[ROMAN] Ich gebe dir die Sonne von Jandy Nelson

Autor: Jandy Nelson
Hardcover: 480 Seiten
ISBN: 978-3570164594
Preis: 13,99 EUR (eBook) / 17,99 EUR (Hardcover)
Bestellen: Amazon

Story:
Die Zwillinge Noah und Jude sind unzertrennlich, bis Jude Make-Up, Kleider und Jungs für sich entdeckt und ihr Bruder sich in seine Traumwelten zurückzieht, nur noch für das Malen lebt und sich in den Nachbarsjungen Brian verliebt. Wenige Jahre später reden sie kaum noch miteinander und haben nach Hausen hin die Plätze getauscht – aus der Draufgängerin Jude ist eine introvertierte Außenseiterin geworden, die auf eine Kunsthochschule geht; Noah hat sich angepasst, das Malen aufgegeben und sich selbst hinter einer Mauer versteckt.

Erst als Jude sich entschließt bei dem Steinhauer Garcia ein Praktikum zu machen und sie auf den charismatischen Fotografen Oscar trifft, bröckeln die Fassaden und offenbaren Geheimnisse, die das Leben von Jude, Noah und deren Familie auf den Kopf stellen – und mit etwas Glück zurück in normale Bahnen lenken …

Eigene Meinung:
Mit „Ich gebe dir die Sonne“ erschien der zweite Roman von Jandy Nelson bei cbj, wo ihr Debüt „Über mir der Himmel“ ebenfalls erhältlich ist. Das vorliegende Buch befand sich mehrere Wochen in den Bestsellerlisten und erhielt mehrere Auszeichnungen und Preise. Die Filmrechte wurden bereits an Warner  Bros. verkauft.

Die Geschichte spielt auf zwei Zeitebenen – Noahs Sicht erzählt die Ereignisse der Familie als die Zwillinge ungefähr 13/14 Jahre alt sind; Judes Perspektive greift den Faden zwei Jahre später auf und zeigt die aktuellen Geschehnisse und enthüllt Geheimnisse. Auf sehr eindringliche Art und Weise offenbart Jandy Nelson, was mit den Zwillingen und ihrer Familie geschehen ist und gibt nach und nach Einblick in das Leben von Jude und Noah. Für beide spielt die Mutter eine zentrale Rolle, denn sie ist der Antrieb für die Geschwister; ganz besonders für Noah, der sich stark über seine Bilder und Träume ausdrückt, während Jude zu Beginn ihrer Pubertät eher Schwierigkeiten mit ihr hat. Für beide ist es ein Schock, als sie tödlich verunglückt und einen Scherbenhaufen zurücklässt, den die Geschwister allein kaum bewältigen können, insbesondere da sie wie Fremde nebeneinander her leben und stumm geworden sind.
Für den Leser ist es toll, wie die Geheimnisse und Hintergründe Schicht für Schicht offenbart werden und die Wahrheit mit jeder Seite offenbart wird. Dabei reifen die Figuren, allen voran Jude, die sich selbst aus einem selbstgewählten Käfig befreien muss, um ihrem Bruder Noah und ihrem Vater zu helfen. Jandy Nelson gelingt es den Leser von der ersten Seite an zu fesseln, wenngleich man ein wenig Zeit braucht, um den Einstieg in „Ich gebe dir die Sonne“ zu schaffen.

Ein ganz besonderer Pluspunkt sind die authentischen, gut ausgearbeiteten Charaktere, die einen schnell ans Herz wachsen. Sowohl Noah, der für die Kunst lebt, in seinem Kopf Bilder malt und jede Sekunde dafür nutzt, um seine Träume auf Papier zu bannen, als auch Jude, die mit dem Geist ihrer Großmutter redet und den abergläubischen Regeln der Familienbibel genauestens folgt, sind unheimlich sympathisch und sehr gut nachvollziehbar. Man erlebt mit Noah den Zauber der ersten Liebe zu Brian, der für Astronomie und den Weltraum lebt und ist nah bei Jude, als sie auf Oscar trifft und dessen Charme nur schwer entkommen kann.
Auch die Nebencharaktere sind sehr angenehm in Szene gesetzt und können überzeugen. Seien es Garcia, Oscar, Brian oder die Eltern der Zwillinge – man kann jeden gut nachvollziehen und die einzelnen Beweggründe verstehen. Sie passen gut zu Noah und Jude, die abwechselnd und auf verschiedenen Zeitebenen die Geschichte erzählen.

Stilistisch ist „Ich gebe dir die Sonne“ gut geschrieben, auch wenn man zu Beginn ein wenig braucht um in das Buch zu kommen. Hat man den Einstieg jedoch geschafft, fällt es dem Leser schwer das Buch aus der Hand zu legen – Jandy Nelson hat einen sehr lebendigen, fesselnden und bunten Stil, ganz besonders wenn es um die fesselnden und farbenfrohen Beschreibungen von Noahs Bildern und seinem unsichtbaren Museum geht. Allgemein hat Jandy Nelson ein Händchen dafür die Gedanken und Gefühle der Künstler zu Papier zu bringen und auf diesem Weg auch der Kunst ein passendes Denkmal zu setzen – denn „Ich gebe dir die Sonne“ ist in vielerlei Hinsicht ein Liebesbrief an die Kunst.

Fazit:
„Ich gebe dir die Sonne“ ist ein wundervolles Jugendbuch, das sowohl durch tolle Charaktere als auch durch eine schöne, fesselnde Handlung überzeugen kann. Jandy Nelson hat eine wundervolle, bildhafte Sprache, die das Herz berührt und dafür sorgt, dass man den Roman nicht so schnell aus der Hand legen kann. Wer Jugendbücher im Stil von „Die Mitte der Welt“ mochte, dem wird auch „Ich gebe dir die Sonne“ gefallen – sie ähneln einander und sind doch auf wundervolle Art und Weise anders. Bedenkenlos zu empfehlen!

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[ROMAN] Der Klippenspringer von Barbara Corsten

Autor: Barbara Corsten
Taschenbuch: 392 Seiten
ISBN: 978-3960890539
Preis: 13,95 EUR (Taschenbuch) / 5,99 EUR (eBook)
Bestellen: Amazon

Story:
Der junge Kroate Ante verbringt sein Leben in Angst und Schrecken, ist er doch anders als die anderen Männer des kleinen Fischerdorfes. Von Gleichaltrigen gejagt und verprügelt, während die dörfliche Gemeinschaft wegsieht, schöpft er Hoffnung als er den Klippenspringer Kristijan besser kennenlernt und sich in diesen verliebt. Doch obwohl seine Gefühle erwidert werden, haben die beiden keine Chance. Die Angriffe auf Ante werden schlimmer, bis dessen Mutter schließlich nur einen Ausweg sieht – die Flucht nach Zagreb, wo ihr Sohn das Glück hat zu sich selbst zu finden und endlich Freunde findet, die ihn so akzeptieren wie er ist. Während Ante endlich zu sich selbst findet und sich ein neues Leben aufbaut, kann er seine erste Liebe Kristijan nicht vergessen, von dem er sich verraten fühlt …

Eigene Meinung:
„Der Klippenspringer“ ist ein dramatisches, sehr tiefgründiges Buch von Barbara Corsten und erschien im Dezember 2016 im deadsoft Verlag. Nach „Trust – Eine Frage des Vertrauens“ ist dies der zweite Roman der Autorin.

Der Leser begleitet den jungen Ante ungefähr ein Jahr lang bei seiner Suche nach einem Platz im Leben und erfährt dabei einiges über Kroatien und die historischen Ereignisse des Landes. Gerade letzteres macht den Roman so authentisch und sorgt dafür, dass man ihn ab einem gewissen Punkt nur schwer aus der Hand legen kann. Man merkt, dass die Autorin eine Menge Recherche für „Der Klippenspringer“ betrieben hat, um gesellschaftlichen Hintergründe und historische Fakten von Kroatien passend einzuweben und gerade ältere Charaktere auf diesem Weg lebendig zu machen. Natürlich liegt der Schwerpunkt auf Ante, aus dessen Sicht erzählt wird, aber Barbara Corsten beleuchtet auch die Nebencharaktere und gibt ihrer Vergangenheit Platz. Spannend ist auch, dass die sexuelle Orientierung des Protagonisten im Laufe des Romans teilweise in den Hintergrund rückt – natürlich ist es Antes Homosexualität Dreh- und Angelpunkt, dennoch spielt auch seine Entwicklung vom Prügelknappen zum Mann eine wichtige Rolle, denn er fasst Mut und Vertrauen, lernt sich selbst besser kennen und entwickelt eine Stärke, die man ihm zu Beginn kaum zugetraut hätte. Einzig die Tatsache, dass all das binnen eines Jahres passiert, wirkt ein wenig unrealistisch, denn es geht fast zu schnell. Hier wäre es realistischer gewesen, wenn die Autorin ihrem Helden mehr Zeit zugestanden hätte.

Wie bereits erwähnt sind die Charaktere sehr lebendig und authentisch. Der Leser kann sich sehr gut in Ante hineinversetzen und durchlebt mit ihm den Schrecken und die Angst, die er vor den Männern des Dorfes hat. Man erlebt seine Wandlung hautnah mit und ist immer an seiner Seite, ganz gleich ob er vor seinen Peinigern flieht, oder in Zagreb neue Freunde findet. Besonders gelungen sind Barbara Corsten Richard und Miro, die für Ante und dessen Mutter sehr wichtig werden. Beide haben eine bewegte und dramatische Vergangenheit hinter sich, die im Grunde ein eigenes Buch verdient hätte und Antes Geschichte teilweise den Rang abläuft. Sie sind tolle Figuren, die „Der Klippenspringer“ ungemein aufwerten und den Leser mit den Schrecken des Krieges konfrontieren.

Stilistisch legt die Autorin einen sehr schönen, stimmigen Roman vor, der vorwiegend aus Antes Sicht erzählt wird. Nur hin und wieder mischt sich eine andere Erzählperspektive ein – zu Beginn berichtet Kristijan aus seiner Sicht über Antes Probleme, später verliert sich seine Stimme, was ein wenig irritiert, denn man hat mit einem beständigen Wechsel der Perspektiven gerechnet. Das wirkt ein wenig unstimmig – vielleicht wäre es besser gewesen, die Geschichte nur aus Antes Sicht zu schreiben. Dennoch hat Barbara Corsten einen sehr eindringlichen, bildhaften Stil, der den Leser berührt und gut zu den Figuren und den Geschehnissen passt.

