. Rashnos Weigerung und sein ungewolltes Outing bringen nicht nur ihn ins Gefängnis, sondern auch Hamid, dem man wesentlich schlimmer mitspielt. Als Rashno gebrochen und gedemütigt freigelassen wird, steht für ihn fest, dass er im Iran nicht bleiben kann …

Eigene Meinung:
Mit „Lavat“ (Begriff aus dem iranischen Gesetzbuch: Geschlechtsverkehr zwischen Männern))von Stephan Klemann legt der Homo Literra Verlag ein sehr düsteres, mitunter auch brutales Werk vor, das in vielen Punkten anders ist, als die üblichen Gay Romane. Das ist durchaus positiv zu sehen, wagt sich der Autor doch an ein brisantes, oftmals vergessenes Thema – der Verfolgung und Hinrichtung von Homosexuellen in anderen Ländern.

Inhaltlich ist der Roman in zwei Teile untergliedert: Iran und Deutschland. Der erste Part ist wesentlich umfangreicher und schildert Rashnos Erlebnisse im Iran, seine geheime Beziehung zu Hamid und die brutal-fanatischen Reaktionen seiner Familie auf Rashnos ungewolltes Coming-Out. In diesem Abschnitt wird dem Leser einiges abverlangt, denn der Autor nimmt kein Blatt vor den Mund. Mit brachialer Genauigkeit schildert er, wie Rashno von seinem Vater und Brüdern verprügelt wird, wie es ihm im Gefängnis ergeht und was mit seinem Freund Hamid passiert. Dieser Teil von „Lavat“ ist nichts für zarte Gemüter, wenngleich sich hier einige kleinere Ungenauigkeiten bei den Beschreibungen einschleichen. Doch darüber kann man durchaus hinwegsehen, da der Rest spannend, packend und sehr realistisch beschrieben ist.

Der zweite Teil der Geschichte spielt in Deutschland und begleitet Rashno auf seinem Weg in ein neues Leben. Hierbei geht Stephan Klemann erneut ins Detail – Rashnos Asylantrag, seine ersten Tag in einer vollkommen neuen Welt und die Ängste, dass seine Familie doch noch auftaucht, um ihn zurück zu bringen. Auch findet er in Jan eine neue Liebe, wenngleich dies dem Leser fast ein wenig schnell geht. Es wäre schön gewesen, wenn sich der Autor auch mit diesem Teil mehr Zeit gelassen hätte – es läuft fast zu glatt für Rashno. Man hätte mehr in die Tiefe gehen können – auch psychisch (immerhin hinterlässt solch ein schreckliches Erlebnis garantiert ein Trauma)– um Rashno besser zu beleuchten. Leider wird hier deutlich gespart, was schade ist.

Die Charaktere sind gut umgesetzt und wachsen dem Leser mit jeder Seite ans Herz. Insbesondere Rashno, Hamid und später auch Jan sind sympathische Figuren, mit denen man mitfiebert- und leidet. Allerdings mangelt es doch immer wieder an emotionalem Tiefgang –man erlebt die tragischen Ereignisse mit, doch es fällt ein wenig schwer, sich richtig in Rashno hineinzudenken. Stephan Klemann beschreibt durchaus Rashnos Empfindungen, seine Ängste und Sorgen, doch nicht immer kommen diese Punkte auch beim Leser an. Das fällt besonders stark beim Part in Deutschland auf, wo alles ein wenig zu schnell geht, wenngleich man Rashno natürlich sein Glück gönnt. Trotz des kleinen Kritikpunktes sind die Figuren gut ausgearbeitet, handeln logisch und sind in sich stimmig.

Dafür kann „Lavat“ stilistisch punkten. Stephan Klemann hat einen sehr schönen, flüssigen, detailreichen Schreibstil. Er nimmt kein Blatt vor den Mund, beschreibt sehr genau, was mit Hamid und Rashno passiert und wie extrem die Regierung des Iran gegen Homosexuelle vorgeht. Hierbei ist offensichtlich, dass der Autor genau recherchiert und sich mit der Materie beschäftigt hat. So lässt er immer wieder sprachliche Begriffe einfließen und beschreibt die Stadt Teheran sehr bildhaft.

Auch die Tatsache, dass sich Stephan Klemann mit erotischen Szenen zurückhält und diese bestenfalls andeutet, wirken sich positiv auf das Gesamtbild aus – in einem solchen Buch würde zu viel Erotik nicht passen. Es ist gut, dass der Autor seinen Schwerpunkt auf die Handlung legt und die Liebesgeschichte nur am Rand vorantreibt.

Fazit:
„Lavat“ ist ein schön geschriebener, fesselnder, aber auch brutaler Roman, der vor Augen führt, was oftmals vergessen wird. Stephan Klemann hat sich an ein schwieriges Thema gewagt und es überzeugend und sensibel umgesetzt. Über kleinere Schwächen kann man hinwegsehen, da die Gesamtheit stimmt und den Leser nachdenklich zurücklässt. Wer ernste Gay Lektüre sucht, die ohne viel Erotik auskommt, dafür aber mit einem ernsten, teils erschreckenden Thema aufwartet und kein Problem mit der (im Iran gängigen) Brutalität hat, ist bei „Lavat“ an der richtigen Adresse – es hätte zwar tiefgründiger sein können, doch insgesamt liefert Stephan Klemann ein beachtliches Werk. Zu empfehlen.

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[ROMAN] Der Sommer als Chad ging und Daisy kam von Jennifer Gooch Hummer

Autor: Jennifer Gooch Hummer
Taschenbuch: 352 Seiten
ISBN: 978-3551583178
Preis: 17,90 EUR

Story:
Seit dem Tod von Aprons geliebter Mutter ist das Leben des 13-jährigen Mädchens gewaltig aus den Fugen geraten: ihr Vater hat eine neue Frau – die Krankenschwester Margie, die ein Kind von ihm erwartet und Apron nicht ausstehen kann, ihre beste Freundin entscheidet sich von einem Tag auf den anderen, sich eine neue beste Freundin zu suchen und lässt Apron fallen und sie kommt immer weniger mit ihrem Vater klar.