Fazit:
„Der Klippenspringer“ ist ein gelungenes, sehr intensives Drama, das durch tolle Charaktere und einen sehr schönen, stimmungsvollen Schreibstil besticht. Hin und wieder laufen einige Figuren dem Helden den Rang ab, nichtsdestotrotz ist man immer nah am Protagonisten und seiner Entwicklung zum Mann. Barbara Corsten legt einen gefühlvollen Roman vor, der sich aufgrund des Handlungsortes (Kroatien) und der damit einhergehenden historischen Ereignisse angenehm von anderen Dramen im Gay Romance Genre abhebt. Zu empfehlen.

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[LIKE A DREAM] Vorstellung Karo Stein

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Hallo in die Runde,

letzte Woche konnte ich leider keinen Autoren präsentieren – dafür gibt es heute ein Interview mit Karo Stein, deren Geschichte die Anthologie einläutet :karo)

Erzähl ein bisschen was über dich. Wo kommst du her? Was für Hobbys hast du?Schreibst du Hauptberuflich oder hast du einen „Brot-Job“?
Ich lebe mit meiner Familie in Quedlinburg, einer kleinen, geschichtsträchtigen Stadt am östlichen Harzrand. Seit ungefähr drei Jahren schreibe ich hauptberuflich und genieße diese Möglichkeit sehr. Neben meiner Familie und dem Schreiben häkle ich gern, liebe es mit Papier zu basteln und probiere allgemein gern neue Ideen und Basteltrends aus. Seit letztem Jahr habe ich einen Garten. Mit den Händen in der Erde zu buddeln, ist beinahe berauschend. Außerdem kann ich endlich im Sommer im Freien schreiben. Als Ausgleich zur Familie und zum Schreiben mache ich orientalischen Tanz. Seit sechs Jahren leite ich meine eigene Gruppe, mit der ich viel Spaß habe.

Was hat dich dazu gebracht mit dem Schreiben anzufangen?
Auch wenn ich als Kind und Jugendliche durchaus hin und wieder mal geschrieben habe, so war es jedoch nicht wegweisend für mich. Eigentlich bin ich tatsächlich durch eine Art Zufall zum Schreiben gekommen. Ich war eine zeitlang sehr aktiv in einem Bastelforum und sollte dort einen Kalender mit dem Thema QAF basteln. Ich hatte keine Ahnung, was diese drei Buchstaben bedeuteten und habe mich im Internet auf die Suche begeben. Noch nie hat mich eine Serie so angefixt wie „Queer as Folk“. Ich glaube, ich habe nächtelang vor demLaptop gesessen, jeden Zusammenschnitt und jede Szene aufgesaugt. Schließlich bin ich irgendwann bei fanfiktion.de gelandet und habe mich dort vermutlich durch das gesamte QAF- Sortiment gelesen. Im Nachhinein betrachtet, war ich wohl ein bisschen besessen davon. cover01Schließlich habe ich bei fanfiktion den freien Prosabereich gefunden und irgendwann war der Drang eine eigene Geschichte zu schreiben so groß, dass ich es einfach versucht habe. Das alles liegt erst knapp sieben Jahre zurück und es lässt mich immer wieder staunend innehalten, wie sehr sich mein Leben dadurch verändert hat.

Was bedeutet das Schreiben für dich?
Schreiben ist mein Lebenselixier. Auch wenn meine Familie natürlich noch eine Spur wichtiger ist, so muss ich wohl gestehen, dass ich, wenn ich eine längere Zeit nicht zum Schreiben komme, unleidlich und grummelig werde.

Dein Beitrag für die Anthologie ist die Geschichte „Mehr als ein Traum“. Wie bist du auf diese Geschichte gekommen, bzw. was hat dich dazu bewogen gerade diese Geschichte zu schreiben?
Das ist eine Frage, die ich gar nicht beantworten kann. In meinem Kopf schwirren immer ein paar Ideen herum und diese hat, zumindest für mich, gut zum Thema der Anthologie gepasst.

Was hast du neben „Mehr als ein Traum“ noch für Projekte oder Veröffentlichungen?
Ich schreibe eigentlich immer. Zur Zeit arbeite ich am zweiten Teil meiner kleinen Serie „Alles Liebe“, außerdem gibt es ein neues Verlagsprojekt und ich überarbeite eine „alte“ Geschichte, die hoffentlich bald als Buch herauskommt. Im Laufe des Jahres möchte ich ein neues Jugendbuch zum Thema HIV herausbringen.

Hast du einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Person, die dir als Muse dienen? Woher bekommst du deine Ideen?
Ich habe zwei liebe Menschen, die mich unterstützen, mich antreiben, mir bei der Umsetzung von Ideen helfen und deren Begeisterung immer extrem ansteckend ist. Es gibt keinen geheimen Ort meiner Ideen. Sie sind einfach da, manche sind drängender, andere cover02zurückhaltend. Für jede Geschichte kommt irgendwann der richtige Zeit, um sie aufzuschreiben.

Welche Herangehensweise bevorzugst du bei deinen Geschichten?
Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Ich setze mich hin und schreibe. Manchmal recherichere ich im Vorfeld, meisten aber erst, wenn es akut für den Verlauf wird. Ich schreibe linar, selbst wenn ich zukünftige Szenen bereits im Kopf habe.

Gibt es etwas, dass dir beim Schreiben besonders schwer fällt?
Szenen, in denen viele Menschen gleichzeitig agieren, fallen mir schwer. Lange Diskussionen und philosophische Ergüsse findet man bei mir meistens auch nicht.

Schreibst du mit Musik oder anderen Geräuschkulissen im Hintergrund oder brauchst du dazu absolute Ruhe?
Ich mag Musik zum Schreiben. Ein paar Bücher haben ihre eigene Schreibmusik, aber am liebsten habe ich The Cure auf den Ohren. Manchmal ist es auch so, dass ich mit anderer Musik nicht weiterkomme, aber sobald die ersten Töne vom „Plainsong“ erklingen, fliegen meine Finger nahezu von allein über die Tastatur. Das ist schon irgendwie verrückt.

Lässt du dich auch von anderen Autoren inspirieren?
Ich lese viel in Gay Genre und mit Sicherheit nehme ich aus Büchern, die mir gut gefallen auch eine Menge für mich selbst mit.

cover03In welchem Genre würdest du dich gerne einmal als Autor versuchen?
Ich möchte gern mal einen Thriller schreiben.

Wie würde für dich ein perfekter (Schreib)Tag aussehen?
Darüber habe ich noch nie nachgedacht. Jeder Tag, an dem ich mit einer Geschichte gut vorankomme, ist perfekt.

Was sagen deine Familie / deine Freunde zu deiner Autorentätigkeit?
Meine Familie unterstützt und motiviert mich. Meine Freunde sind neugierig, viele lesen meine Bücher und kommen auch zu meiner
jährlichen Lesung beim „Quedlinburger Bücherfrühling“ Das macht mich echt glücklich.

Was würdest du jemanden mit auf den Weg geben, der ebenfalls mit dem Schreiben anfangen möchte?
Mutig sein, niemals den Spaß am Schreiben verlieren und sich nicht zu sehr von den sozialen Netzwerken beeinflussen lassen

Das Thema der Anthologie ist ja „Träume, Hoffnungen und Wünsche“. Wie sieht es denn damit bei dir aus? Was sind deine Träume, Hoffnungen und Wünsche?
Das ist ziemlich einfach: Ich wünsche mir, dass ich noch viele Bücher schreiben kann und hoffe, dass die Leser meine Geschichten auch weiterhin mögen. Ich möchte noch mehr Bücher zum Thema HIV schreiben und es wäre traumhaft, wenn ich auch an anderen Schulen Lesungen dazu halten könnte.

Vielen Dank!

Ich habe zu danken 🙂


Auch an dieser Stelle bedanke ich mich bei Karo für die tollen Antworten. Ich denke, ihr habt einen guten Einblick in das Leben und Arbeiten der Autorin bekommen. In den nächsten Wochen werden die restlichen Interviews online gehen – seid gespannt, wen ich noch für euch in petto habe 🙂

Liebe Grüße,
Juliane

[ROMAN] Das andere Ende der Brücke von Elisa Schwarz

Autor: Elisa Schwarz
Taschenbuch: 568 Seiten
ISBN: 978-3960890379
Preis: 14,95 EUR (Taschenbuch) | 6,99 EUR (eBook)
Bestellen: Amazon

Story:
Seit Patricks Ehemann bei einem Unfall ums Leben gekommen ist, besteht das Leben des Fotografen aus Tristesse, Traurigkeit und Einsamkeit. Statt sich helfen zu lassen, verkriecht er sich oder versucht auf unorthodoxe Art und Weise mit dem Schmerz in seinem Innern klar zu kommen. Erst als er zufällig Zeuge eines Angriffs betrunkener Rechtsradikaler auf einen Fahrradfahrer wird, reißt Patrick aus seiner Lethargie und zwingt ihn dazu sich mit dem Tod seines geliebten Mannes auseinander zu setzen. Dabei stehen ihm nicht nur neue und alte Freunde zur Seite, nach und nach ist er auch wieder in der Lage sein Herz zu öffnen und einer neuen Liebe Platz zu machen – auch wenn ein steiniger Weg vor ihm liegt …

Eigene Meinung:
Mit „Das andere Ende der Brücke“ legt Elisa Schwarz nach „Eigentlich …“ ihren zweiten Roman bei deadsoft vor. Dabei schlägt sie dieses Mal eher ernste Töne an, denn es geht um Trauerbewältigung und die damit einhergehenden Verlustängste und psychischen Probleme. Daher ist „Das andere Ende der Brücke“ wesentlich dramatischer als ihr Debüt.

Die Geschichte setzt über ein Jahr nach dem Unglücksfall ein und man lernt Patrick als in sich gekehrten, verzweifelten Mann kennen, der von seiner Umwelt kaum etwas mitbekommt und über den Tod seines Ehemanns nicht hinwegkommt. Die Autorin lässt sich viel Zeit seinen desolaten und trauernden Zustand zu beschreiben, der sich mitunter auch selbstzerstörerisch auswirkt. Erst nach und nach taucht Patrick aus seines Isolation auf – teils durch Freunde, die ihn aus den Tiefen seiner Trauer ziehen, teils durch einen Psychologen, der sich seinen Problemen widmet und ihn dabei unterstützt den Tod seines Mannes zu verarbeiten. Auch das Finden einer neuen Liebe wird für Patrick im Laufe des Buches möglich, wenngleich er dafür einige Hürden zu überwinden hat. Dabei ist es angenehm, dass der Leser nicht weiß, wer Patrick letztendlich für sich gewinnen kann, auch wenn man natürlich einige Vermutungen hat.
Elisa Schwarz lässt sich Zeit mit ihrer Geschichte und erzählt Patricks Wandlung vom Eigenbrötler zu einem Mann, der neuen Mut gefasst hat auf fast 600 Seiten. Dadurch gelingt es ihr sehr umfassend und eingehend auf Patricks Gefühlswelt einzugehen und seine unterschiedlichen Stadien genau zu beschreiben. Man kann sich gut in ihn hineindenken und lernt seine Vergangenheit erst nach und nach kennen – zumeist dann, wenn er sich dieser selbst stellen muss. Dadurch gelingt der Autorin ein sehr tiefgründiges, berührendes Buch, das nicht nur gut umgesetzt, sondern auch gut recherchiert ist. Einzig die Längen am Anfang sind ein wenig störend, da sie ein schnelles Eintauchen ins Buch ein wenig hemmen und man das Gefühl hat, dass zum Ende hin viele Punkte übersprungen werden, die durchaus so ausführlich hätten beschrieben werden können, wie am Anfang.

Die Charaktere sind passend und authentisch in Szene gesetzt und können durchweg überzeugen. Sei es Patrick, der einen weiten Weg aus der Trauer und Dunkelheit zurücklegen muss, um ins Leben zurückzufinden, oder seine Freunde und Familie, die bedingungslos zu ihm halten und alles daran setzen ihn dabei zu unterstützen. Alle werden eingehend beleuchtet, wenngleich der Schwerpunkt natürlich auf Patrick liegt und man ihm als Leser ganz besonders nahe kommt.

Stilistisch ist „Das andere Ende der Brücke“ gut umgesetzt und verspricht angenehme, sehr emotionale Lesestunden. Elisa Schwarz hat einen sehr feinfühligen, manchmal aber auch recht ausschweifenden Stil, über den man ganz zu Beginn immer wieder stolpert. Hin und wieder verliert sie sich in ausufernden Beschreibungen, die den Lesefluss hemmen und dem Buch den Schwung nehmen. Das ist natürlich Geschmackssache, doch an einigen Stellen wäre weniger mehr gewesen. Nichtsdestotrotz schafft sie es die Gefühle und Gedanken ihres Protagonisten sehr eingehend und mitreißend darzulegen und den Leser zu fesseln.

Fazit:
„Das andere Ende der Brücke“ ist ein gelungenes Drama, in dem es um Verlust, Tod und Trauer geht. Die emotionale, tiefgründige Geschichte wartet mit sehr authentischen, gut nachvollziehbaren Charakteren und einem einfühlsamen Schreibstil auf, der die Gefühls- und Gedankenwelt des Hauptcharakters gut portraitiert. Bis auf einige Längen am Anfang ein wundervolles Buch, das den Leser berührt und nachdenklich zurücklässt. Wer dramatische, tiefgründige Romane mag, sollte einen Blick in Elisa Schwarz‘ Buch werfen.

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[BLOGTOUR] Berlingtons Geisterjäger – Anderswelt: Was ist Steampunk?

Uhr (c) Steampunker.de

Hallo ihr Lieben,

heute macht die Blogtour von „Berlingtons Geisterjäger“ bei mir Station (meine Kritik zum Roman „Anderswelt“ könnt ihr hier nachlesen) und ich darf euch das Genre Steampunk ein wenig näherbringen 🙂 Ich bin ein Fan dieses besonderen Stilrichtung, die sich nicht nur im Literaturbereich niederschlägt (auch wenn sie 1980 da ihre Anfänge genommen hat), sondern sich auch im Film, in der Musik und in der Mode etabliert hat. In gewisser Weise hat sich Steampunk zu einer eigenständigen Subkultur entwickelt, die sich wiederum in viele Untergruppen aufsplittet (Teslapunk, Dieselpunk, Clockpunk). Doch ich beschränke mich an dieser Stelle auf den reinen Steampunk – wer mehr erfahren will findet einen guten, übersichtlichen Artikel auf Wikipedia.

Buchcover (c) Loewe

Begriffserklärung:
Steampunk kommt aus dem englischen und setzt sich aus den Wörtern „Steam“ (Dampf) und „Punk“ (Punk, wertlos, mies) zusammen. Meistens sind Geschichten und Hintergründe im 19. Jahrhundert angesiedelt, sprich Steampunk spielt für mich in der viktorianische (England) oder wilhelminischen (Deutschland) Zeit, gepaart mit Technik, Dampf, Abenteuer und Krimi. Auch fantastische Komponente (wie in Amalia Zeichnerins Romanen) sind nicht selten und werden mit eingebaut. Häufige Elemente sind natürlich Zahnräder und dampftechnische Gimmicks, viktorianische Kleidung und eine gewisse Abenteuerromantik wie man sie in den Büchern von Jules Verne und H.G. Wells wiederfindet, die mit ihren Klassikern das Genre maßgeblich geprägt haben. Natürlich haben sie, aus ihrer Zeit heraus betrachtet, eher Sci-Fi Romane geschrieben, denn ihre Geschichten waren zu ihrer Lebzeit visionär und futuristisch: hochpräzise Uhrwerke, Dampftechnologie und verrückte Erfindungen und Maschinen kamen oftmals in ihren Romanen vor. Heutzutage sind gerade „20.000 Meilen unter dem Meer“, „Die Reise zum Mittelpunkt der Erde“ und „Die Zeitmaschine“ nicht nur Klassiker, sondern spiegeln thematisch das Steampunk-Genre wider.

Die grobe Richtung des Steampunk-Genres spiegelt sich in folgender Frage wider: Was wäre, wenn sich die Dampftechnik der viktorianischen Zeit in einer ähnlichen Form weiterentwickelt hätten, wie die heutigen elektronischen, digitalen Errungenschaften; wenn die Dampftechnologie und die Uhrwerkmechanik den gleichen Stellenwert einnehmen würden, wie Internet und Computer?

typisches Steampunk-Paar (c) Wikipedia)

Kultur
Heutzutage gibt es eine Menge Steampunk-Romane – gerade im englischsprachigen Raum boomt das Genre. In Amerika, England und auch in Deutschland finden jährlich Conventions statt, in den Geschäften findet man sehr erfolgreiche Romane (u.a. „Glasbücher der Traumfresser“, „Newbury&Hobbes“- Reihe, „Lord Darcy“, „Chroniken der Weltensucher“), Comics (u.a. „Steam Noir“, „Monsieur Noir“) und Filme („Wild Wild West“, „Die Liga der außergewöhnlichen Gentlemen“, „Die Stadt der verlorenen Kinder“, „Time Maschine“), die sich thematisch dem Steampunk und deren Subgenre zuordnen lassen. Zudem ist Steampunk eine eigene Moderichtung und Kunstform, in der nicht nur extravagante, mit technischen Gimmiks verziert Kleidung getragen wird, sondern auch Skulpturen, eigene Dampfmaschinen und Alltagsgegenstände (vom Computer bis zum Auto) im passenden Look gestaltet werden. Rollenspielfans können aus unterschiedlichen Reglsystemen wählen – „Castle Falkenstein“, „Midgard – Abenteuer 1880“, „Call of Cthulhu“, „Private Eye“ bieten eine breite Palette unterschiedlicher Settings. Zu guter Letzt gibt es eine etliche Musiker und Bands, die sich stilistisch und thematisch mit dem Phänomen Steampunk auseinandersetzen und versuchen das Lebensgefühl des Genres zu vertonen („Drachenflug“, „Abney Park“, „Vernian Process“ und „Pentaphob“).

Steamdrache Fuchur (c) Tony Reintelseder

Wie man sieht bietet sich dem Fan inzwischen eine breite Palette an Produkten aus denen man wählen kann. Dennoch zählt gerade bei der Mode und der Kunstform ein hohes Maß an eigener Kreativität und Do-it-Yourself – Mentalität – das Verzieren und Gestalten von Kleidern, Gimmicks und Skulpturen erfolgt nach keinen Regeln und wird traditionell handgemacht. Natürlich gibt es auch Shops, die entsprechende Outfits anbieten, wirkliche Steampunk-Fans legen jedoch Wert auf die Umsetzung eigener Konzepte und Ideen.

Wer mehr erfahren will, sollte sich auf folgenden Seiten umsehen:
Steampunker.de
Clockworker.de
Steampunk Magazine (englisch)
Steamtropolis (deutsche Convention)
Aethercircus (deutsche Convention)

Gewinnspiel
Ich hoffe ich konnte euch das Steampunk-Genre ein wenig näher bringen und euch neugierig machen. Wie bereits angekündigt, könnt ihr im Rahmen der Blogtour auch etwas gewinnen. Um am Gewinnspiel teilzunehmen, wird auf jedem teilnehmenden Blog eine Tagesfrage gestellt, die ihr beantworten müsste – je mehr Antworten ihr gebt, umso größer eure Chancen, denn man kann jeden Tag ein Los sammeln!

Meine Tagesfrage lautet:
Was denkt ihr – wie wäre die Welt heute, wenn sich die Technik in Richtung Dampf – und Uhrwerkmaschinerie entwickelt hätte? Könntet ihr euch ein solches Leben (ohne Elektrizität, Internet etc.) vorstellen?

Teilnahmebedingungen
Die Teilnahme an dem Gewinnspiel ist ab einem Alter von 18 Jahren möglich. Falls Du unter 18 Jahre alt sein solltest, ist eine Teilnahme nur mit Erlaubnis des Erziehungs-/Sorgeberichtigten möglich.
Der Versand der Gewinne erfolgt nur innerhalb Deutschland, Österreich und Schweiz, wobei der Rechtsweg hier ausgeschlossen ist. Für den Postversand wird keinerlei Haftung übernommen.
Eine Barauszahlung der Gewinne ist leider nicht möglich.
Als Teilnehmer erklärt man sich einverstanden, dass die Adresse an die Autorin/ an den Autor oder an den Verlag im Gewinnfall übersendet werden darf und man als Gewinner öffentlich genannt werden darf.
Jede teilnahmeberechtigte Person darf einmal pro Tag an dem Gewinnspiel teilnehmen. Mehrfachbewerbungen durch verschiedene Vornamen, Nachnamen, Emailadressen oder einem Pseudonym sind unzulässig und werden bei der Auslosung ausgeschlossen.
Das Gewinnspiel wird von CP – Ideenwelt organisiert.
Das Gewinnspiel wird von Facebook nicht unterstützt und steht in keiner Verbindung zu Facebook.
Sollte der Gewinner sich im Gewinnfall nach Bekanntgabe innerhalb von 7 Tagen nicht bei CP-Ideenwelt melden, rückt ein neuer Gewinner nach und man hat keinen Anspruch mehr auf seinen Gewinn.
Das Gewinnspiel endet am 11.02.2016 um 23:59 Uhr.