In dieser Zeit lernt sie zufällig den Musicalsänger Mike und dessen Lebensgefährten Chad kennen, der einen kleinen Blumenladen besitzt. Dass Chad Aids hat und ihm nur noch wenige Wochen bleiben, weiß Apron nicht, als sie sich mit den beiden anfreundet und immer wieder in dem kleinen Blumenladen arbeitet. Auch, dass die beiden von ihrem Umfeld gehasst werden und sich gegen eine Menge Vorurteile zur Wehr setzen müssen, erkennt Apron erst später. Doch das hält sie nicht davon ab, zu Mike und Chad zu stehen und eine ganz besondere Freundschaft aufzubauen, die sich auch auf ihr verkorkstes Leben auswirkt …

Eigene Meinung:
„Der Sommer als Chad ging und Daisy kam“ ist das Debüt der amerikanischen Autorin Jennifer Gooch Hummer und wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet. In Deutschland erschien der Jugendroman 2014 als Hardcover mit Schutzumschlag und eBook beim Carlsen Verlag.

Was der Klappentext nur bedingt verrät, ist, dass „Der Sommer als Chad ging und Daisy kam“ in den 80er Jahren spielt, einer Zeit, in der Homosexualität bei weitem nicht in der Form akzeptiert wurde, wie es heute der Fall ist, und AIDS noch ein absolutes Todesurteil bedeutete, während man heutzutage zumindest einige Fortschritte in der Forschung gemacht hat. Dementsprechend ist die Handlung rund um das schwule Pärchen Mike und Chad wesentlich dramatischer und eingängiger, der Hass der den beiden entgegengebracht wird, wirkt schlimmer und extremer. Aus diesem Grund ist die Freundschaft, die sich zwischen den beiden und Apron entwickelt, wirklich etwas Besonderes hat einen viel höheren Stellenwert, als wenn „Der Sommer als Chad ging und Daisy kam“ in der heutigen Zeit angesiedelt wäre. Für Apron, die sich selbst finden muss, sind Mike und Chad neue Bezugspersonen, da gerade ihr Vater sie oftmals im Stich lässt, gerade wenn es um Margie (kurz M) geht, die für Apron wohl die sinnbildliche böse Stiefmutter ist.

Trotz der starken Gewichtung auf Mike, Chad und das Thema Aids, liegt das Hauptaugenmerk auf Apron und ihren Problemen – sie ist die Hauptfigur, aus ihrer Sicht wird erzählt und ihre Probleme stehen auch im Zentrum des Geschehens. Das schließt ihre Sorgen, die Verlustängste und die Streitigkeiten mit ihrer besten Freundin, ihrem Vater und M mit ein, die für sie Dreh- und Angelpunkt bilden. Dadurch ist Jennifer Gooch Hummers Roman eher ein Entwicklungsroman, da sich Apron weiterentwickelt und gestärkt aus all dem hervorgeht.

Charakterlich sind Jennifer Gooch Hummer sehr authentische, liebenswerte und gut nachvollziehbare Figuren gelungen. Seien es Apron, Mike, Chad und die vielen anderen Nebenfiguren – sie wirken nie übertrieben. Selbst M, die fast nur böse wirkt und deren Handlungen einfach nur gemein erscheinen, ist am Ende nachvollziehbar und man versteht, warum sie tut, was sie tut. Auch Aprons Vater ist eine tolle Figur, der von der Situation überfordert ist, weder mit seiner schwangeren Frau, noch mit seiner aufmüpfigen Tochter klar kommt.
Mike, Chad und Apron sind außerdem ein tolles Trio – gerade Chad bringt einen zum Schmunzeln und seine Fröhlichkeit verleiht dem Buch eine Unbeschwertheit und Leichtigkeit, die das ernste Thema ein wenig durchdringen. Egal, wie man muss die Figuren einfach mögen – Apron ist eine sympathische, logisch handelnde 13-Jährige, die für ihre Zeit authentisch reagiert und dennoch wesentlich offener ist, als so viele andere. Das merkt man ganz besonders an ihrer Freundschaft und Loyalität zu Chad und Mike.

Auch die stilistische Umsetzung kann überzeugen. Jennifer Gooch Hummer hat einen sehr einfachen, aber stimmungsvollen Stil, der gut zu Aprons Sichtweise passt. Die Sätze sind zumeist kurz und simpel gestrickt, hin und wieder verliert sie sich in Nebensächlichkeiten und Details, die eigentlich nur minder relevant sind. Das betrifft sowohl kurze Szenen, als auch Hintergrundinfos, die nicht unbedingt notwendig gewesen wären oder die nur teilweise zur Handlung beitragen. Dennoch lässt sich „Der Sommer als Chad ging und Daisy kam“ schnell lesen, ist eingehend und regt zum Nachdenken an. Zudem präsentiert das Buch eine Zeit, die für viele Jugendliche heutzutage nur schwer vorstellbar ist, ebenso wie der damalige Umgang mit Homosexualität für einige etwas Neues sein dürfte. Man kann daher sagen, dass es der Autorin gelungen ist, die damalige Zeit wiederzugeben und in ihrem Buch lebendig zu machen.

Fazit:
„Der Sommer als Chad ging und Daisy kam“ ist ein wundervoller, in sich stimmiger Jugendroman, in dem es um Tod und Verlust, Liebe und Freundschaft, Offenheit und Akzeptanz geht. Die homosexuelle Beziehung zwischen Chad und Mike ist für Aprons Weiterentwicklung wichtig, nimmt insgesamt aber nur einen kleinen Teil der Handlung ein. Der Schwerpunkt liegt auf Apron, ihren Gefühlen, Gedanken und Problemen. Hin und wieder verliert sich Jennifer Gooch Hummer in Details und unnötigen Szenen, doch das Buch bleibt dennoch spannend und in sich logisch. Dank der realistischen Charaktere, des schönen Schreibstils und der guten Darstellung der 80er Jahre ist „Der Sommer als Chad ging und Daisy kam“ ein lohnenswerter Roman, den man sich nicht entgehen lassen sollte. Zu empfehlen.