Blogtourfahrplan
04.02. – Elchi’s World of Books  – Das Buch und die Autorin
05.02. – Lunas Leseecke (hier bei mir) – Vorstellung der fünf Hauptcharaktere
06.02. – Like a Dream – Was ist Steampunk?
07.02. – Bookwormdreamers – Was ist Gothic Horror?
08.02. – Traumfantasiewelten – Spiritismus, Séancen und Parapsychologie im 19. Jhd.
09.02. Sabrina’s Welt der Bücher – Homosexualität im 19. Jahrhundert
10.02. – Tausend Leben – Die viktorianische Epoche
11.02. – Letannas Bücherblog – Hexen in der Urban Fantasy
12.02. – Gewinnerbekanntgabe auf allen Blogs (Hinweis: Die Gewinnerbekanntgabe fällt bei mir leider aus, da ich am 12.02. keine Möglichkeit habe, einen Blogbeitrag zu schreiben. Bitte schaut bei den anderen Bloggern nach – Danke)

Liebe Grüße,
Juliane

[LIKE A DREAM] Vorstellung: Savannah Lichtenwald

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Hallo in die Runde,

heute hab ich für euch Savannah Lichtenwald im Gepäck, die sich den 15 Fragen gestellt hat.savannah

Erzähl ein bisschen was über dich. Wo kommst du her? Was für Hobbys hast du? Schreibst du hauptberuflich oder hast du einen „Brot-Job“?
Geboren und aufgewachsen bin ich in Frankfurt am Main. Außer dem Lesen gibt es vieles, für das ich mich begeistern kann. Ich mag britische Krimis, Stricken, im Garten kruscheln, Schneekugeln und Palmen, Winterfotos und Sommerträume, Star Trek und die Kelten … Die Liste ist lang. Seit ein paar Jahren gehört auch Geschichten schreiben dazu und irgendwann würde ich das gerne hauptberuflich tun.

Was hat dich dazu gebracht, mit dem Schreiben anzufangen?
Auf der Suche nach einer Autorin bin ich bei der Leser- und Autorenplattform BookRix gelandet. Drei Monate später kam mir selbst eine Geschichte in den Sinn, die unbedingt geschrieben werden wollte: „At home – Für 128 Jahre“. Ich habe keine Ahnung, wo das herkam, und seitdem wundere ich mich täglich, wie sich alles entwickelt hat.

Was bedeutet das Schreiben für dich?
Eine Auszeit in einer anderen Welt, die Möglichkeit, Geschichten so zu erzählen und enden zu lassen, wie ich es mir wünsche, hin und wieder Themen anzusprechen, die mir wichtig sind.

Dein Beitrag für die Anthologie ist die Geschichte „Ocean Dreams – Die Einsamkeit am Meer“. Wie bist du auf diese Geschichte gekommen, bzw. was hat dich dazu bewogen, gerade diese Geschichte zu schreiben?
In dieser Anthologie sollte es um Träume gehen. Oft ist das, wovon Menschen träumen, nicht das, was sie wirklich zum Glücklichsein brauchen. So ergeht es auch Vincent, der am Ende erkennt, dass sein Traum von einem „normalen“ oder besser gesagt, langweiligen Partner cover1im Grunde nur eine Flucht war, eine Flucht vor dem Leben und vor sich selbst. Andere, wie Arik, träumen von Dingen, die unerreichbar scheinen, und geben das Träumen schließlich ganz auf. Zum Glück ging sein Traum von einem Menschen, der sein inneres Wesen akzeptiert, im letzten Moment doch noch in Erfüllung.

Was hast du neben „Ocean Dreams – Die Einsamkeit am Meer“ noch für Projekte oder Veröffentlichungen?
Im letzten Jahr konnte ich nicht viel schreiben, sodass es an Veröffentlichungen nur „Ocean Dreams“ gibt. Demnächst wird noch eine

Kurzgeschichte für eine weitere Anthologie erscheinen. Für dieses Jahr hoffe ich jedoch, dass ich die Leser*innen mit mindestens zwei Novellen/Romanen überraschen kann.

Hast du einen bestimmten Ort oder eine bestimmte Person, die dir als Muse dienen? Woher bekommst du deine Ideen?
Von überall – das kann ein persönliches Erlebnis sein, ein Ereignis in meinem Umfeld, eine flüchtig hingeworfene Bemerkung. Vielleicht ist es auch der undurchsichtige Typ an der Tankstelle oder der verkümmerte Oleander auf meinem Balkon. Als unsichtbarer Freund begleitet mich Mister Muse, der immer daran schuld ist, wenn etwas völlig anders läuft als von mir geplant. Zum Ausgleich flüstert er mir tolle Ideen zu. Manchmal klingt er auch genervt. Oder begeistert. Oder sehr verzweifelt. Der Kerl ist unberechenbar und total chaotisch. Also noch schlimmer als ich.

Welche Herangehensweise bevorzugst du bei deinen Geschichten?
Wenn ich eine Idee zu einer Geschichte habe, lege ich mir ein Dokument mit einer Handvoll Stichworten an und schreibe dann geradeaus durch, ich plotte nicht. Währenddessen landen dort noch ein paar Rechercheergebnisse oder bestimmte Formulierungen, die mir plötzlich einfallen, ich aber erst später brauche. Das weitaus Meiste findet in meinem Kopf statt, was ich angesichts meines ansonsten schlechten Gedächtnisses immer wieder erstaunlich finde.

Gibt es etwas, das dir beim Schreiben besonders schwer fällt?
Der Anfang ist schwierig. Zuerst überlege ich, ob die Idee eine Story trägt. Aus welcher Perspektive erzähle ich? Mit welchem Satz beginne ich, bei welcher Szene steige ich in die Geschichte ein? Über solche Dinge muss ich eine Weile nachdenken und mich dann überwinden, die cover2ersten Sätze niederzuschreiben. Selbstzweifel sind blutrünstige, kleine Biester 😉 Wenn ich die ersten zwei, drei Seiten hinter mir habe, wird es leichter.

Schreibst du mit Musik oder anderen Geräuschkulissen im Hintergrund oder brauchst du dazu absolute Ruhe?
Vogelgezwitscher oder Autoverkehr stören mich nicht, Musik hingegen würde mich zu sehr ablenken. Ich werde auch grummelig, wenn meine Familie alle zehn Minuten die Tür aufreißt. Daher: Ja, ich brauche größtmögliche Ruhe. Zum Glück sind meine Lieben meist geduldig.

Lässt du dich auch von anderen Autoren inspirieren?
Ja, natürlich, ich lese sehr gerne die Bücher der Kolleg*innen, Zeitungs- und Online-Artikel, Blogbeiträge. Wer schreibt, sollte öfter mal die Nase in andere Texte als die eigenen stecken – es bringt einen zum Nachdenken, auf neue Ideen und zu anderen Sichtweisen 🙂

In welchem Genre würdest du dich gerne einmal als Autor versuchen?
Krimis reizen mich ungemein, aber ich denke nicht, dass ich sie eines Tages schreiben werde.

Wie würde für dich ein perfekter (Schreib)Tag aussehen?
Karibisches Flair, leises Meeresrauschen, die Füße im Sand, Kaffee und Schokolade in der Nähe und eine neue Idee im Kopf – traumhaft.

Was sagen deine Familie / deine Freunde zu deiner Autorentätigkeit?
Sie betrachten das Ganze nachsichtig als zeitintensives Hobby 😉 Aber auf ihre Unterstützung kann ich mich immer verlassen und das ist für mich das Wichtigste.

Was würdest du jemandem mit auf den Weg geben, der ebenfalls mit dem Schreiben anfangen möchte?
Habt Mut. Lest viel, lasst euch helfen und helft anderen. Versucht nicht, einem Trend hinterherzuschreiben, sondern erzählt die Geschichte, die euch auf der Seele brennt.

Das Thema der Anthologie ist ja „Träume, Hoffnungen und Wünsche“. Wie sieht es denn damit bei dir aus? Was sind deine Träume, Hoffnungen und Wünsche?
Es wäre großartig, wenn ich all meine Ideen in fertige Geschichten und Bücher verwandeln könnte.


Vielen Dank an Savannah für die ausführlichen Antworten. In den kommenden Wochen wird es leider keinen Sonntagspost zur Anthologie geben, da ich morgen an der rechten Hand operiert werde und ich für eine Weile nicht am Rechner arbeiten kann. Daher wird es erst im März wieder Beiträge zur Anthologie geben, dann aber mit neuen Interviews und Specials. Seid gespannt 🙂

Liebe Grüße,
Juliane

[ZITATE-FREITAG] Die stille Seite der Musik

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meine Rezension
Bestellen: Amazon

Auch in dieser Nacht, auf dem Beifahrersitz von Eddis BMW M4, vergesse ich alles um mich herum, während ich Einaudis Meisterstück lausche. Ich sitze reglos, nur meine Finger berühren sacht die unsichtbaren Tasten des imaginativen Klaviers vor meinen geschlossenen Augen. Gleich erreicht das Stück seinen dramatischen Höhepunkt, gleich wird es …

Wie aus dem Nichts wird mein Körper zur Seite gerissen. Mein Kopf prallt gegen das Seitenfenster. Ich reiße die Augen auf. Meine Finger verlassen die Tasten, suchen Halt. Doch vergeblich. Schon dreht sich mein Magen um. Oder nein? Das Auto dreht sich? Schleudert zur Seite. Ein Stöpsel gleitet aus meinem Ohr. Ich höre die Mädchen kreischen. Schreie ich auch? Die »Oltremare« verklingt auf ihrem Höhepunkt. Schmerz schießt durch meinen Arm und Rücken. Dann wird alles schwarz.

„Die stille Seite der Musik“, Seite 8 (c) Svea Lundberg / Traumtänzer Verlag

»Tino!«

Ich drehe mich um. Wenigstens ich reagiere, wenn man mich anspricht. Petra steht in der Stalltür und winkt mir.

»Dein Bungalow ist bezugsfertig. Der Schlüssel liegt unter der Fußmatte, da ich gleich nochmal weg muss.« Ihr Blick schweift zu dem Kerl, der noch immer das Pferd striegelt, ohne uns zu beachten.

»Wie ich sehe, hast du Flo schon kennen gelernt.«

Ich hebe die Schultern. »Kann man so nicht sagen. Ich hab Hallo gesagt, aber der redet nicht mit mir. Ist der taub oder was?«

Mit einem Mal tritt ein Ausdruck auf Petras Gesicht, der eine merkwürdige Mischung aus Betroffenheit und einem leichten Tadel sein könnte. Ich blick’s nicht …

»Ja.«

»Was ja?«

»Florian ist gehörlos.«

Upps! Voll ins Fettnäpfchen!

„Die stille Seite der Musik“, Seite 23-24 (c) Svea Lundberg / Traumtänzer Verlag

Ein Schatten huscht über Flos Gesicht, während er liest, jedoch ganz kurz nur. Etwas wie Mitleid sehe ich nicht in seinem Blick. Na ja, wahrscheinlich denkt er sich, dass ich mich nicht so anstellen soll. Immerhin kann ich ja hören.

Das tut mir leid. Gibt es keine Aussicht auf Heilung? Durch Physio oder eine Operation? Willst du das überhaupt?

Sekundenlang starre ich auf den Zettel. Macht der Witze? Ob ich geheilt werden will? Ich würde verdammt nochmal beide Beine dafür eintauschen, um meine Finger wieder richtig bewegen, wieder Klavier spielen zu können.

Genauso schreibe ich das auf und kann mir nicht verkneifen hinzuzufügen: Würdest du nicht auch alles tun, um hören zu können?

Flo liest. Er runzelt die Stirn. Schüttelt den Kopf. Und dann lacht er. Lautlos zwar, aber es ist eindeutig ein Lachen. Was ist denn jetzt kaputt?

Nach einem einzigen Satz streckt er mir den Block entgegen.

Ich habe viel dafür getan, nichts mehr hören zu müssen.

Mein Kopf ruckt nach oben. Ich starre Flo an, dann wieder den Zettel und wieder Flo. Verarscht der mich?

„Die stille Seite der Musik“, Seite 50-51 (c) Svea Lundberg / Traumtänzer Verlag

Wieder schließe ich die Augen und … hebe nur einen Moment später die Hände, um mir die Finger fest in die Ohren zu stecken. Denn plötzlich ist da der Drang, den Moment genauso zu erleben, wie Flo es tut. Tatsächlich gelingt es mir, Möwenschreie und Wellenrauschen aus meiner Wahrnehmung auszuschließen. Ich sehe und höre nichts mehr. Hole tief Luft und atme ganz langsam aus. Konzentriere mich auf die Empfindungen, die mir geblieben sind. Und vielleicht ist es nur Einbildung, reines Wunschdenken, doch mit einem Mal kann ich das Meer riechen.

Konnte ich zuvor schon. Doch nun ist alles viel intensiver. Es ist eine Mischung aus Salz, Seetang und … Ich kann’s nicht so genau einordnen und öffne die Lippen leicht, um den Geruch auch in meinen Mund zu lassen. Ihn auf meiner Zunge in Geschmack umzuwandeln. Und es scheint sogar zu gelingen.

„Die stille Seite der Musik“, Seite 108 (c) Svea Lundberg / Traumtänzer Verlag

Scheiße, hämmert es in meinem Kopf. Und nochmal: Scheiße, Scheiße, Fuuuck!

Die Bewegungen meiner Hand sind binnen eines Herzschlags erstarrt, stattdessen umklammere ich meinen Penis, als müsse ich mich daran festhalten. Irgendwo in einer hinteren Gehirnwindung wundere ich mich darüber, dass mein Ständer sich aufgrund des Schocks nicht verflüchtigt. Doch noch viel dringender als die Antwort auf dieses Warum, möchte ich wissen, was Flo jetzt denkt. Oder vielleicht will ich es auch nicht wissen?

Tatsache ist, er starrt mich an und sieht dabei mindestens mittelmäßig schockiert aus. Es ist offensichtlich, dass er sehr genau mitbekommen hat, was ich gerade getan habe und dass er nicht die geringste Ahnung hat, was er jetzt machen soll. Von Wegrennen bis mir eine scheuern scheint mir–- von seinem Standpunkt aus betrachtet – alles eine akzeptable Reaktion.

„Die stille Seite der Musik“, Seite 131 (c) Svea Lundberg / Traumtänzer Verlag

Mir fallen beinahe die Gläser aus der Hand. Ich bleibe wie angewurzelt stehen. In meinem Kopf pocht’s blöde, keine Ahnung, ob es die Beats oder mein Herzschlag sind . Ist mir auch vollkommen egal im Moment. Alles, was mich im Moment interessiert, ist die Tatsache, dass Flo und der fremde Kerl am Knutschen sind. Mitten auf der Tanzfläche. Vor meiner Nase. Ja, geht’s noch?

Mir wird ganz flau im Magen, als ich es begreife: Flo ist definitiv schwul. Und ich bin schlichtweg zu spät dran.

Ich hab‘ den Mund nicht aufbekommen und nun hat ein anderer sich meinen Sunnyboy geschnappt. Hängt an seinen Lippen, vergräbt die Finger in seinem Haar und streichelt seinen Nacken. All diese Dinge, die ich gerne mit Flo machen würde.

„Die stille Seite der Musik“, Seite 141 (c) Svea Lundberg / Traumtänzer Verlag

Als Pianist – okay, Ex-Pianist – und Musikliebhaber habe ich die Angewohnheit, mich in den unmöglichsten Momenten zu fragen, welches Klavierstück die Szenerie wohl am besten untermalen würde. Meistens habe ich direkt ein bestimmtes Lied im Ohr und mache dies zu meinem ganz persönlichen Soundtrack des Geschehens. Doch jetzt, in Flos Armen, eingehüllt in seinen Geruch, mit seinen Lippen auf meinen und seinen Händen auf meiner nackten Haut, könnte jedes Musikstück passend sein – oder aber keines.

Seine Berührungen erinnern an Yann Tiersens »Esther« – warm und fragend. Eine stumme Suche. Seine Küsse schmecken nach Ludovico Einaudis »Nuvole Bianche«, nach Zärtlichkeit und Hingabe. Sind eine Eroberung. Unser gegenseitiges Kennenlernen ist zart und gleichzeitig wild wie Einaudis »Fly«. Und wenn ich tief in mich hineinhöre, tut es sogar weh. Nur ein kleines bisschen. Es ist dieser bittersüße, sanft-reißende Schmerz, der auch Hans Zimmers »Time« innewohnt.

„Die stille Seite der Musik“, Seite 164 (c) Svea Lundberg / Traumtänzer Verlag

Flo schluchzt lautlos. Auch seine rechte Hand bebt, als er sie hebt und eine einzige Gebärde damit formt: Eine waagrechte Faust mit ausgestrecktem kleinem Finger und Zeigefinger. Ich bin mir nicht sicher, was sie bedeutet, dennoch nicke ich. Dann schlage ich die Beifahrertür zu.

»Fahren Sie bitte los.«

Der Motor brummt auf, das Taxi rollt los. Ich schaue in den Rückspiegel und wünsche mir, es nicht getan zu haben. Flo wendet sich ab, weint jetzt richtig und fällt schutzsuchend in Petras Arme.

Mensch, Flo, du kleiner Sonnenschein, wenn ich gewusst hätte, dass es dir so weh tut, wenn ich gehe, hätte ich nicht …

Ich beiße mir auf die Lippe, bis es schmerzt. Balle die Hände zu Fäusten. Doch, ich hätt’s trotzdem getan. War einfach zu schön.

„Die stille Seite der Musik“, Seite 193 (c) Svea Lundberg / Traumtänzer Verlag

»Hey!« Céline strahlt mich an. »Deine Mum hat mich reingelassen. Störe ich?«

– Nein. –

Erst ihr irritierter Blick zeigt mir, dass ich meine Antwort tatsächlich gebärdet habe.

»Nein«, beeile ich mich schnell zu sagen und irgendwie … stört sie schon ein bisschen. Mein Kopf wirbelt zu Flo herum. Er schaut mich abwartend an.

»Das … ähm … Céline, das ist Flo.« Etwas hilflos deute ich auf den Bildschirm.

»Oh, der Flo?« Sie kommt näher und neigt sich über meine Schulter, um direkt in die Kamera schauen zu können. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie Flo winkt. Er erwidert die Geste mit erzwungenem Lächeln.

– Das ist C-É-L-I-N-E -, erkläre ich Flo, halte inne.

– Eine Freundin? Aus der Schule? –

Ich halte den Atem an.

»Was meint er, Schatz?« Zu allem Überfluss schmiegt sie sich von hinten an meinen Rücken und schlingt die Arme um meinen Hals. Leugnen zwecklos.

– Sie ist meine feste Freundin. Wir sind zusammen. –

„Die stille Seite der Musik“, Seite 228-229 (c) Svea Lundberg / Traumtänzer Verlag

In diesen Gedanken versunken lasse ich den Jeep aus der breiten Hofeinfahrt rollen, biege rechts ab und steuere auf die steile Straße abwärts zu. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie Yannik sich umdreht.

»Warte mal …«

Ich werfe einen Blick in den Rückspiegel und sehe eine Gestalt über den Hof rennen. Severin? Er gestikuliert wild, scheint irgendetwas zu schreien. Hat der sie noch alle? Obwohl ich keine Lust auf den Kerl habe, trete ich auf die Bremse. Aber … es passiert nichts. Wie jetzt? Ich trete stärker aufs Pedal. Nichts. Keine Reaktion. Der Wagen wird nicht langsamer, rollt unaufhörlich auf die steile Straße zu.

Autounfall, flackert ein einziges Wort grell wie in Neonlettern gezeichnet vor meinem inneren Auge. Es ist wie ein ganz, ganz schlechtes Déjà-vu!

„Die stille Seite der Musik“, Seite  270 (c) Svea Lundberg / Traumtänzer Verlag

Ich hoffe, mit diesen Zitaten konnte ich euch einen kleinen Einblick in das Buch gewähren und ihr bekommt Lust auf „Die stille Seite der Musik.“  Holt es euch – es lohnt sich 🙂

Liebe Grüße,
Juliane

[ROMAN] Die stille Seite der Musik von Svea Lundberg

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Autor: Svea Lundberg
Taschenbuch: 272 Seiten
ISBN: 978-3-947031-00-9
Preis: 12,95 EUR (Taschenbuch) / 4,99 EUR (eBook)
Bestellen: Amazon

Story:
Ein schrecklicher Autounfall bereitet Valentins Träumen schlagartig ein Ende – mit den steifen Fingern seiner linken Hand ist es dem jungen Mann nicht mehr möglich Starpianist zu werden. Nach Wochen des Verkriechens beschließt er sich frischen Wind um die Nase wehen zu lassen und seilt sich auf den Pferdehof seiner Tante ab. Dort trifft er auf den gehörlosen Florian, der eine Ausbildung zum Pferdewirt absolviert und ein besonderes Händchen für Pferde hat. Die beiden lernen sich trotz Sprachbarriere schnell näher kennen und Valentin beginnt sogar damit Gebärdensprache zu lernen. Als es zwischen den beiden richtig funkt, wird Zeit zu einem maßgeblichen Problem, denn Valentins Zeit auf dem Pferdehof neigt sich dem Ende entgegen …

Eigene Meinung:
Mit „Die stille Seite der Musik“ bietet Svea Lundberg dem Leser ein ungewöhnliches Setting und überraschend eigenwillige Charaktere, die nur bedingt dem gängigen Klischee entsprechen. Wer ihre bisherigen Werke („Kristallschnee“, „Inbetween“) kennt, bekommt mit dem im Traumtänzer Verlag erschienen Roman etwas vollkommen Anderes präsentiert, denn „Die stille Seite der Musik“ lässt sich nur schwer mit ihren bisherigen Veröffentlichungen vergleichen.