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[ROMAN] Survive von El Sada

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Autor: El Sada
Taschenbuch: 440 Seiten
ASIN: B00M2G3AUC
Preis: 8,99 EUR
Bestellen: Amazon

Story:
Das Leben des Polizisten Liam Coleman ändert sich gravierend, als er eines Morgens einem jungen Selbstmörder das Leben rettet. Noah – schwul, von seinem gewalttätigen Stiefvater nach seinem Outing aus dem Haus gejagt und vollkommen desillusioniert – hat keinen Ausweg mehr gesehen, als sich zu erhängen. Liam nimmt sich des verstörten jungen Mannes an, bietet ihm in seinem Haus einen Platz und beginnt Noah wieder aufzubauen. Unterstützt wird er dabei von seiner Verlobten Tamy, die der junge Polizist über alles liebt und bald heiraten will. Trotz seiner Gefühle für Tamy, schleicht sich schon bald Noah in sein Herz und entsetzt muss Liam feststellen, dass er bisexuell ist und sich Noahs Anziehungskraft nicht entziehen kann, zumal dieser sich schon längst in ihn verliebt hat.

Als Tamy davon erfährt, gewährt sie Liam drei Wochen mit Noah, um sich seiner Gefühle sicher zu werden und eine Entscheidung zu treffen. Für Liam bricht eine schwere Zeit an, liebt er doch beide gleichermaßen …

Eigene Meinung:
Mit dem erotischen Liebesroman „Survive“ der Autorin El Sada wagt sich der junge Cupido Books Verlag erstmals an einen Roman, der das Gay Genre streift. Bisher erschienen vorwiegend Erotikromane, die sich auf knisternde Abenteuer zwischen Mann und Frau konzentrieren, dieses Mal geht es durchaus auch im schwulen Bereich härter zur Sache. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei „Survive“ nicht um einen reinen Gay Roman, immerhin ist Protagonist Liam Coleman bisexuell, sondern um einen Roman, der beides zelebriert. Fans reiner Gay Romance Bücher sollten sich daher bewusst sein, dass es hier auch explizit zwischen Mann und Frau zur Sache geht.

Inhaltlich passiert auf den 440 Seiten überraschend wenig, da sich El Sada vorwiegend auf Liams Gefühlswelt und sein Auseinandersetzen mit dem Thema Bisexualität konzentriert. Sicherlich baut sie zum Ende hin mit Noahs Vater einen interessanten, aber auch ein wenig unglaubwürdigen Twist ein, doch insgesamt bleibt die Handlung überschaubar. Gerade am Anfang häufen sich die Erotikszenen, da Tamy und Liam nahezu überall übereinander herfallen und ihre Beziehung fast nur aus Sex zu bestehen scheint. Auch später geht es explizit zur Sache – die Autorin nimmt kein Blatt vor den Mund, egal ob sie die hetero- oder homosexuellen Sexszenen beschreibt. Mitunter ist das dem Leser fast zu viel (gerade im ersten Viertel), da die Charaktere keinen Tiefgang erhalten. Auch häufen sich mit der Zeit die unlogischen Passagen und man kann einige Aktionen nur schwer nachvollziehen, da weiterführende Erklärungen fehlen. Dazu gehören Noahs Selbstmordversuch, die Geiselnahme von Noahs Vater am Ende des Buches, aber auch die seltsam erscheinenden Aktionen der Polizisten Liam und seines Freundes Steve. Es wirkt irgendwie unglaubwürdig, wenn man über das Geschehene nachdenkt.

Obwohl die Geschichte zum größten Teil aus Liams Sicht erzählt ist, weiß man am Ende nur wenig über ihn – man weiß nicht wie seine Eltern sind, ob er Geschwister hat, was er gerne macht, wo seine Stärken und Schwächen liegen. Er bleibt irgendwie zweidimensional, ist nur schwer greifbar. Lediglich seine Gefühlswelt, die durch seine aufkeimende Liebe zu Noah stark ins Wanken gerät, ist sehr gut nachvollziehbar und gut umgesetzt. Man leidet mit Liam, versteht seinen inneren Kampf, den er ausfechten muss und die Zerrissenheit.
Die anderen Charaktere erhalten ebenfalls nur im Rahmen ihrer Gefühlswelt Tiefe – lediglich Noahs, dessen Familie eine zentrale Rolle spielt, ist eingehender beleuchtet. Dafür sind auch Tamy und Noah gut in Szene gesetzt, was ihre Gefühle anbelangt. Gerade Tamys Beweggründe, die erst am Ende offenbart werden, passen sehr gut und sind nachvollziehbar.

Stilistisch ist „Survive“ Geschmackssache – El Sada hat einen sehr einfachen, alltäglichen Stil, der mitunter ein wenig zu simpel daher kommt. Das zeigt sich besonders in den Actionszenen, wo es an wortgewandter Ausformulierung mangelt, so dass man als Leser dem Kopfkino der Autorin nicht mehr folgen kann und den Überblick verliert. So gut El Sada darin ist die Gefühlswelten der Figuren zu beleuchten und abwechslungsreiche Erotikszenen zu verfassen, so sehr schwächelt sie bei Umgebungsbeschreibungen und Erklärungen. Zudem häufen sich umgangssprachliche Ausdrücke im Text, ebenso sind einige Redewendungen („mein Mädchen“, „Baby“) nicht jedermanns Sache. Mit der Zeit gewöhnt man sich allerdings daran und spätestens dann lässt sich das Buch schnell und flüssig lesen.
Ein Hinweis noch zu den Perspektiven: Knapp 200 Seiten ist das Buch komplett aus der Ich-Perspektive von Liam geschrieben, dann kommen jedoch auch Noah und Tamy zu Wort. Das ist für manchen ein wenig gewöhnungsbedürftig, da man sich die Perspektiven der Beiden mitunter schon früher gewünscht hat.