Der Leser begleitet den jungen Valentin, dessen linke Hand bei einem Autounfall so stark verletzt wird, dass eine dauerhafte Schädigung der Nerven jegliches Klavierspiel unmöglich macht. Seine Zukunft als Starpianist ist vorbei und es dauert, bis er sich aus dem dunklen Loch befreien kann, in das er stürzt. Am hilfreichsten ist für ihn das Aufeinandertreffen mit Florian, der sich freiwillig in eine stumme Welt begeben hat, denn im Grunde könnte er mit entsprechenden Hilfsmitteln hören. Für Valentin unverständlich, doch mit der Zeit lernt er den angehenden Pferdewirt besser kennen und lieben. Zwischen den beiden vollkommen unterschiedlichen jungen Männern entspinnt sich schnell mehr, was natürlich zu einigen Problemen führt. Zudem haben sowohl Florian, als auch Valentin an kleineren Baustellen zu kämpfen, was dem Buch ein wenig mehr Tiefe verleiht.
Svea Lundberg versteht es geschickt die beiden unterschiedlichen Männer zusammen zu bringen und ihre persönlichen Probleme zu erläutern, denn nicht nur Valentin hat mit einigen Dingen zu kämpfen, auch Florian hat es nicht immer leicht. Dabei gibt sie den Figuren genügend Raum sich zu entwickeln und näher zu kommen, ohne dass es in irgendeiner Form gehetzt wirkt. Die Tatsache, dass Florian weder spricht, noch hört, wurde sehr angenehm umgesetzt, das Thema mit der notwendigen Sorgfalt abgehandelt. Man kann sich sehr gut mit den beiden Männern identifizieren, versteht ihre Sorgen und Probleme und begleitet sie gerne auf ihrem Weg. Beide sind sehr gut beschrieben, wenngleich man Valentin besser kennenlernt, dass das Buch aus seiner Sicht geschrieben wurde. Sehr schön wurde auch das Thema Bisexualität aufgegriffen und eingearbeitet, denn Valentin ist an beiden Geschlechtern interessiert. Es ist toll, das Svea Lundberg sich nicht davor gescheut hat, diesen Punkt ebenso offen zu behandeln, wie Florians Gehörlosigkeit. Das macht Valentin nur noch greifbarer und besser verständlich.

Insgesamt sind die Figuren sehr authentisch und gut nachvollziehbar in Szene gesetzt. Sowohl Valentin, als auch Florian schließt man ins Herz, ebenso die vielen Nebenfiguren. Sei es Valentins Mutter oder seine Tante, Florians Freund Yannick oder seine Sportkollegen – sie sind allesamt realistisch und sehr gut nachvollziehbar. Man hat sogar Lust auf mehr, denn einige Punkte bleiben am Ende doch noch offen und bieten Raum für eine Fortsetzung.

Stilistisch legt Svea Lundberg mit „Die stille Seite der Musik“ einen sehr schönen Roman vor, den man nicht so schnell aus der Hand legen kann. Man merkt, dass sie sich über Florians Gehörlosigkeit ebenso informiert hat, wie über Pferde, Gebärdensprache und Klaviermusik. Alles wirkt sehr authentisch, ganz besonders die Dialoge zwischen Florian und Valentin. Die Beschreibungen sind in sich stimmig und passend. Auch die Liebesgeschichte ist sehr sinnlich erzählt, ohne zu viel Gewicht auf Erotik zu legen. So ist es wirklich angenehm, dass nicht alles ausführlich dargelegt wird, sondern an passender Stelle ausgeblendet wird.

Fazit:
„Die stille Seite der Musik“ ist ein wundervolles Buch mit ungewöhnlichen Protagonisten und einer ganz eigenen, stimmungsvollen Atmosphäre. Dank des schönen Schreibstils und der gut recherchierten Geschichte, legt man Svea Lundbergs Roman nicht so schnell aus der Hand. Wer stille Geschichten mit neuen Ideen mag, sollte zugreifen – es lohnt sich. Zu empfehlen.

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[VERLAG] Vorstellung: Traumtänzer Verlag

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Hallo ihr Lieben,

heute habe ich die Ehre einen ganz neuen Gay Verlag vorzustellen, der mit dem morgen erscheinenden Roman „Die stille Seite der Musik“ von Svea Lundberg seinen Einstand feiert – den „Traumtänzer Verlag“. Ich hab die Gelegenheit genutzt den Verlagsleiter zu interviewen um mehr über den Verlag, das Programm und womögliche neue Bücher zu erfahren. Die kommenden Woche steht gänzlich im Zeichen des neuen Gay Verlags, denn am Mittwoch erwartet euch eine Rezension zur ersten Buchveröffentlichung, am Freitag könnt ihr im Rahmen des Zitate-Freitags ein wenig in „Die stille Seite der Musik“ hineinschnuppern. Ich wünsche euch viel Spaß.

Der Traumtänzer ist ein frisch aus der Taufe gehobener Kleinverlag, der sich auf Genres mit „gay content“ spezialisiert. Aus mitreißenden Geschichten wollen wir traumhafte Bücher machen. Für das erste Projekt konnten wir die Autorin Svea Lundberg für uns gewinnen, die uns mit dem Titel „Die stille Seite der Musik“ verzaubert.

Homepagehttp://traumtaenzer-verlag.de/

Interview

Bitte stelle dem Leser deinen neuen Verlag kurz vor.
Der Traumtänzer-Verlag hat es sich zum Ziel gesetzt, schöne Bücher zu machen – in jeder Hinsicht. Geschichten, die zum Träumen und Mitfiebern einladen, verpackt in ein hübsches Cover und ansehnlich gestaltet. Wir geben unser Bestes, unsere Möglichkeiten voll auszuschöpfen. Ich spreche immer von „wir“, denn obwohl der Verlag faktisch ein Ein-Mann-Unternehmen ist, habe ich im Hintergrund viele tatkräftige Unterstützer, ohne die dieses Projekt gar nicht erst möglich gewesen wäre.

Wie bist du auf die Idee gekommen einen neuen Verlag für schwule Literatur zu gründen?
Geträumt habe ich davon schon lange. Mein ganzes Leben lang liebte ich Bücher und wollte immer einen Beruf haben, der sich mit ihnen beschäftigt. Nachdem ich auch gerne selbstständig bin, wollte ich einen eigenen Verlag gründen, sobald ich die Möglichkeiten habe, diese Unternehmung durchzuführen. Spezialisiert auf „schwule Bücher“ deshalb, weil ich Geschichten dieses Bereichs selbst am liebsten lese und schreibe und ich eine klar definierte Zielgruppe ansprechen möchte: Frauen und Männer, die diese Vorliebe mit mir teilen.

Welche Schwerpunkte möchte der Traumtänzer Verlag bedienen?cover-ssdm
Ein Schwerpunkt soll auf der „klassischen“ Contemporary Gay Romance liegen, der andere auf ausgefallenen, gern tiefgreifenden Geschichten jedes Genres.

Sind nur schwule Geschichten geplant oder sollen irgendwann auch Bücher mit lesbischen oder transsexuellen Helden hinzukommen?
Erst einmal nur schwul – wobei Transsexuelle ja auch schwul sein können, von daher sind die bereits mitinbegriffen.

Das Logo ist ja sehr mangahaft – sind nur Romane geplant oder sollen auch Mangas hinzukommen?
Geplant sind nur Romane. Sollte mir jemand einen guten Boy’s Love-Manga anbieten, würde ich jedoch nicht nein sagen. Allerdings ist mir –
ob Roman oder Manga – wichtig, dass die Helden auch wirklich Kerle sind. Die meisten Manga dieses Genres, die ich in den Händen gehalten haben, erfüllen dieses Kriterium in meinen Augen nicht.

Was erwartet die Leser in den kommenden Monaten? Auf welche Romane können sie sich freuen?
Zunächst einmal wird sich natürlich alles um Svea Lundbergs neuen Roman drehen. Das Herbstprogramm 2017 befindet sich momentan noch in Planung – auf die Geschichten, die dafür im Gespräch sind, darf man sich aber freuen. Außerdem soll es eine Anthologie geben.

Können sich Autoren mit ihren Projekten beim Traumtänzer Verlag bewerben und wenn ja, worauf sollten sie achten?
Ein ganz klares Ja! Ich bin noch nicht lange genug im Geschäft, um in Manuskripten zu ertrinken, von daher freue ich mich über jede Einsendung. Wichtig dabei ist, dass das wichtigste Kriterium „schwul“ nicht vernachlässigt wird und es sich bei den Herren auch erkennbar um Herren handelt. Natürlich dürfen sie sehr gerne auch traditionell als „weiblich“ geltende Charakterzüge haben, aber sie sollen überzeugen und nicht wirken, als wäre da eine weibliche Figur durch Änderung von Namen und Pronomen künstlich vermännlicht worden.

Du bist selbst Autor – sind auch eigene Projekte geplant?
Geplant ist nichts. Ich kann bei meinen eigenen Geschichten nicht objektiv genug sein, um sagen zu können, dass sie die Kriterien für eine Verlagsveröffentlichung bei Traumtänzer erfüllen oder nicht.

Es gibt bereits etliche Gay Verlage in Deutschland – was unterscheidet den Traumtänzer Verlag von den anderen und was erhoffst du dir von der Neugründung?
Ich hatte es sehr schwer, meine Bücher in diesen Verlagen unterzubringen. Hauptursache war dafür, dass die Liebesgeschichte nicht ungedingt im Vordergrund stand oder dass es kein Happy End gab. Es kam auch vor, dass der Plot zu ausgefallen war. Auch in dieser Nische gibt es schon festgefahrene „Mainstream“-Schienen, dabei müssen Geschichten jenseits davon nicht zwingend schlechter sein, im Gegenteil! Für Traumtänzer wünsche ich mir ausgefallene Ideen, unberechenbare Plottwists und gelegentlich ein Unhappy End, wenn es für die Figuren einfach nicht gut ausgehen kann. Auf keinen Fall soll der Leser denken: „Ach, die Situation ist zwar festgefahren, aber die Bücher gehen doch sowieso immer gut aus“. Nein, so gnädig will ich nicht sein. Es soll gezittert werden bis zum Schluss. Nur bei den klassischen Romanzen ist Traumtänzer offen für Althergebrachtes, für locker-flockige Romane für zwischendurch. Die Mischung soll es machen.

Wo siehst du deinen Verlag in 5 Jahren?
In der Nische etabliert, von Autoren wie Lesern geschätzt und mit einer Kapazität von fünf, sechs Romanen im Jahr statt zweien wie jetzt noch. Ich arbeite daran, dass es so kommen wird.

Ich bedanke mich für das ausführliche Interview und wünsch dir viel Erfolg. Ich bin sehr gespannt, welche Bücher im Herbst auf dem Programm stehen.

autorenfoto-svea-lundbergWie bereits angekündigt erscheint morgen der erste Roman – „Die stille Seite der Musik“ von Svea Lundberg. Und damit ihr wisst, worum es in dem Buch geht, hier der Klappentext:

Bei einem Autounfall wird Valentins Hand zertrümmert und seine Karriere als aufgehender Stern am Pianistenhimmel abrupt beendet. Nach Wochen voller Operationen und Rehamaßnahmen verordnet seine Mutter ihm Erholungsurlaub an der Ostsee. Auf dem Reiterhof seiner Tante lernt er den gehörlosen Florian kennen. Zwischen Stallausmisten und Strandausritten kommen die beiden sich langsam näher, aber Missverständnisse sind vorprogrammiert. Denn während Valentin alles dafür tun würde, um wieder Klavier spielen zu können, scheint Florian sein vermeintliches Handicap einfach wegzulächeln.

Seid gespannt und schaut am Mittwoch wieder vorbei – dann gibt es die Rezension zu Sveas Buch, das ich bereits im Dezember testlesen durfte 🙂

Liebe Grüße,
Juliane

[ZITATE-FREITAG] Like a Dream

Hallo ihr Lieben,

letzte Woche hatte ich euch bereits die Zitate aus unserer Benefizanthologie „Like a Dream“ angekündigt, heute ist es endlich soweit. Da ich alle Zitatesammlungen unter dem Begriff „Zitate-Freitag“ poste, bekommt auch dieser Sonntags-Post dieses Label, also wundert euch nicht. Zu jeder Geschichte habe ich einen kurzen Abschnitt rausgesucht, damit ihr einen Eindruck von den einzelnen Geschichten bekommt. Eine ausführliche Leseprobe gibt es natürlich auch: Leseprobe. Doch nun wünschen wir viel Spaß mit den Textausschnitten 🙂

like-a-dream-benefizanthologie-ebook-01-ck

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»Du warst bisher immer da und ich … na ja, letzte Woche nicht, aber ich hatte gehofft, dass du heute wiederkommst.«
»Ja, ich höre dir gern zu«, behaupte ich schlicht und werde mit einem erneuten Lächeln belohnt. »Dabei stehe ich echt nicht auf Gedichte und teilweise habe ich gar keine Ahnung, was du überhaupt vorliest.«
»So schlimm?«
»Nein, nein, nicht schlimm. Es ist für mich eher erstaunlich. In dieser Hinsicht bin ich vollkommen talentfrei und kann dich nur bewundern. Sich so etwas auszudenken und es dann noch vor Publikum zu rezitieren … Das ist schon beeindruckend.«
»Findest du?«
»Ja«, sage ich grinsend.
Aaron schüttelt den Kopf und seufzt dann theatralisch. »Das ist nicht von mir«, flüstert er. Seine Hände klemmen zwischen den Oberschenkeln und ich wette, sie zittern.
»Nicht? Von wem dann?«
»Von meiner Oma.«

„Like a Dream“, Mehr als ein Traum (c) Karo Stein

Nach kurzem Suchen finde ich sie: Seine Hände, die meine Sorgen weg streicheln, Wärme in mich massieren. Es sind gute Hände, vertrauensvolle Berührungen. Ich umfasse die Finger, die sich um meine schließen. Gegendruck ist gut. Fester …
Es dauert.
Es dauert immer.
Alles schmerzt. Der innere Schmerz ist schlimmer, als der körperliche.
Langsam richte ich mich auf, mit beiden Händen mit Neill verbunden, und hebe schwerfällig den Kopf. Ich blinzle Neill entgegen, hole angestrengt Luft und zittere.
»Du bist schon lange nicht mehr geflogen.« Seine Stimme hat einen karamellfarbenen Klang – samtig, ein wenig eingefärbt. »Ist gestern etwas gewesen?« Neill sieht mich an, aus klaren blauen Augen.

„Like a Dream“, Träume für Finn (c) Elisa Schwarz

Mein Herzschlag beschleunigt sich, bis es wehtut und ich das Heft sinken lasse. Was auch immer Victoria mir da aufgeschrieben hat: Es ist nicht die Legende, die ich kenne, es ist nicht die Geschichte, an der ich einst Schönschrift übte. Immer habe ich gewusst, dass meine Eltern mich nach dem kleinen Mariano aus jener Legende benannt haben. Aber warum erzählt Victoria die Geschichte auf diese Weise? Warum ist Manuel bei ihr der Sohn eines Jägers, wenn er doch in der Legende eine Heiligenerscheinung, das Jesuskind selbst sein soll?
Ich lasse die Fragen in meinem Bewusstsein wirbeln, weil sie die Verwirrung in den Hintergrund drängen, dass sich die Geschichte in meine Träume geschlichen hat, noch bevor ich sie gelesen habe.
»Ich will nicht brennen.« Marianos Hilferuf aus meinem Traum klingt mir noch allzu deutlich im Ohr.

„Like a Dream“, Der unsichtbare Mantel (c) Sabrina Železný

In Aleppo war er gut in der Schule gewesen, vor allem in Englisch, wofür ihn die anderen Jungs aufgezogen haben Weil Yasser anders ist. Schwul. In Deutschland ist es in der Schule viel entspannter: hier darf man anders sein. Meistens jedenfalls. Yasser ist es auf mehrfache Art, als Schwuler und als Flüchtling. Manchmal hat er sogar das Gefühl, dass dieses Schwulsein das Flüchtling-sein abmildert. Wahrscheinlich ist Schwulsein in Frankfurt sehr viel angesehener als das Flüchtling-sein. Trotzdem ist er ein Niemand. Er wird gerade so gemocht, dass er sich hier wohler als in Syrien fühlen kann. Trotzdem vermisst er ihr wunderschönes Haus, vor allem sein eigenes Zimmer, wo er seine ersten Berührungen mit Typen und seine ersten Erfahrungen sammeln konnte. Er vermisst sein eigenes Bett und seinen gut gefüllten Schrank. Yasser möchte so gerne wieder viele Klamotten haben. Doch sie haben so wenig Geld zur Verfügung – niemand weiß das besser als er selbst, da er es verwaltet. So gerne er es für ein paar Klamotten abzwacken würde, es geht nicht. Dann würde es an anderen Stellen fehlen.

„Like a Dream“, Die Freiheit in Gedanken (c) Jannis Plastargias

Scheiße, ich stehe hier und schmachte den Kerl an. So nötig habe ich es schon. Gut, das letzte Mal, als ich Sex hatte, ist auch verdammt lange her. Etwa drei Wochen. Ein schneller Quickie auf dem Herrenklo in irgendeiner Kneipe. Ich kann mich weder an den Namen der Kneipe noch an das Gesicht des Mannes erinnern, den ich vernascht habe. Aber das ist auch nicht wichtig.
In diesem Moment öffnet der Schönling seine Augen. Perplex halte ich die Luft an. Sie sind dunkelbraun, fast schwarz. Ein satter, dunkler Farbton, der mich an flüssige Schokolade erinnert und mich reflexartig nach meiner Kamera greifen lassen will, um diesen Moment einzufangen. Um den Augenblick für immer festzuhalten und ihn in Pixel, Bits und Bytes zu bannen. Natürlich habe ich meine Kamera nicht bei mir, was ich sofort aufrichtig bedauere.
Der Mann hebt langsam den Kopf und sieht mich fragend an. Kein Wunder, wahrscheinlich überlegt er, ob ihm ein Irrer oder ein Triebtäter gegenübersteht, so, wie ich ihn anstarre.

„Like a Dream“, Like a Dream Unexpected Regrets (c) Bianca Nias

Hoffentlich kam nicht ausgerechnet jetzt einer der Nachbarn aus seiner Wohnung und sah Vincent hier auf Zehenspitzen im Slip herumstehen. Allerdings müsste sich der, den er auf dem Dach entdeckte, darum noch mehr Gedanken machen. Denn der Mann, der dort einige Meter entfernt aufrecht mit dem Rücken zu ihm stand und seine Gliedmaßen streckte, trug absolut nichts am Leib. Vincent erkannte ihn sofort – die blonden Haare und ausgeprägten Oberarme waren unverkennbar. Was zur Hölle tat Arik nackt auf dem Dach? Im diffusen Licht der Nacht, nur schwach erhellt vom gelben Schein einer Straßenlaterne, schienen dessen Arme für einen winzigen Moment kürzer und die Beine länger zu werden. Vincent kniff kurz die Augen zu. Er musste ganz schön müde sein, wenn sich offensichtlich sein Gesichtsfeld für eine Sekunde verschob. Außerdem hätte er längst heruntersteigen und sich um den Krampf in seinem Fuß kümmern müssen, doch er konnte sich von dem Anblick nicht lösen. Wann hatte man schon mal die Gelegenheit, nachts um drei einen attraktiven, hüllenlosen Mann auf einem Hausdach zu beobachten? Der kalte Wind strich über Vincents blanken Oberkörper und ließ ihn frösteln, änderte jedoch nichts an dem Verlangen, das er in sich spürte.

„Like a Dream“, Ocean Dreams- Die Einsamkeit am Meer (c) Savannah Lichtenwald

»Ja, bin ich!«, rufe ich meine Antwort regelrecht hinaus, als wäre es die Verkündung einer biblischen Wahrheit. »Ich bin ein Fisch! Ich bin einer von euch!«
»Was? Du bist ein Karpfen?«
»Nein.« Ich weiß nicht, ob ich lachen oder weinen soll. »Ich bin kein Karpfen, nur ein Fisch.«
»Nur …?«
»Nein, nicht nur. Ich bin ein Fisch, ein echter Fisch!«
»Das möchte ich aber auch meinen«, erwidert der Karpfen, ohne dass ich sagen könnte, ob von meiner Antwort zufrieden gestellt oder einfach nur beruhigt. Auf jeden Fall bleibt er seinen eigenen, verschlungenen Gedankengängen treu. »Wir Karpfen leben schließlich nicht im Schlamm«, fährt er fort. »Aber was für ein Fisch bist du denn nun? So etwas wie dich habe ich hier noch nie gesehen. Du musst neu sein.«
Ich atme einmal tief durch, dann antworte ich: »Ich bin ein Winterfisch.«

„Like a Dream“, Unter dem Wasser (c) Thomas Pregel

»Schön Mailo, was hast du für uns?«, fragte Mrs. Adams. Sie lächelte erwartungsvoll. »Wer ist dein Held?«
Ich war aufgestanden. Man macht das so, wenn man seinen Helden verkündet, man steht auf, lächelt Richtung Adams und gibt Antwort.
»David Kato«, lautete die meine. »Mein Held ist David Kato.«
»Und wer ist – David Kato, Mailo?«
»Zweitausendelf wurde er mit einem Hammer erschlagen.« Das fand ich spannungssteigernd.
»Und das ist dein Held?«
»Ja, genau.«
Nun schob sie ihre Brille von der Stirn auf die Nase, wohl um mich genauer zu begutachten. »Und was genau macht ihn zu einem Helden für dich?«, fragte sie. »Dass er mit einem Hammer erschlagen wurde, ja wohl kaum?«
»Kato war schwul«, erklärte ich. »Er hat sich für die Rechte von Schwulen und Lesben in Uganda eingesetzt.«
Nun kam erst mal nichts.