Fazit:
„Survive“ ist ein netter Erotik-Roman aus dem Hause Cupido Books, der sich nur schwer beurteilen lässt. Das Thema Bisexualität ist gut aufgearbeitet, Liams innere Zerrissenheit überzeugend dargestellt, die Rahmenhandlung und die Tiefe der Charaktere leiden jedoch ein wenig unter der recht kitschigen Liebesgeschichte und den ausführlichen Sexsenen. Sicherlich ist „Survive“ ein Erotikroman, doch ein wenig mehr Tiefgang wäre nicht schlecht gewesen, ebenso eine bessere stilistische Ausarbeitung.

Wer reine Gay Romance mag, sollte bedenken, dass es hier auch zwischen Mann und Frau sehr explizit zur Sache geht, wer als Erotikleser schwulen Sex nicht mag, sollte ebenfalls einen Bogen um „Survive“ machen. Das Buch ist am ehesten für Leser geeignet, die beides mögen und die das Thema Bisexualität reizvoll finden.

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[ROMAN] Bodycaught von Chris P. Rolls

Autor: Chris P. Rolls
Taschenbuch: 598 Seiten
ISBN-13: 978-1492940548
Preis: 16,99 EUR

Story:
Den Wunsch nach Liebe und Geborgenheit muss der 20-jährige Alec Thyson teuer bezahlen – vier Monate lang wird er von dem psychisch gestörten Adrian Adson gefangen gehalten und missbraucht, bevor er während einer Razzia zufällig in der Villa des schwerreichen Unternehmers entdeckt wird. Fortan quälen ihn Angstzustände und Panikattacken, insbesondere da Adrian noch immer auf freiem Fuß ist. Mit Hilfe des Polizisten Mike, der ihn aus der Gefangenschaft befreite, kämpft er sich Stück für Stück ins Leben zurück und schnell entwickelt sich mehr zwischen den beiden.
Als Adrian schließlich festgenommen und zu einigen Jahren Haft verurteilt wird, glauben Alec und Mike das Schlimmste überstanden zu haben, doch die unheimliche Bedrohung und das Gefühl verfolgt zu werden, bleiben. Im Laufe der Zeit wird immer offensichtlicher, dass Adrian noch nicht aufgeben hat, insbesondere da sich hinter seiner Fixierung auf Alec mehr verbirgt, als es zu Beginn den Anschein hat.

Eigene Meinung:
Der Gay Thriller „Bodycaught“ stammt von der deutschen Autorin Chris P. Rolls, die Fans des Genres schon seit einer Weile ein Begriff ist, hat sie doch bereits mehrere Gay Romane veröffentlicht (u.a. die „Irgendwie“-Reihe, „Hard Skin“, „Pegasuscitar“). Gleichzeitig ist „Bodycaught“ mit fast 600 Seiten (über 900 beim eBook) das umfangreichste Werk der Autorin, wenngleich sie sich nur teilweise der Handlung mit Adrian Adson widmet und viel Zeit für die einzelnen Figuren aufwendet.

Dadurch ist das Buch inhaltlich nur bedingt ein Krimi/Thriller sondern geht fast eher in Richtung Soap Opera. Es gibt etliche Kapitel, in denen es nicht um den Fall Adrian Adson und die vielen Geheimnisse des Mannes geht der nicht nur wegen Entführung und Freiheitsberaubung angeklagt wird, sondern auch etlichen unseriösen Geschäften nachgeht. Leider wird dieser Punkt nicht weiter ausgeführt: die diesbezügliche Ermittlungsarbeit kommt recht schnell zum Erliegen und die Anklage wird fallen gelassen. Auch sonst dauert es eine gefühlte Ewigkeit, bis Adrians Beweggründe wirklich aufgeklärt werden, obwohl es durchaus genügend Hinweise gibt, die leider an den Charakteren vorbei gehen oder nicht beachtet werden. So finden Alec und Mike erst die Wahrheit heraus, als Adrian sie ihnen präsentiert, anstatt dass sie selbst aktiv danach suchen und auf eigene Faust nach den Umständen recherchieren. Stattdessen werden ganze Kapitel für Alecs Angstbewältigung, die Panikattacken und die aufkeimende Liebe zwischen den beiden aufgewendet. Das ist zwar nicht uninteressant und durchaus wichtig für die Charakterentwicklung, nimmt jedoch für einen Thriller zu viel Raum ein. Gerade im Mittelteil zieht sich „Bodycaught“ extrem in die Länge, da es sich mehr um die Beziehungskisten und die damit verbundenen Probleme dreht. Das schließt auch die Nebenfiguren mit ein, deren Hintergründe, Probleme und Liebesdramen ebenfalls einen großen Part des Romans einnehmen. Seien es Rick und Tom, Phil und Georg – sie sind liebenswert und sympathisch, nehmen jedoch den Schwung aus der Handlung.
Dementsprechend kommen Thrillerfans an dieser Stelle kaum auf ihre Kosten – lediglich der Anfang und das Ende sind spanend und fesselnd, den Mittelteil hätte man locker um die Hälfte küren können, ohne etwas zu vermissen.

Dafür sind die Charaktere sehr gut und intensiv ausgearbeitet. Man lernt sowohl Alec und Mika, als auch die Freunde der beiden sehr gut kennen und weiß die unterschiedlichen Figuren bald sehr zu schätzen. Seien es die riesenhafte, gemütlichen Biker Georg und Phil, der Ex-Junkie Tom oder der sehr feminine Ricky – der Roman besticht durch eine Fülle interessanter Charaktere, die mitunter den beiden Hauptfiguren den Rang ablaufen. Gerade Tom und Rick sind fast interessanter, ihre Beziehung spannender, als die eigentliche Rahmenhandlung. Ob das gut oder schlecht ist, mag jeder selbst entscheiden, doch grade im Mittelteil ändert sich die Gewichtung immer wieder.
Ansonsten sind Alec und Mike sympathische Figuren, mit denen man sich gut identifizieren kann. In einigen Szenen ist Alec ein bisschen weinerlich, wenngleich man seine Gefühle verstehen kann. Er entwickelt erst am Ende wahre Stärke und wächst über sich hinaus. Sein Partner Mike ist ebenfalls interessant in Szene gesetzt, allerdings entscheidet legt seine Heterosexualität zu schnell ab. Dass er sich in Alec verliebt ist nicht einmal das Problem – die Bedingungslosigkeit seiner Gefühle schon eher. Er wird nicht wirklich in ein Gefühlschaos gestürzt, findet sich zu schnell damit ab urplötzlich einen Mann zu lieben und spricht bereits binnen weniger Kapitel von ewiger Liebe. Dies wirkt dann doch ein wenig unrealistisch, da es nur schwer nachvollziehbar ist.

Stilistisch liefert Chris P. Rolls solide Kost, die sehr gut zu unterhalten weiß. Sie hat einen sehr schönen Schreibstil, ein Händchen für ihre Charaktere und dafür das Innenleben ihrer Figuren zu umschreiben. Man lernt sowohl Mike, als auch Alec sehr gut kennen, leidet mit ihnen und versteht (mit Ausnahme von Mikes plötzlicher Homosexualität), was in den Protagonisten vor sich geht. Das liegt vor allem daran, dass die Autorin in der Perspektive zwischen Alec und Mike wechselt, beide Charaktere intensiv beleuchtet und ihre Gefühle mitunter über mehrere Seiten offenlegt. Dadurch baut der Leser eine tiefe Beziehung zu den Charakteren auf und erlebt die Ereignisse hautnah.
Auch die Actionszenen sind gut umschrieben und lesen sich sehr schnell und zügig, so dass man „Bodycaught“ gerade auf den letzten 100 Seiten kaum aus der Hand legen kann.

Fazit:
„Bodycaught“ ist ein gut geschriebener Gay Romance von Chris P. Rolls, der sich vorwiegend auf die Figuren und deren Gefühle und Liebeskisten konzentriert. Wer einen spannenden Thriller erwartet, ist hier leider an der falschen Adresse – so interessant die Grundlagen auch sind, sie gehen in den langen Soap-Passagen im Mittelteil unter, in dem es fast ausschließlich um die Probleme der Haupt- und Nebencharaktere geht. Mitunter ist das interessant, Alecs Angstbewältigung sogar wichtig, aber es ist einfach zu viel des Guten. Das Streichen einiger Passagen und generelles Kürzen hätten „Bodycaught“ gut getan, ebenso das Konzentrieren auf den eigentlichen Kriminalfall. Schade –hier wurde einiges an Potenzial verschenkt.

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[MANGA] Ameiro Paradox von Isaku Natsume

Autor: Isaku Natsume
Taschenbuch: 210 Seiten
ISBN: 978-3770482566
Preis: 7,50 EUR

Inhalt:
Das Leben des Journalisten Onoe ist alles andere als einfach – er wird nicht nur gegen seinen Willen in die Observationsabteilung gestopft, um brisante Skandale aufzudecken, als Partner wird ihm ausgerechnet der Fotograf Kaburagi zugeteilt. Dieser ist nicht nur extrem abweisend und kühl, er hat Onoe auch die Freundin ausgespannt und ist damit dessen größter Rivale. Dennoch bleibt ihm nichts anderes übrig, als mit Kaburagi zusammen zu arbeiten und während der ein oder anderen Überwachung lernt er den Fotografen immer besser kennen. Schon bald erwachen ungewollte Gefühle in Onoe und obwohl er Kaburagi aus vollstem Herzen hasst, kann er sich nicht dagegen wehren, dass er sich immer stärker zu seinem Kollegen hingezogen fühlt. Als dieser die Annäherungsversuche auch noch erwidert, stürzt er Onoe in ein wahres Gefühlschaos …

Eigene Meinung:
„Ameiro Paradox“ stammt von der Boys Love Zeichnerin Isaku Natsume, die in Japan zu den bekanntesten Mangakas dieses Genres gehört und deren beliebtestes Werk „Tight Rope“ sogar als Anime umgesetzt wurde. Mit „Ameiro Paradox“ erscheint erstmals eine ihrer Kurzmangareihen auf dem deutschen Markt.

Der Inhalt des Mangas ist jetzt nicht unbedingt neu, doch die Mangaka hat sehr sympathische und liebenswerte Charaktere erschaffen. Zudem legt sie mehr Wert auf Situationskomik und der Atmosphäre zwischen den Figuren, als auf Erotik und allzu viel Romantik. Dadurch ist „Ameiro Paradox“ bei weitem nicht so kitschig und vorhersehbar wie andere Boys Love Mangas, sondern hebt sich ein wenig aus der breiten Masse heraus. Es macht einfach Spaß Onoe und Kaburagi zu beobachten – zwei Männer, die unterschiedlicher nicht sein könnten und die sich dennoch für ihren Job zusammenraufen müssen. Isaku Natsume hat ein Händchen für Witz und Comedy ohne zu sehr aufzudrehen oder ihren Manga zu sehr in die Comedy-Richtung gleiten zu lassen.

Charakterlich bietet die Zeichnerin nichts vollkommen Neues, doch Onoe und Kaburagi wissen durchaus zu gefallen. Sie sind nicht so extrem dargestellt, wie die meisten Figuren in Boys Love Mangas, sondern wirken auf ihre Art ernsthafter und lebendiger, zumal sie sich nicht gleich die große Liebe gestehen, sondern alles etwas ruhiger angehen lassen. Dadurch sind sie nicht ganz so vorhersehbar und es macht Spaß sie durch die Geschichte zu begleiten, da man als Leser hin und wieder positiv überrascht wird und einige gelungenen Wendungen miterleben darf. Wer jetzt Drama erwartet, irrt sich. Isaku Natsume arbeitet das Thema eher comedyhaft auf und lässt sich und ihren Figuren Zeit sich auf amüsante, fast schon skurrile Art nahe zu kommen.