„Like a Dream“, Mein Held (c) Jobst Mahrenholz

Die Gedanken des Träumers sind konfus und sprunghaft. Nur Fetzen rasen an mir vorbei, Erinnerungen und Eindrücke seiner Welt. Zusammenhangslos und für mich ohne erkennbares Muster spielen sie sich vor mir ab.
Der Träumer scheint inmitten seines Gedankenchaos gefangen zu sein. Immer wieder ändert sich die Szenerie, Gebäude und Räume wandeln und verzerren sich; und der Träumer taumelt von einem Bruchstück ins Nächste.
Spüren kann ich ihn allerdings nicht. Auch seinen Duft kann ich nicht wahrnehmen, keinen noch so winzigen Hauch, obwohl er vorher so präsent gewesen war. Eine Weile beobachte ich ihn und mit der Zeit regt sich etwas in mir. Ich weiß nicht, was es ist, aber ich möchte ihn nicht dort lassen, gefangen in seinen wirren Gedanken.
Was ist das für ein Gefühl? Ich kenne es nicht. Es ist nicht der Hunger nach seiner Angst oder die Gier nach seinem Duft. Es ist anders, befremdlich. Es verwirrt mich. Unwillkürlich tauche ich tiefer in den Geist des Träumers hinein. Ich kann mich nicht dagegen wehren.

„Like a Dream“, Alb Träume (c) Anna Maske

»Überraschung!«
Ja, das konnte man wohl sagen, und sie war gelungen. Er wusste gar nicht, was er sagen sollte. Vor Rührung und Überwältigung trieb es ihm glatt Tränen in die Augen. Gute Freunde waren doch was Tolles.
Und dann sah er … ihn. Zwei Tische weiter an der gegenüberliegenden Wand saß Gregor inmitten anderer Krawattenträger.
Scheiße!
Wie viele Restaurants gab es in München? Musste seine Schwester ihn ausgerechnet in das bugsieren, in dem das Geschäftsessen seines Ex stattfand? Karma is a bitch? Und was für eine!
Gregor sah so geschockt aus, wie sich Andreas fühlte. Ihre Blicke trafen sich und ein irrwitziger Kampf der Gefühle entbrannte in Andreas‘ Brust.

„Like a Dream“, Alles Gute zum Geburtstag (c) Alexa Lor

Ich sagte immer noch nichts, schaute abwechselnd auf das Gemälde und durch die Galerie, suchte nach einem Radio, aus dem Marschlieder klangen. Doch der Rhythmus und die singenden Kinderstimmen, die ich beim Betrachten des Bildes hörte, mussten aus meinem Kopf stammen. Auf einmal sah ich Herrn Wrobels Muttermal auf dem Gesicht eines Jungen, sah Pfützen und Matsch, den er mit dem Handrücken von der Wange wischte, den Schlafsaal in einem Gemeindehaus, einen Pfarrer. Auf einmal spürte ich Schmerzen und Liebe, erinnerte mich an eine kurze Zeitspanne, in der ich glücklich war, obwohl Tod, Krieg und Vernichtung gar kein Glück gestattet hatten.
Plötzlich wusste ich wieder, woher mir das Muttermal und der über das Gesicht gewischte Handrücken bekannt vorkamen.
Als der Mann nach dem dritten Paket griff, drehte ich mich zu ihm um, vergaß alle Angst, alle Vorsicht und Diskretion, die ich sonst walten ließ, und fragte: »Du heißt nicht zufällig Siegfried?«

„Like a Dream“, Klangfarben der Liebe 1965 (c) Florian Tietgen

Hieß es nicht, dass zwischen Zwillingen ein besonderes Band existierte? Wir hatten bislang alles zusammen durchgestanden. Aber wenn ich ehrlich war, empfanden wir beide, damals wie heute, kein Glück. Nur, wenn wir in die Rollenspielwelten abtauchen und uns darin verlieren konnten.
Vor Jahren hatten wir zahlreiche Möglichkeiten gehabt, doch keiner von uns hatte sie erkannt. Wir begriffen nur die Einschränkungen. Heute …? Das Gefühl des Verlustes legte sich wie ein Eisenband um meine Brust und drückte zu. Scharf stachen Tränen in meine Augen und fingen sich in meinen Wimpern. Für einen Moment konnte ich nicht atmen. Rauch schien mich zu ersticken. Vor mir flackerte das Licht wie ein wilder Brand.
Dieser verfluchte Abend! Ich erinnerte mich an den Moment, in dem sich das Schicksal gegen uns stellte …

„Like a Dream“, Bruderliebe (c) Tanja Meurer

Irfan stellte sich in Position und tanzte. Er trippelte in wiegenden Schritten vor und zurück, bewegte seine Arme wie ein Schlangenmensch, ließ seinen Kopf wippen und drehte sich wie ein Derwisch. Sein Körper war so biegsam wie Bambus, so geschmeidig wie ein Stück Seide. Das Spiel seiner Muskeln war unter der nackten Haut gut zu erkennen. Die Musik ging über in orientalische Tanzmusik und Irfan passte sich an. Hatte er vorher eine Art Geschichte erzählt, mit ausdrucksvollen Gesten, die so überzeugend Lachen und Weinen dargestellt hatten, wurde sein Körper nun lockerer. Alex sprang plötzlich auf und holte seinen Schal aus fließendem Stoff aus dem Rucksack. Irfan eilte sofort darauf zu, band ihn sich um die Hüften und tanzte weiter. Das Bild war wie verwandelt, als unterstriche der flatternde Stoff die Bewegungen. Irfan schwebte über den Boden, koordinierte Arm- und Beinbewegungen und sein Oberkörper war so beweglich, dass Alex staunte. Nach einer Weile konnte er einen Refrain aus der fremdartigen Melodie heraushören und summte ihn leise mit. Irfans Augen waren geschlossen, er schien eins zu sein mit sich und der Musik.

„Like a Dream“, Bacha-Bazi (c) Laurent Bach

Er wollte seinem Tuath keine Schande machen, aber er wusste, dass er ohne seinen Anam Cara nicht weiterleben konnte. Lieber starb er, als auch nur ein weiteres Jahr ohne ihn zu verbringen. Wenn der Taoiseach ihn nicht freigab, würde er ohne den Segen der D’Arrai gehen, heimlich, ohne Abschied, und fortan als Ausgestoßener durch die Welt ziehen.
Nach einem letzten tiefen Atemzug trat er auf den Zelteingang zu, der sich genau in diesem Moment öffnete. Eine dunkle, große Gestalt versperrte ihm den Weg. Der Draoi.
Immer trug er die Maske aus Rabenfedern, die Filim lediglich zu rituellen Anlässen angelegt hatte. Über seinen breiten Schultern lag das Fell eines Höhlenbären. Man erzählte sich, dass er in jungen Jahren gegen ihn gekämpft hatte und schwer verwundet worden war. Seitdem verdeckte er die entstellenden Narben mit der Maske, die nur seine Augen frei ließ. Hellgraue, klare Augen, die sich nun forschend auf Ciaran richteten.
»Ciaran«, flüsterte der Draoi heiser. Auch den Verlust seiner Stimme verdankte er dem Höhlenbären. »Es ist gut, dass du kommst. Ich möchte über einiges mit dir sprechen.«

„Like a Dream“, Anam Cara (c) Leann Porter

»Hey, neue Klasse!« Der Typ hob grüßend die Hand, sein Lächeln vertiefte sich. Eine angenehme Stimme, die, wie das Zucken um seinen Mund, leicht spöttisch wirkte. Marcos Herz wummerte weiter. Neugierig hob er wieder den Kopf.
Wow, in diesen Augen könnte man glatt versinken. Und dann noch diese langen Finger und die festen, sonnengebräunten Unterarme. Die feinen Härchen darauf luden regelrecht zum Darüberstreichen ein. Quatsch, was dachte er denn da gerade? Marco biss sich verlegen in die Unterlippe.
»Mein Name ist Felipe Petersen, und ich lerne Fachrichtung Nutzfahrzeugbau und Fahrzeugkonstruktionstechnik. Und bevor ihr euch den Kopf ewig zerbrecht, ob ich vielleicht schwul bin: Ja, bin ich. Aber so was von stockschwul.« Grinsend blickte Felipe sich um, während sich verblüfftes Schweigen über die Klasse legte und wirklich jeder ihm volle Aufmerksamkeit zollte.
»Ich bin so furchtbar schwul, dass für gewöhnlich alle homophoben Arschlöcher bei meinem Anblick vor Schreck in einer rosa Wolke explodieren. Puff!«

„Like a Dream“, Lebe deinen Traum (c) Chris P. Rolls

»Was für eine …«
Ein rauer Kuss unterbrach Nazar. Starke Arme schlossen sich um seine Schultern und zogen ihn fest an Kiamas Körper. Sein Freund schien den inneren Aufruhr, den er in ihm anrichtete, nicht zu bemerken, denn er vertiefte den Kuss. Nazar erwiderte ihn automatisch, selbst als er Kiamas Zunge an seinen Lippen spürte. Er öffnete sie und ließ sich auf das erregende Spiel ein. Es fühlte sich gut an, ihm wieder so nahe zu sein und dessen Feuer und Leidenschaft zu spüren.
Nach einer gefühlten Ewigkeit löste sich Kiama von ihm. Seine dunklen Augen glühten, ein rosiger Schimmer lag auf seinen Wangen.
»Sag nicht, du hast es vergessen.« Kiamas Hand wanderte unter sein Hemd, streichelte über seinen Bauch und hinterließ ein angenehmes Kribbeln auf der Haut. »Mein Geständnis«, hauchte Kiama.
»Geständnis …«, wiederholte Nazar und unterdrückte ein Stöhnen. Hitze breitete sich in seinen Lenden aus, gepaart mit Anspannung und Nervosität. Er wünschte, er wüsste, was er Kiama in dessen Träumen versprochen hatte, denn es war offensichtlich, dass es etwas Wichtiges gewesen war.

„Like a Dream“, Zwillingstraum (c) Juliane Seidel

Ich hoffe, ich konnte eure Neugier wecken 🙂 Nächste Woche geht es mit den Interviews weiter – Savannah Lichtenwald hat sich ebenfalls den Fragen gestellt und Rede und Antwort gestanden.

Liebe Grüße,
Juliane