Isaku Natsume hat einen soliden Stil, der gut zu den witzigen Charakteren und der abgedrehten Handlung passt. Er ist recht einfach gehalten und wartet nicht mit den typischen Bishonen auf, sondern mit normalen Männern. Weder Onoe noch Kaburagi heben sich aus der breiten Masse heraus – im Gegenteil: sie sind vielmehr ein Teil davon. Hin und wieder schleichen sich anatomische Fehler ein, doch die sind wirklich nur minimal und trüben nicht das Lesevergnügen. Man gewöhnt sich schnell an Isaku Natsumes Zeichnungen, insbesondere an die mitunter etwas seltsamen Mimik und Gestik der Charaktere.

Fazit:
Alles in allem ist „Ameiro Paradox“ ein schöner Boys Love Manga für zwischendurch, der mit interessanten und sympathischen Charakteren und einer comdeyhaften, leicht skurrilen Handlung aufwarten kann. Schwere, dramatische Kost sollte man nicht erwarten, doch wenn man Comedy und Situationskomik mag, wird man gut unterhalten. Wer leichte Boys Love Lektüre ohne Romantik oder allzu viel Erotik sucht und kein Problem mit normal aussehenden Männern hat, sollte einen Blick riskieren. Isaku Natsumes zweibändige Mangareihe lohnt sich durchaus.

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[ROMAN] Die Brüder von Jan Guillou

Autor: Jan Guillou
Taschenbuch: 432 Seiten
ISBN-13: 978-3453268401
Preis: 19,99 EUR

Story:
Obwohl es Sverre schwer fällt und er sich wie ein Verräter vorkommt, folgt er nach seinem Studium in Dresden seiner großen Liebe – Albert Manningham – nach England, anstatt an der Seite seiner Brüder Lauritz und Oscar am größten Brückenbauprojekt Norwegens mitzuwirken. Dort entpuppt sich Albie allerdings nicht als kleiner Landadeliger, sondern als Earl, dem ei großen Anwesen gehört und der als Stammhalter der Familie gilt. Nichtsdestotrotz findet er sich schnell in seinem neuen Leben zurecht, findet Freunde (u.a. Alberts Schwester Margie) und entdeckt die Malerei für sich. An Alberts Seite, der ihn zumeist als Kompagnon ausgibt, um einen Skandal abzuwenden, vertieft er sich in die Malerei, lernt weitere Künstler und Freidenker kennen und schließt sogar mit seiner Vergangenheit Frieden, als er seine Heimat besucht. Doch die Vorboten des ersten Weltkriegs werfen ihren Schatten voraus und plötzlich steht für Albie und Sverre mehr auf dem Spiel als ihre geheime Liebe zueinander …

Eigene Meinung:
„Die Brüder“, der in Schweden unter dem Titel „Dandy“ erschien, ist der zweite Roman der „Großen Jahrhundert“ Reihe des Autoren Jan Guillou. Während der Leser im ersten Band („Die Brückenbauer“ – die Rezension von mir findet ihr auf Splashbooks) Sverres ältere Brüder Lauritz und Oscar kennenlernte und ihren Weg durch das beginnende 20. Jahrhundert mitverfolgen konnte, erfährt man in „Die Brüder“ endlich, was aus dem dritten Bruder wurde. Trotz der Zusammengehörigkeit zu „Die Brückenbauer“ kann man den vorliegenden Roman auch separat lesen, da keinerlei größeren Vorkenntnisse vonnöten sind, um der Handlung zu folgen. Um alle Hinweise und Zusammenhänge zu verstehen, empfiehlt es sich jedoch den ersten Band zu lesen.

Inhaltlich bewegt sich Jan Guillou in denselben Bahnen wie bei „Die Brückenbauer“. Es werden rund 20 Jahre (1900 – 1919) beleuchtet, konzentriert auf Sverres Leben und seine Sichtweise. Hin und wieder spielt auch Alberts Blickwinkel mit hinein, doch dies ist auf den Anfang beschränkt, wenn der Autor die Hintergründe der Beziehung zwischen Sverre und Albert erklärt. Spätestens nach dem ersten Drittel geht dem Roman jedoch spürbar die Luft aus. Während man bei „Die Brückenbauer“ von dem anstrengenden Brückenbau im hohen Norden und dem gefährlichen, wilden Leben in Afrika mitgerissen wurde, plätschert die Handlung in „Die Brüder“ ein wenig unmotiviert vor sich hin. Hier ein längerer Ausblick in die englische Gesellschaft, da eine ausufernde Auseinandersetzung mit der Kunst, der sich Sverre mehr und mehr verschreibt. Dementsprechend bleiben die technischen Beschreibungen und die Hintergründe des Fortschritts weitestgehend auf der Strecke, was dem Buch einen Großteil seiner Würze nimmt. Hätte sich Jan Guillou stärker auf die Beziehung zwischen Albert und Sverre konzentriert, auf die Probleme und Schwierigkeiten, die ihre Liebe in den Jahren nach der Oscar Wilde Affäre mit sich bringt, wäre „Die Brüder“ durchweg spannenden und interessanter gewesen. Leider geht der Autor kaum auf die vielen Punkte ein, die inhaltlich genug Stoff Spannung, Gesellschaftskritik und einen wirklichen Handlungsbogen liefern. Nahezu alle Passagen, die tiefer gehen und auch den Figuren mehr Leben einhauchen könnten, werden eher mittels Rückblenden erzählt (z.B. Alberts Affäre mit einem anderen Mann) oder im Nebensatz erwähnt. Dadurch nimmt Jan Guillou seinem Roman leider einiges an Fahrt.

Leider wirken auch die Charaktere blasser und aufgesetzter, als Oscar, Lauritz und Ingeborg in „Die Brückenbauer“. Das liegt vorwiegend daran, dass sich Jan Guillou davor scheut die Beziehung zwischen den beiden Protagonisten tiefgängiger darzustellen und ihnen den passenden Rahmen zu geben. Egal wie viele Künstler und Freidenker mit Sverre und Albert befreundet sind und wie viele Gespräche es hinsichtlich freier Liebe gibt, die Beziehung zwischen Sverre und Albert wirkt nicht greifbar und kommt zumeist unglaubwürdig daher. Das liegt vor allem daran, dass sich der Autor davor scheut, die Liebe zwischen den Protagonisten und die daraus resultierenden Konflikte aktiv darzustellen. So kommen Szenen, in denen Albert und Sverre allein agieren müssen, sehr selten vor, so dass man als Leser nicht einmal das Gefühl einer verbotenen Liebe oder Beziehung zu haben. Sverre und Albert wirken eher wie enge Freunde, als wie Liebhaber.
Dafür können die Nebencharaktere durchaus punkten – allen voran Margie, die eine sehr starke, ungewöhnliche junge Frau ist und in ihrem Charakter stark an Ingeborg erinnert. Jan Guillou scheint eine Schwäche für derart starke Protagonistinnen zu haben, was dem Buch gut tut, denn Margie sorgt für ein bisschen Würze und Feuer. Auch der Freundeskreis um die beiden Hauptfiguren bietet dem Leser einige interessante Charaktere, teils sogar historische Persönlichkeiten, die jedoch nur am Rande erwähnt werden.

Stilistisch bleibt sich Jan Guillou treu und bietet gewohnt solide, aber auch nüchterne Kost, die auf allzu viele Schnörkel verzichtet. Sicherlich geht er hier und da ins Detail und lässt das beginnenden 20. Jahrhundert sehr authentisch und lebendig vor den Augen des Lesers auferstehen, doch es mangelt an Tiefgang. Das merkt man auch bei der sprachlichen Umsetzung des Romans, der sich zu oft an Kleinigkeiten aufhält und auf Dialoge verzichtet. Sicherlich merkt man wie umfangreich der Autor recherchiert hat und wie historisch genau „Die Brüder“ geworden ist, doch das ersetzt leider nicht die mangelnde Charakternähe und die fehlende Spannung. Es ist schade, dass sich Jan Guillou wenig mit seinen homosexuellen Hauptfiguren beschäftigt hat, wo er den historischen Hintergründen und Ereignisse solch große Beachtung geschenkt hat.

Fazit:
Mit „Die Brüder“ setzt Jan Guillou seine Trilogie „Das große Jahrhundert“ fort und beleuchtet den Weg, den der jüngste Bruder der Lauritzen Familie eingeschlagen hat. Leider gelingt es ihm bei weitem nicht die Geschichte um Sverre und dessen Liebhaber Albert überzeugend und tiefgründig darzustellen und „Die Brückenbauer“ in derselben Qualität fortzuführen, wie man als Fan des ersten Bandes gehofft hat. Dafür bleiben sowohl die Figuren als auch die Handlung zu oberflächlich und verlieren sich zu häufig in nichtssagenden Episoden und unwichtigem Beiwerk. Schade – hier hätte man mehr herausholen können, denn allein die (für diese Zeit) problematisch Beziehung bietet genügend Platz für Spannung und Dynamik.

Wer wissen will, was im ersten Band er Trilogie verschwiegen wurde, sprich wie es Sverre ergangen ist, wird um „Die Brüder“ nicht herumkommen – ein solch gelungenes, historisches Werk wie „Die Brückenbauer“ darf man jedoch nicht erwarten.

Diese Rezension erschien zuerst auf dem Rezensionsportal „Splashbooks„.

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[ROMAN] Traumweber von Aeryn Vescori

Autor: Aeryn Vescori
Taschenbuch: 312 Seiten
ISBN: 978-3981594867
Preis: 9,95 EUR

Story:
Aiden lebt in einer Welt, in der alle magisch Begabten früher oder später von den Kontrolleuren des magischen Ordens vor die Wahl gestellt werden: Schwert oder Kette, Tod oder Gefangenschaft und Arbeit zum Wohle des Reiches. Als Aiden, der über die seltene Fähigkeit des Traumwebens und Traumtanzens verfügt, eines Nachts abgeholt wird, ahnt er nicht, was ihn in Serinis, der königlichen Hauptstadt, erwartet. Doch all seine Vorstellungen können sich kaum mit der Realität messen, denn Magier werden nicht nur streng überwacht, für die mechamagischen Forschungen ausgenutzt und eines Großteils ihrer Freiheit beraubt, die normale Bevölkerung fürchtet sie und missbilligt ihre Kräfte.

Für Aiden bricht eine schwere Zeit an, in der er seine wahren Talente verstecken muss, da seine Zauberei alles andere als gewöhnliche Magie ist. Dennoch will er sein Schicksal nicht kampflos hinnehmen und tritt mit dem Widerstand Serinis in Kontakt, der von dem Magier Kellin angeführt wird. Dieser erkennt schnell, welche Kräfte in Aiden schlummern und ist erleichtert, als der junge Traumweber seine Hilfe anbietet, insbesondere da der geplante Umsturz kurz bevor steht. Doch bis es soweit ist, muss Aiden nicht nur die Wurzeln seiner eigenen Herkunft und den Geheimnissen der Welt ergründen, sondern sich auch mit den ungeahnten Gefühle auseinander setzen, die Kellin in ihm auslöst …

Eigene Meinung:
Der 300-seitige Fantasyroman „Traumweber“ ist das Debüt des Autors Aeryn Vescori und erschien 2014 beim Incubus Verlag als Taschenbuch und eBook. Im Gegenzug zu anderen Veröffentlichungen des Verlages im Fantasy- Genre, ist „Traumweber“ weniger romantisch und erotisch geraten und konzentriert sich stärker auf die Geschichte und die Figuren. Das ist bei weitem nicht negativ zu werten – im Gegenteil. Aeryn Vescoris Gewichtung auf den Inhalt und seine Protagonisten ist stimmig und meiner Meinung nach absolut passend. Erotik oder allzu viel Romantik hätten in diesem Buch nur gestört und dem Lesevergnügen nachhaltig geschadet. Weder die Geschichte, noch die gut ausgearbeiteten Figuren sind darauf angelegt sich in den typischen Bahnen des Gay Romance Bereiches oder der schwulen Fantasy zu bewegen. Stattdessen erschafft Aeryn Vescori etwas gänzlich Eigenes, das den Leser schnell in seinen Bann zieht, so dass er schwer fällt das Buch beiseite zu legen.

Der Autor hat ein Händchen für komplexe Hintergründe und gut durchdachte Wendungen, was besonders am Ende von „Traumweber“ ersichtlich wird. Mit einem wirklich genialen Clou beantwortet er auch die letzten Fragen des Lesers – teilweise sogar solche, die nicht man einmal gestellt hat, da sie dem Leser erst im Nachhinein bewusst werden. Aeryn Vescori liefert einen absolut überzeugenden, in sich schlüssigen und sehr gut durchdachten Roman ab, der Fantasyfans begeistern dürfte. Dabei ist es vollkommen egal, ob man homoerotische Lektüre mag oder nicht – Aidens und Kellins Gefühle füreinander sind weder romantisiert dargestellt, noch wird ihnen eine größere Gewichtung zuteil. Sicherlich sind einander wichtig, doch die wahren Gründe liegen fernab der üblichen, klischeebehafteten Liebesgeschichten, die man vielleicht erwartet.

Darüber hinaus entspinnt Aeryn Vescori eine faszinierende Mischung aus klassischer Fantasy und Steampunk, geht jedoch auch neue Wege und verfolgt ungewöhnliche Ansätze. So ist das Konzept der Mecha-Magie interessant und gut umgesetzt, ebenso die politischen Hintergründe und das Magiekonzept. Leider erfährt man alles in allem doch zu wenig von der Welt, in der „Traumweber“ spielt. Man kann davon ausgehen, dass Aeryn Vescori nur einen kleinen Einblick in seine Fantasywelt gegeben hat, immerhin ist er seit Jahren Rollenspieler und Spielleiter, was die Vermutung nahelegt, dass er den Leser in eine, über Jahre hinweg gereifte Rollenspielwelt entführt hat. Vielleicht gibt es ja irgendwann eine Fortsetzung, in der man mehr über die Hintergründe erfährt und Aiden, Kellin und ihren Freunden wiederbegegnet.

Neben der tollen Geschichte, können auch die Charaktere überzeugen. Hierbei sollte man das Buch aber bis zum Ende gelesen haben, denn viele Punkte, die einem am Anfang seltsam erscheinen und fremdartig, werden Stück für Stück erklärt. So erschließt sich dem Leser erst am Ende, was es mit Aiden wirklich auf sich hat und warum er so gar nicht wie ein 20-Jähriger wirkt. Auch Kellin weiß zu gefallen – seine Beweggründe sind gut nachvollziehbar, auch wenn man wie Aiden immer mal wieder im Dunkeln tappt.
Positiv anzumerken sei an dieser Stelle, dass Aeryn Vescori darauf verzichtet, einen typischen Bösewicht zu erschaffen, gegen den die Helden in den Krieg ziehen – zum einen gibt es keine wirklichen, strahlend weißen Helden, zum anderen hat der Gegner sehr gute Gründe für sein Handeln und verhält sich vollkommen normal, wenn man die Geschichte aus seiner Perspektive betrachtet. Der Autor verzichtet auf das übliche schwarz/weiß Schema der gängigen High Fantasy Romane und geht mehr in die Tiefe. Dadurch wirkt „Traumweber“ niemals künstlich aufgebläht, sondern ist in sich stimmig und gut nachvollziehbar.

Aeryn Vescoris Stil ist sehr lyrisch, fast schon pompös geraten. Wer sich auf der Seite des Autors umschaut, erkennt, dass er sich den Schreibstil des 19. Jahrhunderts als Vorbild gewählt hat, was seine ausschweifenden Beschreibungen und die teilweise recht langatmigen Formulierungen erklärt. Besonders die ersten vierzig Seiten ziehen sich ein wenig in die Länge, da sich Aeryn Vescori viel Zeit damit lässt, Aiden einzuführen und die Welt zu beschreiben. Auch Aidens Gefühlswelt wird überschwänglich beleuchtet, was den Einstieg in die Geschichte etwas erschwert. Wenn man diesen Part jedoch überwunden hat, wird es nicht nur spannender und actionreicher, “Traumweber“ ist dann auch angenehmer zu lesen, da sich der Autor mehr auf die wichtigen Dinge der Geschichte konzentriert und sich nicht mehr an Kleinigkeiten aufhält.

Fazit:
Mit „Traumweber“ ist dem Incubus Verlag erneut ein ausgezeichnetes, sehr schönes Buch gelungen, das sie angenehm aus der breiten Masse aktueller Gay Romane hervorhebt und beweist, dass der kleine Verlag noch immer für außergewöhnliche schwule Buchprojekte steht, die sich in keine Schublade stecken lassen.
Aeryn Vescoris Roman besticht durch eine tolle Geschichte, geniale Wendungen, eine komplexe Hintergrundwelt und interessante Charaktere, die dem Leser schnell ans Herz wachsen. Wer High Fantasy im generellen und Gay Fantasy im speziellen mag, sollte „Traumweber“ eine Chance geben – man erhält einen gut geschriebenen, in sich stimmigen Roman, der fasziniert und begeistert. Man darf auf das nächste Buch von Aeryn Vescori gespannt sein – für mich wird es ein absoluter Pflichtkauf.

Unbedingt lesen!

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